leuchtete wie ein tröstlicher Schimmer; das war die Kammer, wo Christine saß und weinte.
Der Stadtpfeifer blickte starr nach dem einzigen Licht in der Höhe, und es ward ihm in der Seele leid, daß er eben so unfreundlich seines Weibes gedacht. Und indem er so das einzige Licht in der ringsum endlos ausgebreiteten Finsternis anblickte, fiel ihm ein einfältiger Vers ein, den er manchmal von seiner Mutter hatte fingen hören, der hieß:
„Wem nie durch Liebe Leid geschicht. Dem ward auch Lieb' durch Liebe nicht; Leid kommt wohl ohne Lieb' allein; Lieb' kann nicht ohne Leiden sein."
So schritt er denn nach einer Weile langsam zurück über die Brücke, und im Gehen wiederholte er sich wohl zehnmal immer langsamer und nachdenklicher den Vers, und seine. Schritte hielten zuletzt wie von selber ein, daß er in tiefem Sinnen stehenblieb. Sein Blick senkte sich zur Erde. Da sieht er etwas glitzern: — es ist ein funkelneuer Groschen! Und wie er sich bückt, ihn aufzuheben, sieht er auf einen Schritt voraus noch einen Groschen liegen, und weiterfort noch einen — und so waren es sechse, dicht aneinander, alle so neu und glänzend, wie wenn sie eben jetzt aus der Münze kämen. •
„Sechs neue Groschen in einer Reihe," murmelte der Stadtpfeifer leise, tiefbewegt, „sechs Groschen — die hat mir unser Herrgott selber hierher gelegt, der mich nicht verlassen will — sechs Groschen tostet der Laib Brot in dieser teuren Zeit!" Und dann war es ihm nach einem Augenblick wieder unfaßbar, wie er zu dem Gelde gekommen; er erschrak vor sich selbst, als habe er's gestohlen; er prüfte fühlend und besichtigend im Schein der erleuchteten Fenster eines Hauses, ob es kein Blendwerk sei; allein es waren und blieben wirklich sechs neue, blanke Groschen. Es ward ihm aber, daß er hätte weinen mögen wie ein Kind, als er beim Hofbäcker eintrat und die sechs glänzenden Groschen niedergeschlagenen Auges auf den Tisch legte und mit zitternder Hand den Laib Brot dafür hinnahm.
Jetzt lief er noch viel schneller zum Schlosse zurück, als er vorhin nach der Brücke gelaufen war. Er preßte das Brot fest unter den Arm, als könne es ihm unversehens wieder davonfliegen. „Da kann man wohl auch sagen," dachte er bei sich, „der Neunundneunzigste weiß nicht, wie der Hundertste zu seinem Brot kommt."
Aber während er so hinter der Stadtmauer her den Berg hinanstieg, klang plötzlich ein leises Wimmern an sein Ohr. Er blieb stehen; die Töne schienen vom Boden herauf zu kommen.
„Was ist das?" rief er aus. „Heute abend bin ich im Finden glücklich! Da liegt ein kleines Kind — in ein paar arme Lumpen gewickelt. Wahrhaftig, Gott hat mir nicht umsonst den Zorn eingegeben, daß ich wie toll in die Nacht hinein laufen mußte!"
Und es kam ihn, wunderbar genug, über diesen zweiten Fund fast eine größere Freude an als den ersten, da er in den Lichtschimmer des nächsten Fensters trat und ein Papier entzifferte, das bei dem Kinde gelegen; darauf stand geschrieben: „Ein arm elendig Weib bittet den Christenmenschen, der dies findet, daß er sich um Jesu willen des Kindes erbarme. Es ist getauft und heißt mit Namen Johann Friedrich."
Der Stadtpfeifer nahm fein Brot in den einen Arm und das Kind in den anderen und schlug den Zipfel seines langen Rockes um den armen Wurm.
„Herr Gott!" rief er, „du sollst mir nicht umsonst die Groschen auf die Straße gelegt haben!"
Dieser kurze Ausruf aber war wie ein volles, brünstiges Gebet.
Erst als der Stadtpfeifer mit dem Doppelfund vor seiner Stubentüre stand, überkam ihn Zagen und Verlegenheit! Doch schon öffnete Frau Christine und begrüßte ihn so zärtlich, als müsse der Gruß allein jede Erinnerung von Streit und Ungemut tilgen.
Der Stadtpfeifer legte das Brot aus den Tisch und das Kind daneben. „Das habe ich unterwegs gefunden, Christine", sagte er trocken und blickte dabei die Frau so ernsthaft an, daß sie laut lachen mußte, und er selber lachte nun mit. Dann setzte er sich und erzählte treuherzig seine Geschichte und hob im Erzählen das Kind wohl ein dutzendmal auf, damit es ihn anlächle und er es küsse. Als er von den sechs Groschen erzählte, da ward es auch der Frau ganz fromm zumute; doch als er dann weiter feinen Bericht über den Fund des Kindes beendet, sprach sie: „Du tatest recht, daß du das Würmchen mitgebracht hast; morgen wollen wir zum Schultheißen gehen und ihm den Buben einhändigen."
Den Stadtpfeiser überlief es, wie wenn er mit kaltem Wasser übergoßen würde. Er erwachte erst jetzt zur klaren Ueberlegung. Daran hatte er noch gar nicht gedacht, was es heiße, ein Kind aufziehen und versorgen, und daß vor allem eine Mutter dazu gehöre, die sich mit voller Liebe und Opferung des hilflosen Geschöpfes annehme. Nicht ihm, sondern der Frau kam hier das entscheidende Wort zu. Es hatte ihm so oorgeschwebt, als müsse der Kleine auf immer bei ihm in feiner Pfeifer- stube bleiben und dort aufwachsen so ohne weiteres, wie ein Blumenstock, den man ans Fenster stellt, zeitweilig begießt und im übrigen unserem Herrgott überläßt. Nun fühlte er auf einmal, wie gedankenlos er geträumt.
Er besann sich lange; er kämpfte lange mit sich selber. So viel Kopfbrechens hatte er sich nicht gemacht seit der Stunde, wo er den leichtsinnigen Entschluß faßte, das Bauernmädchen von Ebersbach zu heiraten.
Endlich schien auch hier der Entschluß gefunden. Mit einer Festigkeit, die der Frau ganz neu war, sprach er: „Freilich wollen wir morgen früh zum Schultheißen gehen und ihm das Findelkind anzeigen. Die Gemeinde muß für des Knaben Erziehung Geld steuern, — es wird jetzt nicht viel herausspringen — gute Leute müssen um eine Gabe für das arme Ding angegangen werden; das hat alles feinen geweiften Weg, der durch des Schultheißen Stube führt, und du kennst ihn besser als ich. Aber so wenig
wie ich diesen Laib Brot wieder zum Bäcker trage, so wenig gebe ich das Kind aus der Hand. Der Schultheiß würde es dem Wenigstfordernden zur Pflege ausbieten; eine Lumpenfamilie würde es ersteigern, um das Kostgeld einzustocken und den Kleinen verkümmern zu lassen." Und er fuhr fort mit erhobener Stimme: „Nicht umsonst trieb es mich, den Weg hinter der Stadtmauer zu gehen, den man sonst im Dunkel meidet. Unser Herrgott schenkt nichts weg, nicht einmal sechs Groschen. Christine! dieses Brot wird uns gesegnet fein, und das Brot wird im Hause nie mehr ausgehen, wen wir das Kind, um desseniwillen uns das Brot geschenkt ward, behalten und zu einem frommen und tüchtigen Mann erziehen. Im Unsegen werden wir das Brot essen, wenn wir das Kind hinweggeben. Anfangs wirst du die größte Last haben, nachher aber kommt sie an mich; wir wollen ehrlich teilen, was mit diesem Kind ins Hans eingezogen ist, die Sorgen und den Segen. Johann Friedrich, armes Waisenkind — Friedrich sollst du von uns genannt und ein Musikant werden! Und es soll dir besser damit glücken als deinem Pflegevater."
Christine erschrak über die Bestimmtheit Heinrichs und seinen entschiedenen Ton. Er war ein ganz anderer geworden, feife er das Kind und das Brot auf den Tisch gelegt. Zum erstenmal empfand sie die Autorität des Ehemannes, davor sie sich beugen müsse. Die Worte von dem Segen, der nur auf Brot und Kind verbunden ruhe, durchbebten ihr abergläubisches Gemüt. So resolut sie sonst gewesen: — gerade hier, wo das Weib zu reden berufen war, fühlte sie sich als das schwache Weib. Sie erhob mancherlei Einwand, unter Tränen sogar, aber sie kam nicht auf gegen die fast religiöse Begeisterung des Mannes. Zu allerletzt verschanzte sie sich hinter die böse Nachrede der Freunde und Nachbarn. Wie werde man es ihnen, die selbst arme Leute, auslegen, daß sie ein Findelkind zu sich genommen — vermutlich, damit der Stadtpfeifer es mit seinen Projekten und Notenpapierschnitzeln großfüttere?
Heinrich sprach trutzig:
„Ziehn dir die Leut' ein schiefes Maul, So sei im Gesichterschneiden auch nicht faul —" sagt Doktor Martin Luther; und ich denke, wir sind beide gut lutherisch." Dann nahm er das Brot, schnitt es an und setzte den Wasserkrug aus den Tisch. „Jetzt wollen wir schweigen und in Frieden unser Abendbrot essen. Hast du aber erst geschmeckt, Christine, wie köstlich dieses Brot ist, und wie der Hofbgcker nie ein gleiches gebacken, dann werden dir die Augen aufgehen, daß du Gottes Hand erkennst, die dieses Kind gerade uns, und uns allein, überantwortet hat — wer weiß, zu welchem Ende!"
3. Kapitel.
Das Brot ging nicht mehr aus in des Stadtpfeifers Hause. Sie hatten aber auch das Kind behalten. Mit Wasser und Milch — ein damals noch kaum erhörtes Wagnis — ward der Knabe ausgezogen. Die Hofbäckerin steuerte die Milch dazu. Andere gaben Leinwand, Kleider; auch sonstige milde Spenden mancherlei Art flössen reichlich, solange die Sache noch neu war; dann versiegte die Barmherzigkeit, und nach Jahresstist blieben die paar Gulden allein übrig, welche die Gemeinde beitrug — dec Stadtpfeifer meinte, man könne keinen Hund dafür ordentlich erziehen. Allein Heinrich Kullmann hatte jetzt einen neuen Menschen angelegt. Ein Eifer zu arbeiten, zu erwerben glühte in ihm, daß es Christinen fast bangte. Tariinis Bogenstrich war ganz vergessen, unser Freund war dec reine Stadtpfeifer geworden, doch, das merkte jeder, nur um Gottes willen, um des Weibes und Kindes willen. Er lief zweimal die Woche vier Stunden Wegs weit nach Wetzlar, um bei den Herren vom Reichskammergericht die Musikstunden wieder zu suchen, die er in Weilburg verloren. Da er sich für diese Tage im Turmdienst durch seine Gehilfen mußte vertreten lassen, so galt es, vorher Dispens beim Schultheißen zu gewinnen. Dieser gab abschlägigen Bescheid. Früher würde der Stadi- pfeifer nunmehr beschämt sich in sich selbst verkrochen und keinen weiteren Schritt mehr gewagt haben. Jetzt dagegen ging er mannhaft zum Schultheißen und legte ihm die Sache in so beweglicher Rede vor, daß er mit der Erlaubnis in der Tasche wieder heimgehen konnte. Seit di« wirkliche Not an ihn gekommen, seit er in seinem House einmal beinahe kein Brot mehr über Nacht gehabt hätte, war er ein Manu geworden. Und als ihm wie durch ein Wunder dennoch Brot beschert ward, nahm er mit dem Kinde freiwillig die doppelte Not auf sich, gleich als wolle er nun ein Mann werden, der für zwei Männer steht.
Das Brot ging nicht mehr aus in seinem Hause, aber schmal blieb es durch Jahr und Tag. Drei leibliche Kinder kamen nachgerade zu dem gefundenen, so daß die kleine Pfeiferstube übervoll ward. Das Herz des Vaters gehörte den eigenen Kindern; das Herz des Künstlers dem gefundenen; Johann Friedrich war noch keine vierzehn Jahre alt und konnte noch keine große Geige bewältigen, da sagte der Stadtpfeifer schon: „Hinter der Stadtmauer habe ich den großen Musiker von der Gasse aufgelesen, den ich in mir selber immer vergebens gesucht."
So ging es durch achtzehn Jahre voll Plage und Not. Die kleinen Leute verstanden aber damals noch gar trefflich die Kunst, elend und zugleich glücklich zu [ein. Heinrich Kullmann kam nicht vorwärts, aber er blieb doch immer als Stadtpfeifer sitzen; er wurde oft nicht satt, aber er verhungerte auch nicht, und wenn er nur feinen ledernen Hvsengurm um zwei Löcher fester schnallt«, so spürte er keinen Hunger mehr, auch bei halbleerem Magen. Weil in den Kriegszeiten jeder zurückging, V> brauchte sich keiner zu schämen, wenn er verdarb. Der Stadtpfeiser machte etwa alle drei Jahre den Versuch, flügge zu werden, fiel aber immer wieder in das alte Nest auf den Schloßturm zurück. Das nahm er hin, ™ hätte es nicht anders kommen können, und blieb so gutmütig, treuherzig und unpraktisch wie immer; aber er blieb jetzt auch ein Mann. Bi am Christine zuweilen ungeduldig, dann sprach er: „Gottes Segen ist 1« doch mit dem Kind und dem Brot über uns gekommen, vielleicht nicht gant so reich, als wir es wünschten: — das Pferd, das den Hafer verdien, kriegt ihn nicht; aber sei versichert, um des Kindes willen wird uns i jene Welt der hier entgangene Hafer gutgeschrieben — mit Zinsen.
(Fortsetzung folgt.)___
Verantwortlich; Dr. Hanä Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch-- und Steindruckerei, A.Lange, Gießr^


