GietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (929 Montag, den 9. Dezember Nummer 96

Frankfurter Brenten.

Von Eduard M ö r i k e.

Mandeln erstlich, rat' ich dir, Nimm drei Pfunde, besser vier (Im Verhältnis nach Belieben): Diese werden nun gestoßen Und mit ordinärem Rosen- Wasser seinstens abgerieben. Je aufs Pfund Mandeln akkurat Drei Vierling Zucker ohne Gnad'. Denselben in den Mörsel bring', Hierauf ihn durch ein Haarsieb schwing! Von deinen irdenen Gefäßen Sollst du mir dann ein Ding erlesen, Was man sonst eine Kachel nennt; Doch sei sie neu zu diesem End'! Drein füllen wir den ganzen Plunder Und legen frische Kohlen unter. Jetzt rühr' und rühr' ohn' Unterlaß, Bis sich verdicken will die Mass' Und rührst du eine Stunde voll: Am eingetauchten Finger soll Das Kleinste nicht mehr hängen bleiben; So lange müssen wir es treiben. Nun aber bringe das Gebrodel In eine Schüssel (der Poet, Weil ihm der Reim vor allem geht, Will schlechterdings hier einen Model, Indes der Koch auf ersterer besteht)! Darinne drück's zusammen gut; Und hat es über Nacht geruht. Sollst du's durchkneten Stück für Stück, Auswellcn messerrückendick (Je weniger Mehl du streuest ein. Um desto besser wird es sein). Alsdann in Formen sei's geprägt, Wie man bei Weingebacknem pflegt; Zuletzt, das wird der Sache frommen. Den Bäcker scharf in Pflicht genommen, Daß sie schön gelb vom Ofen kommen!

Oer AnwaltSschreiber heiratet.

Märchen von Hans Friedrich B l u n ck.

Dann habe ich noch eine andere Geschichte gehört, aber die ist ge­wißlich wahr.

Da ist einmal dicht an der Grenze unseres Landes ein Riese Burrsewer gewesen, der hat eine winzige Tochter Heddeke gehabt, nicht viel größer als eine Menschenfrau. Das arme Mädchen hat, obschon ihr Vater unter den Riesen viel zu sagen hatte, keinen Freier finden können, weil sie für einen rechten Riesenjungen nun einmal zu klein geblieben war.

Sie hat es überhaupt recht einsam gehabt. Ihr Vater war viel über Land und sie hatte nur einige Freundinnen bei Mahren und Busch­weibern. Und einmal hat sie sich auch den kleinen und großen Koraks ge­fangen und seinen Vetter Schiuckop dazu. Ihr wißt, das sind die ver­wunschenen Zwergkinder, die den Leuten in den Leib schlüpfen und immer, wenn sie bei Tische sitzen und gerade niemand etwas zu sagen weiß, rasch miteinander reden: Koraks, was sagst du nur? Koraks, in wessen Bauch steckst du eigentlich? Schluckop, Schluckop, hier bin ich, Vetter! Diese drei Knirpse waren wohl das kurzweiligste Spielzeug von Klein-Heddecke. Sie vertrieb alle langweiligen Gäste damit, aber kein einziger im Riesen­schloß wußte, daß sie die Herrin der ungezogenen Burschen war, und das Mädchen hütete sich sehr, es jemand merken zu lassen.

Na, endlich hat die Riesentochter Heddeke es aber doch nicht mehr aus- gehalten vor Langeweile und Einsamkeit. Sie hat deshalb einen bösen Plan ausgeheckt, die Riesen nehmen dergleichen ja nicht so genau. Und sie hat von der Stadt über den Rain des Riesenlands hinüber einen Weg zu Burrsewers Brunnen ausgetreten und hat Zweige und SReiftg darüber hingelegt, so daß kein Mensch sehen konnte, was für eine Falle darunter lag. , , . m ,, ., .,

Der allererste, der darauf hineinfiel, ist ausgerechnet der Gescheiteste drüben aus der großen Stadt gewesen, wenigstens der mit dem aller­größten Mund, Hans Raps, der Anwaltsschreiber. Wie der in feinem grauen Hut und im neuen Osterrock übers große Moor will, verirrt er sich, findet einen sonderbaren Weg undrumplump" sagt es undHuie uni)Hulterpulter" und Hans Raps planscht unten im tiefen Brunnenloch.

Gleich wollte natürlich die kleine Heddeke hin und sich den Fang be­sehen. Aber gerade in dem Augenblick kommt der alte Riesenvater selbst zurück. Das Mädchen darf sich ja nicht merken lassen, und hat ein ent­setzlich schlechtes Gewissen und Angst wie noch nie.

Burrsewer merkt bald, daß etwas nicht in Ordnung ist. Er hört immer einen aus dem Brunnen jammern und platschen, geht hin und läßt den Eimer hinunter. Als er ihn wieder aufzieht, hängt da zu seinem Verdutz pudelnaß Hans Raps an der Kette. Und schilt ja los, aber das will ich gar nicht wiederholen.

Der Riese wundert sich erst. Dann muß er lachen, was so'n Knirps alles zugleich sagen kann und wartet, daß Hans Raps zu Ende kommt und er antworten kann. Aber es dauert eine Viertelstunde und es dauert eine halbe Stunde, und Hans Raps redet noch immer. Der Riese wird un­geduldig, er will ja auch einmal zu Wort kommen und räuspert sich einige Male. Aber Hans Raps ist längst beim Schadenersatz und Heddeke steht neben Surrefemer und freut sich ja gewaltig, daß ihr Vater nicht zum Fragen kommt.

Der gute Wind, der über die Heide fährt, trocknet Hans Raps den Rock, er trocknet ihm die Weste und zuletzt das nasse Hemd. Aber Hans Raps hat noch nicht ausgeredet, Wind und Riesen haben nichts zu sagen.

Endlich fällt dem Anwaltsschreiber auf, daß er noch immer auf dem Eimer sitzt und daß er wieder nach unten sausen wird, wenn der Riese den Brunnenschwengel losläßt. Er springt also mit einem Satz auf das feste Land und wendet sich beherzt an das Fräulein. Den Augenblick be­nutzt der Riese und fragt, wie der Herr überhaupt in die Hünenheide käme, und was er nun eigentlich von ihm wolle.

Ach, da weiß Raps ja Bescheid und auf solche Frage hat er gerade noch gewartet. Hat er nicht gelesen, wie dumm die Riesen sind und wie sie den Ueberirdischen für nichts und wieder nichts eine große Burg in die Wolken gebaut haben?

Wie er hierher gekommen fei, wiederholt Hans Raps laut, ja, das wisse er selbst nicht.Aber darauf kommt es gar nicht an. Ich frage, wer hat mich in den alten Brunnen fallen lassen? Auf wessen Grund liegt diese Fanggrube? Wer haftet dafür?"

Der Riese kann ja nicht gleich auf alles antworten, und Hans Raps nimmt seinen Vorteil wahr.Ha," sagt er,ich merke, der Herr wird nach­denklich. Ja, seinen Brunnen solle man zudecken, das ist eine teure Ge­schichte. Und das will ich gleich sagen: Auf schöne Vergleiche lasse ich mich nicht ein, habe ich nie getan. Ich verlange, der Herr Riese Burrsewer baut Hans Raps augenblicklich ein Haus, hier auf dem Fleck, wo ich steh^ dafür, daß Hans Raps auf feinem Gebiet in den Brunnen gefallen ift*

Kann geschehen", sagte der alte Riese gutmütig. Er ist ganz er­leichtert, daß man nicht mehr von ihm verlangt und hat noch ein Sausen in den Ohren von Hans Raps Reden. Er winkt sich seine kleine Heddeke zu Hilfe und die sieht den neuen Nachbarn an, das ihm ganz lieblich zu Mut wird. Dann machen die zwei sich ans Werk und der Riese hat wohl in einer Stunde ein herrliches Haus aufgebaut, Hans Raps kann kaum mitreden, was er alles wünscht, so rasch geht das.

Was nun?" fragt der Riese gutmütig und muß über das verdutzte Gesicht des Schreibers lachen.

Was nun?" fährt er los.Ja, meint der Herr denn, daß man in solcher Wildnis allein Haufen will? Wo sind die Bedienten? Wo ist Wagen und Pferd, wo ist, und das mein ich vor allen andern, wo ist die Haus­frau für mein Schloß?"

Der alte Riefe sieht sich lachend um.Schick einmal zu deinen Freun­dinnen, Heddeke", und im gleichen Augenblick ist die auch wie versunken und der Anwaltsschreiber trippelt, noch etwas frierend vor der Tür feines neuen Hauses auf und ab und erzählt dem Riefen von ähnlichen Fällen, die er durchfochten hat.

Trippetrappe, kommt da ein kleines blasses Weibchen entlang. Es. ist ein Kartosfelfräulein vom letzten Stadtgarten, hat lilabunte Augen, ein gütiges Gesicht und einen alten Sack als Rock.

Ham", sagt der. Anwaltsschreiber, er hat doch so fein Bedenken.Hm, wie alt ist das Fräulein?"

Ein halbes Jahr", fagt sie und knickst.

Das ist nicht viel, und wie alt denkt sie zu werden?" scherzt Hans Raps.

Ach, zum Herbst würde sie verbrannt, seufzt die Kleine bescheiden. Aber bis dahin habe sie ja noch ein wenig Zeit.

Zum Herbst verbrannt?" sagt der Schreiber entsetzt, und seine Augen quellen heraus.Ach nein, so etwas kann ich nicht leiden, ich bin entsetzlich empfindsam."

Da seufzt das kleine Kartoffelfräulein traurig, wandert sehnsüchtig an Hans Stapfens schönem großen Haus vorbei und geht ihre Straße.

Kommt eine kleine Dunkelhaarige mit schwarzen flatternden Bondern an den Armen vorbei. Sie tänzelt und weist Hans Raps lachend die weißen Schneidezöhne.

Der Schreiber wird sehr vergnügt.Wie alt ist sie denn? fragt er.