An der Grenze.
Von Leo Sternberg.
Der Hochwald regt sich nicht... Die Wipfel ragen rote vorgetrieben bis zur letzten Grenze ... Ist schon die Zeit, dem Wachsen zu entsagen und stillzustehn? ... Wie stürmte das im Lenze und riß an seiner Wurzel Schlangentauen und bäumt« hoch sich über Wipfelwellen hinaus, in freien Weltenraum zu schauen, und wollte Leitern an die Sterne stellen!
Genug! ... Kein Wind bewegt der Harfe Schweigen. Bis in die Wurzel tiefer Säftefrieden...
Gestreut der Samen ... Andre mögen steigen! Die Welt — der Welt! Sie haben sich beschieden...
Noch ein paar Träume gehn mit Feuersohlen, auf nadelbrauner Dämmrung sammtnen Matten und letzte Lichter, geisterhafte, holen noch einen goldnen Zweig aus kühlem Schatten. Wie einsam sind die Wege! Zwischen Mauern verlassne Gänge ... Leer die Bank am Weiher ... Und alles spürt mit Lächeln und Erschauern: die Nebel nahn mit ihrem weichen Schleier.
Deutsche Siedlerschicksale in Brasilien.
Von H. o. H a y n e ck.
Die „Monte Sarmiento" hatte den Aequator schon seit zwei Tagen überschritten. Die Feste in den schwülen Nächten waren verrauscht, die übermütige Laune hatte einer ernsteren Stimmung Platz gemacht. Nahte die lange Reise sich doch ihrem Ende, wo das Schicksal fast jeden der Bordinsassen an der Hand nahm und einem meist entbehrungsreichen Leben fern von der alten Heimat zuführen würde. Mit Ausnahme vielleicht von einigen wenigen Studienreisenden, einigen Persönlichkeiten, die sich durchgesetzt hatten, einigen jungen Liebesleuten, die drüben ein Amt erwartete und die nun ihre Hochzeitsreise machten. Eine solche Gruppe saß oben auf dem Vootsdeck, dem kleinen Kapitänssalon.
„Meine Herrschaften, eben blitzt das erste Leuchtfeuer an der Küste von Brasilien auf", teilte der 1. Offizier mit „Den Ozean hätten wir also mal wieder überquert."
Alles steht auf. Eine feierliche, klare Nacht. Das Kreuz des Südens erstrahlte voll am Sternenhimmel. Der Südpasiat hatte eingesetzt und wehte recht kühl. „Wir haben mit dem brasilianischen Küstendampfer noch drei Tage Fahrt auf der Lagune dis Porte Alegre", meinte eine deutsche Dame aus Rio Grande. — „Ist es fchön da?" fragte die junge Frau eines Pastors. „Wir sind nämlich dorthin von der Berliner Oberkirchensynode abgesandt — allerdings nach Santa Cruz." — „Ja, eine schöne große Stadt ist es schon," meinte die Angebrochene, „wir haben da eine große Villa mit allem europäischen Komfort" — und sie strich sich mit der Hand über das Haar — „aber es ist da gar nichts los. Keine gute Musik wie in Deutschland, kein Theater, meist nur schlechte Filme, sofern nicht einmal ein guter Ufa-Kulturfilm herüberkommt. Santa Cruz ist übrigens noch weit." — „Der Staat Rio Grande do Sui ist saft halb so groß wie Deutschland," mischte sich ein deutscher Oberlehrer ein, „cs wohnen dort allein 300 000 Deutsche in geschlossenen Siedlungen in der Stadt Porto Alegre 30 000, aber die Siedlungen, in denen vielfach, wie Überall in Brasilien, Raubbau getrieben wird, weil die Bauern nicht rechtzeitig für Düngung sorgen, wenn der Urwaldboden ausgepumpt ist, werden auch dort manchmal wieder verlassen, und bald sind die letzten Urwaldlose vergeben. Rio Grandenser zweite Bauernsöhne wandern vielfach jetzt nach den noch unerschlosfenen Gebieten des Hinterlandes von Santa Catharina, an der Hauptbahnlinie Santa Catharina— Porto Uniao—Rio Grande, aus. Dort ist teilweise aber noch wilde Campgegend." — „Es gehen jetzt auch viele deutsche Auswanderer nach dem neuen zukunftsreichen Gebiet der Stadt Theophilo Ottoni, das durch die Bahia- und Minas- bahn erschlaffen wurde", ergänzte der Großkaufmann aus Rio de Janeiro. Dort können deutsche, möglichst geschlossene Siedlungen, noch ihr Glück machen. Da ist nach viel Platz für einen Nachschub van deutschen A^iedlern. Allerdings ist überall ein kleines Kapital van mindestens 2000 bis 3000 Mark nötig. Ohne Geld kann man jetzt nirgends mehr anfangen, und das wird meist dumm verläppert."
„Die deutsche Gesandtschaft in Ria de Janeiro und die deutschen Be- russkonsuln in den verschiedenen Staaten, geben übrigens überall gern Auskunft bei Anfragen", ergänzte ein Großkaufmann von dort. „Wenn sie nur vor der Ansiedlung gefragt würden! Weil das nicht geschah und ungeeignete Städter aus anderen Berufen kamen, bettelten unsere verunglückten deutschen Siedler nachher in den Großstädten. Brasilien stellt sich der einwandernde Deutsche überhaupt meist salsch vor. Das Leben im Urwald erscheint nach Karl Mays Geschichten hochromantisch. Er träumt van einem Jndianerlebcn, von Assen und Tigern. Die Wirklichkeit ist rauheste Arbeit." „
Was ich hier hörte, wurde mir im Lande überall bestätigt. Ein Wagen brachte mich nach der Landung im Hasen van Ria de Janeiro an schäumender Brandung vorbei nach einer deutschen Pension, einem früheren Palacio, in einem Palmengarten. „Donna Luise", eine prächtige treue Süddeutsche sargte für mich. Der zeitweilige Hausdiner, der ein Schürfrecht in den „Chapadas" von Minas Geraes erworben hatte, in denen Halbedelsteine, besonders Aquamarine und Turmaline, gefunden wurden, erhielt von anderen Steinsuchern einen Schlag über den Kopf, wurde beraubt und von einem Mächtigeren vertrieben. Er kämpft in Rio einen schweren Kampf um fein Recht, aber er will durchaus wieder in das schone Bergland hinter Rio, aus dem übrigens die Schleifereien von Oberstem unb Idar heute fast ihre gesamten Steine beziehen. Der Staat Minas
Geraes hak, besonders feit er durch eine gute Bahnlinie mit Rio Be Janeiro unb Sao Paulo verbunden ist, eine große Zukunft, schon wegen seines ungehobenen Reichtums an Erzen und Diamantfetbern besonders bei Diamantina, welch letztere indes in englischen Händen sind. Seine schnell emporgeblühte Hauptstadt Bello Horizonte zählt 100 000 Köpfe, darunter auch deutsche, überall sehr geschätzte Handwerker. Dort haben auch viele vornehme Brasilianer ihren Landsitz, ihren Sitio. Weiter östlich liegt der sich langsam erschließende Staat Goyaz — der Kaffeestaat der Zukunft — und der fast unerschlossene wälderreiche Staat Motto Grosso, wo die brasilianische Regierung noch kostenlos Landlose an Siedler auf« teilt Ribero Clara ist dort z. B. eine Stadt mit vielen Werkstätten, wo auch Deutsche arbeiten. Deutsche Einzelsiedler wären dort ganz verloren. Immer wieder wird von den Brasildeutschen ermahnt, von Staats wegen feste Siedlungsverträge abzuschließen, wie dies neuerdings Japan tut, das seine Siedler gruppenweise mit Aerzten, Apotheken, Rechtsanwälten, Architekten und sogar mit Ziegelbrennern und Maurern herüberschickt.
Auf meinen Reisen ins Land überzeugte ich mich von der Ueppigkeit des Wildwuchses auf den allmählich angelegten primitiven Kulturen: Zuckerrohr, Vergreis, Mais, Bananen, mit Ananas als Unterfrucht, Kaffee, Kakao, Baumwollstauden, Apfelsinen und Mandarinen — alles wächst wie toll. Eine Bananenpflanze trägt immerwährend unb wird 80 Jahre alt, ein Kaffeestrauch ist 50 Jahre lang erntefähig, fast alles ohne die noch kaum angewandte Düngung. Aber vieles verkommt. Die Leute können nicht versenden. In den Hausgärten pflückte ich köstliche Früchte, wie die Anona, die Karambola, die besonders exotisch aussehende Baummelone und in Rio de Janeiro die Vanillenschote. Auf dem milderen Hochland gedeiht neuerdings die von Deutschen, Japanern und Italienern angepflanzte, teuer bezahlte Kartoffel, die wildwachfenden Teewälder (Herva Matö), deren gesundes Blattgetränk sich überall einführt. Der Wald, der von dem Siedler als „Roca" niedergebrannt wird und dessen angekohlte Stämme mangels besserer Verwendung bestenfalls an Sägemühlen verkauft werden, enthält je nach der geographischen Breite und der Sage der Siedlung Edelhölzer, wie Jacaranda (Palisander), Mahagoni, Farbhölzer unb Leguminosenbäume, termitensichre Bauhölzer wie Zedern, Lorbeer, Mora, das berühmte brasilianische Rotholz, den Chinarindenbaum, ferner Eukalyptus unb Pinien; das Holz ist in dem baumarmen Argentinien sehr begehrt. Alles ist in solcher Fülle vorhanden, das Land aber fo weitläufig, daß man bisher kaum an eine durchgreifende Organisation gedacht hat. Eines Tages wird der einzig schöne Urwald tn der Serra am Atlantik mit seinen tausendfarbigen Riefen-Schrnetterlingen, feinen zierlichen Kolibris, feinen bunten Papageien, feinen drolligen Affen durch das rohe Niederbrennen, fo groß er auch ist, zu Ende gehen, weil die Menschen feine Schätze nicht wie die verdrängten und fast im Aussterben begriffenen Indianer zu werten wußten.
Was ein wohlorganisierter Staat, wie z. B. Sao Paulo mit feiner Hauptstadt, dem eine Million Menschen umfassenden „Chikago Südamerikas", und einer Menge von Großbanken und Großfirmen, unter denen sich auch viele deutsche befinden, volkswirtfchaftlich zu leisten vermag, sah ich dort. Freilich, Sao Paulo und Curityba im Staate Parana, das ich später besuchte, liegen, wie die meisten aufblühenden Städte, auf dem nah an der Küste sich aufbauenden Hochplateau gesund auf etwa 800 bis 1000 Meter Meereshöhe. Dort liebt sich die Arbeitskraft um das Doppelte. Und man sagt, daß das wunderschöne Rio de Janeiro, dessen Befreiung von Gelbfieber und anderen Tropenkrankheiten der brasilianischen Regierung jährlich Millionen kostet, einmal aushören wird, Bundeshauptstadt zu fein.
Was die brasilianische Regierung in den großen Städten auf dem Gebiet der Sanierung^ auf dem Gebiet des Unterrichts und des Schulwesens mit enormen Geldopfern schafft, tut sie großzügig. Sie schuf z. B. allein 25 000 Schulen auf dem 20 Staaten unb über 8,5 Millionen Quadratkilometer umfassenden Areal, in denen der Schulbesuch kostenlos ist. Brasilien ist eine Vorratskammer für fein werdendes Volk und die Menschheit unb infolge seiner Ausdehnung, seiner Unbewohntheit das Land der Zukunft.
Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A. Hoffman n.
(Fortsetzung.)
Ja, der Nußknacker hätte ganz gewiß Arm unb Beine gebrochen, wäre im Augenblick, als er sprang, nicht auch Mamsell Klärchen schnell vom Sofa aufgesprungen und hätte den Helden mit dem gezogenen Schwert in ihren weichen Armen aufgefangen. „Ach, du liebes, gutes Klärchen", schluchzt« Marie, „wie habe ich dich verkannt! Gewiß gabst du Freund Nußknackern dein Veilchen recht gerne her." Doch Mamsell Klärchen sprach jetzt, indem sie den jungen Helden sanft an ihre seidene Brust drückte: „Wollet Euch, o Herr, krank unb wund, wie Ihr seid, doch nicht in Kampf und Gefahr begeben! Seht, wie Eure tapfern Vasallen kampflustig unb des Sieges gewiß sich sammeln! Skaramnz, Pantalon, Schornsteinfeger, Zitherspielmann und Tambour sind schon unten, und die Devisenfiguren in meinem Fache rühren unb regen sich merklich. Wollet o Herr, in meinen Armen ausruhen oder von meinem Feberhut herab Euren Sieg anschaun!" So sprach Klärchen; doch Nußknacker tat ganz ungebärdig und strampelte so sehr mit den Beinen, daß Klärchen ihn schnell herab auf den Boden feijjn wußte. In dem Augenblick ließ er sich aber sehr artig auf ein Knie nieder unb lispelte: „0 Dame, stets werd ich Eurer mir bewiesenen Gnade unb Huld gedenken in Kampf und Streit!" Da bückte sich Klärchen so tief herab, daß sie ihn beim Aerrnchen ergreifen konnte, hob ihn sanft auf, löste schnell ihren mit vielen Füttern gezierten Leibgürtel los unb wollte ihn dem Kleinen umhangen-, doch der wich zwei Schritte zurück, legte die Hand auf die Brust und sprach sehr feierlich: „Nicht so wollet, o Dame, Eure Gunst an mir verschwenden; denn" — er stockte, seufzte tief auf, riß bann schnell das Bändchen, womit ihn Marie verbunden hatte, von den Schultern, brückte es an Ne Sippen, hing es wie eine Feldbinde um unb sprang, bas blank gezogene Schwertlein mutig schwenkend, schnell unb behende wie ein Vögelchen über die Seifte bes Schranks auf den Fußboden. . —


