Ausgabe 
9.9.1929
 
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GiehenerKimilieiiblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den 9. September Nummer 70

Der Obstaufkäufer.

Von Theodor Kramer.

I.

Gespenstisch hör ich jedes Frühjahr Gänse im Stadtkontor und wittre fernen Blust; anleg ich selbst dem Schecken dann die Trense und lenke das Gespann ins Land um Rust.

Die Sonne glänzt, die flüggen Dohlen klagen, der Obsthang flirrt verschneit vom Blütentag; hellsichtig lug ich aus dem Kälberwagen und wie im Traume schätz ich den Ertrag.

II.

Und wieder wiegt mich das Gestöhn der Deichsel, doch meine Backen glühn vor Schweiß und Staub; im Weinberg reift bei Stargeschrei die Weichsel, glatt glänzt die Rinde, dicht das Kirschenlaub.

Vorm Buschen spring ich ab, mein Atem wimmert, mit zähen Heinzen feilsche ich beim Wein; die ganze Ernte, wie vom Baum sie schimmert, samt Kern und Stengel ist noch heute mein.

Die Erinnerung.

Von Kurt H e y n i ck e.

Drei alte Herren, welche den Rest eines größeren Freundeskreises bildeten, der einige Jahrzehnte hindurch das gesellschaftliche Leben der großen und schönen Stadt S. durch manches heitere Abenteuer bereichert und bunt gemacht hatte, beschlossen, nachdem sie die Sechzig überschritten hatten, alljährlich zu Britt, solange der Tod sie noch nicht trennte, ein Fest zu feiern.

Dieses Fest war kein lautes, keines mit Gastmahl und Bewirtung, mit Musik und gar Tanz (denn heutzutage tanzen die alten Herren so rüstig wie die jungen), nein: es sollte ein stilles Fest sein, ein leise zwischen Heiterkeit und Wehmut schwankendes; es stand nicht unter dem immer noch hell leuchtenden Stern der Gegenwart, sondern die Seele dieser Feier wurde aus den Schatten der Vergangenheit beschworen.

Die drei alten Herren feierten nicht sich, sondern eine Erinnerung an ihre Jugend, und - auch nicht eine Erinnerung schlechthin, sondern eine Gestalt, eine Person, einen Menschen, welche sich mit einem starken, tiefen und nachhaltigen Erlebnis in den Gedanken des einen ober an­deren der drei Greise eingegraben hatten, unauslöschlich auch noch in so späten Jahren.

So gedachte man eines Lehrers, der einst verehrt worden war und der nun, nahe an die Neunzig, über den Gruß längst vergessener Schüler sich wunderte und den Sinn einer Gabe, eines Geschenkes mit einem schon altersschwachen Verstand nicht begriff; man brachte sich einer Frau in Erinnerung, welche, nun längst Mutter und Großmutter, beim Anblick einer Blumenspende an eine inzwischen von vielen härteren Wirklichkeiten zugedeckte traumhafte Stunde aus sehr jungen Tagen erinnert wurde.

Die Spenden der drei Freunde geschahen auf zarte und unaufbring« üche Art unb ebenso zart unb leise und still wurde der Tag dem Ge­dächtnis der eigenen Jugend gewidmet. Es war wie das Bekränzen eines Bildes, wie ein Blumenopfer vor einer geliebten Statue.

In diesem Jahre reihten sich in den Spielplan des Theaters der Stadt Eine Anzahl Werke, durch welche die drei Freunde an eine Schauspielerin erinnert wurden, die einst in diesen klassischen Dichtungen ihr Herz zu Begeisterung und edlem Aufschwung emporgerissen hatte.

Jene Jähre waren dahin, die Begeisterung der Jugend war einer Abneigung gegen den heutigen Schauspielstil gewichen, und wie die Freunde dem Theater jetzt fast fremd gegenüber standen, so hatte auch Marianne Borina den Staub der zauberischen Bretter, welche allabendlich den Boden eines Märchenreiches bilden, von Fuß unb Gewand geschüttelt uud sich in einen thüringischen Kurort zurückgezogen, um den Abend mrcs Lebens ruhig und in Abgeschiedenheit hinzubringen.

Die drei Freunde tauschten ihre Erinnerungen aus; das Bild der vergötterten Schauspielerin trat stark vor ihre Seele. Sa beschlossen sie, m diesem Jahre der Borina a«f schöne unb ritterliche Weise zu gebenten.

Sie beratschlagten lange, dann aber dachten sie, daß es am besten sei, tn den Kurort zu fahren, die alte Schauspielerin auszusuchen und ihr

durch einen Besuch dafür zu danken, daß sie in der Erinnerung von tret alten Herren in so wunderbarer Lebendigkeit Auferstehung feiere.

Sie wußten freilich nicht, wie die Frau ihre Huldigung ausnehme» würde. Aber vielleicht empfing die Borina die Gnade ihres Greisentum» wie sie selbst; sie zählte ihre Jahre mit ruhiger Ergebung in Gottes Fügung und ohne Schmerzen auf einen Anruf nach oem stillen Lande des Jenseits wartend; diese geruhsame Heiterkeit ließ sie alljährlich ein solches Fest der Erinnerung mit Anstand und Frohsinn feiern.

Sie drei Männer nahmen in einem Hotel des Kurortes Wohnung und erkundigten sich nach der Schauspielerin.

3er Wirt wußte nur, daß die Bewohner des Landhauses Sorina recht zurückgezogen lebten, wie eingekuschelt zwischen Bäumen, Hecken und Strckuchwerk.

Nun: die drei alten Herren sagten, daß sie nichts überstürzen wür­den, schließlich waren sie ja auch zu ihrer Erholung auf einige Tage hier­hergefahren, also sandten sie ihre Karten in das Landhaus und ließen in einigen Zeilen den Zweck ihres Besuches durchblicken. Ser Bote kam mit der Nachricht zurück, daß Frau Sorina, die sich nicht ganz wohl fühle, eine Nachricht schicken werde.

Ser Tag sank und der Abend war mild unb duftig, das Tal roch nach Tannen so stark, daß man meinte, jeder Ziegelstein, jede Tür im Haus habe diesen Waldgeruch.

Sie drei Freunde machten um diese Stunde einen Spaziergang durch den Ort. Ser Himmel war klar unb der Mond wanderte mit voller Scheibe über den sternbesäten Himmel.

Nicht aus Zufall, sondern mit dem erkennbaren Wunsche, einen Blick in das Haus oder den Garten der Sorina zu tun, lenkten die Männer ihre Schritte dorthin.

Es war schon spät, nach zehn Uhr. Das Haus lag mit feiner Vorder­front dunkel. Eine hohe Hecke versperrte jede Einsicht in den Garten. Aber als die Freunde nach Einbiegen in einen Seitenpfad sich der Rückfront des Hauses näherten, glaubten sie Licht in der Villa zu bemerken.

Zwischen Straße unb Haus dehnte sich langgestreckt der Garten, den eine hohe Mauer umgab, es war auch hier nicht möglich, Einschau zu halten.

In diesem Augenblick bemerkte einer der Freunde in dieser Mauer eine Tür, die unter hängendem Efeu verborgen war unb mehr aus Mut­willen, als mit ber Absicht, einzubringen unb keineswegs in bem Glau­ben, baß sie sich öffnen würde, drückte er auf die Klinke. Sie gab nach.

Da der Schlüssel von innen steckte, so lag sicher ein Versehen des Gärtners vor, denn es war gegen alle bisher gemachte Erfahrung und stand im Widerspruch zu den Schilderungen des Wirtes, daß in diese so behütete Burg auf allzu leichte Weise Eingang zu gewinnen war.

Sie standen einen Augenblick verdutzt, aber an diesem dem Andenken an ihre Jugend geweihten Tage erhielten auch Uebermut und Schelmerei Macht über sie: leise ließen sie die Türe in den Angeln gehen und traten ein.

Für die Eindringlinge über die Maßen günstig, standen zwischen Haus und Mauer in dem langen Garten Gebüsche und Baumgruppen so dicht, daß die drei Freunde im Schutze von Busch, Blatt und Dunkelheit sich unbemerkt dem Hause nähern konnten.

Sie entdeckten, daß die Lichtflut nicht aus Fenstern kam, sondern in breiter Front über eine Art Terrasse schoß, welche unmittelbar mit dem Hause verbunden war.

Zwar meinten die Freunde, daß es gewagt sei, weiter in dem fremden Garten zu verweilen, aber Neugier hielt sie noch an ihrem Platze fest, ein unbestimmbares Gefühl ließ sie auf eine Erklärung warten, weshalb diese ungewöhnliche künstliche Helligkeit über diesen Teil des sonst düsteren und dunklen Hauses ausgeschüttet war.

Da trat eine Frau auf die Terrasse. Sie Lauschenden sahen es, ihr Atem stockte. Biese Frau war kostümiert, sie trug ein elisabethanisches Kostüm. Mit einigen Schritten durchmaß sie die Terrasse, ihre Bewegun­gen waren groß und habet von einem seltsamen, ungewöhnlichen Pathos.

Jetzt konnten die Männer auch in dem bühnenscheinwerserhaft fluten­den Licht bas geschminkte Antlitz erkennen, jetzt sahen sie nicht nur Ge- bärben, sie hörten auch eine Stimme:

Laß mich der neuen Freiheit genießen, laß mich ein Kind sein, sei es mit!

Und auf dem grünen Teppich der Wiesen prüfen den leichten geflügelten Schritt!"

Sie drei Freunde erschauerten. Sie erkannten die Borina. Sie Stimme war brüchig, von einer gekünstelten, krampfhaften Schrillheit, als wolle die Besitzerin ber Stimme vergeblich einen großen Raum meistern unb als wichen bie Begrenzungen dieses Raumes höhnisch vor ihren Be­mühungen zurück.

Nun wendete sich die alte Schauspielerin gegen eine gedachte, un- sichtbare Mitspielerin und redete die Worte der Maria Stuart, als die (ie