, Cha ng < Tsolin.
Seht ihn an: er ist starr wie ein Gott. Seine Brust ist ein jlimmern- -es Panorama von Schnüren, Medaillen, Sternen, Quasten und Schnallen. Seine Soldaten mußten in den mandschurischen Sümpfen lauern, um schneeweiße Reiher zu erlegen. Mit ihren Federn hat er seine Mütze geschmückt. Sie steigen über seine Stirne wie ein hoher Geisyr auf.
Er war nicht immer so. Er war in junger Zeit der Schriftgewandte eines Räuberhauptmanns aus der Klasse der Hung-Hutze. Sie schlichen an den checken der Dörfer entlang mit kleinen Beilen, Schnurrbärten wie Flechten, schwarzen Beutesäcken und rostigen Säbeln. Da trafen sie einen Bauern; den schlugen sie tot. Da trafen sie einen Kaufherrn, der Mit Bohnen handelte. Sie erdrosselten ihn langsam.
Es ist spaßhaft, wie er Soldat wurde. Der Mandarin der Truppen bot dem Briganten an, -als Soldat bei ihm einzutreten, nichts würde ihm dann geschehen. Dieser aber, schlau und mißtrauisch, schickte seinen Schreiber Chang-Tsolin.
Sein wildes Räuberblut trug ihn von Stufe zu Stufe. Nun steht er da, die chand am Schwertknaus, ein Mann aus Metall, eine grausame Maske, die in der mandschurischen Steppe nach Ruhm, Macht und Goldbarren brütete. Er wird ausbrechen, wenn der Morgen violett wird. Er hat um sich die Abenteurer gesammelt, die Nachtweiber und den Troß der Verwegenen.
Er wird die Pagoden stürzen und die Dschunken aus dem 'Jangtse- kiang verbrennen und versenken. Sein Blick sticht unter hochgelagerten Brauen gnadenlos. Er hat Grabenmörser, Flugzeuge, Funkgeräte, Stahlhelme, Batterien, Granaten, Gewehre, Säbel und Pferde.
In der Nacht, die schwarz ist wie eine Höhle, läßt er Musik spielen: fahle Trommeln, grelle Pfeifen, Eisenstäube, Gongs und große Trompeten Den Lauf seines Revolvers hält er gegen den Halbmond und schießt. Die Wölfe in der Steppe heulen; das dünkt ihm herrlich. Da erinnert er sich, daß er einst Räuber war, im Bambusgehölz auf der Lauer, bis das Herdlicht in der Bauernhütte erlosch.
„Hunde," schreit er, „brecht aufl Wir wollen reiten."
Und sie reiten, reiten, reiten ... Ein Dorf liegt am Morgen in grauer und kalter Asche.
Friedrich Schlegel.
Zu seinem ISS.Todestage.
Bon Dr. Friedrich Spreen.
(Nachdruck verboten.)
Die Stellung Friedrich Schlegels in der deutschen Geistesgeschichte ist noch immer umstritten. Während er manchen Forschern als der eigentliche „Schöpfer der Romantik" erscheint, hat man gerade neuerdings wieder betont, daß die wichtigsten Ideen der neuen Bewegung schon von anderen ausgesprochen worden sind, so von Herder, von Schleier- machen, von W a ck e n r o b e r. Besonders schroff urteilt Rodler in seiner „Berliner Romantik": „Er versuchte rein ästhetisch lehrhaft zu- sammenzufassen, was längst im Gange war." Aber ein solcher Prioritätsstreit kann doch die Tatsache nicht verdunkeln, daß Friedrich Schlegel der genialste Anreger, der w chiigste Jdeenvermittler im Kreise der Romantik war, daß die Neuorientierung der Menschheit, die, von Deutschland ausgehend, die ganze Kulturwelt durchdrang, durch diesen tiefgründigen und abgründigen Geist mehr beeinflußt wurde als durch irgend einen anderen. Die Wissenschaft beginnt erst jetzt, die ungeheure Bielseitigkeit und Fruchtbarkeit seines Werkes eingehend zu durchdringen und das Folgerichtige feiner zunächst sprunghaft erscheinenden Entwicklung aufzuzeigen. Solange man in der Romantik nur eine Dichterschule sah, mußte dieser dichterisch ziemlich schwachbegabte Denker gegen viel bedeutendere Künstler, wie Novalis und T i e ck, zurücktreten. Seitdem aber die romantische Bewegung als eine geistes- und kulturgeschichtliche Erscheinung von allumfassender Wirkung erkannt ist und man das verwirrende Gewebe ihrer Jdeenkomplexe aufzulösen sucht, rückt die viel- strahlig geniale, rätselhaft komplizierte Gestalt des jüngeren Schlegel immer mehr in den M ttelpunkt, da die entscheidenden Gedankengänge dieser ganzen Epoche fast stets auf ihn zurücklenken.
Ungleiche Brüder sind häufig; aber selten wohl haben Blutsverwandtschaft und äußeres Schicksal zwei so verschiedene Naturen zusammengekettet, wie das Brüderpaar August Wilhelm und Friedrich Schlegel; der ältere, ein formal reich begabtes, unendlich aufnahmefähiges, leicht bewegliches Wesen, eine blendende Oberflächenerscheinung, der geschickte Verbreiter und feine Ausbeuter fremder Gebanker, der vortreffliche Vermittler ausländischer Dichtung, der geborene Propagandaheld einer neuen Kultur; und dagegen Friedrich, eine schwerblütige und schwerlebige Persönlichkeit, massig in der Fülle seines Fleisches und schwer beladen mit den Gedankenlasten aller Vergangenheiten, in der Wucht seines Denkens von einer gewaltigen Stoßkraft, aber schwer in Bewegung zu bringen, früh verfettet, körperlich und geistig, vergraben In Tiefsinn und dunkles Brüten, träge und doch beseelt von einem glühenden Drang nach Erkenntnis der letzten Dinge, passiv und doch von schwärmerischem Enthusiasmus zum Wirken, zum Mitteilen gedrängt, Faust zugleich und Hamlet, einer der zwiespältigsten Figuren des deutschen Schrifttums; ein Riese im Erfassen und Verarbeiten einer großen Jdeensülle, der fruchtbarste Anreger und Ausstreuer von Samenkörnern des Geistes. „Er war eine jener Naturen," sagt von ihm Marie I o a ch i m i in ihrem Buch über die Weltanschauung der deutschen Romantik, „die Nietzsche als „Erlöser" bezeichnet hat. Er hatte ein glühendes Herz und einen kalten Kopf, er war eine Mischung von Philosoph und Dichter. Er gehörte in eine Klasse mit den Schiller und Nietzsche, obgleich ihm die eigentliche Kunst der Dichtung versagt war. Solche Menschen scheinen in der Tat das von den Ersöscru zu haben, daß sie sich bald aufreiben und früh
aus dem praktischen Leben scheiden. Sie sind die berufenen Revolutionäre des Geistes; sie lieben die Welt, mit der sie unzufrieden sind, und verachten die Menschheit, für die sie sich opfern." Die lodernde Flamme, die in dem Jüngling ausschlug und die Welt erhellte, ist früh niedergebrannt; aber sie glühte und glimmte noch fort in dem rasch alternden Manne, der sich freilich nur von den Schöpfungen seiner Jugend nährte.
Friedrich Schlegel begann sein Wirken mit der Erörterung einer Frage, die damals feit mehr als einem Jahrhundert im Mittelpunkt stand, mit der Frage nach der höheren Wertung der antiken oder der modernen Kultur. Goethe, auf der Hohe seiner klassischen Entwicklung stehend, hatte sich für die Antike entschieden, und der junge Schlegel übertrumpft ihn zunächst noch in der „Gräkomanie", will als der „Winckelmann der griechischen Poesie" die ewige und allgemein gültige Stellung hellenischer Dichtung Nachweisen, wie sein Vorbild es mit der bildenden Kunst getan. Der harmonischen „Objektivität" der Alten stellt er die bloße „Interessantheit" der Modernen gegenüber; aber je mehr er sich in die platonische Welt der großen Harmonie versenkt, desto klarer wird ihm der „moderne" Zug in der Antike; vor Nietzsche schon trennt er die Sphären des Apollinischen und Dionysischen, der Klarheit und des Rausches in der griechischen Kultur, erkennt die Tragik des bis dahin für „ewig heiter" gehaltenen Hellenenvolkes, die B u r ck h a r d t später dargestellt hat, entdeckt die „Romantik" in der Antike, die Goethe in der klassischen Walpurgisnacht des „Faust" gestaltete. Unter dem Einfluß Fichtes wird das Subjektive und Individuelle in ihm entbunden; an die Stelle der objektiven „Griechheit" tritt das feinste Verständnis für die zwiespältige, empordrängende, tiefringende Gegenwart. An Goethes Dichtung orientiert er sich; sie erscheint ihm als die „Morgen- röte echter Kunst und reiner Poesie", und im „Wilhelm Meister" offenbart sich ihm das Werk, von dem er nun sein romantisches Kunstideal ableitet. Doch in den „Fragmenten" seiner Zeitschrift „Athenäum", in diesen Grundgesetzen der Romantik, geht er noch weiter und schafft zugleich eine neue Religion, eine neue Weltanschauung, eine neue Lebens- ordnung der individuellen Freiheit, die er in seinem berüchtigte^.,und doch noch heute so anregenden Roman „Lucinde" durch persönliche Bekenntnisse erläutert Mit dieser Schöpfung der romantischen Lehre, die In der Philosophie wie in der Dichtung einen Frühling der Geister entfesselte und Schelling jo gut befruchtete wie Novalis und Tieck, war sein vorwärtsdrängender Erkenntniswille noch nicht befriedigt. Nun strebt er nach einer Verschmelzung der klassischen und romantischen Mächte, nach einer höchsten Totalität und „All-Einheit". Während seines Aufenthaltes in Paris vertieft er sich in die „Sprache und Weisheit der Inder", jucht in dem Mutterland aller Mystik, im Orient, die lieber- brückung der europäischen Gegensätze. Er ist jo nicht nur zum Begründer der deutschen Orientalistik geworden, sondern überhaupt zum Wegbereiter aller derer, die auch heute wieder am Ganges und am Pangtsekiang Erlösung und Harmonie suchen. Von der Beschäftigung Schlegels mit dem Orient ging die deutsche Sprachforschung aus, wie andererseits von seinen mittelalterlichen Studien Germanistik, Geschichtswissenschaft und Kunst- geschichte befruchtet wurden. In seiner neuen Zeitschrift „Europa" trat er nämlich nun für die Ideale des Mittelalters ein, für gotische Baukunst und altdeutsche Malerei, und im Schatten des Kölner Dornes wurde er für den Katholizismus gewonnen. Die Begeisterung für die altdeutsche Größe, für die vergangene Macht des germanischen Kaisertums beflügelte seinen Patriotismus, und im Dienste Oesterreichs wirkt er von Wien aus mit seiner Feder für den nationalen Aufschwung der Befreiungskriege. Die schwungvolle Kraft, die seine Proklamationen gegen Napoleon beseelt, macht ihn auch zum Sänger, und es gelingen ihm seine besten Gedichte, wie das bekannte „Gelübde": „Es sei mein Herz und Blut geweiht, dich, Vaterland, zu retten".
Man hat in den Werken Schlegels während der nun folgenden Nestau- rationsepoche einen Abfall von den Idealen feiner Jugend sehen wollen. Aber Günther M ü 11 e r hat in der Einleitung zu der Neuausgabe feiner Altersschrift „Von der Seele" den innigen Zusammenhang in dem Welt- bild des jungen und des alten Mannes nachgewiesen. Die Bedeutung feiner späteren Werke wird dadurch erst ins rechte Licht gerückt. Schlegel hat in dieser Spätzeit seines Schassens die zuerst formulierten Gedankenmassen weiter »erarbeitet und in freilich einseitiger Form, aber in tiefsinniger und großartiger Weise ausgeführt, systematisch geordnet. In dem Hauptwerk dieser Zeit, den Vorlesungen über „Geschichte der alten und neuen Literatur", geht er seiner Lieblingsidee von der Verknüpfung des Klassischen und Romantischen in der Dichtung nach und findet dies Ideal am ehesten verwirklicht in den Höhepunkten der katholischen Poesie, bei Dante und Calderon, die alle Forderungen romantischer Kunst erfüllten und in einer objektiven Harmonie klären. Mit seinem Eintreten für die Weltanschauung des mittelalterlichen Christentums hat Schlegel mit die Regeneration des Katholizismus in die Wege geleitet: seine Schüler, die Adam Müller, Görres, Baader usw., schufen di« Systeme der Staatslehre, der Philosophie, die dann maßgebend wurden, und bereiteten die großen Leistungen der Theologie und Geschichte im 19. Jahrhundert vor. In feinen letzten Vorlesungen über „Philosophie der Geschichte", die er in seinem Todesjahr 1828 hielt, schilderte Schlegel das Heldenzeitalter der deutschen Frömmigkeit, die vorghibellmische Evoche, als eine Stufe auf dem Wege zu dem harmonischen Zeitalter der Zukunft. Die Krönung der geschichtlichen Entwicklung aber sah er voraus In einem „vierten Weltalter", an dessen Grenze er seine Zeit setzte. Wir sind heute dieser paradiesischen Periode, in der das Licht über die Finsternis siegen sollte, um keinen Schritt näher als vor 100 Jahren, ja wir fühlen uns noch weiter entfernt. Aber wir dürfen deshalb den Glauben an die Erlösung der Menschheit nicht verlieren, diesen Glauben, ohne den nach einem Wort Schlegel „die ganze Weltgeschichte nichts wäre als ein Rätsel ohne Lösung, ein Labyrinth ohne Aus gang, ein großer Schutthaufen aus den einzelnen Trümmern, Steinen und Bruchstücken von dem unvollendet gebliebenen Bau, aus der großen Tragödie der Menschen, die alsdann gar kein Resultat haben würde".


