Ausgabe 
10.6.1929
 
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Prosper! trott Vekasquez k Ungenützt hangen an seinem Schürzchen Klapper und Glöckchen, die blutleeren Hände sind zu schlaff, sie zu schütteln, wie sie zu matt sind, das kleine Hündchen, den Spielgefährten, zu streicheln. Armes reiches Kind reiche Bettelkinder, die sich ein Königreich des Glücks erspielen!

Voll und laut schlägt das Rokoko die beiden TöneSpiel" und Kind" an. Aber seltsam: der reine, helle AkkordSpielendes Kind" klingt kaum jemals auf. Immer find es die Erwachsenen, die sich auf den Ländlichen Festen" W a t t e a u s und der ihm nahestehenden Künstler, aber auch auf den Gemälden des deutschen Meisters Chodowiecki an Kinderspielen, wie Ball, Blindekuh, Hahnenschlagen, ergötzen, denen sich nur gelegentlich einige Kinder, das Thema der Erwachsenen aufnehmend, aber nicht selbständig varierend, zugesellen. Erst in den Werken jenes Meisters, der das schlichte Bürgertum und die Familie, nicht die schim­mernde, festliche Welt des Rokoko in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses stellt, bei Chardin, kommt das spielende Kind wieder zu seinem Recht. Freilich, welch unheimlich artig« Kinder sind es, die dieser Maler gleichsam als leuchtende Vorbilder für seine kleinen Mitbürger und -bürgerinnen darstellt! Geduldig bauen sie ihre Kartenhäuser, blasen still vergnügt ihre Seifenblasen, und wenn sie, wie das zierliche Mädchen mit dem Federball, sich doch zu einem freieren, lebendigeren Spiele an­lassen, dann wird gewiß auch dieses zahm genug verlaufen; dafür bürgt schon das tadellose weiße Schürzchen der adretten kleinen Dame, von dem Schere und Nadelbüchlein, von sittsamem Tun zeugend, herabhängen.

Freier und unbekümmerter entfaltet sich die spielende Jügendlust in der die Kinder- und Märchenseele gleich verständnisvoll belauschenden Kunst S ch w i n d s , der in einem Lithographien-Zyklus die verschie­densten Arten derKinderbelustigungen", im Freien wie im Zimmer, im Wechsel der Jahreszeiten, aber stets umwoben vom Zauberschleier echten Kinderglücks, gestaltet hat.-Denn selten stand wohl eine Zeit dem Wesen des spielenden Kindes näher als die selbst alles Behagen und alle, auch die kleinsten Freuden aus der Enge des Alltags herausschöpfende Bieder­meierzeit und ihre Kunst, zumal in der heitern, musikdurchwogten Schubert-Stadt. Wie ein bedeutsames Symbol blickt auf dem entzückenden Bilde Peter Fendis,Spielende Kinder", die froh bewegte Silhouette der Karlskirche herein in diese glückerfüllte Kinderstube, in der ein am Boden kauerndes, kleines Mädchen seine Puppenkinder rund um einen Teller zum Mahle gruppiert hat, eins nach dem andern als eifrige Gast­geberin mit dem Kopfe hineintauchend, während ein zweites Kind beide Aerinchen voll Puppen und Katzen als neue Gäste herbeischleppt und ein drittes sich den Freuden des Tanzes mit einer Puppen-Partnerin hingibt. Warm und hell fluten hier die Wogen seligsten Kinderglücks! Und in gleich liebevoller Weise versteht auch der demselben Kreise angehörige W a l d m ü l l e r sich in die Freuden des kindlichen Spiels einzufühlen, fei es, daß er die staunende Schar um die Wunder des Guckkastenmannes versammelt, wie es auch Knaus oder Ludwig Richter vor dem Puppenspieler tun, sei es, daß er die wilde Horde im Nachgenuß der soeben erlebten Iahrmarktsfreudcn und im Vorgenuß des heimgebrachten Lebkuchens im Spiegel seiner Kunst auffängt.

Ein besonders reizvolles und von allen Kunstrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder künstlerisch gestaltetes Thema bieten die kindlichen Spiele im und am Wasser, dieser wundersame Zusammen­klang bewegter, enthüllter Kinderkörper mit dem gleitenden Spiel der lichtdurchtränkten Fluten, der gleichermaßen die klassische wie die im­pressionistische Darstellungskunst, den Pinsel Feuerbachs wie Lie­bermanns gereizt hat um nur zwei äußerste Gegenpole, die sich in diesem vielgestalteten Motiv berühren, anzuführen.

So spiegelt sich in tausendfacher Brechung die frohe Kinderlust des Spiels in den Werken der Kunst, aber gleich den gebrochenen Sonnen­strahlen trotz all ihrer Vielfarbigkeit von der großen Einheit und Un­wandelbarkeit ihres Ursprungs kündend der im Spiel sich offen­barenden Kinderseele.

Von der Slrahlenforschung.

Ein neues Instiluk in Berlin.

Von Erich G u t k i n d.

Ein großartiges Werk ist vollendet. In tiefer Stille, geräuschlos, ohne jede Reklame, die oft viel geringere Leistungen begleitet. Das Insti­tut für Strahlenforschung, der Universität Berlin angegliedert, ist nach fünfjähriger intensiver Arbeit zur Vollendung herangereift, so daß die weitverzweigten Arbeiten nun ausgenommen werden können. Ein wundervolles Denkmal jener sublimen Gelehrtenbescheidenheit, die aller echten und dauernden Leistung eignet. Eines der wichtigsten Gebiete der modernen Forschung, und eines der interessantesten und zukunftsreichsten, hat nun eine Heimstätte gefunden, die für lange Zeit in der Welt einzig dastehen wird. Die Leitung dieses Instituts liegt in den Händen von Professor Friedrich, der den Lehrstuhl für das Grenzgebiet zwischen Medizin und Physik an der Universität inne hat. Der Gelehrte, der uns sein eben fertig gewordenes Werk vom Dach bis zum Keller in liebens­würdigster Weise zeigt und erläutert, ist Mediziner, Biologe, Physiker, Che­miker, aber auch Ingenieur und Organisator in einer Person. Ingenieur, denn die unendlich komplizierten Anlagen für Stromerzeugung, sowie vieles der Apparatur, die ja für die besonderen Zwecke dieser Forschung erst erfunden werden mußte, entstand unter Professor Friedrichs lang­jähriger Arbeit. Das Haus hat eigene Werkstätten, um die nötigen Appa­rate möglichst selbst zu bauen. Und Organisator, denn hier wird unter anderem die Kontrolle der deutschen Radiumvorräte zentralisiert sein, die besser zusammengefaßt, bereit gestellt und ständig geprüft werden sollen. Wir haben zur Zeit etwa zwei Gramm Radium in Preußen und fünf bis sechs Gramm in Deutschland. Der Preis für je fünfzig Milligramm be­trägt etwa 250 Mark. Aber auch die Bekämpfung der Krebskrankheit

wird hier einen wesentlichen Stutzpunkt finden. Wie vorsichtig man auch immer über die Erfolge der Bestrahlungstherapie beim Krebs benten mag, sicher ist, daß auch hier wieder einmal das Organisatorische Ijintec den großartigen Resultaten der Wissenschaft hemmend hinterher hinkt.

Die Strahlenforschung hat nun also ein Haus bezogen kam Luiseu- platz), das eigens für diesen Zweck umgebaut wurde. Solchen Umbau dars man sich nicht einfach vorstellen. Er handelt sich nicht nur um eine g», schickte Raumausnutzung, sondern um eine Fülle von gänzlich ungewöhm lichen Aufgaben. Ettpa 45 Laboratoriumsräume dienen, jeder in beson- derer Weise, diesem unübersehbar großen Forschungsgebiet, in dem ein Dutzend mächtiger Wissenschaften Zusammenstößen und sich durchdringen. Hier gibt es Räume, die röntgendicht sein müssen, und deren Mauern als« aus Material bestehen, das für Röntgenstrahlen undurchlässig ist. Es gibt auchBleikammern", die wie riesige Tresore aussehen, und einen abso­luten Grad von Undurchlässigkeit für die alles durchdringenden Röntgen­strahlen haben, um störende Wirkungen zu vermeiden. Lästig ist auch die in einem Berliner Hause natürlich ständige Erschütterung. Da müssen Vorrichtungen ersonnen werden, um Instrumente erschütterungsfrei aus­zuhängen. Es kommt hier, wie auch sonst in der Physik, aus unvorstell­bar feine Messungen an, auf Feststellung winzigster chemischer oder biolo­gischer Veränderungen. Selbstverständlich gibt es in diesem Haus auch jene Waagen, für die ein Milligramm noch so etwas wie ein plumpes Zehnkilo-Gewicht ist, und die noch verschwindenden Bruchteile selbst so winziger Massen abwiegen können. Aber es gibt auch Veränderungen in so geringen Dimensionen, daß selbst diese Waagen versagen, und dos Spektroskop helfen muß, oder Instrumente, die allerfeinste elektrische Zu­standsänderungen anzeigen. Ueberhaupt sind wir gezwungen, ganz neue Maßsysteme auszudenken. Maßeinheiten für Röntgenstrahlen und andere Wirkungen zu finden, bei denen die gewöhnlichen Maßgrößen nicht aus­reichen. So verwendet man hier eine sehr interessante neue Meßmethode, die man diebiologische Uhr" genannt hat. Man weiß, daß gewisse Lebensoorgänge, wenn man exakt gleichbleibende Bedingungen herstellt, äußerst genau rhythmisch verlaufen. So gibt es zum Beispiel winzige Algenarten, denen man unter dem Mikroskop abgesehen hat, daß sie sich in sehr genau gleichbleibenden Zeitabständen immer in derselben Form durch Teilung fortpflanzen. Unter dem Einfluß verschiedener Bestrah­lungen ändert sich diese Periode, so daß wir hier mit dem Leben Stroh- lungseffekte messen können.

Das Institut ist gezwungen, den nötigen Strom selbst zu erzeugen und hat in seinen Kellerräumen die erforderlichen Anlagen. Ein Anschluß an das Berliner Stromnetz wäre nicht ratsam, wegen der ständigen Strom­schwankungen, die exaktes Messen unmöglich machen würden. Es gibt im Hause Drehstrom, Wechselstrom, Akkumolatorenstrom und alle Grade der Stromspannung bis zu zweihunderttausend Volt. Man untersucht die Wirkung der Radiumstrahlung, der Röntgenstrahlung, aber auch vor allem der gewöhnlichen Lichtstrahlung auf die organische Materie. Die Erforschung der Lichtwirkung ist vielleicht ein wenig ins Hintertreffen geraten. Dennoch ist sie nicht weniger wichtig. Man muß bedenken, daß die Lichtstrahlung in die Moleküle greift, jene anderen Strahlen ober mehr in die Atome. Nun kommt es bei der Wirkung auf das Leben­dige gerade auf die molekularen Vorgänge an. Noch wissen wir wenig, was denn nun die Strahlen tatsächlich im Organismus und in der Zelle machen. Welche photochemischen, welche physikalischen Effekte sie Her­vorrufen. Das neue Institut will alle diese Fragen klären, denn es isi in erster Linie Forschungsinstitut. Es ist freilich dann auch Lehranstalt, nicht nur für Studenten, sondern auch für Aerzte, die sich auf diesem Gebiet praktisch weiterbilden wollen. So gibt es in diesem seltsamen Haus Zimmer für ultraviolette und Zimmer für ultrarote Strahlen. Diese ultraroten Strahlen gehören ebenfalls zu den etwas vernachlässigten Forschungsgebieten. Hier besteht die Schwierigkeit der Beobachtung darin, daß diese Strahlen weder sichtbar sind, noch auch photographisch sichtbar gemacht werden können. Wir sind hier angewiesen auf Messung feinster Wärmeveränderungen oder Einflüsse auf elektrische Zellen.

Natürlich gibt es im Hause, auf dem Dach, eine richtige meteorologische Station, die Wind, Barometerdruck, Temperatur und Einstrahlung re­gistriert. Eine für die Großstadt besonders wichtige Beobachtungsreihe. Denn über solcher Riesenstadt liegt eine Dunstschicht von einem Kilo­meter und mehr Höhe, in der eine Reihe der lebenswichtigsten Strahlen absorbiert werden. Bringt man ein Kind unter sonst genau gleichen klima­tischen Bedingungeni an einen Ort außerhalb dieser Dunstschicht, so be­ginnt es sich schnell zu bräunen, unter der Wirksamkeit von Strahlen, die in der Stadt verschluckt waren. So macht man an allerhand geeig­neten farbigen Flüssigkeiten Ausbleichversuche, die in einen Parallelis- mus gebracht werden, zu entscheidenden Vitamin-Wirkungen unter Strahlungseinflüssen. Das Studium der Beziehung zwischen Vitaminen und Strahlen gehört natürlich ebenfalls in das Aufgabengebiet des Instituts. ..

Sehr interessant ist eine Strahlengattung, die nicht auf geroöfjmidK physikalische Art erzeugt wird, sondern biologischen Ursprungs ist. Diese Strahlen gehen von lebendigen Geweben aus, und zwar von solchen Geweben, die in Wachstum begriffen sind. Diese Strahlenart geht aus eine Entdeckung des russischen Gelehrten G u r e w i t s ch zurück. Sie eignet vor allem also allen embryonalen Geweben und zeigt sich an Pflanzenkeimlingen. So regt die von einem Zwiebelkeimling ausgehende Strahlung einen anderen unmittelbar nahe angebrachten zum tum an. Neue Perspektiven eröffnen sich, wenn wir hören, daß soW Strahlung auch ausgeht von dem wuchernden, also wachsenden Krebs­gewebe. Diese Vorgänge, die vielleicht neue therapeutische Wege öffnen, werden sorgsam erforscht werden. So steht zu hoffen, daß die Zu­sammenhänge zwischen Lebens- und Strahlungsvorgängen durch diese wunderbare neue Stätte wissenschaftlicher Spitzenforschung theorettM geklärt und praktisch ausgewertet werden.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.