Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche UniverfitätS-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Sieben.

Ihr merkt wohl, höchst geneigte und sehr vortreffliche Zuhörer, daß Nußknacker schon früher, als er wirklich lebendig worden, alles Liebe und Gute, was ihm Marie etü. 0,e, recht deutlich fühlte, und daß er nur des­halb, weil er Marten so gar gut worden, auch nicht einmal ein Band von Mamsell Klärchen annehmen und tragen wollte, unerachtet es sehr glänzte und sehr hübsch aussah. Der treue gute Nußknacker putzte sich lieber mit Mariens schlichtem Bändchen.

Aber wie wird es nun weiter werden? Sowie Nußknacker hcrab- springt, geht auch das Quieken und Piepen wieder los. Ach, unter dem großen Tische halten ja die fatalen Rotten unzähliger Mäuse, und über alle ragt die abscheuliche Maus mit den sieben Köpfen hervor! Wie wird das nun werden?

Die Schlacht.

Schlagt den Generalmarsch, getreuer Vasalle Tambour!" schrie Nuß­knacker sehr laut, und sogleich fing der Tambour an, auf die künstlichste Weise zu wirbeln, daß die Fenster des Glasschranks zitterten und dröhnten. Nun krackte und klapperte es drinnen, und Marie wurde gewahr, daß die Deckel sämtlicher Schachteln, worin Fritzens Armee einquartiert war, mit Gewalt auf- und die Soldaten heraus und herab ins unterste Fach spran­gen, dort sich aber in blanken Rotten sammelten. Nußknacker lief auf und nieder, begeisterte Worte zu den Truppen sprechend.Kein Hund von Trompeter regt und rührt sich!" schrie Nußknacker erbost, wandte sich aber dann schnell zum Pantalon, der, etwas blaß geworden, mit dem langen Kinn sehr wackelte, und sprach feierlich:General, ich kenne Ihren Mut und Ihre Erfahrung; hier gilt's schnellen Ueberblick und Benutzung des Moments ich vertraue Ihnen das Kommando sämtlicher Kavallerie und Artillerie an ein Pferd brauchen Sie nicht. Sie haben sehr lange Beine und galoppieren damit leidlich. Tun Sie jetzt, was Ihres Be­rufs ist!" Sogleich drückte Pantalon die dürren langen Fingerchen an den Mund und krähte so durchdringend, daß es klang, als würden hundert Helle Trompetlein lustig geblasen. Da ging es im Schrank an ein Wiehern und Stampfen, und siehe, Fritzens Kürassiere und Dragoner, vor allen Dingen aber die neuen glänzenden Husaren rückten aus und hielten bald unten auf dem Fußboden. Nun defilierte Regiment auf Regiment mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel bei Nußknacker vorüber und stellte sich in breiter Reihe quer über den Boden des Zimmers. Aber vor ihnen her fuhren raffelnd Fritzens Kanonen auf, von den Kanonieren um­geben, und bald ging es bum bum, und Marie sah, wie die Zucker­erbsen einschlugen In den dicken Haufen der Mäuse, die davon ganz weiß überpudert wurden und sich sehr schämten. Vorzüglich tat ihnen aber eine schwere Batterie viel Schaden, die auf Mamas Fußbank aufgefahren war und pum pum pum, immer hintereinander fort Pfeffernüsse unter die Mäuse schoß, wovon sie umfielen.

Die Mäuse kamen aber doch immer näher und überrannten sogar einige Kanonen; aber da ging es prr prr prr, und vor Rauch und Staub konnte Marie kaum sehen, was nun geschah. Doch so viel war gewiß, daß jedes Korps sich mit der höchsten Erbitterung schlug und der Sieg lange hin und her schwankte. Die Mäuse entwickelten immer mehr und mehr Massen, und ihre kleinen silbernen Pillen, die sie sehr geschickt zu schleudern wußten, schlugen schon bis in den Glasschrank hinein. Ver­zweiflungsvoll liefen Klärchen und Trudchen umher und rangen sich die Händchen wund.Soll ich in meiner blühendsten Jugend sterben ich, die schönste der Puppen?" schrie Klärchen.Hab' ich darum mich so gut konserviert, um hier in meinen vier Wänden umzukommen?" rief Trudchen. Dann fielen sie sich um den Hals und heulten so sehr, daß man es trotz des tollen Lärms doch hören konnte. Denn von dem Spektakel, der nun losging, habt ihr kaum einen Begriff, werte Zuhörer. Das ging prr prr puff piff schnetterdeng schnetterdeng bum burum bum burum bum durcheinander, und dabei quiekten und schrien Mauskönig und Mäuse, und dann hörte man wieder des Nuß­knackers gewaltige Stimme, wie er nützliche Befehle austeilte, und sah ihn, wie er über die im Feuer stehenden Bataillone hinwegschritt!

Pantalon hatte einige sehr glänzende Kavallerieangriffe gemacht und sich mit Ruhm bedeckt; aber Fritzens Husaren wurden von der Mäuse­artillerie mit häßlichen, übelriechenden Kugeln beworfen, die ganz fatale Flecke in ihren roten Wämsern machten, weshalb sie nicht recht vor wollten. Pantalon ließ sie links abschwenken, und in der Begeisterung des Kommandierens machte er es ebenso und seine Kürassiere und Dra­goner auch, das heißt, sie schwenkten alle links ab und gingen nach Hause. Dadurch geriet die auf der Fußbank postierte Batterie in Gefahr, und es dauerte auch gar nicht lange, so kam ein dicker Haufe sehr häßlicher Mäuse und rannte so stark an, daß die ganze Fußbank mitsamt den Kanonieren und Kanonen umfiel. Nußknacker schien sehr bestürzt und befahl, daß der rechte Flügel eine rückgängige Bewegung machen solle.

Du weißt, o mein kriegserfahrener Zuhörer Fritz, daß eine solche Be­wegung machen beinahe so viel heißt als davonlaufen, und betrauerst mit mir schon jetzt das Unglück, was über die Armee des kleinen, von Marie geliebten Nußknackers kommen sollte. Wende jedoch dein Auge von diesem Unheil ab und beschaue den linken Flügel der nußknackerischen Armee, wo alles noch sehr gut steht, und für Feldherrn und Armee viel zu hoffen ist. Während des hitzigsten Gefechts waren leise, leise Mäuse- kavalleriemassen unter der Kommode herausdebouchiert und hatten sich unter lautem gräßlichen Gequiek mit Wut auf den linken Flügel der nuß- knackerischen Ärmee geworfen; aber welchen Widerstand fanden sie da! Langsam, wie es die Schwierigkeit des Terrains nur erlaubte, da die Leiste des Schranks zu passieren, war das Devisenkorps unter der Anführung zweier chinesischer Kaiser vorgerückt und hatte sich en quarrö plein* formiert.

Diese wackern, sehr bunten und herrlichen Truppen, die aus vielen Gärtnern, Tirolern, Tungusen, Friseurs, Harlekins, Kupidos, Löwen, Tigern, Meerkatzen und Affen bestanden, fochten mit Fassung, Mut und

* In voller Viereckform. Je nach der Größe des im Innern vorhandenen leeren Raums unterschied man volle und hohle Karrees.

Ausdauer. Mit spartanischer Tapferkeit hätte dies Bataillon von Eliten dem Feinde een Sieg entrissen, wenn nicht ein verwegener feinoiccher Rittmeister, tollkühn vordringend, einem der chinesischen Kaiser den Kopf .abgebissen und dieser im Fallen zwei Tungesen und eine Meerkatze er­schlagen hätte. Dadurch entstand eine Lücke, durch die der Feind eindrang, und bald war das ganze Bataillon zerbissen. Doch wenig Vorteil hatte der Feind von dieser Untat. Sowie ein Mäusekavallerist mordlustig einen der tapferen Gegner mittendurch zerbiß, bekam er einen kleinen gedruckten Zettel in den Hals, wovon er augenblicklich starb. Half dies aber wohl auch der nußknackerischen Armee, die, einmal rückgängig geworden, immer rückgängiger wurde und immer mehr Leute verlor, so daß der unglückliche Rußknacker nur mit einem gar kleinen Häufchen dicht vor dem Glas» schranke hielt?Die Reserve soll heran! Pantalon Skaramuz Tambour wo seid ihr?" so schrie Nußknacker, der noch auf neue Trup­pen hoffte, die sich aus dem Glasschrank entwickeln sollten. Es kamen auch wirklich einige braune Männer und Frauen aus Thorn mit goldenen Ge­sichtern, Hüten und Helmen heran; die fochten aber so ungeschickt um sich herum, daß sie keinen der Feinde trafen und bald ihrem Feldherrn Nuß­knacker selbst die Mütze vom Kopfe heruntergefochten hätten. Die feind­lichen Chasseurs bissen ihnen auch bald die Beine ab, so daß sie umstülp­ten und noch dazu einige von Nußknackers Waffenbrüdern erschlugen.

Nun war Nußknacker, vom Feinde dicht umringt, in der höchsten Angst und Not. Er wollte über die Leiste des Schranks springen; aber die Beine waren zu kurz. Klärchen und Trudchen lagen in Ohnmacht, sie konnten ihm nicht helfen; Husaren Dragoner sprangen lustig bei ihm vorbei und hinein. Da schrie er aus in heller Verzweiflung:Ein Pferd ein Pferd ein Königreich für ein Pferd!" In dem Augen­blick packten ihn zwei feindliche Tirailleurs bei dem hölzernen Mantel, und im Triumph aus sieben Kehlen aufquiekend sprengte Mausekönig heran. Marie wußte sich nicht mehr zu fassen.O mein armer Nußknacker!" so rief sie schluchzend, faßte, ohne sich deutlich ihres Tuns bewußt zu sein, nach ihrem linken Schuh und warf ihn mit Gewalt in den dicksten Haufen der Mäuse hinein auf ihren König. In dem Augenblick schien alles ver- stoben und verflogen; aber Marie empfand am linken Arm einen noch stechenderen Schmerz als vorher und sank ohnmächtig zur Erde nieder.

Die Krankheit.

Als Marie wie aus tiefem Todesschlaf erwachte, lag sie in ihrem Bett- chen, und die Sonne schien hell und funkelnd durch die mit Eis belegten Fenster in das Zimmer herein. Dicht neben ihr saß ein fremder Mann, den sie aber bald für den Chirurgus Wendelstern erkannte. Der sprach leise:Nun ist sie aufgewacht!" Da kam die Mutter herbei und sah sie mit recht ängstlich forschenden Blicken an.Ach, liebe Mutter," lispelte die kleine Marie,sind denn nun die Mäuse alle fort, und ist denn der gute Nußknacker gerettet?"Sprich nicht solch albernes Zeug, liebe Marie!" erwiderte die Mutter;was haben die Mäuse mit dem Nußknacker zu tun? Aber du böses Kind hast uns allen recht viel Angst und Sorge ge­macht. Das kommt davon her, wenn die Kinder eigenwillig sind und den Eltern nicht folgen. Du spieltest gestern bis in die tiefe Nacht hinein mit deinen Puppen. Du wurdest schläfrig, und mag es sein, daß ein hervor- springendes Mäuschen, deren es doch sonst hier nicht gibt, dich erschreckt hat; genug, du stießest mit dem Arm eine Glasscheibe des Schranks ein und schnittest dich so sehr in den Arm, daß Herr Wendelstern, der dir eben die noch in den Wunden steckenden Glasscherbchen herausgenommen hat, meint, du hättest, zerschnitt das Glas eine Ader, einen steifen Arm behalten oder dich gar verbluten können. Gott sei gedankt, daß ich, um Wittern cht erwachend und dich noch so spät vermissend, ausstand und in die Wohn­stube ging! Da lagst du dicht neben dem Glasschrank ohnmächtig auf der Erde und blutetest sehr. Bald wär' ich vor Schreck auch ohnmächtig ge­worden. Da lagst du nun, und um dich her zerstreut erblickte ich viele von Fritzens bleiernen Soldaten und andere Puppen, zerbrochene Devisen, Pfefferkuchenmänner; Nußknacker lag aber auf deinem blutenden Arme und nicht weit von dir dein linker Schuh."

Ach, Mütterchen, Mütterchen!" fiel Marie ein,sehen Sie wohl, das waren ja noch die Spuren von der großen Schlacht zwischen den Puppen und Mäusen, und nur darüber bin ich so sehr erschrocken, als die Mäuse den armen Nußknacker, der die Puppenarmee kommandierte, gefangen nehmen wollten. Da warf ich meinen Schuh unter die Mäuse, und dann weiß ich weiter nicht, was vorgegangen."

Der Chirurgus Wendelstern winkte der Mutter mit den Augen, und diese sprach sanft zu Marien:Laß es nur gut sein, mein liebes Kind! Beruhige dich, die Mäuse sind alle fort, und Nußknacker steht gesund und lustig im Glasschrank." Nun trat der Medizinalrat ins Zimmer und sprach lange mit dem Chirurgus Wendelstern; dann fühlte er Mariens Puls, und sie hörte wohl, daß von einem Wundfieber die Rede war. Sie mußte im Beite bleiben und Arznei nehmen, und so dauerte es einige Tage, wie­wohl sie außer einigem Schmerz am Arm sich eben nicht krank und un­behaglich fühlte. Sie wußte, daß Nußknackerchen gesund aus der Schlacht sich gerettet hatte, und es kam ihr manchmal wie im Traume vor, daß er ganz vernehmlich, wiewohl mit sehr wehmütiger Stimme, sprach:Marie, teuerste Dame! Ihnen verdanke ich viel; doch noch mehr können Sie für mich tun." Marie dachte vergebens darüber nach, was das wohl sein könnte; es fiel ihr durchaus nicht ein.

Spielen konnte Marie gar nicht recht wegen des wunden Arms, und wollte sie lesen ober in den Bilderbüchern blättern, so flimmerte es ihr seltsam vor den Augen, und sie mußte davon ablassen. So mußte ihr nun wohl die Zeit recht herzlich lang werden, und sie konnte kaum die Däm­merung erwarten, weil bann bie Mutter sich an ihr Bett setzte und ihr sehr viel Schönes vorlas und erzählte. Eben hatte die Mutter die vor­zügliche Geschichte vom Prinzen Fakardiu vollendet, als die Türe aufging und der Pate Drosselmeier mit den Worten hereintrat:Nun muß ich doch wirklich einmal selbst sehen, wie es mit der kranken und wunden Marie steht." (Fortsetzung folgt.)