Ausgabe 
10.5.1929
 
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Jagdausflug.

Von Richard Huelfenbeck.

Wir versammeln uns im South Africa=i)otel, der englisch« Major Wellington, ein deutscher Herr namens Schneider, Frau Generaldirektor Schub und ihre Tochter Pia, ein belanglos aussehendes Fräulein Schwarz und ich-

Der Agent, der erklärt, sehr beschästigt zu sein, übergibt uns dem Wohlwollen eines sehr dünnen langen Herrn, der sich auf scharfes Zu­reden als Mr. Hecht oorftellt. Er ist der Vertreter eines Konsortiums, welches den Passagieren derAnna" einen Jagdausflug vermittelt. Mr. Hecht, dessen rötlich durchscheinende Rase mich frappiert, garantiert für mehrere Antilopen, Krokodile, Affen usw. Ungefragt fügt er hinzu, cs sei in dieser Gegend auch schon ein Löwe vorgekommen. Als er dies s«gj, kratzt er sich in, Rücken, als ob ihm da ein Schauer herabliese. Fräulein' Schwarz erklärt plötzlich, sie gehe nicht mit, wenn es hier Löwen gäbe, ihr Billet habe nur auf Krokodile und Affen gelautet, inehr könnten ihre Nerven nicht ertragen. Der deutsche Herr meint, etwas Mut tue gut, wenn man einen Jagdausslug unternehme, aber gerade die Gefahr würze doch erst eine solche Sache. Fräulein Schwarz benchigt sich langsam. Die Stimmung wird wieder erregter, als der Agent und Herr Hecht die Gewehre verteilen. Pia nimmt eins und hängt es sich um den Hals; dann lacht sie laut und backfischhaft, macht einige Tanz­schritte. Frau Generaldirektor Schub, die weiß, was gute Sitte ist, ver­wehrt ihr ein solches Benehmen. Als Fräulein Schwarz ein Gewehr be­kommen soll, wird sie blaß, obwohl der Agent sagt, es handele sich nur inn eine Formalität. Mr. Hecht erklärt, wir würden dem Wild kaum o nahe kommen, daß es uns angreifen könne, aber besser sei besser. Wenn die Herrschaften es wünschten, würden wir die Barkasse überhaupt nicht verlassen.

Der Ruhigste von uns ist Mr. Wellington, er macht in seinen Knicker­bockers Schritt für Schritt das Gewehr auf dem Rücken, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an. Er denkt, ich habe bezahlt, dem Purser mein Geld auf den Tisch gelegt und damit basta ... jetzt sind die Burschen verpslichtet, etwas dafür zu leisten. Wir gehen zum Eli­sabeth-River, an einer Holzpier, die beim Stotz der Wellen heftig zittert, wartet die Barkasse. Zwei Schwarze in schmutzigeii Turbanen fassen an die Mütze, ziehen grinsend die Lippen hoch. Mr. Hecht ist den Damen behilflich, er sührt sie über den schmalen Holzsteg und weift ihnen ein Polster an. Fräulein Schwarz geht mit verhaltener Unruhe, das Gewehr baumelt ihr seltsam am Rücken. Als Mr. HechtLos!" sagt, wirft einer der Schwarzen den Motor an und wir gleiten auf den Fluß hinaus. Man steht von der Mitte des Stromes die flache Stadt, überfchaitet von einigen Euphorbien, losgelöst aus einer Bergkette. Das schmale Band des Uers wird noch dünner, endlich zum Strich. Die Barkasse schaukelt heftig, wenn der Wind die Wellen gegen die Bordwand klatscht.

Sehen Sie," sagt Mr. Hecht,das ist das Meer dort in der Rich­tung, gnädige Frau ... da müssen Sie noch einen Schornsteinzipfel von der Anna erwischen..." Wir recken uns di« Hüls« aus, aber wir können nichts sehen; Fräulein Schwarz bewegt merkwürdig die Nasen­flügel, sie sieht auf ihre Fußspitzen und hält den Lauf des Gewehres mit beiden Händen umklammert. Frau Generaldirektor Schub zieht mich ins Gespräch, st« sagt, ihr Mann habe es diesmal für gut gehalten, daß sie, statt wie üblich nach der Ostsee, eine kleine Erholungsreise nach Afrika unternehme. Die moderne Technik mache die Ausführung eines solchen Planes zu einem Vergnügen; selbst Pia, die an allem etwas auszusetzen habe, müsse das zugeben. Pia ist achtzehn Jahre alt, hat lange Giraffen­beine, rötliches Haar und eine leicht aufwärts gebogene Nase. Sie ist hübsch und frech, junge Herren behandelt sie aus Prinzip wie Ltistboys - deshalb habe ich niich bis jetzt von ihr zurückgehalten.

Dann hält Pia es für richtig, der Mutter zu sagen, sie habe Heim­weh.Heimweh?" Frau Schub ist entsetzt, denn sie weiß, daß Pia heult, wenn sie Heimweh hat. Wie kommt das, fragt sie sich. Pia hat doch vor einer halben Stunde noch laut gelacht. Und nun Heimweh? Hat ste sich den Magen verdorben, gestern an Bord zu lange getanzt? Man hätte unter der Glasveranda bleiben sollen. Wir fahren eins, zwei, drei Stunden, die Stadt ist längst verschwunden, an ihrer Stelle begleitet die Steppe das Schiff. Ich habe beobachtet, daß die Schwarzen seit .zwei Stunden nicht eine einzige Gefühlsäußerung in ihrem Gesicht sehen ließen, hin und wieder hebt einer die Hand, um eine Fliege, ein Mos­kito abzuwehren, sonst nichts. Sie sind aus Stein, aus Bronze. Dagegen wird Mr. Hecht immer lebhafter, er hat sich an den deutschen Herrn herangemacht, die beiden sind in vertrautem Gespräch. Mr. Hecht istda­bei, anzudeuten, daß der Agent eigentlich ein unfähiger Trunkenbold fei aber man müsse hier in der Wildnis die Leute nun mal so nehmen, wie sie Gott geschaffen habe. Herr Schneider begleitet diese Geständnisse mit einem dicken, gutmütigen Gesicht, greift an den Rand seines Tropenhelmes, legt ein Bein über das andere.

Fräulein Schwarz, in deren Haltung plötzlich etwas Wildentschlossenes gekommen zu sein fcheint, fällt es auf, wie lange die Fahrt dauert. «ie meint, der Kapitän habe gesagt, wir müßten um sechs Uhr zurück sein, weil er mit der Flut den Hasen verlassen wolle. Mr. Hecht beruhigt sie und sagt hetont, er übernehme für alle Einzelheiten des Unternehmens die Verantwortung.

Wir beobachten die Ufer genau. Einzelne Agaven, Palmen. Die be­waldete Gebirgskette leuchtet blau herüber.Gibt es dort im Gebirge Elefanten?" fragt jemand.Und ob", sagt Mr. Hecht.Im vorigen Jahre hat ein junger Mann aus der Companieoffice dort einen ausgewachsenen Bullen geschossen, zwanzig Leute mußten die Hauer herunter in die Stadt schleppen das war keine leichte Arbeit."

Nach einer weiteren Stunde Fahrt gestehen wir uns, daß die Unter­nehmung zwar schön, aber eintönig ist. Mr. Hecht schnaubt sich in ein rotgeblümtes Taschentuch, das klingt fast magisch, hier im Innern Afrikas.

»Da! Da!" schreit Herr Schneider,eine Antilope..." Als wir näher kommen, ist es eine verlassene Negerhütte. Ueberhaupt läßt das

Wild auf sich warten, wir sind darüber etwas erbittert, aber w!r wagm es dem selbstsicheren Herrn Hecht noch nicht zu sagen. Pia beginnt leise vor sich hin zu schluchzen, sie hat Heimweh, es ist nichts zu machen. Frau Schub und Mr. Wellington, der ein Kavalier ist vom Scheitel bis zur Sohle, versuchen sie zu trösten. Einmal sieht es aus, als hätten sie Er­folg, aber dann werden sie 'von Pia angefaucht, daß sie entsetzt in ihre Bootsecken znrückfliegen. Je trostloser Pias Weinen wird, desto unruhiger wird Mr. Hecht. Ich höre, wie er sagt, er könne alles ertragen, nur nicht das Weinen einer Frau. Einmal habe er dabei solchen Erregungsansall bekommen, daß er das Ouen tief in die Billarddecke gerannt habe.Wie ein Torero" sage ich, um auch einmal zu Wort zu kommen. Mr. Hecht schaut.mich ungemütlich an.

Run ist es klar: das Wild, das uns so großartig versprochen war, erscheint nicht. In einer halben Stunde müssen wir umkehren, und wir hoben noch nicht den Schwanz eines Affen gesehen. Die Stimmung gegen Mr. Hecht verdichtet sich zu lautem Unmut. Pia schluchzt herzzerbrechend. Fräulein Schwarz sitzt weiterhin wie eine Stulue, das Gewehr zwischen die Knie geklemmt.

Dann gibt Hecht den Schwarzen Anweisung, ans User zu fahren, wir zmäiigen uns zwischen Mangrovewurzeln durch.Hier ist die Stelle, wo die Krokodile zu laichen pflegen..." Mr. Wellington bricht in schal- lends Gelächter aus.Wir nennen das hier laichen," sagt Hecht,es kommt ja auf Worte nicht an wir sind nicht wiffenfchasttich gebildet."

Als wir alle an Land geklettert find, windet sich eine kleine Schlange unter einem Stein her.Eine junge Kobra, um Gotteswillen", fagt Hecht. Das ist eine Blindschleiche" meint Wellington.Es ist merkwürdig, dah Sie alles besser roiffen..." Wellington sagt ruhig:Ich habe simsund- zmanzig Jahre unter dem Aequator gewohnt." Daraufhin wird Hecht sichtbar bleich, selbst die rötliche Nase versärbt sich. Herr Schneider nimmt seinen Kodak und photographiert die Blindschleiche.

Da es hier kein Wild gibt," sagt Wellington mit einer unheimlichen Ruhe,wollen wir wieder nach House fahren."Warten Sie noch ein wenig", meint Hecht unsicher.Nein wir warten nicht mehr/ schreien wir,der Kapitän fährt ohne uns ab..." ..

Als wir in dos Boot zurückklettern, geschieht ein Ungaick, Fräulein Schwarz fällt ins Wasser, sie steht hilflos bis an die Brust im modrigen Schlamm. Wir ziehen sie heraus, entwinden ihr das Gewehr und betten sie auf die Bootsbank. Das Fräulein hat die Augen geschlossen, liegt da wie eine Leiche. Pia beginnt wieder zu weinen. Die Situation ist sehr ungemütlich geworden, zumal ein Wind die Schaumspritzer aus unsere Anzüge fetzt und uns schnell durchläßt. Hecht hat sich ganz in die «teuer- ecke zurückgezogen und spricht nichts mehr.

Ich sitze bei Fräulein Schwarz, sie flüstert leite vor sich hm, ich suche zu erfahren, ob ich ihr noch behilflich sein kann. Sie sagt mir, ich mochte ihr an Bord gleich den Schiffsarzt in die Kabine schicken, sie leide so sehr an Schlaflosigkeit. Herr Schneider, der Gute, erinnert Jid), daß er eine kleine Flasche Kognak in seinem Mantel mitnahm. Er bietet bereit» R als wir die Schornsteinspitzen derAnna" sehen, einigen wir, ums barauf, daß wir wenigstens ein halbes Dutzend Krokodile, eine Herde Kudus >ind zahllose Assen beobachtet haben.

Kinder des Volks.

Von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Muggenthaler, wo bleiben Sie?" .

Der Kleine wischte sick) den Schweiß von der tottrn.

Hab' bis in die Rächt hinein sd)assen müssen. Dann hab ich mich umgezogen und bin im Trab hierher gerannt."

'Was gab's denn?" . ~ t, ,

"(Ein Haufen Arbeit. Zuguterletzt noch eine eilige Testaments­errichtung."

Wer?"

Der Bäcker Spieß."

Hab's auch dem Notar gesagt: aus die Dauer zwing ich's nicht allein."

Schollas horchte auf.

Allein? Ja, bin ich denn nicht da?

Der Kleine kniff fein linkes Auge vollends zusammen Und hielte:

Sprechen wir heut nidjt mehr davon."

Schollas führte den Kollegen ins Nebenzimmer und bewirtete ihn mit Wein und Backwerk. Don einer bangen Ahnung getrieben, forschte er weiter: ,

Muggenthaler, was haben Sie auf der Pfanne?

Ich? Nichts!" versetzte der Kleine.

Man sah ihm an, daß er log.

Mit Ihrer Geheimniskrämerei! sagte Schollas erregt.Reden «sie voll der Leber weg."

Muggenthaler hob lächelnd uas gesullte Glas.

Kolleg', ich weiß dock) wohl, was sich an Ihrem Hochzeitstag schickt.

Sie sollen leben und Ihre Frau Liebste daneben!"

Ohne ihm Bescheid zu tun, brachte der Hochzeiter stockend heraus;

Der Notar hat es nicht für nötig gehalten, mir zu gratulieren.

Der Kleine wiegte den Kopf hin und her.

So, so!"

Hat er Ihnen gegenüber etwas geäußert? '

Sprechen wir heut nicht mehr davon."

Schollas sprang auf.

Die Wahrheit, Muggenthaleri"

Dieser wich aus.

Ich bitt' Sie, hier ist bei Gott nicht der Ort."

Die Wahrheit, Heuchler!" donnerte Schollas.

Der kleine Mann tat sehr verletzt.