wie denn auch nichts mehr für mich getan werden kann. Ich
bin darüber
geht/
,wie
Mensch weiß.
wie
zu fein, erwarte
hinaus."
„3d) freue mich, daß dieser Mann eingetreten ist", sagte Sir Joseph, heiter im Kreis umherblickend. „Stört ihn nicht. Es scheint Bestimmung Er ist ein Beispiel — ein lebendiges Cxempei. Ich hoffe und zuversichtlich, daß es an meinen Freunden hier nicht verloren
diesen Burschen ins Auge". Ich will nicht behaupten, Gentleman, daß dies nicht ganz natürlich fei — aber ich sage, es ist so, und von dieser Stunde an wird alles auf sein Schuldkonto gebucht, mag nun Will Fern tun oder lassen, was er will."
Aldermann Cute steckte seine Daumen in seine Westentaschen, lehnte sich lächelnd in seinem Stuhl zurück und blinzelte einem benachbarten Leuchter zu, als wollte er sagen: „Natürlich! ich sagte es ja. Das ge-
jedenfalls aber so schwer, daß ich kein heiteres Gesicht dazu schneiden oder andern glauben machen konnte, ich fei etwas andres, als was ich war. Nun, Gentleman — ihr Gentleman, die ihr in den Par- lamentssttzungen zufammentrefst — wenn ihr einen Mann mit einem unzufriedenen Zug im Gesicht seht, so sagt ihr zueinander: „Er ist verdächtig. Ich habe meine Bedenken", sagte ihr, „über Will Fern. Faßt
Im richtigen Moment wurde das Festmahl aufgetragen. Trotty begab sich unwillkürlich mit den übrigen nach der Halle, bendSfr fühlte sich durch eine stärkere Gewalt, als die seines, eignen freii^Willens, dahin gedrängt. Der Anblick war ein ungewöhnlich glänzrDtzer; die Damen waren sehr hübsch und alle Gäste entzückt, fröhlich Uno heiter gestimmt. Als die untern Türen geöffnet wurden und die Leute In ihrer ländlichen Kleidung hereinfchwärmten, erreichte die Schönheit des «Schauspiels ihren Höhepunkt; aber Trotty murmelte nur um so angelegentlicher: „Wo ist Richard? er sollte ihr helfen und sie trösten! Ich kann Richard nicht sehen!"
Es wurden einige Reden gehalten: man trank aus die Gesundheit Lady Bowleys; Sir Joseph hatte sich bedankt und hielt eben seine große Rede, indem er an mancherlei Tatsachen bewies, daß er der geborene Freund und Vater usw. der Armen sei, und brachte ein Hoch auf feine Freunde und Kinder und auf die Würde der Arbeit aus, als eine kleine Unruhe unten in der Halle Tobys Aufmerksamkeit fesselte. Nach einiger Verwirrung, etwas Lärm und Widerstand brach ein einzelner Mann durch die Reihen der übrigen und trat vor.
Nicht Richard. Nein. Aber einer, an den er auch schon gedacht und nach dem er sich oftmals umgesehen hatte. Bei einer spärlicheren Beleuchtung würde er die Identität des alten, grauen, gebeugten und abgelebten Mannes bezweifelt haben; so aber fiel ein heller Lampenglanz auf dessen verwitterten Kopf, und.er erkannte in der Person, sobald sie sich vorgedrängt hatte, augenblicklich Will Fern.
„Was soll das?" rief Sir Joseph ausstehend. „Wer hat diesen Mann eingelassen? Dies ist ein Verbrecher aus dem Gefängnis! Herr Fish, Sir, wollen Sie die Güte haben ..."
„Eine Minute!" sagte Will Fern. „Eine Minute! Gnädige Frau, Ihr seid an diesem Tag mit einem neuen Jahr geboren worden. Laßt mich eine einzige Minute sprechen!"
Sie legte eine Fürbitte für ihn ein, und Sir Joseph nahm mit angeborener Würde wieder Platz.
Der zerlumpte Gast — denn er war erbärmlich gekleidet — blickte in der Gesellschaft umher und bezeigte ihr seine Huldigung mit einer demütigen Verbeugung.
„Ihr vornehmen Leute," sagte er, „ihr habt auf die Gesundheit des Arbeiters getrunken. Seht mich an!"
„Kommt just aus dem Gefängnis", sagte Herr Fish.
„Ja, ich komme aus dem Gefängnis", versetzte Will Fern. „Und zwar nicht zum ersten, zweiten, dritten — ja nicht einmal zum viertenmal."
Man hörte Herrn Filer verdrießlich bemerken, daß viermal die Durchschnittszahl übersteige, und er sollte sich vor sich selbst schämen.
„Seht mich immerhin an, ihr vornehmen Leute", wiederholte Will Fern. „Ihr seht, ich bin bis zum Aergsten herabgesunken. Man kann mir nichts Schlimmeres mehr anhaben, und ich bin außer dem Bereich eurer Hllfe, denn die Zeit, in der eure freundlichen Worte oder eure freundlichen Handlungen m i r hätten guttun können" — er schlug dabei mit der Hand auf die Brust und schüttelte seinen Kopf — „ist vorbei, wie der Duft des Klees vom vorigen Jahr. Aber laßt mich ein Wort für'diese sprechen" — er deutete aus die Arbeiter in der Halle — „und hört, da ihr wieder zusammengekommen seid, wenigstens einmal die reine Wahrheit!"
„Es ist niemand hier," sagte der Wirt, „der ihn zum Sprecher haben möchte."
„Wahrscheinlich genug, Sir Joseph. Ich glaube es. Aber darum ist das, was ich sage, nicht weniger wahr. Vielleicht dient mir das nur zum Beweis meiner Wahrheitstreue. Ihr vornehmen Leute, ich habe manches Jahr an diesem Ort gelebt, und ihr könnt dort meine Hütte mit dem eingefallenen Zaune sehen. Hundertmal war ich Zeuge, wie die Damen sie in ihre Bücher zeichneten. Ich habe sagen hören, sie nehme sich gut auf einem Bilde aus; aber aus Bildern g bt es kein Wetter, und sie mag sich daher besser dazu eignen, als zu einem Wohnplatz. Also! Dort habe ich gelebt. Wie hart — wie ditterhart es mir dort erging, will ich nicht sagen. Ihr könnt es jeden Tag im Jahr selber beurteilen."
Er sprach, wie er in der Nacht gesprochen hatte, als ihn Trotty in der Straße traf. Seine Stimme klang tiefer und heiserer und zitterte dann und wann ein wenig. Aber er ließ sie niemals leidenschaftlich werden, und selten sprach er lauter, als es die schlichten Dinge und Tatsachen forderten, die er berichtete.
„Es ist schwerer, als ihr vornehmen Leute denken mögt, an einem solchen Platz als ordentlicher Mensch zu leben. Daß ich zu einem Mann und nicht zu einem Bieh darin heranwuchs — damals — sagt schon etwas für mich, lieber meine jetzige Lage läßt sich nichts mehr sagen.
,Hch schleppte mich fort," sagte Fern nach einer kurzen Pause, es eben gehen mochte. Weder ich noch irgendein anderer Mensch
Me Mvestergrocken.
Bon Charles Dickens.
f" (Fortsetzung.)
„Richard," stöhnte Trotty, unter der Gesellschaft auf- und abgehend; „wo ist er? Ich kann Richard nicht finden! Wo ist Richard?"
Wahrscheinlich nicht hier, wenn er noch am Leben ist! Aber Trottys Kummer und das Gefühl der Einsamkeit hatten ihn ganz wirr gemacht; er wanderte noch immer unter der prunkenden Gesellschaft umher, spähte nach feinem Führer und rief: „Wo ist Richard? Zeigt mir Richard!"
Auf feinen Kreuz- und Quergängen begegnete er Herrn Fish, dem vertrauten Sekretär, der in großer Aufregung ausrief:
„Gott behüte mich! Wo ist Alderman Gute? Hat niemand den Alderman gesehen?" •
Den Alderman gesehen? O Himmel, wer hätte auch den Alderman übersehen können? Er war so rücksichtsvoll, so leutselig und verlangte so sehr danach, den Wunsch der Leute, ihn zu Gesicht zu bekommen, so oft als möglich zu erfüllen, daß — angenommen er hätte einen Fehler — es nur der fein konnte« unaufhörlich präsentiert zu werden. And wo immer vornehme Leute waren, da durste man sicher auch auf Gute zählen, «eil die verwandtschaftliche Sympathie großer Seelen stets anziehend wirkt.
Mehrere Stimmen riefen, er befände sich in dem Kreise um Sir Joseph. Herr Fish eilte dorthin, fand ihn und nahm ihn heimlich an das nächste Fenster. Trotty näherte sich ihnen — nicht aus eignem Antrieb; er fühlte, daß seine Schritte in diese Richtung gelenkt wurden.
„Mein teurer Alderman Gute," sagte Herr Fish; ein wenig mehr hierher, Es hat sich, wie ich in diesem Augenblick erst erfahre, etwas höchst Schreckliches zugetragen, und ich glaube, es wird am besten jein, Sir Joseph erst davon in Kenntnis zu setzen, wenn der Tag vorüber ist. Ihr kennt Sir Joseph und werdet mir Eure Ansicht mitteilen. Der schrecklichste und beklagenswerteste Vorfall!"
„Fish!" entgegnete der Alderman, „Fish! mein guter Freund, was Sbt es? Hoffentlich doch nichts Revolutionäres? Nein — doch kein ersuch, sich in die Schritte der Obrigkeit zu mengen?"
„Deedles, der Bankier", keuchte der Sekretär. „Gebrüder Dcebles — her heute hätte kommen sollen — der eine so hohe Stellung in der Genossenschaft der Goldschmiede einnimmt ...
„S)at doch nicht seine Zahlungen eingestellt?" rief der Alderman. „Es kann nicht sein!"
„Sich selbst erschossen."
„Guter Gott!"
„In seinem eignen Kontor sich eine doppelläufige Pistole an den Mund gesetzt und sich das Gehirn hinausgeblasen. Kein Beweggrund. Fürstliche Verhältnisse!"
„Verhältnisse!" rief der Alderman. „Ein Mann von edlem Vermögen. Einer der achtbarsten Männer. Selbstmord, Herr Fish, durch eigne Hand?"
„Erst diesen Morgen", erwiderte Herr Fish.
„O das Gehirn, das Gehirn!" rief der fromme Alderman, feine Hände erhebend. „O die Nerven, die Nerven — die Geheimnisse dieser Maschine, die man Mensch nennt! Welche Kleinigkeit reicht nicht hin, sie in Unordnung zu bringen! Was sind wir nicht für arme Geschöpfe! Vielleicht ein Diner, Herr Fish. Vielleicht die Lebensweise seines Sohnes, der, wie ich gehört habe, etwas über den Strang schlagen und ohne jede Ermächtigung Wechsel auf den Namen seines Vaters ausstellen fall. Ein höchst achtbarer Mann — einer von den achtbarsten Männern, die ich je kannte! Ein beklagenswerter Fall, Herr Fish! Ein öffentliches Unglück! Ich werde mir's zur Ehrensache machen, um ihn die tiefste Trauer zu tragen! Ein höchst achtbarer Mann. Aber es ist einer über uns. Wir müssen uns darein fügen, Herr Fish. Wir müssen uns fügen!"
Wie, Alderman? Kein Wort von „den Selbstmord legen"? Erinnere dich, Friedensrichter, wie du dich stolz deiner hohen Moral rühmtest! Bring diese Waagschalen Ins Gleichgewicht, Alderman! Wirs in die leere das fehlende Mittagessen und die Quellen der Natur, die bei irgendeinem armen Weib durch das hungernde Elend ausgeirocknet und zum Widerstand gebracht wurden gegen die Ansprüche, zu denen ihr Spröß- ling von der heiligen Mutter Eva her berechtigt ist. Wäge mir diese beiden, du richtender Daniel, wenn dein Gerichtstag kommen wird! Wäge sie in den Augen leidender Tausende, die aufmerksam der greulichen Posse, die du spielst, zusehen! Oder angenommen, du hättest deine fünf Sinne verloren — du hast nicht so weit dazu, daß es nicht möglich wäre — und legtest Hand an diese deine Kehle, zur Warnung für deines gleichen (wenn es noch deinesgleichen gibt), damit sie nicht ihre behagliche Schlechtigkeit den zum Wahnsinn getriebenen Gehirnen und gequälten Herzen vorkrächzen — was bann?
Die Worte erhoben sich in Trottys Brust, als würden sie in feinem Innern von einer andern Stimme gesprochen. Alderman Gute machte eh anheischig, Herrn Fish zu unterstützen, um nach Ablauf des Tages ir Joseph die traurige Kunde beizubringen. Ehe sie sich trennten, drückte er noch Herrn Fish in bitterm Schmerze die Hand und sagte abermals: „Der achtbarste Mann!" Und bann fügte er noch hinzu, baß er kaum verstehe (nicht einmal er!), warum solche Trübsal auf Erben vorkommen dürfe.
„Wenn man’s nicht besser wüßte, so möchte man fast glauben," fuhr Alderman Gute fort, ,chaß bisweilen in den Dingen eine Umsturzbewegung vorgehe, die die allgemeine Ordnung des sozialen Baues aus Ihren Fugen hebt. Gebrüder Deedles!"
Das Kegelspiel verlief mit ungeheurem Erfolg. Sir Joseph warf die Kegel mit wunderbarer Geschicklichkeit um; Master Bowley machte aus kürzerer Entfernung gle'chsalls einen Anfangsversuch, und jedermann tagte, daß nun, da ein Baronet und der Sohn eines Baronets Kegel pielten, die Verhältnisse des Landes eine rasche Wendung zum Bessern nehmen müssen.


