„Ich"sah Percy . . . dort ... am letzten Abend" sagt sie tonlos und traurig.
Ich bleibe stumm und nicke — dreimal, langsam und verstehend. Soll ich ihr vielleicht sagen: jawohl, mein liebes Fräulein Beeskow, Sie haben ganz recht gesehen, Percy war unglücklich und weinte, wie man mit siebzehn Jahren unglücklich ist und seinen Kummer riesengroß macht!? Soll ich ihr kluge, dumme Worte sagen über die Liebe, der niemand befehlen kann und auf die es in Gottes weiter Welt kein Recht gibt?! Richt für Percy, nicht für mich — für niemanden! Und wenn er noch so verloren und einsam wäre!
Thomas Wiehl wird sich hüten, vor Sidonie Beeskow sein bißchen Weisheit auszukramen! Er nickt dreimal mit dem Kopf, und das ist Antwort genug! *
Es ist, wie wenn ein Stein ins Rosten kommt: er lockert sich aus seinem Erdreich, nur ein wenig und noch ein wenig, beginnt ganz sachte zu rollen und tänzelt dahin; sein Laus wird schneller, er hüpft und springt die Halde herab rind stürzt in rasenden Sprüngen in jähe Tiefe. Und zuletzt denkt niemand mehr daran, daß es als ein Spiel begann.
Vielleicht ist es nur eine landläufige, großmäulige Redensart, wenn ich sage: mich jammert ihr armes, verirrtes Leben, denn was geht es mich an, der ich genug mit mir herumschleppe!? Ob Sidonie Beeskow von Tag zu Tag mehr verfällt, den Straßenbuben zum Gespött herumläuft und nicht Antwort findet auf die törichtste aller Fragen, warum der letzte Mensch, an dem ihr Sein hing, sie verleugnet — was geht es mich an! Warum ihr Gutes mit Bösem, mit der Kälte des Herzens, vergolten wird? Habe ich dich nicht gewarnt, Sidonie Beeskow, und dir gesagt, daß von allen Wesen, die Gott schuf, Hanna das schönste und gefährlichste seil?
Die Grabstätte in Braunschweig hat sie verkaufen müssen, damals als jener Kavalier auS der großen Welt zu uns kam, sie ist hin und verloren, um der Ruhe und des Friedens willen. Run, das war vielleicht klug getan und kein allzuhoher Preis, aber die kleine kunstmalende Kröte, unser Fräulein von Gillfeldt, sagt, daß nun auch die zweite Grabstätte bereits verkauft sei und daß kein Mensch recht wisse, wohin ihr das Geld wie der Sand zwischen den Händen zerrinne. Denn sich selbst gönnt sie nicht das geringste — das weiß ein jeder von uns und auch Mutter Berg, und deshalb verwundert es sie so sehr, daß Fräulein Beeskow ihre letzte Rechnung noch nicht bezahlt hat und mit verlegener, scheuer Miene auf der Treppe an ihr vorbeihastet! Das sind kuriose Dinge und schwer zu fassen. Beinahe möcht ich glauben, was man erzählt, daß nämlich Sidonie Beeskow wie von Sinnen sei und blindlings alles wegschenke, an irgendwen, an Fremde, an Kinder auf der Straße, vielleicht an Hanna — ich weiß es nicht!
Aber warum, nicht wahr, warum sie das tut, wer sagt uns das? Man kann wohl plappern und Erklärungen stümpern, aber das letzte Warum bleibt immer verborgen. Ein Erfrierender will Wärme kaufen und an Menschen- nähe sich geklammert halten, das letzte Licht, das ihm leuchtet, nicht in der Finsternis verlieren. Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht — man weih nicht viel voneinander! Und ihr müßt immer bedenken, daß Sidonie Beeskow eine Frau ist, leichter ans chaotisch Dunste und das Unvernünftige verloren als wir Männer!
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Wir haben Mondwechsel, und der Wind ist umgeschlagen. Der Regen vorbei und letzte, schöne Tage über Land und See, bevor der Herbst uns übersällt und die verdunkeltenWälder auflodern läßt in gelbroten Flammen.
Für heute Abend ist Mutter Bergs Gartenfest angesagt, und alle Vorbereitungen sind schon getroffen. Ich habe Oehry und Jahmann engagiert und ihnen eine besondere Belohnung versprochen für den Fall, daß sie sich nicht betrinken. Aber der Fall wird nicht eintreten; wir haben schon genug Gartenfeste bei Mutter Berg mitgemacht, um das Schicksal zweier Musikanten Vorhersagen zu können!
Es ist ein so warmer, schöner Sommerabend voll Dunkelheit und heimlichem Leuchten; man kann ganz unbesorgt auf der großen Terrasse dicht am See sitzen und die schottischen Wollplaids getrost auf den Stuben lassen. Windstiller Friede über dem Wasser — niemand wird sich erkälten und es morgen in den Gliedern spüren!
Wir haben Mutter Berg schon hochleben lassen und der gütigen Spenderin der Freude mit dem Glas in der Hand gedankt ; das ist so guter alter Brauch bei uns, und auch Herr Zollinger, der doch die ganze Bowle gestiftet hat, was keine Kleinigkeit ist bei so vielen Menschen, auch Herr Zollinger aus Stuttgart kommt erst als zweiter an die Reihe! Obwohl die Bowle in diesem Jahre besser und stärker ist als jemals zuvor und Herr Zollinger sie eigenhändig gebraut hat.
Onkel Josua hat seinen Freund, den Pfaff von Andelshofen, mitgebracht — ein besonderes Vorrecht von Mutter Bergs ältestem Gast und durch die Jahre verbrieft und geheiligt. Uebrigens findet Mutter Berg, daß eine schwarze Soutane und ein priesterlich Gesicht ihrem Fest eine gewisse Würde und Weihe gibt und als Folie uns alten Ketzern gar nicht übel ansteht. Und auch mir ist's recht so, denn der Andelshoser ist ein schnurriger und umgänglicher Mann, der neben Onkel Josua sehr wohl bestehen kann, trinkfest ist und ein gütiges, fauberes Herz hat. Wir sitzen in der Laube am Ende der Terrasse auf unserem Altentell, wie Florian es lachend nennt, und schauen geruhig auf die roten, blauen und goldenen Monde der Lampions, die an unsichtbaren Fäden leise zwischen den Zweigen schwanken wie verankerte Schiffe in nächtlichem Hafen. Ihr bunter Schein fällt zitternd in den See und macht die Dunkelheit der Weite doppelt schwer und groß. Unsere Terrasse ist eine winzige, lichte Insel im Ozean der Nacht, ein klingender Kahn auf schwarzem Gewässer!
Sage mir niemand, daß Herr Oehry falsch spielt und Jaßmanns Cello ein armseliges Instrument sei — es mag wahr sein, aber es trifft nicht die Bedeutung! Die kleine, kokette Frau Zollinger tut Unrecht, sich über unser Trio lustig zu machen und es mit Größen zu vergleichen, die in der Welt einen Namen haben. Wir sind hier nicht in der Welt und wir wollen gar keine vollendeten, gottbegnadeten Meister, es ist uns genug, wenn das 1
Zittern einer Geige im Winde verweht und ein Cello dunkel brummend über die Schatten kriecht!
Und seht, ist unser Trio nicht herrlicher als alle Meisterschaft der Welt, süßer und verführerischer als die Kunst der Vielgerühmten! Denn Hanna hebt ihre Füße zum Tanz und löst den Wohllaut ihrer Glieder in eitel Schönheit! Du Geige und du Cello — seid ihres Leibes demutsvoller Diener und ihrer Jugend glückliche Trabanten! Seid der Kuß, der ihre tiesste Sehnsucht weckt und die verborgene Kraft ihres göttlichen Rhythmus! Laßt sie im Ebenmaß des Tanzes sich vollenden und führt sie aus schreitendem Klang zu den Wundern ihrer Bestimmung ....
Niemand als Thomas Wiehl weiß, wie schön Hanna ist, niemand hat ihre Schönheit so sehr geliebt und sein Ende in ihr gefunden! Niemand außer mir kann sie tanzen sehen und dazu lächeln!
Mutter Berg ist eine fürsorgliche, lluge Frau und hat junge Leute geladen, die mit Hanna tanzen und Herz und Kops darüber verlieren. Nicht irgendwen, der nichts weiter als zwei Tanzbeine hat — so unpraktisch ist Mutter Berg belleibe nicht! Aber nette, junge Leute in Position und fester Stellung, nicht zu klug und nicht zu dumm, angemessene Heiratsware, auf die man, so Gott will, eines Tages seine mütterlichen Sorgen abladen kann, und die den Segen lohnen, den man ihnen gibt l
Und Hanna tairzt mit ihnen, aber mir will scheinen, daß es nicht die Hände der angenehmen jungen Leute sind, die Hanna sucht, und nicht ihre Stimmen, nach denen sie unruhvoll die Augen wendet. Es steht ein Habicht über ihr in der Lust, auf den ihre Hände warten und vor dem ihre Augen sich schließen! Kleine, süße Hanna, ich höre durch Geige und Cello und die bunte Nacht dein Herz, das schwer von Blut wie ein Schrei dich zerreißt: stoß zu, du mein Bogel! — und schlage mich mit deinen Schwingen! Nach so viel Tanz und Spiel ist unsere Stunde gekommen!
Dreimal haben Florian und Hanna miteinander getanzt, dreimal hat Onkel Josua mir einen Wink gegeben und sein Glas erhoben. Worauf sollen wir Grillenfänger und Geisterseher anstoßen und trinken? Aus HannaS Gesundheit? — Ach, sie bedarf unser nicht mehr, ein Habicht hat sie entsührt, und in seinen Fängen ist alles Vergangene für sie tot! Aus die Liebe? — der Himmel bewahre uns, von der verdächtigsten Sache der Welt so viel Aufhebens zu machen! Trinken wir auf die Ruhe unserer alten Tage und die kleine Weisheit unserer gelichteten Scheitel! Das ist nicht viel und bei Gott nichts sonderlich Großes, aber genug, um eine gute Bowle und ein Gartenfest Mutter Bergs damit zu beschließen!
Aber es sieht nicht so aus, als ob dies Fest schon enden wollte! Wahrhaftig, es muß eine unerschöpfliche Bowle sein, die Herr Zollinger da bereitet hat! — Die beiden Mägde und Emil, der Lohndiener, werden nicht müde, hin und her zu rennen und unsere Gläser immer von neuem zu füllen. Sie wird auch nicht dünner im Lauf der Stunden wie sonst bei Mutter Berg; im Gegenteil, der Andelshofer, der ein Kenner ist, behauptet, sie nehme seit Mitternacht zu an Stärke und herrlichem Duft.
Nein, es ist kein Gedanke daran, daß die Gäste so bald schon aufbrechen! Jugend toill alle Lust bis zur Neige, und wir drei in der Laube — ach, wer fragt nach uns!? — Die bunten Lampen glühen und zittern int Gezweig und von den kleinen Tischen, halb im Dunkel, flammt Lachen auf und das Gewirr vieler Stimmen und Händeklatschen...
.... Die Lust ist schwer und verdunkelt von irren Klängen. Horcht: Oehry, der betrunkene Oehry, spielt! Die Geige unterm Kinn, schwankt er auf und ab, verneigt sich tief vor den Damen, und nie in seinem Leben hat er besser und heißer gespielt. Morgen wird er zu mir kommen und um Zulage bitten, weil er so wunderschön gespielt habe und zu Höherem berufen sei!
Habt ihr Herrn Zollinger je lustiger gesehen als heute Nacht? Sein Gesicht ist rund und rot und ein einziges, dröhnendes Lachen. Er schwenkt wie ein Bär das magere Fräulein von Gillfeldt im Kreis, und ihre dünnen Lippen sind blutrot. So oft sie am Springbrunnen vorübertanzen, hebt er sie hoch in die Luft und droht, sie ins Wasser zu werfen, wenn sie ihm keinen Kuß gibt. Was vermag sie gegen den Riesen, das kleine, kunstmalende Etwas! Gott und ihre Ahnen werden ihr verzeihen, denn ihre Seligkeit ist gar zu groß, und es geschah ihr selten, daß ein Mann ihren Kttß begehrte!
Nun haben wir alle der Reihe nach begrüßt, die bei Mutter Berg ein- und ausgehen, aber sagt mir, wo ist Sidonie Beeskow geblieben? — Sie hatte die Tische mit Blumen geschmückt, in flachen Schalen und schlanken Vasen, und sür jeden Tisch sorgsam und liebreich Blumen von der gleichen Farbe gewühlt. Da war niemand unter uns, der ihrem zarten Farbensinn und ihrem guten Geschmack nicht ein Lob spendete und ihr ein artiges Kompliment sagte, das sie schüchtern und erschreckt von sich abwehrte. Dann hat sie sich still zu Mutter Berg gesetzt, mit dem Rücken gegen die Büsche und mit dem Blick auf die Tanzenden und den mächtigen See, in dem Sterne sich spiegeln wie Lichter aus der Tiefe.
Als Hanna und Florian miteinander tanzten und in der Verzauberung ihres Blutes sich fanden, sah ich Sidonie Beeskow im Schatten der Büsche stehen mit weitgeöffneten, höhlendunklen Augen aus bleichen, blutleeren Wangen. Wie ein Mensch, der plötzlich den Sinn ersaßt und die Wahrheit sieht durch zerrissene Schleier.
Dann sah ich sie nicht mehr. Mutter Berg und Fräulein Thudichum erzählten mir später, daß Sidonie nach Hanna gefragt habe — mit zitternder Stimme, weil ihr fröstelte —• und daß sie zögernd fortgegangen sei, Hanna zu suchen. Ins Haus oder tiefer in den Garten hinein. Niemand hatte acht darauf gegeben. Denn wer sollte auch an letztes Leid und die Verlorenheit der Einsamen denken, wenn Oehrys Geige zum Tanz spielt und alle Menschen unbeschwert und fröhlich sind! —
Am nächsten Morgen, in grauer Frühe, kam Heino, der Schiffer, und sagte, ein leeres Boot treibe weit draußen auf dem See, und vielleicht sei ein Unglück geschehen....
Man schickte Leute aus mit Haken und Stangen, und sie suchten viele Stunden lang, aber Sidonie Beeskow fanden sie nicht. Sie blieb in der Tiefe und kein Mensch hat je erfahren, wo sie Ruhe fand. Ihre letzte Grabstätte wurde drei Monate später von Amts wegen verkauft....
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


