Ausgabe 
11.3.1929
 
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.Menn ihn letzt seine Frau sähe", rief Kunicke.

2)a hiitt er Oberwasser."

Ja. ja."

Und nun stieß man an und ließ die Palen leben. Nur Kunicke. der an anno 13 dachte, weigerte sich und trank auf tue Russen. Und zuletzt auch auf Quaas und Kätzchen.

Mietzel aber war ganz übermütig und halb wie verdreht geworden und fang, als er Kätzchens Namen horte, mit einem Male:

Nicht mal seiner eignen Frau» Kätzchen weiß es ganz genau. Miau

Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an Uebelnehmen.

Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.

VI.

So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulskt, der schon ein paarmal zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott noch gute Worte länger zurückhalten: ,.er müsse morgen um neun in Frankfurt sein". Und damit nahm er den bereitstehenden Leuch­ter, um in seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Türklinke in der Hand hatte, wandte er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck: Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein Kaffee. Guten Abend, ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!"

Auch die Bauern gingen: ein starker Regen fiel und alle fluchten über das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei Scha- den an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als an dem Hause der alten Jeschke, das grab' in dem Windstrome lag, der, von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunickes Stall und Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten Boden.

Dat's joa groad', as ob de Bös kämmt", sagte die Alte und richtete sich In die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem tzochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu schlafen. Freil.ch umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht, ihren ohnehin schadhaften Schornstein In die Stube herabstürzen zu sehen, ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie schließ­lich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem bißchen Ascheng ut einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden. Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt, feit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Rothnogel, drüben in der neumärkischen Heide, das freiwillige Hinken wegkuriert hatte.

Das L>cht und die Wärme taten ihr wohl, und als es ein paar Mi- hutcn später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Male aber gab es einen Krach, als bräche was zusammen, ein Baum ober ein Strauchwerk, und so ging sie benn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den oberen Türlaben rasch aufschlug, um zu sehen, was es sei. Richtig, ein Teil des Gartenzauns war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie zwischen den Pfosten der Sattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheckschen Hause noch Licht war. Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten ober aus dem dicht darüber gelegenen Fenster der Weinstube.

Mten Jott, supen fe noch?" fragte die Jeschke vor sich hin.Na, Kunicke is et kumpafel Un bann {eggt he hinnerher, bat Webber wihr schult un he künn nich anners."

Unter dieser Betrachtung schloß sie den Türladen wieder und ging an ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spionieren ließ ihr keine Ruhe, und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung, 'was zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis sie, als sie sich schon zurückziehen wollte, drüben plötzlich die Hrad- schecksche Gartentür auffliegen und Hradscheck selbst in der Türöffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und bann war's ihr doch wieder, als ob er wolle, daß man ihn sähe. Denn wozu sonst das Licht, in dessen Flacker­schein er dastand? Er hielt es immer noch vor sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit. Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein, da, viel zu schwach, um den nach wie vor in der Türöffnung liegenden dunklen Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es nicht lang genug. Ober ein" Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.

,,Wat he man bett?" wiederholte sie.

Aber ehe sie sich, aus ihren Mutmaßungen heraus, ihre Frage noch beantworten konnte, sah sie, wie der ihr aus Minuten aus dem Auge gekommene Hradscheck von der Tür her in den Garten trat und mit einem Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig unb mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Teil Erde herausge- morsen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich aufs neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst unb Sorge.

Wat he man hett?" winderholte sie.

Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl

Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch eben Augenblick unb die Gartentür schloß sich unb alles war wieder dunkel

Hm", brummte die Jeschke.Dat's joa binoah, as ob he een ab» murkst hett'. Na, fo bull wahrd et joa woll nich sinn .. Nei, net, denn wihrt bat Licht nid). Sinters ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich."

Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.

Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, unb in ihrem Halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch unb dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, unb bann wieder Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.

VII.

Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begnügte, zu klopfen und durch das Schlüsselloch hineinzurufen:Is vier, Herr Szulski: steihn', upp." Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig blieb, riß er an der klapprigen Türklinke hin und her und wiederholte:Sieihn', upp, Herr Szulski, is Tied: ich spann nu an." Unb banach ging er wieder treppab und durch den Laden in die Küche, wo die Hradschecksche Magd, eine gutmütige Person mit krausem Haar unb vielen Sommersprossen, noch halb verschlafen, am Herbe stand und Feuer machte.

Na, Maleken, ook all rut? Wat feggft du dato? Klock vieren. Is doch Menfchenfchinnerei. Warümm nich um söfs? Um söss wihr ook noch Tied. Na, nu koch uns man en beten wat mit."

Unb damit wollt' er von der Küche her in den Hof hinaus. Aber der Wind riß ihm die Tür aus der Hand unb schlug sie mit Gekrach wie­der zu.

Jott, Jakob, ick hebb mi so versiert. Dai künn joanen Doben upp» wecken."

Soll ook, Male. He hett joanen Doben ftoap. Nu wahrd he woll uppstoahn."

Eine Halde Stunde später hielt der Einspänner vor der Haustür unb Jakob, dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah un­geduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme.

Der aber war immer noch nicht zu sehen, unb statt seiner erschien nur Hradscheck und sagte:Geh hinauf, Jakob, unb sieh nach, was es ist. Er ist am Enbe wieder eingeschlafen. Unb sag ihm auch, fein Kaffee würde kalt ... Aber nein, laß nur; bleib. Er wirb schon kommen"

Unb richt g, er kam auch unb flieg, während» Hradscheck so sprach, ge­rade die nicht allzuhohe Treppe herunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch einigermaßen deutlich erkennen. Er hielt sich am Geländer fest und ging mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der große Pelz unbequem unb beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn zu­schritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohn­stube hinein komplimentierte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde wartete.

Na, nu wahrd et joa woll wihrn", tröstete sich der draußen immer ungeduldiger Werdende.Kömmt Tied, kömmt Roat." Unb wirklich, ehe fünf Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur unb trat von diesem her auf die Straße, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch auf den Wagen zuschritt unb den Tritt herunterließ, wöh- renb der Reisende, trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht sah, auch noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte.

Das ist recht", sagte Hradscheck.Besser bewahrt, als beklagt. Unb nun mach flink, Jakob, und hole den Koffer!"

Dieser tat auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder unten war, saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt Ohne etwas zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich be­dankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran wohl die großen Pelzhandschuhe schuld (ein mochten, unb fuhr auf bas j Orthsche Gehöft unb die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu. Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig.

Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortdewegen- ben Fuhrwerk eine Weile nach, fein Kopf war unbedeckt unb sein spärlich i blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Kühlung ihn erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das ! Guldenstück anfah.

Gefällt dir wohl? Einen Gulden gibt nicht jeder. Ein feiner Herr!' !

Dat fall woll fien. Awers roorümm he man fo still wihr? He feggie joa keen Wuhrt nich."

Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen", lachte Hradscheck.Is ja erst fünf."

Persteiht sich. Klock feto red ick ook nich oeel."

VIII.

Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, unb bei hellem Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gast- | hause vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrat; Trakehner Rapphengste, : der Kutscher in Livree. Hradscheck erschien in der Ladentür und grüßte I respektvoll, fast devot. ?

Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einenLust" ober lieber gleich zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann? Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne."

Hradscheck verbeugte sich unb rief in den Laden hinein:Zwei Pfeffer­minz, Ede; rasch!" und wandte sich dann mit der Frage zurück, womit l er sonst noch dienen könne?

Mir mit nichts, lieber Hradscheck, ober anderen Leuten. Oder wenig- ; ftens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Ober, wahrschein- i lief) fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt."

Wo, Herr Amtsrat?"

ir$)ier gleich. Keine taüfenb Schritt hinter Orths Mühle." (Fortsetzung folgt.)

sche Univerf itäts^Duch. und Steindruckerei, D. Lange. Dießen.