Ausgabe 
9.9.1929
 
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Mittelpunkt dieses Kreises, der fiir das größte Faß bestimmt war, grub ich wieder eine Höhle, aber von größerer Tiefe. In jede der kleinen Vertiefungen legte ich einen Blechkasten, der 50 Pfund, und in die größere ein Fäßchen, das 150 Pfund Schießpulver enthielt. Das Fäßchen und die Blechkästen verband ich in zweckmäßiger Weise mit einer ver­deckten Zündleitung, und nachdem ich in einen der Blechkasten das Ende von etwa vier Fuß Zündschnur eingeführt hatte, bedeckte ich die Höhle, legte das Faß darüber und ließ das andere Ende der Schnur kaum sichtbar etwa einen Zoll aus dem Faß herausKngen. Dann stillte ich die übrigen Höhlen aus und setzte die Fässer in der für sie bestimmten Lage darauf.

Außer den oben angeführten Gegenständen brachte ich auch einen der von Grimm verbesserten Kondensierungs-Apparate für atmosphärische Luft in das Lager und versteckte ihn dort. Ich fand jedoch, daß diese Maschine noch erheblicher Abänderung bedurfte, bevor sie den Zwecken, für die ich sie verwenden wollte, angepaßt werden konnte. Aber durch angestrengte Arbeit und unermüdliche Ausdauer erreichte ich einen vollen Erfolg für alle meine Vorbereitungen. Mein Ballon war bald fertig. Er sollte mehr als 40 000 Kubikfuß Gas enthalten und mich nach meiner Berechnung leicht in die Höhe bringen mit allen Geräten, wenn ich sie richtig verstaute, und obendrein 175 Pfund Ballast. Ich hatte drei Firnisüberzüge und fand, daß das Batistneffeltuch allen Zwecken ebenso entsprach wie Seide, genau so fest war und sehr viel billiger.

Als alles fertig war, erzwang ich von meiner Frau einen Eid der Verschwiegenheit über alles, was ich seit dem Tage meines ersten Be­suches in der Buchhandlung unternommen hatte, versprach ihr meiner­seits, sobald es die Umstände gestatteten, zurückzukommen, gab ihr das wenige Geld, das ich noch besaß, und sagte ihr Lebewohl. Ich sorgte mich gar nicht um sie. Sie war, was man eine tüchtige Frau nennt, und konnte sich ohne meine Hilfe in der Welt durchschlagen. Ehrlich gesagt, glaube ich, daß sie mich immer für einen Faulpelz hielt, eine schwere Zugabe, die nur dazu taugte, Luftschlösser zu bauen, und daß sie eigentlich froh war, mich los zu sein. Es war tiefe Nacht, als ich mich von ihr verabschiedete; ich nahm die drei Gläubiger, die mich so sehr gequält hatten, als aides-de-camp mit, und wir trugen den Ballon mit Gondel und Zubehör auf einem Umwege an die Stelle, wo die anderen Gegenstände lagen. Dort fanden wir alles unberührt, und ich begann sofort meine Arbeit.

Es war der erste April. Wie schon gesagt, war die Nacht dunkel, kein Stern zu sehen, und ein feiner Sprühregen fiel von Zeit zu Zeit, was uns recht unbehaglich war. Aber meine größte Sorge galt dem Ballon, der trotz des schützenden Ueberzuges durch die Feuchtigkeit anfing ziem­lich schwer zu werden. Deshalb ließ ich meine drei Gläubiger sehr fleißig arbeiten, gestoßenes Eis rund um das Mittelfaß legen und die Säure in den anderen umrühren. Aber sie hörten nicht auf, mich mit Fragen zu überhäufen, was ich denn mit allen diesen Vorrichtungen vorhabe und brachten ihre Unzufriedenheit über die schreckliche Arbeit, die ich ihnen aufzwang, zum Ausdruck. Sie konnten nicht einsehen (sagten sie), was Gutes dabei herauskommen solle, wenn sie bis auf die Haut naß würden, nur um an solchem greulichen Zauberwerk teilzunehmen. Mir wurde unbehaglich und ich schaffte mit aller Kraft darauf los; denn ich glaubte sicher, daß die Idioten annahmen, ich habe einen Vertrag mit dem Teufel ab geschloffen und das, was ich eben zu tun im Begriff war, fei irgend etwas geheimnisvoll Böses. Deshalb fürchtete ich sehr, daß sie mich alle verlassen könnten, brachte es aber doch zuwege, sie zu be­ruhigen, da ich ihnen versprach, alle Schulden voll auszubezahlen, wenn ich dieses Geschäft zu gutem Ende brächte. Solchen Reden gaben sie natürlich ihre eigene Auslegung, da sie zweifellos glaubten, ich werde auf alle Fälle in den Besitz großer Mengen baren Geldes gelangen und, vorausgesetzt, daß ich alles bezahlte, was ich ihnen schuldig war, und mit Rücksicht auf ihre Dienste noch einiges mehr, kümmerte es sie wenig, was aus meiner Seele und meinem Leibe würde.

Nach etwa viereinhalb Stunden schien mir der Ballon genügend gefüllt. Ich befestigte also die Gondel und brachte alle meine Geräte hin­ein: ein Teleskop; ein Barometer mit einigen wichtigen Aende- rungen; ein Thermometer; ein Elektrometer; einen Kompaß; eine Magnetnadel; eine Sekundenuhr; eine Glocke; ein Sprachrohr usw.; außerdem eine luftleere Glaskugel, die sorgsam mit einem Stöpsel ver­schlossen war; den Kondensator nicht zu vergessen; etwas ungelöschten Kalk; ein Stück Siegelwachs; einen reichlichen Wasservorrat und eine große Menge Speisevorräte, wie z. B. harten Fleischkuchen, der in ver­hältnismäßig kleinem Umfang viele Nährstoffe enthält. Außerdem brachte ich ein paar Tauben und eine Katze in der Gondel unter.

Da der Tag schon anbrach, fand ich, es sei -hohe Zeit aufzusteigen. Ich ließ wie zufällig eine brennende Zigarre zur Erde fallen, und als ich mich bückte, um sie aufzuheben, zündete ich heimlich das Ende der Lunte an, das, wie gesagt, ein wenig über den unteren Rand eines der kleinen Fässer heraushing. Dies geschah, ohne daß die drei Gläubiger das Geringste merkten; in die Gondel springend, schnitt ich das einzige Tau durch, das mich an der Erde festhielt, und freute mich, als ich merkte, daß ich mit unfaßbarer Geschwindigkeit aufwärts schoß, in aller Gemütlichkeit 175 Pfund Bleiballast mitführend mit dem Bewußtsein, daß ich noch einmal soviel hätte tragen können. Ms ich die Erde verließ, stand das Barometer auf 30 Zoll, der Celsiusthermometer auf 19 Grad.

Aber kaum hatte ich eine Höhe von 50 Ellen erreicht, als dröhnend und krachend in der greulichsten und stürmischsten Weise ein so dichter Orkan von Feuer und Kies und brennendem Holz, glühendem Metall und zerfetzten Gliedern ausstieg, daß mein Herz verzagte und ich vor Entsetzen zitternd auf den Boden der Gondel fiel. Ich begriff nun, daß ich die Sache übertrieben hatte, und daß die schlimmsten Folgen des Stoßes mir noch bevorstanden. Nach weniger als einer Sekunde fühlte ich auch alles Blut meines Körpers in meine Schläfen stürzen und gleich darauf eine Erschütterung, die ich nie vergessen werde, plötzlich durch die Nacht brechen, als wollte sie das Firmament auseinanderreißen. Als

ich später Zeit zur Uebertegung hatte, führte ich natürlich die furchtbare Wucht der Explosion insofern sie mich selbst betraf auf ihren wahren Grund zurück, auf meine Lage direkt darüber und in der Stoß­richtung ihrer größten Gewalt. Aber damals dachte ich nur daran mein Leben zu retten. Der Ballon fiel erst zusammen, dann dehnte er sich furchtbar aus, dann wurde er mit greulicher Schnelligkeit um und um getrieben, und schließlich, schwankend und taumelnd wie ein Be­trunkener, schleuderte tzr mich, den Kops nach unten und das Gesicht nach außen, über den Rand der Gondel, wo ich in schrecklicher Höhe an einem etwa drei Fuß langen Stück dünner Schnur baumelte das zufällig durch einen Riß am Boden des Weidenkorbes hing und in dem beim Fallen glücklicherweise mein linker Fuß sich verfangen hatte Es ist unmöglich, völlig unmöglich, sich von dem Grauen meiner Lage einen annähernden Begriff zu machen. Krampfhaft rang ich nach Lust- ein Schauer wie Schüttelfrost erregte jeden Nero und Muskel meines Körpers; ich fühlte, wie meine Augen aus den Höhlen traten, eine furcht­bare Uebelteit überwältigte mich, und schließlich verließ mich die Besin- nung und ich fiel in Ohnmacht.

Wie lange ich in dieser Lage blieb, kann ich unmöglich sagen; immer­hin muß es eine ziemlich lange Zeit gewesen fein, denn als ich wieder langsam zu mir tarn, begann es zu tagen, der Ballon war in unge­heuerer Höhe über dem wilden Ozean und nirgends, soweit der Hori- zont reichte, eine Spur von Land zu sehen. Meine Gefühle, als ich zum Bewußtsein kam, waren aber doch nicht so angsterfüllt, wie man an­nehmen könnte. Allerdings war viel Wahnsinn in der ruhigen Betrach­tung meiner Lage. Ich hob meine Hände, eine nach der anderen, an meine Augen und überlegte erstaunt, durch welchen Vorgang das An- schwellen ihrer Adern und die schreckliche Schwärze der Fingernägel entstanden fein könne. Dann untersuchte ich vorsichtig meinen Kopf, schüt­telte ihn mehrmals und befühlte ihn mit großer Aufmerksamkeit, bis ich zu meiner Befriedigung fand, daß er nicht, wie ich eigentlich halb gefürchtet hatte, dicker war als mein Ballon. Dann griff ich in ge- schickter Weise in meine beiden Hosentaschen, vermißte darin ein Päckchen Tabletten und einen Zahnstocherbehälter, bemühte mich, den Grund ihres Verschwindens zu begreifen und war unbeschreiblich betrübt, als mir dies nicht gelang. Ich merkte nun, daß mein linkes Fußgelenk sehr schmerzte, und ein undeutliches Bewußtsein meiner Lage begann in meinem Geiste aufzudämmern. Aber, so merkwürdig es klingen mag, ich war weder erstaunt noch von Grauen ergriffen. Wenn ich überhaupt irgend etwas empfand, war es eine Art frohlockender Befriedigung über die Klugheit, die ich entfalten wollte, um mich aus dieser Klemme zu ziehen, und keinen Augenblick zweifelte ich an meiner endlichen Ret­tung. Während weniger Minuten blieb ich in tiefes Sinnen gehüllt. Ich erinnere mich deutlich, daß ich öfters die Sippen zusammenpreßte, den Zeigefinger an die Seite meiner Nase legte und überhaupt Be­wegungen und Gesichtsverzerrungen machte wie Leute, die, behaglich im Lehnstuhl sitzend, über wichtige und verwickelte Dinge nachdenken.

Als ich meine Gedanken dann genügend gesammelt glaubte, legte ich mit großer Vorsicht und Ueberlegung meine Hände auf den Rücken und löste eine große eiserne Schnalle am Gurtband meiner Hose. Diese Schnalle hatte drei Zähne, die etwas rostig waren und sich deshalb schwer drehen ließen. Trotzdem gelang es mir mit einiger Mühe, sie in recht­winkelige Sage zum Rahmen der Schnalle zu bringen, und ich freute mich, daß sie in dieser Stellung festhielten. Das so hergestellte Instrument zwischen den Zähnen haltend, begann ich nun, den Knoten meiner Kra­watte zu lösen. Ich mußte mehrmals ausruhen, bis mir dieses Vorhaben gelang, aber schließlich führte ich es aus. Am einen Ende der Krawatte befestigte ich die Schnalle, das andere band ich der Sicherheit halber fest um mein Handgelenk. Dann zog ich meinen Körper mit ungeheurem Aufwand von Muskelkraft in die Höhe, und es gelang mir beim ersten Versuche, die Schnalle über die Gondel zu werfen und sie, wie beab­sichtigt, in den mittleren Rand des Weidengeflechts einzutakeln.

Jetzt war mein Körper nach der Seite der Gondel geneigt in einem Winkel von 45 Grad, aber daraus darf nicht geschloffen werden, daß ich nur 45 Grad unter der Senkrechten war, im Gegenteil lag ich fast wagerecht mit der Ebene des Horizonts, denn der erreichte Sagenwechsel hatte den Boden der Gondel erheblich außerhalb meiner Stellung ge­drängt, was natürlich eine sehr dringende Gefahr bedeutete. Es ist zu' bedenken: erstens, daß, wenn ich beim Sturz, aus der Gondel mit dem Gesicht nach dem Ballon gefallen wäre statt nach außen, wie es tat­sächlich war, zweitens, wenn das Tau, an dem ich hing, über dem oberen Rande statt durch einen Spalt am Boden der Gondel gehangen hätte, ich sage, es ist klar, daß in jedem der erwähnten Fälle cs mir unmöglich gewesen wäre, auch nur soviel fertig zu bringen wie bisher, und die Eröffnungen, die ich jetzt machen werde, wären der Nachwelt verloren gegangen. Ich hatte also allen Grund, dankbar zu sein, obgleich ich tatsächlich noch zu verstört war, um überhaupt irgend etwas zu fein. Ich blieb etwa eine Viertelstunde in dieser außergewöhnlichen Sage hängen, ohne die geringste Bewegung zu machen, in einem sonderbaren Zustande idiotischer Freude. Aber dieses Gefühl mußte natürlich rasch vergehen Itnb ihm folgten Entsetzen, Furcht und das Bewußtsein völ­liger Hilflosigkeit, gänzlichen Zusammenbruchs. Das Blut, das solange in den Gesäßen meines Kopfes und meines Halses angesammelt war und bisher meinen Geist im Delirium aufrecht erhielt, begann nun in seine eigenen Kanäle zurückzufließen, und die Klarheit, die sich zur Erkennt­nis meiner Gefahr gesellte, raubte mir meine Selbstbeherrschung und den Mut, ihr zu begegnen. Aber zu meinem Glück dauerte diese Schwäche nicht lang. Zu rechter Zeit kam der Geist der Verzweiflung mir zu Hilfe, und mit krampfhaftem Schreien und Mühen schleuderte ich meinen Körper auswärts, bis ich schließlich mit schraubenartigem Griffe den er­sehnten Rand erreichte, mich darüber wand und schaudernd der Sänge nach in die Gondel fiel.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sch« Universitäts-Duch- und Vteindruckerei, D. Lange. Gießen.