Ausgabe 
10.6.1929
 
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GietzenerKmiilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang My Montag, den M Juni Nummer N

Schöne Iunitage.

Von Detlev v. L i l i e n c r o n.

Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, bis der letzte Klang verklungen, weil nun alles schlafen muß flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten, sonnenweiße Stromesflut, sonnenstiller Morgenfriede, der auf Baum und Beeten ruht flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren, reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, tausendfältig Leben rinnt flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder, milde wird die harte Welt, und das Herz macht seinen Frieden, und zum Kinde wird der Held flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Seinselbft vergessen!

Von Hans Franck.

Gustav Nachtigal, der große Afrikareisende, geriet bei seiner Durch­querung des Sudans in eine Lebenslage oder richtiger gesagt: in eine Todeslage, über die von Millionen Europäern nicht einer aus eigener Erfahrung sprechen kann: Er sollte gegessen werden. Gehört schon diese Gefahr zu den seltensten aller Menschenerlebnisse, so ist die Tat, durch welche er sie bestand, schlechthin einzig. Er selber hat, in vorbildlicher Bescheidenheit, von ihr kein Aufhebens gemacht, sondern sie offenbar für selbstverständlich gehalten. Aber einer feiner vielen Schüler, der sie miterlebte, hat sie überliefert, und nicht nach Gebühr bekannt ver­dient sie, als Beispiel deutscher Eingenommenheit durch einen großen Daseinszweck, erzählt zu werden. '

Gustav Nachtigal ein Kölner Arzt, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Leibdoktor des Beis von Tunis geworden war hatte mit unsäglichen Mijhen, aber ohne ernsthafte Gefährdungen, die Sahara durchquert, um dem Sultan von Bornu Geschenke des Königs von Preußen zu überbringen, da man in Deutschland zu begreifen be­gann, wie weit die Aufteilung der Erde bereits vorgeschritten war, und erste schüchterne Versuche machte, wenigstens noch einige ab genagte Kolonieknöchelchen zu erwischen. Im Jahre 1870 war er in Kuka, der Hauptstadt Bornus, einem Hinterland des erst sehr viel später von Gustav Nachtigal unter deutschen Schutz gestellten Kamerun feierlich einge­zogen. Den Rückweg nach Tunis nahm der ärztliche Forscher nicyt wieder durch die Sahara. Er bereifte vielmehr den damals noch völlig uner- schlosfenen Sudan in feiner ganzen Breite, lieber Bagirmi, Wadai, Dör-Für, Kordosan ging es an den Nil. Dahn nilabwärts über Thor­ium, et Orde, Korofko, Kairo zurück nach Tunis, wo dem wagemutigen Pionier des Deutschtums zur Belohnung für feine außergewöhnliche Leistung der Titel Preußischer Generalkonsul verabfolgt wurde.

Bei dieser Durchquerung des Sudans traf Gustav Nachtigal zwischen Bagirmi und Wadai aus einen bislang gänzlich unbekannten Neger­stamm, und zwar wie er am eigenen Leib erfahren sollte auf Kannibalen. Er hatte sich im Uebereifer von den Mitgliedern feiner Expedition getrennt. Die Krieger des nicht einmal dem Namen nach be­kannten Sudanvölkchens überfielen ihn. Sie schlugen den Wehrlosen aber nicht nieder, schleppten ihn vielmehr zu dem Hüttenhaufen, in welchem ihr König residierte. Dort wurde er an einen Baum gebunden und sollte kein Zweifel! sollte gegessen werden. .

Gustav Nachtigal schloß sein Lebensbuch ab. Es standen ansehnliche Posten auf der Aktivaseite. Unbestreitbar: Er hatte mancherlei Nicht- alltägliches daheim und in der Fremde geleistet. Aber gegenüber dem, was zu leisten war, was er noch hätte leisten können, gegenüber den verwirrend großen Posten auf der Pafsivafeike fielen seine sämtlichen bisherigen Leistungen nicht ins Gewicht. Was alles konnte er zum Exempel obwohl an Händen und Füßen gebunden in diesem Augenblick Wichtiges beobachten! Vorgänge, Handlungen, Gebrauche die noch kein Forscher festgehalten und, wenn er sie doch für sich feftgielt, noch keiner der Heimat wissenschaftlich einwandfrei beschrieben hatte.

Immer sorgsamer, immer leidenschaftlicher verfolgte Gustav Nach­tigal das Tun und Treiben der Neger.

Freilich, keine alltägliche Mahlzeit sollte vor sich gehen. Sondern ein Festschmauß. Das ganze Dorf, das vollzählige Völkchen war auf den Beinen. Vom glitzernden König bis zum armseligsten Untertan, vom zahn­losen Greis bis zum kaum standfesten Kind. Nirgendwo Willkür, Zu­fall. Alles ging nach altem, bis ins einzelne festgelegten Ritus vor sich. Das Ausschichten des Holzes eine heilige Handlung. Das Herbeiholen der Kessel ein gottesdienstlicher Akt. Die Bereitstellung der Trinkge- fäße eine sakrale Leistung. Das Wetzen der Messer ein wollust- durchschauertes Mysterium. Selbstverständlich durste bei einer solchen Feier die Musik nicht fehlen. In feierlichem Zuge wurden die Instru­mente herbeigeschafft. Warum waren die einen von ihnen unfaßbar lang, während die andern durch Kürze aufsielen? Das konnte kein Zufall sein. War bestimmt nicht unsinnig. Wurden jene nur zu Hause benutzt, von berufsmäßigen Sängern, sozusagen von den Negerbarden? Mußten diese, im Gegensatz zu ihnen, handlicher sein, weil sie auf die Streiszüge zur Jagd, in den Krieg mitgenommen wurden? Wieviel Saiten hatten sie? Gleichviel? Nicht doch! Auf der Kriegergitarre waren mindestens die doppelte Zahl wie auf der Bardengitarre. Warum nicht umgekehrt? Und wie waren die Saiten befestigt? Wie wurden sie gestimmt? Selt­sam: Die Wirbel staken nicht nach europäischer Weise im Kopf des Instruments. Sie befanden sich auf dem Klangkörper, geradezu ja, es ließ sich nicht anders sagen oben auf dem Instrumentbau«!». Woraus bestand der Fingerhut, mit dem die Saiten gerissen werden sollten? War auch seine Spitze aus Horn? Sicher nicht. Genauer hin- sehn! Festhalten die überaus wichtigen Beobachtungen. Im Innern fest­halten!

Sämtliche Vorbereitungen zum Volksschmauß waren beendet. Die einen griffen nach den Instrumenten. Setzten mit Spielen ein. Die andern begannen zu tanzen. Rund um den Gefangenen. Die dritten Huben an zu fingen.

Gustav Nachtigal geriet außer sich. Welcher Forscher hatte das ge­sehen? Wer hatte es ausgezeichnet? Wo waren die Bücher, die es be­schrieben? Wissenschaftlich exakt beschrieben!. Nicht gegründet auf Erzäh­lungen aus drittem, zehntem Mund und also hundertfach verfälscht, sondern gegründet auf eigene, unverfälschte, hinreichende Beobachtungen. Alles war bis ins einzelste festgelegt. Das Gebaren, die Melodien, die Texte, die Folge der Tänze. Genauer hinhören! Schärfer Hinsehen! Aber wer konnte dieses hundertfältige auf und ab in sein Gedächtnis auf­speichern? Also durch Buchstaben, durch Noten, durch Zeichen festhalten. Papier, Bleistift!!

Gustav Nachtigal gewahrte zu seinem Kummer, daß er gefesselt war.

Gefesselt? Er muhte die Hände freihaben. Punktum. Gab es nicht sog. Artisten, die zur Belustigung der Menschen, um Geld durch ihre Spielerei zu verdienen, sich aus den kunstvollsten Fesselungen befreiten? Und er, der frei sein mußte, um der Forschung unschätzbare Dienste zu leisten, er sollte es nicht fertig bringen, die Arme, die Hände aus kunst­los geschlungenen Negerstricken herauszuziehen? Die Hände endlich frei. So mit Gewalt ging es nicht. Auch so nicht. Und so nicht. Aber so! Nun noch die Arme frei! War leichter. Viel leichter.

Gustav Nachtigal griff in feine Rocktasche, holte Bleistift und Notiz­buch hervor, begann zu schreiben: Worte, Noten, Zeichen.

Die Neger spielten, tanzten, fangen inmitten wilden, finnebenebetnben Rausches.

Gustav Nachtigal stand inmitten gläserner Klarheit und schrieb.

Einer der Tanzenden gewahrte es. Glaubte, er werde im nächsten Augenblick die Rechte mit dem blinkenden Dingelchen heben und schießen. Wollte beiseite lausen. Wollte nach einem Speer greifen.

Tanzen!" schrie Gustav Nachtigal ihn an.

Und der Neger tanzte.

Durch den Anruf schienen mehreren der Neger die Augen aufzugehen. Sie begonnen um sich zu sehen. Das Marterpfahllied drohte ins Stocken zu geraten.

Singen!" befahl Gustav Nachtigal.

Und die Neger sangen.

Von Minute zu Minute steigerte sich das Singen und Tanzen. Nicht mehr die Gier des freiumherspringenden Kannibalenstammes trieb den Tumult gipfeln. Beherrscht wurde er von dem Willen des gefesselten deutschen Mannes: der Menschheit durch Kündung bislang unbekannter Menschlichkeiten zu dienen.

Plötzlich aus dem Dickicht eine Salve. Drei Neger tot am Boden. Die übrigen fliehen in alle Winde: König und Untertanen; Greise, Männer, Frauen, Kinder.

Die Gefährten des Forschers tarnen jubelnd herbeigelaufen.

Wie könnt ihr mich bei der wichtigsten Arbeit meines Lebens stören?" schreit Gustav Nachtigal sie an.

2lrbeit? stören? __

Niemand begreift. jU?'*''