GichenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jrbrgangl929 ^reitag^den U. Januar Nummer 3
Die Einsame.
Von Li Tat p e h.
Vom Schwalbenberg !m Sturme Wehn Blätter ohne Zahl;
Einsam schau' ich vom Turme Nach meinem Chgemahi.
Die grünen Wolken gleiten Zerrissen übers Meer, Herbstliche Lieder breiten Sich weich darüber her.
Dort unten ziehn in Hausen Soldaten durch den Sand, Ein Bote kommt gelaufen. Von unserem Heer entsandt.
Ach, daß mein Mann im Ruhme Der Rückkehr Tag oergißt!
— Was klag' ich, da die Blume Schon am Verwelken ist!
Chinesische Marschälle.
Bon Anton Schnack.
Chow Sin.
Ich bin der get&e, schwermütige Marschall Thow Sin. Die Legenden, schreiber wissen nicht mehr wie ich aussah, aber die Dichter meiner Zeit nannten mid): Trauriger Sperling im Regen.
Ich habe gelebt siebenundvierzig Winter vor dem Jahre 1100. Ich liebte das Herbstrvhr am Tung-Tingsee, wenn die blauen Stahienteu aus dem Bergland von Hunan in Schwärmen einbrachen.
In der Nacht des siebenten Mondes stand meine Geliebte T'o Ki an einem Fenster aus silbernen Stäben. „Was träumt meine grostlauchtigste Geliebte, meine zirpende Amselkehle", sagte ich zu ihr, mich verneigend.
„Freund, Sohn der Sonne", zwitscherte ihre Stimme: „Ich träume vom Herbst, der bald über die Stadt Pötsch ou kommen wird. Dann werden die Reiher das Hügelland durchschneiden und die Kraniche des Ostens aus den Wipfeln der Schwarzfichten rasten ..
Ich habe viele Soldaten, blaue Soldaten, weiße Soldaten, schwarze Soldaten, Soldaten mit Säbeln aus Perlmutter, Soldaten mit langen Bastschleudern, Soldaten mit gefiederten Pfeilen und F schgrätenspitzen. Ich habe eine Musik aus Gong, Flöte und Trommel. Ich reite viel Ich höbe Träume. Ich habe eine Dose aus mongolischem Gold. Ich gehe die Palasttreppe mit achtundzwanzig Schritten hinunter. Ich habe ein Tor nach Osten, das ganz aus Porzellan gedrechselt ist. Wenn es mir ein» fällt, gehe ich als Flötenspieler in ein Teehaus, und niemand erkennt mich. Die kleine Tänzerin, Stern über dem Weidenbaum genannt, erwartet mich mit einem Lächeln. Sie hat rote Vögel in einem Käfig Wenn der Winter kommt, sterben sie ...
T'a Ki liebt die Spiele mit den Elfenbeinbällen. Sie liebt die Feste der vielen Lichter. Sie hat fünfzig Gärten. Sie besitzt neunhundertneunundneunzig Kimonos, alle aus Seide, Goldfäden- und Silberfchuppen. Eie ist zierlich wie eine Bachstelze vom gelben Fluß. Sie singt die geweihten Verse der Dichter Tang und Ting Fang, die sich ihretwegen den krummen Dolch durch die Kehlen zagem Als sie ihr Blut auf dem Gartenkies sah, lächelte sie stolz.
Sie ist grausam wie die Dämonen in den Schattenspielen. Sie reitet über die Reisfelder hinweg und läßt die Männer aus Hunan binden Und in die steinernen Türme der Vergessenheit und der Nässe werden. Danach geht sie die gewundene Treppe ihres Pavillons hinauf, nimmt gus Kissen ein paar Fingerspitzen Vogelflaum und läßt die Federn in den Wind verwehen.
Und sie lächeli kindlich dazu und nickt und spricht: .Herr, mit der Würde des Himmels, es ist Schnee aus den Bergen ...'
Wu - Pei - Fu.
Wenn ich vor dem Pergament meiner Palasrfenster stehe, sehe ich mein Herr, das Kriegslager In Layana und den fruchtbaren angeschwvl- lenen Fluß. Mein Lieblingsgeruch ist der Rauch eines Reisigfeuers, das
die Soldaten zwischen Steinen brennen haben. Meine Begierde ist der Ruhm.
Aus die Schultern sind mir drei grüne Sterne gestickt, auf bte recht« sowohl wie auf die linke. Mein dünner, schwarzer Schnurrbart zitiert; denn ich habe mir ein Reiskorn zwischen die Zähne gesteckt, das ich langsam zermalme. Ich bin ein schweigsamer Kriegsgott, eiserner und klirrender Märsche eoU; am liebsten sehe ich Reiter in die Rocht ser- ichwinden oder Städte mit gepanzerten Drachentoren und geschlitzten Mauerscharten.
Ich habe eine Sänfte; sie ist aus grünem Tuch mit SchlangenknSpsen aus Jadcstein und matten Metallstangen. In ihr sitzend, habe ich di« besten Pläne. Ich halte nichts von der Strategie, die nicht im Angriff der Fußtruppen das Entscheidende sieht. Bevor ich eine Schlacht beginne, lasse ich unter meine Soldaten Mondkuchen mit Sprüchen und Sätzen des Konfuzius verteilen. Cs steht darauf:
„Mein Held, weich' kriegsfester, ohk
Des Landes Allerbester, oh!
Mein Held, der führt den langen Speer.
Und vor dem König jagt er her."
Auf das Grab des Kung fu-Tse habe ich meine Stirne gelegt. Mein Sterndeuter Kahing stand habet, befahl mir, die Augen zu schließen und ihm meine Gesichte zu sagen, die ich wahrend der Berührung mit dem heiligen und em.gen Steine Hütte. Ich fühlte mich in den Garten meines Vaters zurückversetzt, an der großen. Peitopatme sah ein grauer riesiger Skorpion, der langsam den Stamm hinauf kroch. Durch beit Wipfel sah ich den göttlichen Stern Iöllang scheinen.
Da sagte mir Kahing, mein Sterndeuter, daß Chang-Ehün, der Marschall im Süden, einen großen Anschlag gegen mich plane. Das Erscheinen des Sternes aber bedeute, daß mir die Hilfe der Götter nahe fei.
2ch ließ das ganze Heer aufbrechen. Wir reiten und marschieren schon drei Tage und zwei Rächte. Heute ist die dritte Rocht. Ich denk« an den großen Thuang tje, der das Buch vom südlichen Blütenland schrieb. Er verachtete die Weisheit und die Lehren meines geistige« Vaters Kung fülle. Während das Zaumzeug der Pferde flirrt, bas schweißige Leder der Soldaten stinkt und die tausend und aber taufend Füße der Marschierenden die Felder der Bauern zerstampfen, denke ich an seinen Traum vom Schmetterling. Chuang-tse träumte einst, er fei ein Folter und schwebe trunken und beglückt über eine Wiese, die am Perlflusse blühte. Rach dem Erwachen wußte er nicht mehr — so hatte « in seinem Buche geschrieben — ob Chuang-tse geträumt habe, er fei der Schmetterling, ober ob der Schmetterling nun träume, er fei der Dichter und Gelehrte Chuang-tse.
Ich aber will morgen die Schlacht beginnen ...
Chang-Thün.
Ich habe ihn gesehen auf einem grauen Bilde, das der Schatten und der Ablauf der Zeit noch trauriger gemach! hatten als es schon war. Er war einsam. Er hatte das Gesicht eines Affen, eine schwarze Mandarinen- mütze, eine Quaste aus Seide und einen Ring mit einem weißen Jadestein.
Er ist eben aus dem Palast des kaiserlichen Kindes getreten, wo ein Schauspieler das Fächerlied der Dame Pam-tsicheh-jü vorgetragen bat Auch er, der Marschall, verglich sich mit dem Fächer, der seine Dienste getan Hai und nun weggeiegi wird.
Oh, daß ich des Fächers gedenke, dessen Elsenbein ein weißer Elefant durch das Dschungel Siams trug, sagte Chang Chün schwermütig zu sich selbst. Die Beinschneider aus der Provinz Tschekiong haben den heftigen Zahn in klirrende und gelbe Platten zerlegt Die Künstler aus der Stadt im Wind, Wutschou, haben ihn mil hohen Symbolen bemalt: ein gelber Drache war es, ein springender Tiger, ein Hohn in der Morgenröte, eine Tänzerin aus Gold, eine Vogelschar aus Ocker.
Er hat in einer kleinen Hand geruht und die süße Luft der Kirfchen- blüte hin- und hergefächeit. Man erzählt, daß die Prinzessin Sin-Kiün auf ihn Tränen fallen liefe, die zu Perlen wurden. Sie war schön wie das Einsinien der Dämmerung über ein Reisfeld. Sie hat gelbe Früchte geliebt Mit guten Worten pries (le den Herbst. Sie hat Porzellan mit Rohrschäften bemalt Den Tee liebte sie und einen Meinen Dolch aus Bronze.
Ich werde sie nicht mehr sehen. Ich bin alt und das Gelächter der Höflinge. Mein Haus wird am See Poyang stehen Ich werde allein sein mit den Dienern. Das erhabene Ruderiied des Kaisers Wutt bleibt meine Weisheit: mein Leben mar so lang, ja lang ein Tropfen braucht, bis er vom Ruder aus den Spiegel des Wasser» niederfällt. Es mar ein Richt».


