Ausgabe 
11.2.1929
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1924 Montag, den U-Februar Nummer 12

Nach dem Ball.

Stott Detlev v. ß tue

Setz in des Wagens Finsternis Getrost den Atiasschuhl Di« Füchse schäumen ins Gebiß, Und nun, Johann, fahr zu!

Es ruht ati meiner Schütter aus Und schläft, ein müder Bellchenstrautz, Die kleine blonde Komtesse.

Sie Nacht versinkt in Sumpf und Moor, Ein erster roter Streif.

Der Kiebitz schüttelt sich im Rohe Aus Schopf und Pelz den Reif. Roch hört im Traum der Rosse Lauf, Dann schlägt die blauen Augen auf Die kleine blonde Komtesse.

Die Sichel klingt vom Wiesengrund, Der Tauber gurrt und lacht, Am Rande kläfft der Bauernhund, All Leben ist erwacht.

Ach, wie die Sonne köstlich schien. Wir fuhren schnell nach Sretna Green, Ich und die ktetne Komtesse.

Fasching.

Bon Robert Seitz.

Aufsprudelnde Lebensfreude in-diesen Tagen der Illusion, an denen das blasse Mädchen zur Heroine wird und der Aengstliche sich ein breites Puppsttzwerk an die Seite bindet und stolz einhergeht im Reigen lieb­reizender Frauengestalten aus-Spanien, Tirol und den Niederlanden. Wie gut es ist, daß zu Beginn der Karnevalszeit die Inventurausver- käuse fallen. Für ein paar Pfennige bekommt man Stoffreste. Seiden­bänder und Schleier, die einen im Handumdrehen in einen Harlekin oder in eine Bajadere verwandeln. Die Bodenkammern werden «ach Material durchsuchte eine Fliegenglocke aus blauer Gaze gibt-noch immer die idealste Kopfbedeckung. Der lange Bergstock aus Kindertagen wird -zur Lanze, die mottenzerfressene Schulmappe wird wieder abgestäubt und schmückt einen lustigen Abend lang einen vierzigjährigen Rücken. Ein Optimist versucht, sich in Hansis Sextanethose hinemzuzwängen ein Unterfangen, das scheitern muß, aber es macht Spatz und erhöht die Vorfreude. Und wir haben das bißchen Freude so bitter nötig in dieser trüben Zeit. Ernste Menschen schütteln den Kopf, vergraben sich in das Leid vergangener Jahre und tragen Sorgen für die Zukunft. Aber ist es,wirklich ein Zeichen van Oberflächlichkeit, wenn wir uns eine kurze Zeit lang von unseren Lebensgeistern herumwirbein lassen? Wurde es nicht zu einem guten Symbol, daß die Musikkapellen auf dem Heim­wege von einem Begräbnis einen lebenslustigen Marsch anstimmten? «Hurra, das Leben", singt Liliencron, denn er weiß, daß sich nur aus der Lebensbejahung heraus das Schöpferische gebiert.

Richt-umsonst hat der Mensch dem Karneval königliches Geblüt zu­gesprochen. Prinz Karneval regiert! Er ist der Herrscher, dessen Szepter uns verwandelt, der über dem arbeitssamen Alltag das bunte Reich eines unerfüllbaren Traumes aufbau!. Und ist es auch nur eine Parodie darauf und sind wir auch nur die -Marionetten seiner kurzen Laune, wei! wir es über Sorgen und Mühen verlernt haben, unserem Leben eine festlichere Freudigkeit zu geben, so sind wir doch nicht so mürrisch geworden, um die klingelnde Narrenkappe nicht über die Ohren zu ziehen Und uns ein paar Tage lang nicht lkber uns selbst zu amüsieren. Kar­neval! Das geht bis in unsere früheste Kindheit zurück, bis zu jenem Abend, an dem wir heimlich durch das Schlüsselloch der Tür blickten, hinter der sich der Vater in einen martialischen Landsknecht verwandelte, Miß uns beinahe Angst wurde vor soviel Wildheit und wir unseren Respekt vor ihm noch um fünfzig Grad hinaufschraubten. Bis zu jenem Abend, an dem die Mutter a« Der schmalen Türspalte, hinter der wir hockten, als Regimentstochter vorbeiMarschierte, eine große Trommel umgehängt, die zu unserem Leidwesen am nächsten Tage schon abgeholt »urde. In unseren Rachtkittekn spielten wir Karneval, banden uns di« Mokattsfen um und stülpten die Kaffeemütze auf und vollführten eine«

Spektakel, daß Tante Anna, die uns beaufsichtigen sollte. Tränen des Zorns in den Augen hatte. Oder lachte sie Tränen und scheuchte sie uns durch plötzliche Ueberfälle nur deshalb in unsere verwühtten Betten zu­rück, um unsere erschrockenen Purzelbäume zu sehen?

Was haben wir uns damals für künftige Karnevalszeiten alles aus» I gemalt! Echtes Gold und Silber sollte es {ein, Edelsteine und ganz kost­bare Seide. Und was -ist daraus geworden: Glasperlen und blankes Blech und ein paar Reste Satin. Und auch die Purzelbäume wollen nicht mehr gelingen. Aber die Fröhlichkeit reicht noch aus, uns einmal aller Sorgen ledig zu fühlen. Noch verstehen mir, uns selber zu karikieren! Wir nähen uns Flicken auf den Anzug und reiften das Loch in un­serem Schuh größer. Wir bletben unrasiert, daß wir aussthen, als hätte man uns von der Landstraße aufgelesen. Oder wir werden der Beduine, der frei umherschweift und sich nach der Zeit nicht zu richten braucht. Oder der karierte Globetrotter, der alle Länder der Welt bereifen darf, oder der Elown, dem man ein rasches Wort nicht übelnimmt Denn wir sind ja der Zauberer, der eine spitze Düte auf dem Kops trägt und einen Bademantel statt der Wundertoga der Magier und wenn wir auch nicht verstehen; dürres Holz in Gold zu verwandeln, so liegt doch das Bessere in unserer Macht: durch den Zauberspruch unserer guten Laune ein anderer Mensch zu werden als jener, der-wir eben noch waren, als wir gebückt vor dem Pult faßen oder gehetzt an der Schreibmasch ne, eingefangen im gleichförmigen Takt unserer Tage. Denn die Karnevals- zert ist di« Zeit der Verwandlung.

Das Ekrxisr CaglroftroSs

Eine Faschingsgefchichle.

Bon Eise Arnhem.

Man schrieb das Jahr !7M und es war Faschtogszeit. Im große« Saal des Petersburger Winterpakais strahlten die Lüster im Kerzen» schimmer. Kostbare Blumengewinde hingen wie Trauben von der Decke, schlangen sich als Girlanden um die Marmorpfeiler und kränzten di« isknegelnden Wände. Duft der Blumen und Duft köstlicher Parfüms misch- ien sich betäubend und wogten gleich einer Wolke um tanzende Paare, die sich der Lust des Mummenschanzes fröhlich Hingaben. In bunten Gewändern, in den Trachten aller Völker der Welk, to Uniformen und Phantastekostümen gaben sich der hohe Adel, die Hosbeamten und die Angehörigen der Feudalregimenter ein Stelldichein. Man suchte unter der Maske nach bekannten Gesichtern, und jeder Irrtum wurde Anlaß zu gestdigerter Heiterkeit, die im Lachen der jungen Paare aufjubelt« und mit ansteckender Gewalt auch auf die Netteren übersprang.

Man amüsiert sich", sagte eine hohe Gestalt im schwarzsetdenen Domino und zog die Maske fester über die Augen, die durch die runden Ausschnitte scharf -Ausschau hielten.Haben Sie die Zarin schon ae° funden, Graf Panin?"

Der-Angeredete, ein kleiner,-beweglicher Herr in der Tracht eine» römischen Cäsaren, verneinte.Sie ist noch nicht erschienen, Durchlaucht. Da ich ihr Kostüm kenne, würde ich Ihre Majestät sofort entdeckt haben."

Lebhaft beugte sich der schwarzseidene Domino, der den kleinen Grafe« um zwei Haupteslängen überragte, zu ihm hernieder.Verraten Sie mir ihr Kostüm, lieber Graf", sagte er schmeichelnd.

Noch immer verliebt, Durchlaucht?" scherzte der Graf und ließ seiner Frage ein hohes, meckerndes Lachen folgen, das den anderen un- angenehm berührte. Allein es lag ihm zu viel daran, eine Auskunft zu erhalten, und feinen Unmut bezwingend sagte er kurz:Im Gegenteil, ich habe Gründe, der Zarin > auszuweichen."

Graf Panin pfiff leise durch die Zähne und dachte:Der große Potemkin wünscht Katharina aus dem Wege zu gehen? Was zum Teufel -hat das nun wieder zu bedeuten?"

Als hätte Fürst Potemkin feine Gedanken erraten, sagte er leise mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln:Eine Liebesgeschichte, Graf".

Panin verstand, und der Kaiserliche Staatskanzler sah keinen Grund ein, die gewünschte Auskunft zu verweigern, zumal ihm der Seelenzu- stand des-Fürsten mehr als gelegen kam.

Wenn eine üppige Griechin Ihren Weg kreuzen - sollte, Durchlaucht, dann rate ich zu schleunigster Flucht", sagte er vertraulich

Potemkin schlug sich lachend gegen die Stirn.Das hätte ich mir eigenllich denken können ... eine Griechin ... die gute Zarin schwärmt ja seit kurzem für die wallenden Gewänder der Hellenen. Aber, seien Sie bedankt, lieber Graf, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen." Der Fürst grüßte kurz und drängte sich durch die Reihen der Tanzenden.

Mit einem spöttischen Zug um die Mundwinkel sah ihm Panin nach. Der ist ausgeschaltet, ein Verliebter hat anderes im Sinn als die hohe Politik', dachte er befriedigt und machte sich auf die Suche nach einem spanischen Granden, der auf seinen Befehl durch eine geheime Pforte de« Palastes eingelassen werden sollte.