„Was fällt Ihnen ein? Gut, wenn Sie mich zwingen." „Heraus damit!"
Muggenthaler warf den Kopf zurück.
„Der Notar kündigt Ihnen morgen am Tag."
Der Schreiber wechselte die Farbe.
„Das ist nicht möglich, Muggenthaler.'!
„Sie sagten's ja selbst, er hat Ihnen nicht zur Hochzeit gratuliert." „Allerdings."
Der Kleine lachte giftig.
„Da sollt' Ihnen doch ein Licht aufgehen, warum Sie Ihre Stelle verlieren."
„Kanaille!" schrie Schollas außer sich, „da stecken Sie dahinter."
Der Kleine erhob sich kreidebleich.
„Sie Flegel! Behandelt man so einen Gast? Gleich verlass' ich das Schandlokal!"
Sprach's und trippelte hinaus.
Der Notarschreiber sank auf einen Stuhl.
In diesem Augenblick wurde nebenan der Tanz unterbrochen. Der Buckelmüller gab ein Solo zum besten.
„Schönstes Schätzer!, laß dich herzen, Ich vergehe sonst vor Liebesschmerzen, Denn du weißt es gar zu wohl. Daß ich dich ewig lieben soll. Di — holdia ria — di Di — holdia ria — di Denn du weißt es gar zu wohl, Daß ich dich ewig lieben soll."
Stürmischer Beifall belohnte den Sänger.
Gleich darauf intonierte Herr Schaffmayer, der Klavierviutuose, einen Hopser, und die Paare drehten sich aufs neue.
5.
An einem letzten Oktobertage las man im Lokalblättchen folgende Anzeige:
Oeffentliche Vorträge.
Freitag, den 1. November, abends 8 Uhr, im kleinen Saal des Gasthofs „Zum Adler":
„Vortrag und Erklärung Goethefcher Gedichte." Jedermann ist willkommen.
Vollhardt.
Bereits eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit war das Sälchen im Adler gefüllt. Da sah man kleine Kaufleute, niedere Beamte, Handwerker und Arbeiter beisammen. Viele hatten ihre Frauen und Töchter mitgebracht, die meisten waren sonntäglich gekleidet. Vollhardt hatte die Bitte ausgesprochen, man möge vor Beginn und während der Dauer seiner Vorträge Rauchen und Trinken unterlassen. Daran wurde unverbrüchlich festgehalten. Er hatte sich seine Leute erzogen.
Das Wunderbarste war, daß er es zuwege gebracht, Sinn und Verständnis für die Meisterwerke unserer großen Dichter bei einer Klasse der Bevölkerung wachzurufen, der ästhetische Dinge bis dahin ferngelegen hatten. Er war dabei planmäßig zu Werk gegangen. Zuerst hatte er seinen Zuhörern vorgestellt, was man in der Schule lerne, reiche bei weitem nicht aus fürs Leben. Daher sei es Pflicht, sich fortzubilden. Unwissenheit und Unbildung seien eine Krankheit, gegen die man energisch zu Felde ziehen müsse. Ein Heilmittel seien gute Bücher. Die liefere die Freibibliothek. Nicht Geld allein, sondern auch Wissen verliehen den Menschen Einfluß und Macht. Volkswohlstand und Volksbildung gingen Hand in Hand. Ein gemeinsames Ziel müsse allen vor Augen schweben: sich zu geistig freien Menschen zu entwickeln. In diesem schönen Bestreben solle man sich verbrüdern. Torheit sei es, zu glauben, unsere großen Denker und Dichter Hütten nur für wenige Auserwählte geforscht und geschrieben. Ein jeglicher habe ein Anrecht darauf, an ihren Schöpfungen sich zu erbauen. Wem einmal die Augen aufgegangen, der greife nicht mehr zu den Schauerromanen, die die geldsüchtige Kolportage verbreite. Er lege sein Programm voll Zuversicht vor und lade zu reger Teil- nahnre ein.
Es war klar, daß in der Folge der Vorträge gar manches Wort, gar mancher Gedanke am Ohr der Leute vorüberglitt. Das hatte Vollhardt nicht anders erwartet. Desto größer war seine Befriedigung, als er die Zahl der Hörer von Abend zu Abend sich mehren sah. Damit hatte er den Spöttern und Zweiflern gegenüber den vollgültigen Beweis erbracht, daß auch in diesen Schichten der Bevölkerung ein Bildungsdrang vorhanden war. Den Trieb in die rechten Bahnen zu leiten, war nun sein eifriges Bemühen, und er war von der Ueberzeugung beseelt, eine wichtige, soziale Aufgabe zu erfüllen.
Der Spengler Klaus, der in der vordersten Reihe sah, gewahrte, sich umwendend, den Schreiner Strubel.
„Ei, ei, was seh' ich? Der Struwwelpeter!"
Der Schreiner schmunzelte.
„Ja, no, ich macht' halt auch was profentieren."
„Das ist recht. Pass' einmal acht, 's ist wunderschön."
„Letzt sagt's der Louis."
„Wo ist dann der heut?"
„Ei, der schafft droben ins Rabenaus. Und ist wahrscheinlich nicht fertig worden."
„Guck, Peter, ich hab' kein' Abend verbambelt. Da steckt steckt man zwischen seinem Blei und Zinn und gibt auf sonst nix keine Gedanken. Das ist falsch. Unsereins erfährt ja gar nicht, was es für großartige Menschen gibt."
„Das ist wahr."
„Wann man so den Vollhardt hört, wird einem der Kopf wie eine Latern'. Dadebei brauchst du nicht alles zu bedappeln. 's bleibt schon was hängen. Hernach schmeckt dir dein Dippchen noch einmal so gut.
Und denkst: nu weiß ich doch auch Bescheid und lauf' nicht herum liebe Vieh." —
roie’s
Hinter dem Schreiner Strubel nahmen der Larbcer Klingelhöfer unb der Bleicher Mulch Platz. Mulch hatte den letzten Vortrag versäumt und begehrte von seinem Nachbar zu wissen, um was es sich gehandelt bah, Der Barbier gab bereitwillig Auskunft.
„Er hat vom Goethe gesprochen. Weißt, von dem sie den Götz mit der eisernen Faust ins Schneiders Saal gespielt haben."
„Du Narr, ich werd' doch den Goethe kennen."
„Desto besser. Nu hat er von dem seinem Leben erzählt. Und was et all' geschrieben hat! Eine Masse. In der Freibibliothek steht's bei- einander '
„Hm, Hm!"
„Ich hab' so meine Gedanken gehabt. Was hat in dem Goethe seinen, Kopf all' gestocken! So was kommt nicht wieder vor. Heutzutag hört man an allen Ecken und Enden von Dicktuern und Gescheidigkeitskrämem. Geh' weg! Gegen den Goethe gehalten, sind sie dumm wie Schotenstrvh.'
„Das will ich glauben."
„Es heißt als, weil er sich unter den Fürstlichkeiten bewegen tat Hütt' er Katzenbuckel gemacht. Ich sag', er war ein Frankfurter. Und wa, ein echter Frankfurter ist, der macht ums Leben kein' Katzenbuckel."
„Und braucht's auch nicht. Dann da sitzt Geld."
„Nu ist der Vollhardt vorigesmal nicht fertig worden. Für eine Stund' war der Goethe ein bißchen viel. Heut liest er bloß Gedichte »ot. Und hat gemeint, das wär' fürs Gefühl."
„Dessentwegen sind soviel Weibsleut da."
„Kann sein." —
Im Hintergrund des Saals, wo die Frauen und Mädchen faßen, war die Unterhaltung besonders lebhaft.
„Du hast gut schwätzen, du stehst allein. Wann ich abends von bet Arbeit komm', hab' ich zu flicken und zu stopfen."
„Ich mach' mein Sach' abends auch in Ordnung. Dessentwegen (ei' ich doch. Und wann's elf drüber wird."
„Was liest du dann?"
„Ei no, was ich so vom Herr Vollhardt krieg'."
„Ich muß doch auch einmal zu ihm gehn."
„Früher ist als der Lllgeschmidt zu mir kommen. Der hat so hefte gehabt. Das Stück zehn Pfennig. Und war nix wie Mord und Totschlag drin, daß man nachts davon träumen tat."
„Ich hab' auch einmal was gelesen. Wie hieß dann das gleich? 3a so: Der Räubechauptmann von Leupoldsgrün/'
„Ich kenn's. Dem war nicht wohl, wann er nicht alle Wach' ein paar abgemurkst hast'."
„Akkurat so war's."
„No ich hab' einmal was vom Lllgeschmidt gehabt. Das hieß: Therese Kranes, die Volkssängerin von Wien. Und war sehr schön. Hab' alsfott geflennt."
„Das mag sein, aber guck, jetzt kosten ein' die Bücher doch nix. Nm daß man sie wieder abgeben muß."
„Und ist so kein gruselig Zeug."
„Horcht einmal da drüben!"
„Wie hat der Herr Pfarrer gesprochen?"
„Ich warne euch vor religionslosen Büchern. Wenn Ihr lesen mott, lest Gottes Wort."
„Wann war dann das?"
„Letzten Sonntag in der Ehristenlehr'."
„Das ist auf den Herr Vollhardt gemünzt."
„Der Pfarrer hat ein' Zorn auf den."
„Macht' wissen, warum?"
„Cj, weil er ihm ins Handwerk pfuscht."
„Was schwätzt du da für dummes Zeug?"
„Hält dann der Vollhardt etwa Kirch'?"
„Behüt', hier schläft feine ein!"
„Hab' acht! Die Gottlosen gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken."
„Das ist müßig Geschneubel."
„Ob zum Pfarrer, ob zum Vollhardt, das mag jedes halte«, wie's will."
„Ich geh zum Vollhardt und hoff' doch auf die ewige Seligkeit."
„Der Pfarrer ist kein Mann fllr die armen Leut'."
„Lebt in Herrlichkeit und Freuden."
„'s brotzelt bei ihm den ganzen Tag."
„Das gehört nicht hierher."
„Mußt du dein Maul in alles hängen?"
„Schweigt still!"!
„Was geht dann da vorne vor?"
Bei den Männern erhob sich ein Gelächter. Der lange Zut, dem der Schalk rittlings im Nacken sah, war als Hospitant erschienen und trieb allerlei Narrenspossen. Jetzt stellte er sich auf den Rednerstuhl und sprach mit vollendeter Komik: _ .,
„Geliebte Brüder und Schwestern! Laßt euch einmal angucken, a« beisammen. Wahrhaftig'n Gott, Rasen habt ihr, lang und kurz, dick und dünn. Aber zwei Finger breit drüber fehlt euch was. Um Hinunelswnlen, was wollt ihr hier? Offen und ehrlich, verdaut ihr denn, was der Schul- meister euch vorkauen tut? Ich sprech' nein, dreimal nein. Was Jolle« dec Kuh Muskate? Ihr seid fllr den Fortschritt und fallt aus oei Hintern!"
„Halt's Maul! 'naus!" unterbrach man ihn.
Der Lange aber rief mit dröhnender Stimme: .
„Geliebte Brüder und Schwestern! Ich kenn' inich in der Welt uns sieben Dörfern aus. Geschrieben steht: Lasset uns essen und trinken, den morgen sind wir tot. — ,Bier her, Bier her, oder ich fall' um!
Ein paar Männer sprangen auf und zogen den Spötter vom w herunter. ' (Fortsetzung stlgi^
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniverfitSts-Duch^ und Steinbruckerei, V. Lange, Giefte»


