Ausgabe 
10.5.1929
 
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GiehenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1929 Zreitag, den MMäi

Das Wörtlern.

Von Christian M o r g e n st e r n.

Kürzlich kam ein Wort zu mir, staubig wie ein Wedel, wirr das Haar, das Auge stier, doch von Bildung edel.

Als ich, wie es hieße, frug, sprach es leise:Herzlich". Und aus seinem Munde schlug eine Lache schmerzlich.

Wertlos ward ich ganz und gar, rief's, ein Spiel der Spiele, Modewort mit Haut und Haar, Kaviar für zu viele.

Doch ich wusch's und bot ihm Wein, gab ihm wieder Würde, und belud ein Brieslein fein mit der leichten Bürde.

Schlafend hat's die ganze Nacht weit weg reisen müssen.

Als es morgens aufgewacht, kam ein Mund, es küssen.

Der Imker.

Von Hans Friedrich B l u n ck.

Ich habe einen jungen Freund zu Besuch auf Meiner Sonuuerkate. Er sieht aus, als könnte er Gedichte schreiben, aber er ist nur ein ge­wöhnlicher Student, hat es erst bei der Juristerei versucht, und als die ihm nicht gefiel, sich bei den Landwirtschaftlern einschreiben lassen. Nun haust er in den Ferien hier draußen und weiß viel von Blumen und neuer Obstzucht; ich hörte ihm mit der leichten Ueberlegenheit des Alt­erfahrenen zu und weiß doch, es ist nichts von all dem verloren, was er an Betrachtungen aufbringt.Junge, probier es selbst aus", rede ich ihm oft zu; er hat jedoch kein Geld, kein Gut. Er glaubt vielleicht ein­mal meine Kate pachten zu können, aber die paar Morgen tun es auch nicht. Zudem, warum soll er gerade bei mir seine Schulzucht versuchen, wo ich meinen Garten so herrlich wild habe wachsen lassen.

Wo gehen Sie hin?" fragt er mich heute, als ich ihnr wieder ein­mal erklärt hatte, daß seine graben Beete nicht zwischen meine Bäume passen. Ich stoße mit dem Stock auf.In die Wildnis", sage ich noch halb im Zorn. Um den Bach herum liegt ungepflegtes Gebüsch, da sitze ich am liebsten und erhole mich.Kommst du mit?"

Nein, er hat keine Zeit, er hat etwas vor, er will ins Dorf oder dergleichen, aber ich habe so meinen Verdacht. Er hat seit einigen Tagen öfter das Bedürfnis, sich von dem alten Jörgen Reimers durch die Kuh- ställe führen zu lassen. Jörgen Reimers ist ein altes Faultier von Bauer, der den guten Stand seines großen, mir benachbarten Hofes feiner sehr tüchtigen Frau verdankt. Aber Jürgen Reimers ist sehr stolz, daß der Student seine Kühe besieht, er ist sehr stolz, wenn er erzählen kann: Vor fünfundzwanzig Jahren, als ich noch so jung war wie du" Er merkt gar nicht, daß mein junger Freund seine Wirtschaft für veraltet und oberflächlich hält und daß er gar nicht wegen der gefüllten Ställe kommt, sondern, wie ich vermute, wegen der jungen Mieke Reimers, leiner Tochter, die so frisch und hübsch ist, wie man sie nie dem alten Gesellen zutraut. Als wir am Sonntag im Dorf waren, um uns das mngreiten anzusehen, hat mein Taugenichts von Freund denn auch mit allen großen Bauerntöchtern getanzt, aber mindestens siebenmal mit Mieke Reimers.

Ich muß also allein in meine Wildnis gehen. Ich mache einen Um- meg, ich trotte über die Brücke mitten im Dorf, um nicht über den Nachbarhof zu müssen und schlendere auf der andern Seite den kleinen Fluh hinauf, bis ich da bin, wo er zwischen Steinen und altem Gletscher­land einen kühnen Bogen schlägt, der von Buchen und Wildkirschen, von Eschen und Schlehen und Brombeergebüsch fast überwachsen ist.

Che ich mich indes auf meinen heimlichen Lauerplatz begebe, wo die l »"»gel vorüberlaufen, will ich doch noch beim alten Imker Sell Honig Wetten. Der alte Sell, eigenttich Zimmermann und Rutengänger, der I>ch hier oben feinen Bienenschauer einrichtete, zimmert schon seit langem nicht mehr, sie bohren sich ihre Brunnen, wo sie sie haben wollen und

wenn sie sechzig Fuß tief schachten müssen. Schließlich ist das Bienenvolk für solch alten Eingänger wie Sell auch die umgänglichste Gesellschaft. Ich habe wohl ein Jahr lang drüben auf meiner Kate gesessen, ehe ich diesen einsamen Menschen überhaupt entdeckte, und was man bann so gier und dort im Dorf über ihn hörte, trug nicht immer dazu bei, ihn grabe zum Freunb zu wünschen.

Ich klopfe also an bie Tür ber Kate, bie auf der Landzunge just über meinem Wildbusch liegt. Niemand öffnet, nur ber Hund überschlägt sich wie rasend an seiner Kette. Ich gehe deshalb weiter und tue zwischen Stockrosen und Dach einen Blick ins Fenster. Vauernstühle hat Sell, die ich verwünscht gern erworben hätte. Schöne, alte geschnitzte Muster, 1832, 34, 36, steht darauf eingegraben; immer wenn damals einer der Sell erwachsen war, hat man einen Stuhl für ihn schnitzen lassen. Acht Stühle stehen da, es ist damals eine große Sippe gewesen. Was will der Imker noch mit acht Stühlen? Aber er gibt keinen ab. Ich möchte ihm überhaupt gern dies ober das stehlen, ich habe mir das Bord, das zwei Hand breit unter der Decke um bie Stube läuft, gemerkt unb habe etwas Aehnliches in meine Kate eingebaut, ich versuche bie gemalten Muster, bie bie Decke entlanglaufen, zu behalten unb wieberhole sie mit meinem Farbentopf. Ich habe ben Alten ohne rechte Gegenliebe gern, wie man meist biefen alten eigensinnigen Tröpfen halb aus (Erbarmen, halb aus Bewunberung, eine bumme Vorliebe entgegenbringt.

Hinzukommt, baß bei Sell noch so eine Geschichte mitspielt, bie ich auch nicht recht finbe, unb bie boch Einbruck macht. Als er schon in gutem Mannesalter war, ein Zimmermann in allen Gassen, erzählen bie älteren Leute im Dorf, hat es ihn einmal bös getroffen, haben sie ihn wegen einer Wegelagerei mit ein paar anbern nach ber Stadt ge­bracht. Es war wohl mehr eine nächtliche Schlägerei zwischen Holz­arbeitern und Maurern gewesen, bei der er dabei gewesen sein sollte. Die Geschichte ist zwanzig Jahre her, aber sie wurde in der Stadt böse angesehen, weil dem Maurer damals sein Geld genommen war und einer von den Leuten zeitlebens gelähmt blieb. Sell hat nie zugegeben, daß er dabei gewesen fei, aber er hat auch nicht beweisen können, wo er in jener Nacht gesteckt hatte. Und weil ihn zwei von den Ueberfallenen gesehen haben wollten, wurde er mit verurteilt. Zwei Jahre ist er fort- geblieben. Dann, als er wiederkam, war er ein anderer. Er kaufte die kleine Kate in ber Flußfchlinge, zimmerte nicht mehr, sonbern imkert seit zwanzig Jahren, gemieben vom Dorf, wo er jebem ber Bauern gern einen Schabernack spielt, unb gerade auskömmlich lebend von dem Honig, ben ihm seine Tiere zubringcn. Aber immer einsam, sehr einsam.

Ich klopfe an bie Fensterscheibe, ich laufe um die Kate herum, ich finde Sell nicht. Ich muß wohl schon zu den beiden Bienenschauern, ob­gleich ich immer etwas Angst vor diesen summenden Schwärmen habe.

Ob Sell übrigens in jener Rächt dabei gewesen ist? Ich hörte kürz­lich so ein Gerede, bas beschäftigt mich all diese Tage. Da ist jemand, der sagte mir, Sell hätte wohl eine Entlastungszeugin nennen können, bie zwei Jahre wären unnötig gewesen. Aber er hat sie nicht angeben wollen unb bas Mäbchen selbst hat wohl auch nicht den Mut bazu ge­habt. Sie war bamals schon mit Jörgen Reimers verlobt, sie hat ihn bann auch geheiratet. Als Sell nach seiner Gefängnisstrafe wieder ins Dorf kam, war alles längst feinen Gang gegangen. Jörgen Reimers unb feine Frau wohnten auf dem alten Rachbarhof, ein Mädchen wurde ihnen bald geboren, es ist bas einzige geblieben. Die Frau arbeitete den Hof hoch, sie arbeitete, als wenn ber Teufel hinter ihr her wäre. Sell kaufte bie Kate gegenüber, aber bas habe ich ja schon erzählt.

Die Bienen fliegen zahlreicher um mich, ich suche meine Ruhe zu bewahren. Wenn man erst nach einer schlägt, ist es ärger als zuvor.

Vor mir hebt sich bie Schuppenwaiid, in einem Geviert gegen bie Winde gebaut, in dessen Innern die Körbe stehen. Es summt mir schon von weitem in ben Ohren.Sell", rufe ich. Ein wüstes Bartgesicht, halb in Pfeifengualm gehüllt, lugt um die Ecke, ein riesiger Handschuh winkt. Kommen Sie man, Herr Doktor!"

Ich darf ja nun nicht feig erscheinen. Mit hochgezogenen Brauen, die Hände in ben Taschen versteckt, den Kragen hochgestülpt, wage ich mich bis zum Eingang. Sell hebt gleich prahlend einen der beiden Körbe hoch, in dem sich, wie ein brauner gärender Teig ein zahlloses Volk be­wegt. Ich suche mich im Schutz des Pfeifengualms zu halten, sehe beim zweiten Korb, wie bie armen Drohnen just in dicken Streifen aus den Schlupflöchern herausgestoßen werden, gepeinigt für ein Leben, das ihnen boch nun einmal fo bestimmt war, roütenb verfolgt von den feigen Arbeiterinnen, die ihnen, wo sie sich halb ohnmächtig über die Erde schleppen, noch einen wütenden Stich nach dem andern beibringen.

Ich habe etwas gegen die Bienen um diese Zeit, ich winke Sell, um in ber Kate mit ihm zu verhandeln, ich bin froh, daß bi« letzte Biene, einigermaßen beruhigt über meine Harmlosigkeit, hinter uns bleibt.Was kostet benn der Honig in diesem Jahr, Herr Sell?" Der Alte will sich noch nicht gleich festlegen. Er denkt nach unb' rechnet, während er tut, als begleitete er mich höflich zum Weg zurück.