Ausgabe 
11.2.1929
 
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serr. ZK Ehakespesres Dramen ist der Narr der wahrhaft Weste und Der Hofnarr, auch in der Weltgeschichte, oft ein einflußreicherer Berater feines pursten als der Sanjier. Narrenfreiheit gab das Recht, die Wahrheit rmszu sprechen, und die Narreuprilsche geißelte Schwächen und Laster auch derer, die so hoch standen, daß sich leine andere Kritik an sie heran- wagte. Der Narr übte ein sittliches Amt, indem er seiner Zeit den Spiegel vorhielt.

Heute tut das der Schauspieler. Er zeigt uns unser Gesicht. Gleich dem Narren gehörte er einst zum fahrenden Volk. Er war vogelfrei, wohl nicht nur, weil die Leute ihn als Vaganten verachteten. Sie jürch- teten ihn auch. Unter Deckung feiner Maske schürft der Schauspieler jene elementaren Leidenschaften empor, die im Bürger, den die Ueberlieserung und tausend Rücksichten binden, lebenslang schlummern. Vielleicht ist der Bühnenkünstler in Zeiten, da alles nach Gewinn giert und darum die persönlichen Umrisse sich abschleisen zugunsten einer Allerweltsgefällig, keit, der Tröger echtester und tiefster Lebenswerte. Denn indem er ^Maske macht" und eineRolle spielt", reißt er die Masken von den Zügen des Zuschauers und legt Äcfenshastes und Ursprüngliches bloß.

Im Leben tragen wir die Masken, die wahrhast undurchdringlichen, nicht in der Fastnacht, wo man sie lächelnd ablegt, wenn die zwölste Stunde schlägt, oder wo eben die Maske andeutet,wo wir hinaus­wollen" Im Leben ist die Maske Selbstschutz, wie der Handschuh, der uns die Bakterien eines schmutzigen Geldscheines, einer abgegriffenen Türklinke scrnhält. Immer mehr lernt der Europäer vom Javaner die Verschlossenheit der Mienen. Die Maske wächst ihm über das Gesicht, er braucht gar nicht darum zu wissen. Umwelt, Stand, Berus wirken an dieser Maske. Auch unsere Kleidung, auf der Straße fast Uniform, ist Maske.Kleider machen Leute". Beaudelaire spricht von derMo­ral der Toilette". Nur wenige genießen den Vorzug, sich noch Poppen- bergs Ideal zu halten, nach welchem die Kleidungals eine natürliche Haut" uns umschließen soll. Alle wirtschaftlich Unfreien müssen sich behelfen und oft ihr inneres Gesicht von unvorteilhaftem Kleid entstellen

Der unverwelkliche Reiz des Maskenballes wirft den Verstellten, Blasierten in die Kindheit zurück. Er spielt, er wird wahrhaftig: er schämt sich nicht, einzug stehen, welcher Lebensform er eigentlich zustredt. Er erlöst sich von strengem Zwang einer Wirklichkeit, di« sein Herz nie völlig anerkennt.

Löblich wird ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn; Heiterkeit zum Erdeleden

Sei dem fiücht'gen Rausch Gewinns

Spanischer Karneval.

Don E.v.Ungern-Sternberg.

Den Karneval muß die Sonne durchleuchten, sie mutz das Grübeln verscheuchen und die Ungebundenheit des Temperamentes entfesseln Helsen, die Griesgrämigkeit des grauen Alltags muß gebannt und jener angenehmen Verrücktheit Platz gemacht werden, ohne die die Karneval­feier zu einer Farce ausarten würde. Am Horizont des Karneval aber Muß der Aschermittwoch der Lobenden Menge bewußt bleiben. Die ernste Zeit der Fasten und der Buße, die devorsteht, rechtfertigt diese letzte Explosion der bunten Sinnlichkeit; die Diesseitsfreude wird in lustigen Maskenauszügen Hervorgehoden, und die sonst so strengen Gesetze der traditionellen Marals werden unter der Larve reuelos verletzt, bis dann der Priester den Sündern und Sünderinnen das Aschenkreuz auf die Stirne streicht und sie en die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge mahnt. In Spanien, mehr vielleicht als in andern Ländern, hat der Karneval seine alte Bedeutung gewahrt. Noch immer, wie einst im Mittelalter, reiten auf einem Maulesel Geistliche im Ornat durch die Straßen der Städte und verkaufen unter dem silberhellen Gebimmel eines Glöckchens Eine päpstliche Bulle, deren Erwerb gewisse Fastenerleichterungen gewährt.

In Madrid ist es zur Karnevalszeit kalt. Wenn auch am Tage die süd- llche Sonne am fast immer blauen Himmel leuchtet und alle Grillen ver. treibt, so pflegt doch vom schneebedeckten Guadarrama ein eisiger Hauch herunterzuwehen, der mit sinkender Dunkelheit die Glieder erstarren läßt. Der Festzug des Prinzen Karneval findet in 6er Hauptstadt auf dem Paseo de Rosaies statt, auf der prächtigen Promenade im Norden Ma­drids. Dort sammeln sich die blumengeschmückten Karossen, die Cstudianti» das und Maskenaufzüge und fetzten sich im flimmernden Sonnenschein in Bewegung. Die Blumenfchlacht beginnt und ein Regen von Konfetti fällt aus die lärmend^ Menge. Stockwerkhohe Blumenarrangements gleiten vorüber, zwischen den Rosen und Nelken lachen frohe Mädchen­augen. Dann folgt eine Estudiantina, Gitarrengeklimper und dos Singen einer sonoren Iota! -Danach kommen Toreros, dann Gruppen von phan­tastischen Masken, die mit Klappern und Trompeten lärmen, und wieder dlumengeschmückte Wagen und Autos, in denen Damen mit der Halb- dwske sitzen und eifrig Blumen und Serpentinen schleudern. Aber der Karneval in Madrid ist ein Volksfest, und so mischen sich denn bald in ven Maskentrubel weniger rücksichtsvolle Gestalten, die zerriebene Kreide um sich streuen und die große Spritzen n»ii parfümiertem Wasser bei sich fuhren. Der Unfug ist zwar verboten, aber im Karneval gelten keine poli­zeilichen Verordnungen, und die besser gekleideten Masken ziehen sich aus Rosales zurück, verteilen sich über die Straßen Madrids. Auf der Castellano und am Cibelesbrunnen ist großer Korso. Der Boden ist bald Danz mit buntem Konfetti und mit zertretenen Blumen bedeckt. Der Trubel dauert an, bis die Dunkelheit und die nächtliche Kälte die Menge zwingen, sich zu zerstreuen. Die Vernünftigen ziehen sich dann in ihre Wohnungen zurück, aber da der Karneval der Unvernunft gehört, |o eilen sie meisten in die Tanzpaläste, auf den Maskenball in der Zarzuela oder auf die vielen Volksvergnügungen. In der Nacht scheiden sich die Klassen.

anderes Publikum vergnügt sich im Alkazor, ein anderes freut sich (eines Lebens in der Bombilla ober in irgendeiner' Denia, wo die Aus» Selaffenheit nicht mit hohem Geldtribut belegt wird. Uederaü ©erpev. _

ffnen, KsnfM und eine gewiss« Maskenfreiheit. Mer auf ven Volks- festen wacht die Eifersucht derCaballeros^, und alle diese Dolores, Car» men Sol und Marias haben es nicht ganz leicht, ein wenig zu flirten und Faschingssünden zu begehen. In den vornehmen und teuren Ber- gnügungslokalen ist es anders. Die Damen dort gehören meisten der mo» bdncn Welt an, und schon um Mitternacht tragen die Herren ihre Damen auf den Schullern. Seklgläjer klirren. Blumen und bunte Bänder fliegen durch die Luft. Pierrot und Pierette umfangen sich und tanzen zu den Klangen des Negerorchesters einen Tango, sie werden von den bunten Girlanden der Serpentinen umschlungen, andere Paare folgen in etwas gewollter Lustigkeit, das Gewühl mehrt sich, aber über all dem Treiben, das so lehr dem Faschingstreiben in anderen Großstädten ähnelt, lagert ein leichter Schatten von blasierter Langeweile, den niemand be­merken will.

Vor den Luxuslokalen, in denen die Karnevalsfeiern stattfinden, war­ten Reihen von Autos, um die müden Gäste nach Hause zu fahren. Im Morgengrauen schwanken Fußgänger durch die st.ll gewordene Calle Alcala und durch den vornehmen Barrio de Salamanca, ihre Masken­kostüme sind in Uttorbung geraten, ein nüchterner Nordwind bläst ihnen ins Gesicht und läßt sie erschauern. Vor der Calatravakirche liegen auf den kästen Steinsließen mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen Büßer und warten, bis sich die Tore zur Frühmesse öffnen werden. Nebenan spielt noch ein Straßenmusikant in buntem Flitterstaat einen Tango. Aschermittwoch ist angebrochen und der Karneval ist zu Ende, nur am folgenden Sonntag flammt der Faschtngstrube! noch einmal in seiner bunten Tollheit ans, um dann endgültig der stillen Fastenzeit Platz zu machen. Ls gibt viele Madrider, die die Karnevalfestlichkeiten fliehen und sich in die weiße Schneewelt des Guadarrama begeben, von dem feuchte Wolken mit Nebelstngern noch der nahen Großstadt tasten. Im Gua­darrama, auf den Gebirgsgipsekn von Tres Picos und Navacerradq> üepen die Wintersportplätze Madrids. Von der nur eine Stunde Eisenbahnfahrt entfernten Station Cercedilla führt eine Bergbahn in die Höhe nach Navacerrado, wo ein schönes Hotel erbaut ist und wo sich das Zentralhaus des Winterspvrtklubs, zu dem auch viele Deutsche gehören, befindet. Mit Stieren ausgerüstet füllen zahlreiche Gruppen die Züge nach Segovia, um in der Schneelandfchaft des Guadarrama den Karne- valslärm von Madrid zu vergessen.

Anders ais in Madrid ist der Karneval in Andalusien, bunter, lauter, ausgelassener. In Sevilla am Guadatguivir blühen im Februar die Rosen. Unter den hohen Palmen vergißt man im rocumm Sonnen­schein, daß es Winter ist. In den Cafes in der Calle de Sierpes sitzt das Publikum auf der Straße und genießt das Leben, denn in Anda­lusien scheint man niemals Sorgen und Tränen zu kennen. Das ganze Leben ist ein Fest, man überschätzt nicht den Wert der Arbeit, und Gitarre, Gesang und Liebe, dazu noch Stierkämpse und Prozessionen genügen, um das Glücksgesühl der Bewohner zu befriedigen. Aber dis Frau in Andalusien genießt noch weniger Freiheiten als in Kastilien, sie steht unter strenger Aufsicht, und wenn sie auch in den Fasch ngs- Zügen die Halbmaske trägt, jo darf sie wenigstens das Bürg.-ifräu- lein und die Bürgerfrau doch nicht allein Maskenbälle besuchen, und tanzen darf sie auch nur mit dem Mann oder mit dem Bräutigam, aber das tut ihrer Grazie und ihrem Charme keinen Abbruch, und trotz aller Bewachung werden im Karneval Intrigen und Romane cingefäbelt, denn in Sevilla, in der Vaterstadt Don Juans, sind Karneval und Liebesabenteuer noch immer unzertrennliche Begriffe. Zahlreich sind die Ausländer, die im Februar das Sonnenland Andalusien besuchen, das im Schnellzuge von Madrid in einer Nachtfahrt erreicht werden kann. Man erlebt dort, fei es nun in Malaga, das niemals einen Winter kennt, ober in Sevilla Karnevalseinbrücke, die unvergessen bleiben. Die Sorglosigkeit steckt an, die Kritik schweigt, und mit der Sonne leuchtet" die Freude am bunten Treiben. Der Karneval Andalusiens ist sreigiebig- mit Illusionen; er überkommt einen wie ein Traum von Glück. Der Karneval in Spanien hat deshalb einen tieferen Sinn, weil er in den Traditionen wurzelt, weil er sich in den Rahmen der Kirchenoorschrifter» sinfügt vnd denk Temperament der Bevölkerung entspricht.

A°ä ermittwoch-

Von Heinrich Heine. Dieser Liede toller Fasching, Dieser Taumel unsrer Herzen, Geht zu Ende und ernüchtert Gähnen wir einander an! Ausgetrunken ist der Kelch, Der mit Sinnenrausch gefUöi war, Schäumend, lodernd, bis am Rande; Ausgetrunken ist der Kelch.

Es verstummen auch die Geigen, Die zum Tanze mächtig spielten. Zu dem Tanz der Leidenschafft Auch die Geigen, sie verstummen.

Es erlöschen auch die Lampen, Die das wilde Licht ergossen Auf den bunten Mummenschanz; Auch die Lampen, sie erlöschen.

Morgen kommt der Ajchenmittwoch, ßnb ich zeichne deine Stirne Mit dem Afchenkreuz und spreche: Weid, bedenke, daß du Staub bist.