als einen Rohstoff betrachten können, den wir derart zu reinigen, zu verfeinern und zu behandeln vermögen, daß er allen zu stellenden hygienischen Anforderungen entspricht. In einzelnen Fällen sind bereits besondere Behandlungsverfahren durchgesührt worden, die den Zweck hatten, der Lnft gewisse Eigenschaften zu verleihen. Es ist dies vor allem in verschiedenen technischen Betrieben der Fall. Bei der Zigarettenfabrikation z. B. gibt man ihr einen bestimmten Gehalt an Feuchtigkeit und eine bestimmte Temperatur. Es hat dies den Zweck, die Geschmeidigkeit des Tabakblattes zu erhöhen und das beste Aroma zu erzielen. In Spinnereien trifft man ähnliche Maßnahmen, um den Spinnfaden möglichst geschmeidig zu machen. Auch in verschiedenen Theatern finden fich Einrichtungen, durch die filtrierte Luft ins Innere eingeführt wird. In jüngster Zeit hat man in Kinotheatern sogar große Kühlanlagen eingebaut, die im Sommer in Tätigkeit treten und den Aufenthalt im Zuschauerraum angenehm machen sollen.
Jetzt ist in Amerika an einem großen Wolkenkratzer der technisch bemerkenswerte nnd in hygienischer Hinsicht so bedeutsame Versuch durchgeführt worden, für Zehntausende von Menschen, die darin arbeiten, eine Luft zu schaffen, die immer gleich rein, gleich angenehm, gleich erfrischend und vor allem int höchsten Grade hygienisch ist. Sie ist besser als die Außenluft, die beim Oeffnen der Fenster hereinströmen würde. Sie enthält keine Spur von Staub oder schädlichen Gasen. Im Keller sowohl wie im obersten Stock sind ihre Temperatur und ihr Gehalt an Feuchtigkeit immer die gleichen. Um dieses Ziel zu erreichen, war vor allem eines nötig: Das ganze Riesengebäude mußte ein in sich abgeschlossenes Ganzes werden. Es konnte nicht mehr ins Belieben des Einzelnen gestellt werden, die Lnft irgendwie zu ändern, sie weiter zn erwärmen oder abzukühlen. Deshalb sind die Fenster nicht mehr zum Oeffnen eingerichtet. Sie dienen lediglich dazu, um Licht einzulassen. Bei den Türen läßt sich ähnliches natürlich nicht durchführen. Von hier aus kann Luft ins Gebäude strömen. Durch sorgfältige Messungen hat man ihre Menge festgestellt. Besondere Maßnahmen wurden getroffen, um ihren Einfluß auszugleichen. Im übrigen aber ist der Betrag, um den es sich hier handelt, ziemlich gering.
Die in dem erwähnten Gebäude befindliche Luft wird tatsächlich von außen als Rohstoff bezogen. Da die gewöhnliche Luft in der Nähe des Erdbodens viel mehr Staub enthält als in größerer Höhe, so wird sie oben an der höchsten Stelle des Gebäudes eingesaugt. Die Lustmenge ist so bemessen, daß sie im Verlauf von acht Minuten das ganze Gebäude und jeden in ihm enthaltenen Raum durchströmt. Die eingesaugte Luft wird, ehe sie in irgendeinen Raum eintritt, durch eine Regenvorrichtung hindurchgedruckt. Hier wird sie gründlich gewaschen. Alle in ihr enthaltenen festen und der größte Teil der gasförmigen Bestandteile werden dabei entfernt. Die Untersuchungen haben ergeben, daß durch diese Beregnung tatsächlich 95 v. H. des in der Außenluft enthaltenen Staubes herausgewaschen werden. Die geringen noch vorhandenen gasförmigen Bestandteile werden dann mit Hilfe von Chemikalien gebunden, so daß die Luft nunmehr vollkommen rein ist. Im Sommer ist die Außenluft jedoch zu warm. Sie muß auf die für die Gesundheit am zuträglichsten erachtete Temperatur von 17,5 Grad Celsius abgekühlt werden. Dies geschieht durch entsprechende Abkühlung des zum Waschen verwendeten Wassers. Dieses strömt durch ein Kühlsystem, das es auf eine niedrige Temperatur bringt. Die Temperatur des Wassers ändert sich dabei stets nach der der Außenluft. Besondere, sehr sinnreich erdachte Vorrichtungen arbeiten vollkommen selbsttätig, um bei höherer Außentemperatur eine stärkere Abkühlung, bei niedrigerer eine geringere herbeizuführen. Auf alle Fälle hat die Luft im Gebäude überall, im Sommer sowohl wie im Winter 17,5 Grad Celsius. Im Winter wird sie selbstverständlich entsprechend erwärmt.
Die von den Fenstern des Gebäudes eingenommene Fläche ist sehr groß. Ist es nun im Winter sehr kalt oder im Sommer sehr heiß, so tritt die Gefahr ein, daß sich die Jnnenluft an den riesigen Fensterslächen zu stark abkühlt oder zu stark erwärmt, so daß die 17,5 Grad unter- oder überschritten werden. Um dies zu verhüten, sind alle Fenster als Doppelfenster gebaut. Eine weitere Gefahr liegt darin, daß durch das Vorbeistreisen der Luft an den Körpern von etwa 20000 Menschen ebenfalls eine Temperaturerhöhung eintritt. Die Beobachtungen haben gelehrt, daß dies nur in verhältnismäßig geringem Grade der Fall ist. Deshalb läßt man etwa einen halben Grad Spielraum. Zeigen die in allen Räumen angebrachten Thermometer ein Ansteigen Über diesen Betrag an, so tritt sofort selbsttätig eine stärkere Kühlung des Regenwassers ein. Die Räume, die zuletzt von der Luft durchströmt werden, würden unter bestimmten Umständen an manchen Tagen eine zu warme Luft erhalten. Deshalb ist in der Mitte des Weges, den die Luft zurücklegt, noch eine besondere Regelungskammer eingeschaltet, durch die eine Zwischenkühlung stattfinden kann. Im Winter benutzt man einen Teil der durch Ventilatoren aus dem Gebäude wieder ins Freie geförderten Luft dazu, um das Regenwasser vorznwärrnen, etje es dann schließlich durch die besondere Erwärmungseinrichtung auf die richtige Temperatur gebracht wird. Dadurch werden erhebliche Mengen von Brennstoff gespart. Weitere Einrichtungen dienen dazu, die Luft stets auf dem gleichen Feuchtigkeitsgrad zu halten. Bald wird Feuchtigkeit zugegeben, bald wird ihr Feuchtigkeit entzogen, je nachdem es die Verhältnisse der Außenlust notwendig machen. Die Personen, die in diesem Gebäude leben, fühlen sich außerordentlich wohl und zeigen vor allem nur geringe Ermüdungserscheinungen. Das ist aber keine Suggestion, denn ein großer Teil von ihnen hat überhaupt keine Ahnung, in welcher Weise hier eine Jdealluft verbreitet wird. Sie sind also ganz unbeeinflußt.
Die Erfolge in gesundheitlicher und — wegen der Erhöhung der Arbeitsfähigkeit — auch wirtschaftlicher Hinsicht sind derartig, daß man nunmehr daran gehen will, auch andere Wolkenkratzer mit ähnlichen Einrichtungen zu versehen. Vielleicht geht man später auch zu kleineren Gebäuden und Wohnungen über. Hier wird man also in Zukunft eine Luft gemeßen, bte ihresgleichen nirgends sonst in der Großstadt hat. So merkwürdig es klingt: wenn die in diesen Gebäuden Arbeitenden zu ihrer Erholung die Dachgärten ober die öffentlichen Parks aufsuchen, so werden sie, wenigstens was die Lust anbetrifft, einen Tausch zum Schlechten machen.
Sidonie Beeskow.
Novelle von E. A. ©teeren.
Copyright by Carl Sünder Verlag, Berlin W 62.
(Schluß.
Es ist Percys letzter Abend; ich habe nicht viel von ihm gesehen, er hat mit Hanna gesegelt und war mit Hanna droben in den Felsen. Auch ein Vater wird eines Tages überflüssig, es gibt stärkere Magnete, und man muß die Nadel ihren Pol suchen lassen. Als ich heimkomme, ist mir, als huschte Hanna flink wie ein Wiesel über den Gang zu der Tür, die in den Garten führt. Sieh da, bist du schon wieder auf der Flucht und hast Scheu, mir zu begegnen?! — Mutter Berg hat für ihre Gäste einen Salon, der so traurig und kahl ist, daß kein Mensch ihn gerne betritt. Ein Kamin ist darin aus grauem Stein, in dem, so lange ich denken kann, noch kein Holzblock je gebrannt hat, zwei steife Sessel stehen davor wie Wächter vor einem leeren Grabe.
Die Tür ist angelehnt, und ich weiß nicht, was mich trieb, aber ich drückte behutsam auf die Klinke und schaute hinein. Da saß Percy, mein Junge, zusammengekauert im großen Sessel am Kamin, eingewühlt in ein Schluchzen, das seinen zuckenden Rücken bog. Lautlos weinte Percy seine Schmerzen in sich hinein. Er hörte nicht, daß ich zu ihm trat, und fühlte nicht, daß ich es war, der über sein Haar strich —• wieder und wieder über sein dunkles, seidenes Knabenhaar, bis ein Zittern in meine Hand lief und nach meiner Kehle griff. Nicht reden, Percy, nichts sagen ... ich weiß, ich weiß . . . du bist am Anfang, und ich bin am Ende . . . es ist alles eins!
Am nächsten Morgen reifte Percy ab, quer durch Deutschland, zu seiner Mutter zurück. Er ließ noch einmal Onkel Josua grüßen und Florian, seinen alten Freund, den Schisser Heino — gut, mein Sohn, ich werde alles ausrichten und deine Grüße getreulich bestellen! Und auch die Blumen nicht vergessen, die Percy mir für Hanna gab; im letzten Augenblick, als der Zug schon in Fahrt war. *
Es regnet schon den ganzen lieben, langen Tag. Der See ist grau verhangen von den Fahnen des Regens, die aus den Wolken herabhängen. Das jenseitige Ufer bleibt dicht verhüllt und in Grau verschwommen. In den Dachrinnen trommelt der Regen seit Stunden und Stunden und rauscht in einigen Litaneien auf das Laubdach der Bäume. Bald ist der Sommer vorbei, und die Herbststürme kommen und fegen alles zusammen.
Was kann man anders tun als im Zimmer sitzen und lesen ober in der Diele mit Onkel Josua Domino spielen? Nach der Zeitung ausschauen und darauf warten, daß Mutter Berg den Gong schlägt und zum Essen ruft! — Ich habe gar keine Lust, meinen Regenmantel hervorzuholen und mit auf- gespanntem Schirm durch den aus geweichten Schmutz der Straßen zu pilgern, nur um die Zeit totzuschlagen, die so grau dahinschleicht wie der Regen, der rings um uns niedergeht. Dann ist es schon besser, sich von Onkel Josua während des Spiels erzählen zu lassen: von dem wunderbaren Steinregen zu Sumadan in der Regentschaft Preanger auf Java, über den der Resident ein langes Protokoll an die Regierung schickte, das niemand glauben wollte; von Subhadra, dem Fakir, und warum der Amethyst, der rosafarbene aus Sibirien, angenehme Träume bringt und Schwermut und Trauer stillt. Onkel Josua spricht ganz ruhig davon, wie andere von ihren Geschäften und dem Wetter. Alle Wunder sind ihm selbstverständlich geworden und nichts Wunderbares mehr. In die strömende Monotonie des Regens säet er bunte Märchen, feuchtschwer wie der erdige Dust, der aus dem Garten zu uns hereinqnillt.
Denn Fräulein Beeskow — in einem langen, triefenden Mantel — ist von draußen gekommen und steht in der Tür, durchnäßt und das beperlte Haar in Strähnen. An ihren Schuhen klebt Lehm, und die Kleider hängen an ihr wie schwere Fetzen. Sie sieht aus wie ein grauer, zerzauster Vogel. Was hat sie in Wind und Wetter herumzulaufen, sie kann krank werden und sich auf den Tod erkälten, denn man sieht ja, daß sie stundenlang draußen gewesen fein muß!
Mit einer müden, schwankenden Bewegung tritt sie an unfern Tisch, auf dem die Dominosteine wie Schafe durcheinanderstehen, streicht das nasse Haar aus. der Stirn und fragt halblaut, ohne uns anzusehen: „Wo ist Hanna? — Wissen Sie, wo Hanna ist?"
O da ist so viel Angst in ihrer Stimme, so viel bebende, herzblutende Angst, und es muß schlimm um Sidonie Beeskow stehen, daß sie ihrer Scheu nicht mehr achtet und uns Männer nach Hanna fragt! Nein, wir wissen es nicht; sie ist kurz nach Mittag ausgegangen, aber wer soll wissen wohin, wer von uns soll wissen zu wem!?
Es ist nicht der Regen, der aus Sidonie Beeskow einen so flügellahmen, zerzausten Vogel gemacht hat. Onkel Josua und ich, wir sagen wohl freundlich lächelnd: jaja, es ist böses Wetter draußen und ein häßlicher Wind, der durch und durch geht und die Menschen totenblaß macht und ihre Zähne aufeinanderschlagen läßt, aber wir glauben kein Wort von dem, was wir sagen! Wir sehen in dich hinein, arme Sidonie Beeskow, durch und durch — und wissen es besser!
Sie wandert ruhelos und verloren zwischen Tür und Tisch und hat fein Auge mehr dafür, daß ihre Bluse zerknittert und der Saum ihres Kleides abgerissen ist und am Boden schleift. Sie ist nachlässig geworden und läßt alle Dinge laufen, wie sie wollen. Wundert euch nur und bedenkt: das ist Fräulein Beeskow, die kein Stäubchen auf ihrem Rock duldet und immer daherkam wie aus dem Ei geschält! Das ist Sidonie Beeskow mit der unbewegten Stirn und den kühlen, stolzen Augen! Jetzt aber flattern und krampfen sich ihre schönen Hände, wenn sie hastige Fragen tut und törichte, unbesonnene Worte redet, um die Leere nicht so zu spüren, die ihr bleischwer zum Herzen steigt und den Atem zusammenpreßt.
„Wo ist Hanna? — Wissen Sie nicht, wo Hanna ist?"
Nein, wir wisien nicht, wo Hanna jetzt stecken mag, wir können nur den Kopf schütteln und die Schultern heben. Und ein winzig Teil von Sidoniens Furcht verstehen, die in ihren Augen hockt und wortlos zu uns herüberschreit.
Plötzlich beugt sie sich zu mir nieder, wie wenn sie sich nicht mehr aufrechthalten könnte, und ihre Hand schwankt kraftlos in der Richtung, wo Mutter Bergs Salon und der tote Kamin liegt:


