Ausgabe 
9.8.1929
 
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Antlitz di« Jugend wiederzusuchen begann, Auguste Preller mit leisem Lächeln, Storni im wehen Schwingen des alten Schwalbenreims von dem, was mein einst war.

Sie gingen nach dem Essen durch den Garten. Die hohen Dirken lehnten unbeweglich im Mittagslicht, Sonnenregen rieselte sacht, «in dünner Wasserstrahl siel schläfrig in das breite Drunnenbecken, und von der Hecke her schwamm schwül und mit leichtem Heimat- anklang der Ruch der Waldrebe. Sie besuchten den wundervollen Friedhof, schritten durch die schaumkrautblühenden, abendlich ein- däminernden Wiesen dem Hasen zu, über dem von Wilhelmshaven her die Möven kreischten, und nachher spielte Karl Mozart. Er war kein Künstler, aber aus seinem Spiele quoll rein die schlichte Seele des kindlichfrommen, guten Menschen, der alles liebevoll und schen­kensfreudig an sein Herz zog.

Immer stiller wurde es in Storm, und die Bitterkeit, die manch­mal noch mit ernstem Dorwurf, diesem Kinde ein allzu strenger, ungeduldiger Dater gewesen zu sein, quälte, starb sacht und ohne Schmerz. Er hatte sie imStillen Musikanten" zu erlösen gewußt, und auch das Leid um den geliebten Aeltcsten war ruhiger und ohne 3om geworden, seitdem es ebenfalls und mit erschütterndem Klang in seine Kunst aufgegangen war. Ein tröstliches Goethewort kam wie ein Licht von weitem zu ihm her:ilnö wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide". Auch das würde einmal vergessen sein, wenn es auch immer wieder, doch mit sinkender Flamme, brennen würde. Fast tat ihm das Wort leid, das er vorhin in rasch aufwallendem, heißem Zorn über Hans gesagt hatte.

Ist nicht alles Leben im Grunde Leid und überschauert von dunkeln, schwer schattenden Flügeln? 3n alle Fröhlichkeit rinnt das dumpfe Brausen der Zypressen, und jeder, der sich Mensch nennen darf, steht halbsatt vom Tische des Lebens auf. Denn zutiefst in der Seele schläft, trügerisch von glitzernden Wellen überkräuselt oder von schweren Sturzseen durchpflügt, tief wie Dineta das dunkle Gespenst des Endes, an das kein Anfang wieder anknüpft.

Es war schon spät, als ihn Karl in seinen Gasthof zurückbrachte. Aus dem Tische stand mit einem scheu verehrungsvollen Gruß der jungen Agnes Treller ein Strauß weißer Rosen. Tief in ©innen schrieb er auf eine Karte, die er schon am Morgen nach Husum hatte schicken wollen:

Die Tage sind gezählt, vorüber bald ist alles, was das Leben einst versüßt. Was will ich mehr, als daß vorm Schlafengehn die Jugend mich mit frischen Rosen grüßt!

Wenn die Aepfel reif sind.

Von Theodor Storm.

Es war mitten in der Nacht. Hinter den Linden, die längs dem Plankenzaun des Gartens standen, kam eben der Mond herauf und leuchtete durch die Spitzen der Obstbäume und drüben auf die Hinter­wand des Hauses, bis hinauf auf den schmalen Steinhof, der durch ein Staket von dem Garten getrennt war; di« weißen Borhänge hinter dem niedrigen Fensterchen waren ganz von seinem Licht beschienen. Mitunter war's, als griffe eine kleine Hand hindurch und zöge sie heim­lich auseinander; einmal sogar lehnte die Gestalt eines Mädchens an die Fensterbank. Sie hatte ein weißes Tüchlein unters Kinn geknotet und hielt eine kleine Damenuhr gegen das Mondlicht, auf der sie das Rücken des Weisers aufmerksam zu betrachten schien. Draußen vom Kirchturm schlug es eben dreiviertel.

Unten zwischen den Büschen des Gartens auf den Steigen und Rasenplätzen war es dunkel und still; nur der Marder, der in den Zwetfchen sah, schmatzte bei seiner Mahlzeit und kratzte mit den Klauen in die Baumrinde. Plötzlich hob er die Schnauze. Es rutschte etwas draußen an der Planke; ein dicker Kopf guckte herüber. Der Marder sprang mit einem Satz zu Boden und verschwand zwischen den Häu­sern; von drüben aber kletterte ein untersetzter Junge langsam in den Garten hinab.

Dem Zwetschenbaum gegenüber, unweit der Planke, stand ein nicht gar hoher Augustapfelbaum; die Aepfel waren gerade reif, die Zweige brechend voll. Der Junge muhte ihn schon kennen; denn er grinste und nickte ihm zu, während er auf den Fußspitzen an allen Seiten um ihn herumging; bann, nachdem er einige Augenblicke stillgestanden und ge­lauscht hatte, band er sich einen großen Sack vom Leibe und fing be­dächtig an zu klettern. Bald knickte es droben zwischen den Zweigen, und die Aepfel fielen in den Sack, einer um den andern in kurzen, regelrechten Pausen.

Da zwischendrein geschah es, daß ein Apfel nebenbei zur Erde fiel und ein paar Schritte weiter ins Gebüsch rollte, wo ganz versteckt eine Bank vor einem steinernen Gartentischchen stand. An diesem Tische aber und das hatte der Junge nicht bedacht saß ein junger Mann mit aufgestütztem Arm und gänzlich regungslos. Als der Äpfel seine Füße berührte, sprang er erschrocken auf; einen Augenblick später trat er vorsichtig auf den Steig hinaus. Da sah er droben, wohin der Mond schien, einen Zweig mit roten Aepfeln unmerklich erst und bald immer heftiger hin und her schaukeln; eine Hand fuhr in den Mondschein hin­auf und verfchwand gleich darauf wieder samt einem Apfel in den tiefen Schatten der Blätter.

Der unten Stehende schlich sich leise unter den Baum und gewahrte nun endlich auch den Jungen wie eine große schwarze Raupe um den Stamm herumhängen. Ob er ein Jäger war, ist seines kleinen Schnurr­bartes und seines ausgeschweiften Jagdrocks unerachtet schwer zu sagen; in diesem Augenblicke aber muhte ihn so etwas wie ein Jagdfieber überkommen; denn atemlos, als habe er die halbe Nacht hier nur ge­wartet, um die Jungen in den Apfelbäumen zu fangen, griff er durch die Zweige und legte leise, aber fest, seine Hand um den Stiefel, wel­cher wehrlos an dem Stamme herunterhing. Der Stiesel zuckte, das

Apselpslücken droben horte auf; aber kein Wort wurde gewechselt. Der Junge zog, der Jäger faßte nach; so ging es eine ganze Weile; endlich legte der Junge sich aufs Bitten.

Lieber Herr!"

Spitzbube!"

Den ganzen Sommer haben sie über den Zaun geguckt!"

Wart' nur, ich werde dir einen Denkzettel machen!" und dabei griff er in die Höhe Und packte den Jungen in den Hosenspiegel.Was das für derbes Zeug ist!" sagte er.

Manchester, lieber Herr!"

Der Jäger zog ein Messer aus der Tasche und suchte mit der freien Hand die Klinge aufzumachen. Als der Junge das Einschnappen der Feder hörte, machte er Anstalten, hinabzuklettern. Allein der andere wehrte ihm.Bleib nur!" sagte er,du hängst mir eben recht!"

Der Junge schien gänzlich wie verlesen*).Herrjemine!" sagte er, es sind des Meisters seine! Haben Sie denn gar kein Stöckchen, lieber Herr? Sie könnten es mit mir alleine abmachen! Es ist mehr Pläsier dabei; es ist eine Motion; der Meister sagt, es ist so gut wie .Spazierenreiten!"

Allein der Jäger schnitt. Der Junge, als er das kalte Mester so dicht an seinem Fleisch heruntergleiten fühlte, ließ den vollen Sack zur Erde fallen; der ander« aber steckte den ausgeschnittenen Flecken sorg­fältig in die Westentasche.Nun kannst du allenfalls herunterkommen!" sagte er.

Er erhielt keine Antwort. Ein Augenblick nach dem andern verging; aber der Junge kam nicht. Bon seiner Höhe aus hatte er plötzlich, während ihm von unter her das Leid geschah, im Hause drüben dos schmale Fensterchen sich öffnen sehen. Ein kleiner Fuß streckte sich heraus der Junge sah den weihen Strumpf im Mondschein leuchten und bald stand ein vollständiges Mädchen draußen auf dem Steinhof. Ein Weilchen hielt sie mit der Hand den offenen Fensterflügel; dann ging sie langsam an das Pförtchen des Staketenzaunes und lehnte sich mit halbem Leibe in den dunkeln Garten hinaus.

Der Junge renkte sich fast den Hals aus, um das alles zu betrach­ten. Dabei schienen ihm allerlei Gedanken zu kommen; denn er ver- zog den Mund bis an die Ohren und stellte sich breitspurig aus zwei gegenüberstehende Aeste, während er mit der einen Hand das ge­schädigte Kleidungsstück zusammenhielt.

Nun, wird's bald?" fragte der andere.

Es wird schon", sagte der Junge.

So komm herunter!"

Es ist nur", erwiderte der Junge und biß in einen Apsel, daß der Jäger es unten knirschen hörte,es ist nur, daß ich just ein Schu­ster bin!"

Was denn, wenn du kein Schuster wärst?"

Wenn ich ein Schneider wäre, würde ich mir das Loch von selber sticken." Und er fuhr fort, seinen Apfel zu verspeisen.

Der junge Mann suchte in seiner Tasche nach kleiner Münze, aber er sand nur einen harten Doppeltaler. Schon wollte er die Hand zu- rückziehen, als er von unter her ganz deutlich ein Klinken an der Gar­tentür vernahm. Auf dem Kirchturm drüben schlug es eben zwölf. Er fuhr zusammen.Dummkopf!" murmelte er und sckstug sich vor die Stirn. Dann griff er wieder in die Tasche und sagte sanft: ^,Du bist wohl armer Leute Kind?"

Sie wissen schon", sagte der Junge,s wird alles sauer verdient.

Sv fang und laß dir sticken!" Damit warf er das Geldstück zu ihm

hinauf. Der Junge griff zu, wandte es prüfend im Mondschein hin

und wieder und schob es schmunzelnd in die Tasche.

Draußen auf dem langen Steige, an dem der Apfelbaum in den

Rabatten stand, wurden kleine Schritte vernehmlich und das Rauschen eines Kleides auf dem Sande. Der Jäger biß sich in die Lippen; er wollte den Jungen mit Gewalt herunterreißen; der aber zog sorgsam die Beine in die Hohe, eins ums andere; es war vergebene Mühe. Horst du nicht?" sagte er keuchend,du kannst nun gehen!" _

Freilich!" sagte der Junge,wenn ich den Sack nur hätte!"

Den Sack?"

Er ist mir da vorher hinabgefallen."

Was geht das mich an?"

Nun, lieber Herr, Sie stehen just da unten!"

Der andere bückte sich nach dem Sack, hob ihn ein Stück vom Bo­den und ließ ihn wieder fallen.

Werfen Sie dreist zu!" sagte der Junge,ich werde schon fangen.'

Der Jäger tat einen verzweifelten Blick in den Baum hinauf, wo bi« dunkle, untersetzte Gestalt zwischen den Zweigen stand, sperrbeinig und bewegungslos. Als aber draußen die kleinen Schritte in kurzen Pansen immer näher kamen, trat er hastig auf den Steig hinaus.

Ehe er sich's versah, hing ein Mädchen an seinem Halse.

Heinrich!"

Um Gottes willen!" Er hielt ihr den Mund zu und zeigte in den Baum hinaus. Sie sah ihn mit verdutzten Augen an; aber er adjtflc nicht daraus, sondern schob sie mit beiden Händen ins Gebüsch.

Junge, vermaledeiter! Aber daß du mir nicht wiederkommst und er erwischte den schweren Sack am Boden und hob ihn ächzend M den Baum hinaus.

Ja. ja", sagte der Junge, indem er dem andern behutsam seine Bürde aus den Händen nahm,das sind von den roten, die fallen ms Gewicht!" Hieraus zog er ein Endchen Bindfaden aus der Tasche uns schnürte es «ine Spanne oberhalb der Aepfel um den Sack, wahrens er mit den Zähnen die Zipfel desselben angezogen hielt; dann lud u ihn auf seine Schulter, sorgsam und regelrecht, so daß die Last^gleiV mäßig auf Brust und Rücken verteilt wurde. Nachdem dieses GesM zu seiner Zufriedenheit beendet war, faßte er einen ihm zu Huupn ragenden Ast und schüttelte ihn mit beiden Fäusten.Diebe in »

*) Der Worte beraubt.