Ausgabe 
11.2.1929
 
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Unbemerkt war Sie Sarin in Len Saal getreten. Sie hatte sich teoe Begleitung »erbeten, um nicht aufzufallen. Das weite, luftige Gewand verbarg geschickt die zunehmende Körperfülle, und stolz hob sich der kluge Kopf mit jener unnachahmlichen souveränen Hoheit, die jedem aufmerk- jomen Beobachter die Kaiserin verraten haben würde, wenn man auf sie geachtet hätte. Aber die Wogen des Tanzes trugen die heiteren Paare an ihr vorüber, Hunderte von Augen glitten über sie hinweg und nur nner mar da, der, hinter einem Pfeiler verborgen, die Zarin beobachtete. Den schwarzen Domino eng um die hagere Gestalt geschlagen, stand der Fürst Potemkin und wartete.

Man hatte ihm ein Gerücht zugetragen und dieses Gerücht bedeutete Gefahr. Er wußte, was Panin vorhatte, wußte auch, daß man den Günstling Potemkin in den Augen der Zarin hcrabzusetzen versuchte. Es war bisher nicht gelungen. Wenn aber die Zarin erfuhr, daß, der treue jiuunb, wie sie ihn nannte, sich des Herumreifenden Scharlatans Caglrostro hatte bedienen wollen, um sie mit feiner Hilfe, mit seinen Prophezeiungen zu dem Feldzug gegen die Türken zu best.mmen, es würde genügen, ihm den Hals zu brechen. Die Zarin wünschte den Krieg nicht und Panin stand mit seiner Partei auf ihrer Seite. Es war beschämend, es sich eingestehen zu müssen, daß sein gerühmter Einfluß auf die Kaiserin in diesem Fall versagte, und Zorn darüber hatte ihn ni dem Schritt getrieben, Cagliostros Künste gegen die Widerspenstige ins Feld zu fuhren, deren Aberglauben er kannte. Sonderbarerweise hatte die Zarin die erbetene Aud.enz für Cagliostro schroff abgetehnt, und Potentem g'aubte zu ahnen, wessen Einfluß er Liese Niederlage ver­dankte. Was ihm nicht gelungen war, wurde Panin heute auf dem Wege der Ucberrumpelung mit Leichtigkeit erreichen und sich nicht scheuen, den käufrichen Scharlatan als ein gewichtiges Zeugnis gegen Potemkin zu benutzen.

Scharf spähte er in den Saal. Plötzlich straffte er sich und sah den beiden Männern entgegen, die sich einen Weg Lurch die Tanzenden bahnten und auf die Zarin zuschritten, die sich in einem Sessel nieder­gelassen hatte.

In diesem Augenblick ging ein junger Offizier in der Tracht eines srientalischen Prinzen an ihm vorüber. Er hielt ihn am Aerme! fest «md lüftete ein wenig seine Maske. Die Hacken zusammenklappend, salu- Sirrte der andere.

Tanzt mit der Zarin," sagte Potemkin befehlend und wies mit dem Kopf die Rrchtung,tanzt mit ihr, sofort, und laßt Euch nicht merken, daß Ihr wißt, mit wem Ihr tanzt. Ihr seid ein hübscher Junge, sie Wird Eure Aufforderung nicht abschlagen. Vite mon eher!"

Als Graf Panin mit seinem Begleiter den Platz der Kaiserin er­reicht hatte, entführte ein junger Orientale die Griechin im Rhythmus der Gavotte.

Liebenswürdig lächelnd trat Potemkin aus feinem Versteck hervor. Guten Abend, mein lieber Graf Cagliostro," sagte er,welche hohe Ehre, Len größten Magier Europas auf unserem bescheidenen Fest Zu sehen."

Cagliostro verbeugte sich höflich. Seine dunklen, brennenden Augen hefteten sich auf den Fürsten, dem dieser Blick sichtlich unbehaglich war. Mit einer ruhigen, klangvollen Stimme antwortete Cagliostro:Es ist sn mir, die hohe Ehre dankbar zu empfinden, die mir der Herr Staats» kanzler mit einer Einladung erwies, deren meine bescheidene Person kaum würdig ist."

Potemkin streifte Panin mit einem kurzen Blick.Cs wird sich kaum Gelegenheit finden, lieber Graf, politische Intrigen an diesem Abend vor Ihrer Majestät Ohren zu bringen."

Sie irren, Durchlaucht," antwortete Panin mit Betonung,die An- Wesenheit des Grafen Cagliostro hat mit Politik nichts zu tun."

Um so besser, Exzellenz, um so besser. Aber auch persönliche An­stegen werden kaum Gehör finden. Die Kaiserin ... werter Graf, es tut mir aufrichtig leib, Ihnen das sagen zu müssen .., schätzt herumreifende Scharlatane nicht."

Cagliostro zuckte zusammen, ein schneller Augenblitz fuhr stechend zu Potemkin hinüber, aber sofort faßte er sich und sagte mit der gleichen Sicherheit und Ruhe wie vordem:Um das von Ihrer Majestät selbst zu erfahren, bin ich hergekommen, Ew. Durchlaucht."

Potemkin lachte rauh.Eh bien, dann werden Sie es fühlen müssen, wenn Sie mir keinen Glauben schenken wollen."

Ohne Verbindlichkeit drehte er den beiden den Rücken und begab sich «uf seinen Platz hinter der Säule zurück.

Es war nicht zu leugnen, die Anwesenheit Cagliostroy, diese? herum» vagabundierenden Pseüdograsen, der ganz Petersburg mit seinen Prophezeiungen, Wundermäsiern und Golkmacherkünsten in Aufregung gebracht hatte, bedeutete für ihn unter Umstanden das Ende seiner Kar­riere. Zweimal schon war der Ausweisungsbefehl an diesen Schwindler ergangen, und zweimal hatte er ihn zu umgehen gewußt. Was ihm damals nicht unlieb war, heute hätte er ihn zu allen Teufeln wünschen mögen. Uederdies war ihm der Mann doch irgendwie unheimlich. Er haßte und fürchtete diese brennenden, durchdringenden Augen, die Würde und Sicherheit, mit der dieser Mensch sein geheimnisvolles Wissen ver­trat. Er war unbequem, er war gefährlich und mit gefährlichen Leuten machte man in Rußland nicht viel Umstände.

Als Katharina in diesem Augenblick am Arm ihres Begleiters zu­rückkehrte und Graf Panin mit Cagliostro rasch hinzutreten wollte, er­griff Potemkin des spanischen Granden Arm und zog den vergeblich Widerstrebenden mit sich in den anstoßenden Saal.

verzeihen Sie diese gewaltsame Entführung, Graf," sagte er und Zwang sich zur Freundlichkeit,ich kenne die Zarin und ihre Unberechen­barkeit. Die Stunde, die Gras Panin wählte, um Sie Ihrer Majestät vorzustellen, ist so verfehlt, daß ich Ihnen die sichere Abweisung er­sparen m"chie. Kommen Sie, stärken wir uns ein wenig."

Die Schüsseln find leer," lachte er herzlich,aber warten Sie, ich werde sofort etwas Eßbares zur Stelle schaffen lassen."

Während er zur Tür ging und mit einem dort postierten Lakaien «in naar Worte sprach, die von diesem mit einem breiten Grinse» xnt-

gegengenommmen wurden, sah Cagliostro im Spiegel, der seinem Platz gegenüber an der Wand hing, den Grafen Panin, der hinter einer Portiere verborgen dicht neben dem Fürsten und dem Bedienten stand und nun, zu Cagliostro gewendet, zwei Finger seiner rechten Hand erhob. Unmerklich nickte der Spanier, er hatte verstanden.

Potemkin war zurückgekommen.So, lieber Graf, ich habe die köst­lichsten Früchte bestellt, die im Palais nur für die Kaiserin selbst ser­viert werden", sagte er mit gewinnender Liebenswürdigkeit und setzt« sich Cagliostro gegenüber.Und nun erzählen Sie mir etwas recht Interessantes."

Ehe Cagliostro antworten konnte, erschien der Diener mit einer Schale auserlesensten Obstes, die der.st ihm aus der Hand nahm uni) seinem Gast zuschob.Essen Sie, Graf, es sind Früchte aus Ihrer Heimat, die Sie nicht verschmähen sollten."

Cagliostro griff zu, und während er sich eine Orange schälte, be­trachtete ihn Potemkin mit kaum unterdrückter Ungeduld. Bedachtsam teilte der Graf die Frucht und während er erzählte, schob er sich ein Stück nach dem anderen zwischen die schmalen Lippen. Er mit Genuß und ließ der Orange noch eine Traube folgen. Plötzlich hob er den Stopf, sah den Fürsten durchdringend an und sagte:

Wissen Sie auch, Durchlaucht, daß unsere Geschicke seltsam mitein­ander verknüpft sind? Sie werden drei Tage nach meinem Tode sterben."

Potemkin wurde leichenblaß. Er sprang auf und entriß Cagliostro der» Rest der Traube.Um Gotteswillen, essen Sie nicht ,.." keuchte er,das Obst ... ist ... das Obst ist ..

Berg stet," sagte Cagliostro ruhig,ich wußte es. Aber sehen Sie, Durchlaucht, ich bin kein Unmensch und will Ihnen das Leben nicht ver­kürzen. Hier ... mein Elixier, von dem ich ein paar Tropfen in dieses Glas Wein schütte, hebt die Wirkung des Giftes auf."

Mit glasigen Augen starrte Potemkin auf den unheimlichen Gast, der kachelnd den Wein trank und sich erhob, als wäre ihm nichts geschehen.

Ich will über den Vorfall schweigen, Fürst," sagte er,wenn Sie mir JOOOOO Goldrubel ausbezahlen lassen."

Potemkin nickte zustimmend, während feine Lippen noch unter der Todesangst zitterten, die er ausgestanden hatte.

Stolz grüßte Cagliostro und verließ den Saal, in dem er einen völlig Verwirrten zurückließ, der von feinen übernatürlichen Fähigkeiten in Liefer Stunde überzeugt worden war. Er wußte nicht, daß Graf Panin in böser Ahnung und in guter Kenntnis russischer Gepflogenheiten dem Diener die gefährlichen Früchte abgenommen und sie durch anders er­setz! hatte.

Maskenlreiheit-

Von Anna K a p p st e i n.

Als Kinder spielten wirVerkleiden". Wir hängten uns Tischdecke« und Bettlaken um, verkrochen uns in Mutters schleppende Morgenröcke, zogen uns Großmutterhäubchen über den Kopf, durchstöberten das Lum­penfach nach bunten Bandresten, die wir uns in die Haare flochten, und genossen in der Maskerade das wollüstige Vorgefühl,erwachsen^ zu sein. Denn die Erwachsenen trugen damals lange Kleider; sie fchmück- ten sich, wenn sie sich für ein Fest rüsteten. Es war der Wunschtraum, es ihnen gleich zu tun, der uns Kinder in Flicken und Fetzen auf unser« Ar! Theater spielen ließ.

Der Karneval gilt als ein rauschendes Verkleidungsfest für alle Wett. Maskenfreiheit gestattet jeden Uebermui und jede Fopperei. Die Ver­kleidung, in die man sich vermummt, enthebt der Verantwortlichkeit. Ein großer Rollentausch vollzieht sich: der Besitzende wird zum Land- ftrcicher, die Künstlerin zur Köchin; das KammermSdel verwandelt sich mit Tüll und Füttern in eine glitzerndeKönigin der Nacht" her Brief­träger zieh! das mittelalterliche Wams des Ritters an, die Mönchskutte deckt den Beruf-komiker. Mit dem Alltagskleid fallen Hemmungen ab. Es bedarf nicht erst eines kl.'.nen Schwipses, damit die Schritte leichter, die Gebärden runder, die Worte kecker werden. Man gibt unter äußerer Verhüllung sein eigenes Wesen freier; man meint eine Rolle zu spiele« und spielt sich selbst. Richt wie man ist, sondern wie man sein möchte. Wunschträume erfüllen sich für eine Nacht. So ist die Verkleidung des Faschings eigentlich eine Entkleidung.

Wenn auf einem Kostümfest jemand ein fremdes Gewand wählt, fs hat ihn eine ihm vielleicht nur halb bewußte Sehnsucht zu der Ver­wandlung seines äußeren Menschen gedrängt. Unter dem Schutz de» Maskensreihelt erlebt er zugleich, eine, innere Verwandlung, die ihn be­schwingt.Bor jedem steht ein Bild des, hias er werden soll; solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll." Dies etwas höhere Zitat, über das wir einen Schulaufsatz machen mutzten, hat nicht nur ethischer, Be­zug. Rein ethisch stellt sich mancher seine Erscheinung jo vor, wie si« sein sollte, lebten Leib und Seele nicht oft in merkwürdigem Wider­spruch zueinander. Und er ruht nicht, bis er jenes innere Bildnis feines Aeußeren ganz nach seinem Geschmack gestaltet Hai, und wäre es nur für die flüchtigen Freuden eines Ballabends.

Es Ist rührend, wieviel Schönheitsdurst in kümmerlichen Existenzen steckt, der ohne Selbstkritik des Dürstenden diesen im Uederschwang her Phantasie in unsreiwillig komischen Gestaltwandel zwingt. Portier Krawutschke aus der Mulackftrahe, der in grüner Jugend Flötenbläser werden wollte, mimt beim VereinsmoskenbaU feines Kegelklubs de« Lohengrin; das o-beinige Fräulein Piefke aus dem Heringsladen hüpst mit 150 Pfund Lebendgewicht als Rautengelein zwischen Papier­schlangen und Bockbiergläsern durch den schweltzdampfenden Saal. Da» ganze Märchengelichter, und, in einer Republik, all die Könige und Königinnen aus dem Lande Nirgendwo entstammenverdrängten Ke- fühlen", um in der Freud-Sprache zu reden. Soziale Gegensätze gleiche« sich für ein paar Stunden aus; die Nüchternheit des Berufs- und Fa­milienlebens durchrankt sich mit Romantik, Fernflchten zu Aufsttegm'g- lichkeiten öffnen sich. Die Maske, die verbergen soll, verrät den heim­lichsten Sinn, den wir unserem Leden geben. Der Spötter Oscar Wild» Hst einen Leistreichen Aufsatz über di«Wahrheit der Masken" He schrie»