Ausgabe 
9.9.1929
 
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«inst Herzen und Sinne bezwungen und erhoben hatte, redete tönern, leer, ohne Klang:

Bin ich dem finstern Gefängnis entstiegen, Hält sie mich nicht mehr, die traurige Grust? Laß mich in vollen, durstigen Zügen Trinken die freie, die himmlische Lust!"

Die drei Männer, welche in jedem Jahre eine Erinerung an ihre Jugend leicht und mit einer heiteren Weisheit, mit einein nassen und mit einem trockenen Auge, wie man sagt, feierten, erkannten, das dort auf der dühnenrecht erleuchteten Terrasse ein Mensch Jugend feierte, Erinnerung ausgrub, wie sie, nur nicht auf so leichte, gleitende, freundliche Art. Die Lorina, welche die Falten ihres Gesichtes nur mühsam oerschmiilken, aber auf keinen Fall den warmen jungen Laut ihrer-einstigen Stimme zurück- zaubern konnte, sprach vor dem Publikum, das nicht aus Menschen, son­dern aus Gras, Baum, Blume, Himmel bestand, Monologe, welche ein­mal die Menschen hingerissen hatten.

Zu alt, mit versagender Stimme noch aus der Bühne zu stehen, hin­weggefegt von einer neuen Zeit, rettete sich die Alte in diesen Trug, in diese Täuschung. Sie spielte Totes, sie nahm die Abgeschiedenen aus ihren Gräbern.' Sie betrog das Alter mit dem Spiel, welches sie ihrer Erinnerung entriß.

Die drei Freunde waren sehr still. Der Baum über ihnen rauschte mit seinen Blättern in leisem Abendwind, und die Borina hatte auf der Terrasse ihren Monolog zu Ende gesprochen. Aber noch bewegte sie sich in dem alten Kostüm, es sah aus, als flattere ein Nachtfalter gegen ein unbarmherziges Licht.

Die drei alten Herren empfanden Schmerz. Denn nun war ihre Er­innerung an die große Dorina gestorben, sie hatten erkannt, daß der Geist der Erinnerung nicht immer auf geruhige Weise und mit weisem Lächeln heraufrufen kann, sondern daß Gewesenes auch gespenstisch fein kann, wie Tod, wie etwas, das durch Beschwörung dem Jenseits entrissen wird und grausig und zum Erschrecken ist.

Die Freunde waren fast sroh, als sie am nächsten Tage die Nachricht erhielten, Frau Sorina lasse für die Ehre danken, aber sie fei nicht wohl­auf und man möge einer Greisin verzeihen, wenn sie die Herren nicht empfange.

Von den Blumen, welche sie ihr mit einigen Worten der Verehrung schickten, konnten ihr noch einige auf das Grab gelegt werden.

Als die Freunde wieder in S. anlangten, erfuhren sie vom Tode der Dorina, die im hohen Alter plötzlich verschieden sei.

Der Monolog auf der Terrasse war ihr letztes Auftreten gewesen.

Ivo Barburiza, der Salpeterfürst.

Von Kurt I e s e r i ch.

Das ist die Geschichte, die man oben in den Pampas erzählt, wenn man des Abends in den ärmlichen Baracken der Cantinas beisainmen sitzt und sich süßlichen Pisco oder scharfen Whisky hinter die Binde gießt und der vergangenen goldenen Zeiten gedenkt, in denen es noch leicht war, aus gewonnenem Salpeter gutes Geld zu machen. Das waren noch Tage an der Westküste ... damals ... viva Chile, mierda ...!

Es ist die Gefchichte, die sich Matrosen auf jugoflawischen Fracht- dampfern erzählen, des Nachts, wenn sie Wache haben und das Schiff durch die ewige lange Dünung des Stillen Ozeans schlingert und sie sprechen immer wieder von ihr, denn es ist schön sie zu hören und die Zeit vergeht und die Seemeilen ziehen vorüber, viele Seemeilen, denn es ist ein langer Weg bis Europa!

Es ist die Geschichte, die Börsenmakler in London einander in die Ohren raunen, in Paris hörte ich sie neulich beim Lunch imRitz" an der Place de Vendöme, unlängst ist sie auch auf den Promenaden von Cannes und Nizza aufgetaucht. Phantasie hat ihr ein buntes Kittelchen geliehen, der Klatsch hat sie ausfrisiert und Neid verfolgt sie aus leisen Sohlen.Es ist die Geschichte eines Lebens, über dessen Weg ein Stern leuchtete, ein kalter, strahlender, präck)tiger Stern ... ein Komet vielleicht, der Komet des Glücks!

Vor etwa dreißig Jahren ankerte auf der Reede von Jquique ein österreichischer Frachtdampfer. Die Wintschen ratterten und ließen Bal­len auf Ballen der weißen Salpetersücke in den Ladeluken verschwinden. Drüben an der Küste zogen Wolkenfetzen um die traurigen Berge der Cordilleren und die Holzbaracken der kleinen Stadt drückten sich an die Felswand, als hätten sie Angst, die gewaltige Brandung des Stillen Ozeans könne über sie hereinbrechen, sie zertrümmern, verschlingen, aus- streichen ...

An der Reeling stand ein Dalmatiner Matrose und schaute an Land: Jn diesem elenden Loch also wohnten die Männer, denen die Pesoscheine ins Haus flatterten, dachte er, über diese Berge hinweg geht ihre Straße, dessen Wegweiser die haushohen Stauden der Kakteen sind, bis hoch hinauf in die weiße Salpeterebene der trostlosen Pampa. Da oben graben sie den salzigen Schatz, der ihnen Vermögen brachte, während man selber mit dem kärglichen Lohn von ein paar Kronen Wochen und Wochen durch die Einöde der Ozeane fährt. Die Pampa konnte nicht schlimmer fein! Salpeter! Pesos! Reichtum! Wünsche kamen über ihn, vielleicht vergingen sie wieder, denn er schaute den endlosen Reihen der Pelikane zu, wie sie von einer oben Bucht in die andere zogen.

Des Nachts schlich sich der Matrose mit seinem Hab und Gut an Land und kehrte nie wieder zurück.

In der Schiffsliste strich man den NamenIvo Barburiza" und fetzte dahinter den Vermerkdesertiert".

Ivo ging herauf in die Pampa und arbeitete wie jeder andere auch, Spitzhacke, Schaufel und Sprengpatrone waren fein Handwerkszeug und nichts unterschied ihn von dem großen Heer der Abenteurer, das da zusammengekommen war um reich zu werden. Mühsam war es und küm­merlich, zwar gab es guten Lohn, aber was nutzte das, wenn er in Pisco zerfloß, ober bei Weibern hängen blieb, in den paar Tagen, die

man zuweilen an der Küste verbrachte. Eines Tages war der Salpeter­arbeiter Ivo verschwunden, wurde Fischerknecht, sparte fein Geld, bis er ein Boot kaufen konnte, eineLaucha", die den Personen- und Gepäckverkehr zwischen den ankommenden Dampfern und der Küste aufrecht erhielt. Denn Häfen gab es und gibt es noch heute kaum in Chile. Das Geschäft ging gut und Ivo sparte. Einige Jahre später wurde in Jquique eineLebensrnittel- und Fouragehandlung Ivo Barburiza" gegründet, die die Pampa mit allem belieferte, was man oben auf den Salpeterfeldern brauchte. Preise machte man nach Gut­dünken, denn Konkurrenz gab es nur wenig und leben mußten die in den Bergen doch auch. Und man bezahlt sogar für den einzigen Trost, den es bort oben gibt: Schnaps unb Whisky!! Das also war der rechte Weg zum Reichtum, dachte Ivo und erhöhte den Preis für Konservenfleisch um einen Halden Peso. Was tat es, man war auf ihn und feine ganz wenigen Kumpane angewiesen. Die hielten zusammen und hielten die Preise. Niemand dachte daran, bah es Wuchergelb war, was ihnen in den Taschen klimperte. Das war nun eben mal so! Bastante! Die Jahre vergingen, man trug Geld auf die Bank, spekulierte, aus einigen tausend Pesos wurden hundert Pfund, man spekulierte wieder unb gewagter, was konnte schon schief gehen an ber erwachenben West­küste! Aus den hunbert Psunb wurde Tausende. Ja bas waren noch Zeiten in ber Salpeterpampa!

Unb bann schlug ber Weltkrieg seine rote Brandfackel in die Staaten Europas. Auch in Chile stockte der Handel, die Schiffe liefen nicht aus, an ber fübamerikanischen Küste kämpften deutsche Geschwader mit den Engländern, ber Weg nach Europa war gesperrt, das Salpeter« aeschäft stand still, die Aktien sanken ins Bodenlose, die Herren ber Pampa verloren den Kops! Was nun?

Barburiza kalkulierte: war der Krieg schnell beendet, ging alles wieder feinen alten (Sang. Dauerte der Krieg lange, und blieb ber See­weg verschlossen, ging man bem Ruin entgegen, würde aber Europa den Verkehr mit Chile wieder aufnehmen, unb das war bas Wahrschein­liche, benn die großen Heere fchosfen mit Stahl unb Pulver, unb zur Herstellung von Pulver braucht man Salpeter, ja bann waren Mil­lionen zu verdienen, wenn er recht lange dauerte. Es war ein Vabanque­spiel, aber Barburiza hat es gewagt unb heute wissen wir alle genau, bah er es glänzend gewonnen hat. Am August 1914 kaufte er für den Betrag seines ganzen Vermögens fast gänzlich entwertete Salpeterakiien. Unmitelbar darauf erfolgte die Vernichtung des deutschen Geschwaders bei Falkland, unb halb trafen die ersten alliierten Schiffe ein, um Sal­peter zu laben. Die Aktien stiegen, bas Geschäft blühte, wie nie zuvor, unb Barburiza, der nunmehrige Besitzer einiger Salpeterminen war mit einem Schlage ein reicher Mann. Jetzt hörte man feinen Namen zum ersten Male auf der Börse in London. Gesellschaften wurden gegründet, in denen fein Geld steckte, Geschäfte wurden getätigt, Spekulationen unternommen, alles glückte, denn alles stand unter ber DeviseKrieg in Europa"! Aus Zehntausenben würben Hunberttausenb unb Millionen von Pfunden. Der Kriegsgott zahlte großzügig für Salpeter!

Reichtum war also erreicht, das Ziel, das sich einstmals ber er­laufene Matrose gesetzt hatte. Aber bes Menschen Sehnsucht ist un­erschöpflich. Wer Gelb hat, will auch Macht. Barburiza war ein Dal­matiner, feine Heimat hatte er nie vergessen. Diese Heimat kämpfte auf Oesterreichs Seite, in Wahrheit aber kämpfte sie um ihre Freiheit. Mit Bardurizas Gelb und Mithilfe würbe während des Krieges die erste jugoflawifche Regierung jufammengefteUt, die ihren Sitz in London hatte. Der Abfall ber slawischen Truppen von ber k. u. k. Armee war nicht zum kleinen Teil feinem Einfluß zu verbanfen. Die Freiheit seiner Heimat kam unb mit ihr der Friede. Der Welthandel lebte wieder auf und Barburiza gehörte jetzt zu den wenigen Großen, die ihn regierten. War das Macht? Vielleicht! Aber sie genügte nicht. Alle Staaten ber Erde durchlebten die Nachkriegswehen, Unzufriedene gab es überall mehr als sonst. In Chile murrte bas Volk. Das war eine Gelegenheit! Der General Altamirano stürzte bie Regierung, proklamierte die Re­volution, unb Barburiza finanzierte sie. Aber es wurde, wie man in Chile nicht mit Unrecht sagt, eine Revolution ber Schieber. Die neuen Machthaber waren balb entthront, mit ihnen Barburiza, der unum­strittene König der Salpeterminen. Generale zieht man zur Rechenschaft, was aber tut man mit Finanzputfchisten, an deren Kapital bas Wohl und Wehe bes gesamten Staates hängt? Der Mann, ber den bisher größten chilenischen Scheck unterschrieb, ber Häfen baute, dessen Schisse Salpeter holten, der die gesamten Fleischkonsumenten Nordchiles ver­sorgte, dem Krankenhäuser, Fabrikanlagen und fast die ganze Pampa gehörte, diefer Mann, der nod) dazu ein Landfremder war, konnte nicht anders, muhte immun bleiben. Aber gegen den unglücklichen Revolu­tionär stand die Stimmung des Volkes. Das Volk forderte Sühne. Barburiza hätte nicht Barburiza fein müssen, um nicht die Gefahr zu erkennen, die im Falle einer neuen Revolte bem Wirtschaftsleben Chiles unb damit feiner Wettmachtstellung drohte. Wie fchon zweimal in bem Geben feines unerhörten Aufstieges suchte er sein Glück im Verschwinden unb verschwand nach England. Kurze Zeit regierte er seine Welt aus seinem Palast am Leadenhall. Aber in London war man bem einstigen treuen Verbündeten englischer Kriegsinteressen nicht sonderlich wohl­gesinnt. Barburiza ging nach Paris. Dort scheint er bleiben zu wollen, dahin hat er sich seinen Chauffeur, seine Vertrauten aus Valparaiso nach­kommen lassen. Bon dort leitet er seine Agenturen in allen bedeutenden Plätzen der Welt, dort unterzeichnet er Kaufverträge unb arbeitet vom frühen Morgen bis in den späten Abend, so, wie er einstmals arbeitete, als es galt, in seiner kleinen Officina in Jquique mühselig erworbene Pesos zusammenzukratzen. Unb das Seltsame ist: biefer Mann ist ohne Erben. Niemanden gibt es, ber ihm verwandt wäre, fein einziger Neffe starb vor einigen Jahren in Chile. Auf einem 12 000-Tonnen-Dampfer war fein Leichnam bie einzige Fracht nach Europa. Unter einem prunk­vollen Denkmal ruht er im Felsen einer Dalmatiner Insel. Barbunzos Schisse bampfen über die Ozeane, fein Name klingt gut in den Pm lüften ber Welthanbelsbörsen unb feine Geschäfte finb golbene Fl Mo­di e hoch oben in ben Cordilleren entspringen, bereu ungekrönter Komg