Ausgabe 
10.5.1929
 
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r .Mieviel wollen Sie denn haben, Herr Doktor?"

Kommt darauf an, wie teuer er ist", sage ich noch. Da bleibt der Imker plötzlich stehen, mit einem so sonderbaren Ruck, daß ich selbst mich erschreckt oder neugierig umschauen mutz. Der Weg hat einen Durchblick zum Fluh, schmal, ich mutz mich schon dicht hinter Sell stellen. Ich gerade fast ins Lachen, wie ich seinem Blick folge: In einem kleinen geteerten Kahn, der wohl einst als Fähre benutzt wurde, sehe ich da zinten meinen jungen Freund, den Windhund, den Studenten. Und wer taucht hinter ihm aus dem Busch? Natürlich niemand anders als Jörgen Reimers Tochter, die den ganzen Tag vom Hof nach unserer Kate her­über sang.

Jörgen Reimers Tochter? Im gleichen Augenblick schietzt mir das letzte Gerücht blitzschnell durch den Kopf. Aber wenn das stimmt, wäre sie ja Reimers Tochter nicht, wäre sie der Grund, warum dieser Mann zwei Jahre schwieg, wäre ste

Und plötzlich, fast hätte ich es erwartet, sehe ich, wie der Alte, die Augen rot unterlaufen, einen Stein aufhebt. Ich packe mit beiden Hän­den seinen Arm.Was wollen Sie tun, Sell?"

Er sieht schlimm zu mir hoch:Was ist das für einer, was will er von ihr?"

Laß ihn, Sell, latz die beiden doch. Das ist ein ehrlicher Jung, ich kenne ihn." Und weil ich spüre, daß er mir nicht glaubt, füge ich flüsternd hinzu,ich glaube, das ist schon ein Brautpaar."

Der Imker ist so überrascht, der Stein fällt zu Boden.

Halloh", schreie ich zum Fluh hinunter, um die zwei austnerksam zu machen.

Die Beern da," sagt Sell und wendet sich rasch, ich merke wie ein Zittern ihn überläuft,da soll keiner mit spielen." Fast hilsesuchend sieht er mich an, aus einer wunderlich fremden Liebe.

Der Junge ist ein guter Freund," erkläre ich ihm noch,und ein tüchtiger Bauer, sollst mal sehen, was er aus dem alten Hose macht."

äft das so?" stottert Sell erlöst.

Bon berühmten Blinden.

Bon Oskar Baum.

Einst kam eine Generalsgattin zum Direktor einer Blindenanstalt und bat ihn, für ihren erblindeten Gemahl eine anregende Beschäftigung yussindig zu machen. Er riet, der alte Herr möchte doch aus einem präpa- flerten Brett Schach spielen, die Punktschrift lernen ober mit der so geist­voll konstruierten Taylorschen Rechentafel Mathematik treiben.Ja, ja," meinte die Dame,aber da würde er merken, daß er blind ist. Das geht doch nicht!"

Diese Angst vor dem Worteblind" ist wohl der bezeichnendste Aus­druck für die Ansicht, die auch in den gebildetsten Kreisen allerorten über den Blinden verbreitet ist. Einen jammervollen, hilflosen Menschen stellt man sich vor, der, in seine Dunkelheit wie in ein Gefängnis etn- geschlossen, nur Klagen oder Bitten an die Außenwelt gelangen läßt, träge und freudlos fein Leben hinschleppt, sich und seiner Umgebung ^UnbSod) gab es im Kulturleben aller Völker Blinde genug, die sich zu den höchsten Stufen der Ehre und des Ansehens emporarbeiteten, und durch Bedeutung und Wert ihrer Leistungen ihr Volk, die ganze Menschheit zu Dank verpflichteten und so auf weithin sichtbare Weise bewiesen, was innere Kraft gegen nutzere Beschränkung, gesammelter geistiger Wille gegen physische Hindernisse vermag.

Fawcett, seit dem einundzwanzigsten Jahre ohne Augenlicht, ein bedeutender Fachschriststeller und Parlamentarier, wurde 1880 von Gladstone zum Generalpostmeister von England ernannt, zum Mi­nister in unterem Sinne. Es ist kaum zu begreifen, wie ein so modernes, verwickeltes Verkehrsleben wie das Englands von einem Blinden ge­leitet werden konnte, und Fawcetts Amtszeit gilt allgemein für eine glückliche, an Reformen reiche. Schon als Student in Cambridge zeich­nete er sich durch besondere mathematische Begabung aus und erhielt mehrere Preise. Während einer Jagd traf ihn ein Schrotkorn aus seines eigenen Vaters Büchse ins Auge, wodurch er gänzlich erblindete. Nichts­destoweniger setzte er seine Studien fort und war auch literarisch tätig. Rach Verössentlichung eines großen nationalökonomischen Werkes Manual of political economy wurde er an die Universität Cambridge als Professor für Nationalökonomie berufen. Einige seiner bedeutendsten Schriften wurden auch ins Deutsche übersetzt. Er war mit Frau Garret Millieont, einer der hervorragendsten Führerinnen der englischen Frauen­bewegung, sehr glücklich verheiratet.

Einen interessanten, fast abenteuerlichen Lebensgang hatte ein Un­gar, Gabriel v. Hertelendy. Als Advokatenjohn in Budapest 1800 geboren, im zwölften Jahre erblindet, in der Wiener Blindenanstalt er­zogen, zeigte er eine besondere Begabung für mechanische Arbeiten, er­fand 1836 eine Maschine zum Bohren artesischer Brunnen, die vielsach Anerkennung fand, und übersetzte als erster Homer ins Ungarische. Nachdem er in verschiedenen Städten als Blindenlehrer tätig gewesen war, ging er zur Vorführung seiner Bohrmaschine nach Wien, später nach Triest und Venedig. Er erhielt sich zum Teil durch Unterricht, teils durch Ausbessern von Uhren und anderen Maschinen. 1838 war er Lehrer an der Blindenanstalt in Padua, blieb aber auch hier nicht lange, sondern kehrte nach Wien zurück, wo er alle Geldmittel flüssig machte, um eine größere Reise zu unternehmen. In Hannover unterrichtete er den er­blindeten Kronprinzen Georg in verschiedenen Handgriffen und mecha­nischen Arbeiten, wofür ihm der dankbare Schüler ein Ehrengehalt aus­setzte. Er war aber von so aufrechtem männlichen Stolz und Ehrgeiz, daß er aus dies Ehrengehalt sofort verzichtete, als er zufällig die Aeuße- rung eines Beamten hörte, sein Gehalt sei eine überflüssige Staatsaus­gabe. Er ging nach Paris. Im dortigen Blindeninstitut errichtete er die damals noch nicht eingeführte Tischlerei. Aber auch hier duldete es ihn nicht lange. In Italien verheiratete er sich und endete sein reichbe­wegtes Geben in der Heimat in Not.

Ein genialer Kopf war der mit drei Jahren erblindete Udelrich Schönberger (1601 bis 1648), ein berühmter Lehrer der Philosophie

"an der Königsberger Universität, der, obwohl er erst mit zwölf Jahren als Gärtnersjohn in die Dorfschule geschickt wurde, noch in jungen Jahren an der Leipziger Universität den gradus magistri erwarb, sieben Spra­chen beherrschte und lehrte, und erfahren in Mathematik, Musik unb Mechanik war. Der Ruhm seiner Begabung, die Simon D a ch in einem gelehrten Gedicht verherrlichte, lieh sagenhafte Gerüchte um ihn ent­stehen, die heute noch als beglaubigte Tatsachen in wissenschaftlichen Nachschlagewerken berichtet werden, wie: er habe so geschickt aus Flinten geschossen und das Ziel so sicher getroffen, daß er anderen, die sich bet besten Augen erfreuten, oft den Siegespreis entriß. Auch soll er die Farben durch Tastsinn unterschieden haben, was auch anderen berühmten Blinden der früheren Jahrhunderte nachgesagt wird. Auf seinem Ehren­grab in der Regensbürger Kathedrale steht die Inschrift: Schoenbergerus hic est, qui lu mine captus utroque, Argos philosophus peciore inille tulit. (Hier ruht Schönberger, der, obwohl beider Augen beraubt, als Gelehrter tausend Augen in seiner Brust trug.)

Der als Jüngling erblindete Schweizer Franz Huber aus bet zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich von Jugend auf mit der Natur, den Eigenschaften und Verrichtungen der Bienen und brachte es darin so weit, daß er neue Erfahrungen und Entdeckungen machte. Z. B., daß die Befruchtung der Bienenkönigin nicht in dem Stocke, son­dern hoch in der Luft vor sich gehe. Seiner sehr glücklichen Ehe mit bet schönen Slimer Bullin tut Voltaire an mehreren Stellen in seinen Werken Erwähnung. Sie machte selbst auch Beobachtungen in dem Lieblings- fache ihres Mannes und unterstützte ihn in feinem Studium..

Einen merkwürdigen Weg zur Wissenschaft sand ein blinder Gänse- junge Jakob aus Netra, einem hessischen Dorf, um 1750. Damals gab es natürlich noch keine Blindenschule und noch weniger eine Blinden­schrift. Er besuchte die Ortsschule, um wenigstens das Wort Gottes zu hören; sonst war er den Hütern der Gänse beigegeben, um da zu Helsen und wenigstens etwas zu verdienen. In der Muße dieser beschäftigungs­losen Stunden sann er auf Mittel, die es ihm ermöglichen könnten, wie die anderen Kinder zu lesen und auswendig zu lernen. Er versuchte, mit seinem Messer in Stäbchen von Holz, eigens ausgedachte Bezeichnungen für Worte zu schneiden, die er jederzeit wiedererkennen, aussprechen und wie wir sagen lesen konnte. Dies glückte ihm, und als er einige Uebung darin hatte, mutzten ihm die Jungen aus ihren Büchern ver­lesen; er schnitzte die Worte und lernte auf diese Weise, was in der Schule vorgenommen wurde. Es erregte, wie begreiflich, Aufsehen; er wurde beim Unterricht adliger Kinder zugezogen und der Pfarrer lehrte ihn Latein, das er, wie es heitzt, gleich einer lebendigen Sprache beherrschte. Wo et einen seiner Schulkameraden bewegen konnte, ihm etwas vor- Ön, versäumte er es nicht. Da satz er denn und schrieb mit seinem r hurtig und unermüdlich auf den hölzernen Stäben mit. Die Stäbe waren etwa fingerdick und eine Elle lang, und an den Seiten mit den ihm verständlichen Zeichen bedeckt. Auf diese Art hatte sich Jakob eine ganze Bibliothek angelegt. Die Stäbe wurden mit Nummern ver­sehen, zu Bündeln zusammengestellt, und auch diese wieder entsprechend bezeichnet. Außer ihm konnte niemand die Schrift lesen, da er nichts wörtlich niederschrieb, sondern nur den Sinn der Rede in sehr knapper Form. Diese hatte er sich auch in seiner Ausdrucksweise angewöhnt, so daß fein Vortrag schwer zu verstehen war. Jakob versuchte sich als Lehrer der Mathematik und war auch als Arzt tätig. Die von ihm benützten Arzneiflaschen hatte er zur Unterscheidung mit gekerbten Hölz­chen versehen. Seiner Bibliothek ging es wie der Alexandrinischen: die Leute, bei denen er sie eingestellt hatte, heizten die Stube damit. Jakob hatte außerordentlich viel Phantasie; über ein ihm gegebenes Thema konnte er eine lange, oft märchenhafte Erzählung ausfpinnen. Er hatte außerordentliche Kenntnisse. Sogt man doch von ihm, daß es keinen Ort auf Erden, keine Begebenheit in der Geschichte von einigem Be­lang gegeben habe, die ihm nicht bekannt gewesen wäre. Er starb 1771.

Sogar einen bedeutenden blinden Bildhauer gab es: Vida l, 1832 zu Slimes in Frankreich geboren. Er kam als Knabe nach Paris, um sich der Kunst zu widmen und studierte im Atelier des berühmten Baryt. Seine Ausbildung konnte als vollendet betrachtet werden, als« im zwelundzwanzigsten Jahre infolge schwarzen Stars unheilbar und fast vollständig erblindete. Dies Mißgeschick beeinträchtigte jedoch seine Ideen und Entwürfe durchaus nicht, und als er im 23. Lebensjahr völlig erblindet war, hatten sich feine Hände an die Arbeit ohne Sehen gewohnt, so daß er dennoch Bildhauer zu bleiben beschloß. In seinem Gedächtnis waren die durch das frühere Sehen empfangenen Eindrücke treulich er­halten, und da er jetzt nicht mehr mit dem Auge vergleichen konnte, studierte er eingehend mit den Händen. Kein Minder entwickelte solche Denktätigkeit beim Betasten wie Vidal; bewundernswürdig, wie er Die Einheit der Form aus dem Summieren der Teilberührungen auszu­fassen, ja zu genießen vermochte. Er besuchte Menagerien, befragte -bter- bändiger, ja," er trat sogar mit ihnen in den Käfig der wilden Tim. Die früher betriebenen naturwissenschaftlichen Studien kamen ihm M sehr zugute, denn er beobachtete genau die einzelnen Organe, das epm der Muskeln, um alle Verhältnisse und Stellungen wahrheitsgetreu wie­dergeben zu können. Er ließ sich auch Photographien cnsfdmetben, um diese Silhouette zu besühlen. Seine Ausdauer war von reichern; W« belohnt. Seine Werke er war, wie sein Lehrer, ausschließlich biwhauer wurden wiederholt in Paris ausgestellt und mit verdien!- Medaillen ausgezeichnet. Da man nicht glauben wollte, er habe Blinder diese Dinge geformt, kam eine Kommission in sein Atelier, u ihn arbeiten zu sehen. Er starb 1892.

So könnte ich noch viele aussühren, die trotz ihres Mangels a g- meine Geltung errangen, ohne daß sie hierdurch die Meinung über Blinden in der Wett dauernd beeinflußt hätten. Es ist allerdings 1 das rechte Verfahren, an den auserwählten, gleichsam über Das gewachfenen Vertretern, die Fähigkeiten und Anlagen einer schäft, eines Volkes, einer Menschengattung zu beurteilen. Muyt oe zelnen, die Menge müssen wir beobachten, wollen wir eine gern fl Uebersicht gewinnen.