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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929 Zreitag. den U-Oktober Nummer 79
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Hainbuchenlaube.
Aon Friedrich Rückert.
0 Laub', in der ich manchen Tag des Denkens und des Dichtens pflag, wer denkt in dir und dichtet, nun dich der Herbst gelichtet?
Sonnenstrahlen, die das Laub gelüpft, Zaunkönige, die im Strauch geschlüpft, sahn still mir ab vom Munde den Klang im Herzensgründe.
Der alte Pächter ging vorbei und wußte nicht, was mit mir sei, wie übern Zaun er guckte und dann sich seitwärts duckte.
Ich aber, was mir Feld und Hain und ihre Geister gaben ein, von Leben und von Lieben, hab ich hier ausgeschrieben.
Sie haben gern mit mir verkehrt, mich, was sie wußten, hier gelehrt; nun ich von hier muß kehren, wen werden sie es lehren?
Sie werden, wenn in Winternacht sie sich was Neues ausgedacht, Herkommen, mich zu suchen in dieser Laub' Hainbuchen.
Und wenn sie da nicht finden mich, so werden sie verbinden sich zu Tanz und Musizieren und Glanzirrlichtelieren.
Dann spricht der Pächter, wo er lauscht, und sieht und hört, wie's flimmt und rauscht: Der lange Herr, ich glaube, spukt in der Buchenlaube.
Aebelmorgen am Bodensee.
Aon Hermann Hesse.
Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommermorgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freudlos, vorzeitig herbstlich und erweckten jene ersten, halb unbehaglichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampenlicht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sie wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Ruhegesühl verwandeln.
Nun ist man schon wieder an die Seenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, daß man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, genießt diese grauen Bormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, verschleierten Lichterspiel, mit ihren an Metall und Glas erinnernden Seesarben und ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges Ufer mehr, er verschwimmt in meerweite, unwirkliche Silberfernen. Und auch diesseitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Entfernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehenden, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatteninseln in der nebeligen Lust, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Höhen geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, gedämpfte Laute — Glockengeläute, Hahnenrufe, Hundegebell — durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden herüber.
Heute früh, da ein leichter Nordostwind ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiccksegel auf meinen kleinen Nachen, ftopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne mußte
chon überm Berg fein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Waffer- piegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei chwachem Mondlicht. Bon den sonst so freundlich nahen, laubigen und chilfbestandenen Usern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompaß besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgendwelche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe und da ich keinen Boden fand, warf ich eine Schwemmschnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie gemächlich hinter mir her.
So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz zusammengekauert, immer int weißen Nebel. Es war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, daß ich keine Handschuhe mitgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörfchens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze, seltsame, erregte Zeit, in der unser stilles Seeufer ein Mittelpunkt der Welt und Kultur und die Bühne für große geschichtliche Einzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, wohlbekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Ländern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Kon- zilgästen, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur ...
Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf, während noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gäste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück; in der Erregung des Jagdglücks faßte ich nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte. Langsam ziehend, förderte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brachte ihn im Hamen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, während der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plät cherte. Dabei mußte ich das Steuer loslassen und ein plötzlicher Windstoß schlug mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flatternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiß, ließ ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnelligkeit gerade aus, bis der schattenhafte Umriß einer mit alten Nußbäumen bestandenen Landzunge sichtbar wurde. Von den undeutlich auftauchenden, grau verschleierten Rebhügeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Wein- bergwüchter. Ich zog meine Segel ein und ruderte langsam uferwärts, denn die allmählich wärmer werdende Luft roch stark nach nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schiffslände, fand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurganischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen.
Auch wenn nicht allen Anzeichen nach zum Nachmittag Helles Wetter zu erwarten gewesen wäre, hätten mich der Regenguß und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorfwirtshaus durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntes „schönes Wetter" gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele aufmacht; und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werden, die ich sonst wohl nie ausgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke ober Stunden als ungemeldeter Gast in fremden Stuben bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergeßlich werden und die man vielleicht nie wieder sieht.
Es war kühl in der halkdunklen Schankstube, draußen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am großen tannenen Tisch saß ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdrießlichem Trinkergesicht, und hatte eine Quinte Schnaps vor sich stehen.
Das' alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schließlich an, die gestrige Steckborner Zeitung zu lesen — Beratungen des Ausschusses Über Vergrößerung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit, in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den Hechtfang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit


