Ausgabe 
8.11.1929
 
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Da? welkere wissen Sie. Ihre Gefchfcklichkett hat eS mir ermSglicht, mich dem Körperzustande meiner Geliebten anzupassen und an ihrer Seite so durchs Leben zu gehen, wie ihr eigener Körperschaden es verlangt. Ihr Widerstand ist besiegt. Wir sind verheiratet und glücklich.

Ich bin, mein Herr, mit dem Ausdruck meines Dankes und meiner Hochachtung Ihr ergebener Lord W."

Fabelerlebnis.

Von Dr. Johannes Günther.

(Nachdruck verboten.)

Für das Gefühl des modernen Menschen, der sich gern in Freiheit entwickelt, hängt der Fabel ein unangenehm moralpädagogischer Zopf an. In der Tat leiden die meisten Fabeln, die wir kennen, an der Absichtlichkeit. Der allzu bestimmte Zweck nimmt der Fabel das Künstlerische, ohne das sie nun doch wohl einmal nicht zu denken ist. Denn wenn die Fabel auch zu einem guten Teil Sache der Pädagogik ist, so soll sie doch zu einem anderen guten Teil der Kunst angehören. Sagte doch Lessing: ... der Fabel­dichter steht auf dem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und der Moral..." Aber derselbe Lessing hat auch in seiner Fabeltheorie geschrieben:Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurück­führen, diesem besonderen Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Dichtung Fabel". Ein solches Theorem trägt eben dazu bei, das Kunstwerkchen, das sichFabel" nennt, mit Absichtlichkeit zu über­lasten, vielen verstockten und langweiligen Fabelschreibern rechtzugeben und die Fabel überhaupt verhaßt zu machen.

Ich glaube, daß das Werden oder, wie man hier besser sagen müßte: die Konzeption der Fabel für ihre Frucht und für ihre Wirkung entscheidend ist. Das sollen drei Beispiele aus drei verschiedenen Zeiten zeigen:

*

In dem altflämischen SchauspielLanzelot und Sanberein" ist die Szene von besonders stiller Schönheit, wo Sanderein mit dem Ritter unter einem Blütenbaum sitzt. Sie möchte ihm gestehen, daß sie nicht mehr unberührt sei. Aber Scham hält ihre Worte zurück, auch wünscht sie, die Liebe des Ritters nicht zu verlieren. Da faßt sie einen besonders blüten­reichen Zweig und fragt:

... Käm jetzt ein Falk' zum Baum herab und riß' sich eine Blüte ab, ? danach indessen weiter keine, so daß nicht mehr er hätt' denn eine, soll darum mich der Baum betrüben, ich weniger vielleicht ihn lieben? ..."

Zunächst antwortet der Ritter nur in dem Bilde der Fabel: nein, um der einen fehlenden Blüte willen achte er den Baum nicht geringer. Er schont vorsichtig ihren inneren Menschen. Erst am Ende streicht er gütig über ihn hin:

... So sei, mein Lieb, nicht mehr verwirrt, was sich in deiner Brust begibt, weiß ich genau. Doch unverzagt!

Mein Herz dich ohne Schranken liebt.

Nun zieh mit mir, du reine Magd!"

Wir kennen alle Martin Luthers kurze, markige, treuherzige Fabeln, aber die besten Fabeln, die Luther dichtete die hat er gar nicht geschrieben. Ich spreche da nur einen scheinbaren Widerspruch aus. Die Lösungen mögen uns einige Stellen aus seinenTischreden" geben:

... Doktor Martmus sagte: ich habe gesehen, daß in Italien auf harten Steinfelsen die allerschönsten Oelbäumlein wuchsen; da lernte ich die Worte verstehen, so im Psalm geschrieben sind: ,aus den Felsen sättigt er sie mit Honig' und wir müssen's allhier zu Wittenberg auch bekennen, da unser Land gar sandig ist, dennoch gibt uns Gott aus diesen Steinen fluten Wein und köstlich Korn. Aber weil dies Wunderwerk täglich geschieht, o verachten wir's".

... Auf einen Abend sah Doktor Martin ein Vögelein auf einem Baume sitzen und die Nacht über darauf ruhen; sprach er: ,Dies Vögelein hat sein Nachtmahl gehalten und will hie fein sicher schlafen, bekümmert sich gar nicht noch sorget für den morgenden Tag oder Herberge, wie David sagte: Wer unter dem Schirm des Allerhöchsten wohnet...' Es sitzt auf seinem Zweiglein und lässet Gott sorgen".

Doktor Martin, Anno 38 den 17. August, hörte, daß sich seine Kinder untereinander zankten und haderten, und bald wiederum vertrugen und versöhnten, sprach er: »Lieber Gott, wie wohl gefällt dir solcher Kinder Leben und Spielen! Ja, alle ihre Sünden sind nichts denn Vergebung der Sünden!'"

So erging es Luther: er hatte Augen und Ohren immer offen, und alle Kreaturen und Dinge, die er so wahrnahm, entdeckten sich ihm im buchstäblichen Sinn, sie ließen ihre Decke, ihre Hülle fallen, sie zeigten den tiefen Sinn, der ihnen inne wohnte, den tiefen göttlichen Sinn. Dazu gehört nun ein Satz, den Luther ein andermal sprach:

Die größten Wunderwerke Gottes werden in den allerkleinsten und unachtsamsten Kreaturen und Dingen geschehen. Gott ist an keinen Ort gebunden, er ist auch an keinem ausgeschlossen. Er ist an allen Orten, auch in der geringsten Kreatur, als in einem Baumblatt ober in einem Gräslein und ist doch nirgend.Nirgend" das heißt: greiflich und beschlossen; an allen Orten ist er: denn er schaffet, wirket und erhält alle Dinge."

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In unseren Tagen lebt noch ein viel zu wenig bekannter Dichter: Paul Gurk. Wenn man in seinem Fabelbuch lieft, das vor sieben Jahren erschien,

oder auch Me weiteren Fabeln auf sich wirken läßt, die feitdem hier und da hervortraten und sich zu einer neuen Fabelsammlung vorbereiten dann hat man bestimmt den Eindruck, daß dies keine absichtlich zurecht gesuchten und zurecht gemachten Fabeln sind, sondern daß es Natur­zusammenhänge, Natursituationen, Naturbilder, Naturerscheinungen waren, Die sich dem Dichter Gurk im begnadeten Zufall offenbarten und ihn in ihrer Gehaltsfülle nicht losließen, bis er sie aus dem persönlichen Erlebnis in die strenge Sicherheit und Klarheit poetischer Form hinaufhob. Beim Dichten der Fabeln, die fo zustandekommen, verwandte Gurk nicht oder nicht bloß die (wenn auch an sich wertvollen und einstmals auch irgendwie erlebten) Fabelschablonen, sondern, in unbewußter Befolgung von Luthers Wort über die Allgegenwart des regierenden Geistes, entdeckte er in Natur- erfcheinungen, welche gerade unser modernes Auge interessieren, in Ge­brauchsgegenständen, welche die Hände des modernen Menschen anpacken, ewige Gültigkeit, und all diese Dinge wurden ihm zu Spiegeln ewiger Wahrheit. Aber nicht bloß in solchem Fabelbuch, sondern und das scheint mir fast das Wichtigste auch in den anderen Werken Paul Gurks macht sich dieser Denkstil bemerkbar, der eben alles sinn- und gehaltvoll sieht:

Seinem Thomas Münzer wird zugerufen, nachts, an einer Kohlenhalde' beim Fackellicht:Du Empörer aus deines Herzens Not und deines Blutes Gemeinschaft: ich klage um dich! Wie diese Fackeln wirst du sein. Brand, Glut, Licht für andere, selbst sich verzehrend und in die Erde gestampft von kotigen Füßen... Möchtest du vorher sterben!"

In seinem BuchDie Wege des teelschen Hans" heißt eine von den vielen Stellen, an die ich hier denke: ... Es wird dunkler. Regen tropft, mißmutig, mit Langeweile, weil es am Himmel nicht mehr auszuhalten war. Nun kommt er unter die Stiefel und wird zerschmiert, während die Stiefel sich über das glitschige, unmoralische Pflaster beschweren. . ."

Und vonMeister Eckehart" wird erzählt: . .. Lächelnd strich der Meister durch die Gassen. Sie waren voll von dunkelbewegter Lust und von der Süßigkeit heimlicher Zwiesprache der ruhenden und ihre Last aus­atmenden Häuser, die sich zueinander zu neigen schienen und sich ansahen ..."

Die seltsame Hellhörigkeit und Hellsichtigkeit, mit der Gurk den Dingen und den Kreaturen auf den Grund lauscht, so tief, daß sie dem Lauscher mit menschlichen Worten zu reden und mit menschlicher Ueberlegung zu handeln scheinen dieses Erlebnis, dieser Zufall, der die künstlerisch echte Fabel gebiert, das ist 'ja eigentlich die dichterische Grundbegabung Über­haupt. Diese Begabung hebt, wie es die Romantiker so fein erkannten, die hemmenden Unterschiede zwischen den Erscheinungsformen auf und schafft die gegenseitige Offenbarung. Aus diesem Grunde wohl nannte Novalis (in seinem Märchen, das demHeinrich von Ofterdingen" eingeordnet ist), jenes mutige Wesen, das ganz naiv, ganz naturverbunden alle Trennungen innerhalb der Schöpfung aufhebt,Fabel" und schrieb:

Die Wärme naht, die Ewigkeit beginnt, Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt. Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen, Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt.

In Freias Schoß wird sich die Welt entzünden

Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht sinden."

Uns verstimmt die Fabel, bereu Verfasser mit durchaus belehrender Absicht von derMoral" ausging und eine der Wirklichkeit entlehnte Ein­kleidung suchte. Aber uns überzeugt die Fabel, deren Einkleidung der Zufall in der Wirklichkeit (nicht der vorstellende Verstand) hergab. Ja noch weiter: am Anfang muß das Erlebnis stehen. Aus der Kraetur, aus dem Ding müffen wir überrascht den Gehalt erkennen, vielleicht sogar die Weis­heitlehre empfangen.

«-Frische Luft."

Von Dr. Hellmut Thomafius.

(Nachdruck verboten.)

Wenn uns, die wir dazu verurteilt find, einen erheblichen Teil unseres Lebens im Zimmer zu verbringen, die Luft darin zu schlecht, zu schwer, zu dick, zu heiß geworden ist, so öffnen wir die Fenster. Wir lassenfrische Lust" herein. Sehen wir uns diese frische Luft etwas näher an, so erkennen wir, daß sie in den Städten sehr weit von dem Ideal entfernt ist, das dem Hygieniker vorschwebt. Sie enthält Unmengen fester Bestandteile in Form von Staub, der von der Straßenoberfläche herstammt, sowie Rauch und Ruß, die aus den Schornsteinen zahlreicher Feuerungen entströmen. Diese Quelle liefert auch den erhöhten Betrag an Kohlenfäuregas, das darin enthalten ist. Weitere Gafe kommen hinzu: vor allem die schweflige Säure, die sich bei der Verbrennung mehr ober minber schwefelhaltiger Kohle hübet, ferner das Gasgemenge aus dem Auspuff der Automobile und noch manches andere. In dem Maße wie die Städte wachsen und wie der Verkehr zunimmt, mehren sich diese in der Luft enthaltenen fchädlichen Bestandteile. Die Menge steigt in einzelnen Großstädten zu einem erheblichen Betrage an. Wenn wir nach dem Stiften unserer Zimmer tatsächlich eine Erquickung fühlen, fo muß man in Anbetracht der Zusammensetzung dieser sogenannten frischen" Lust ernstlich die Frage auswerfen, ob hier nicht die Suggestion eine wesentliche Rolle spielt. Was man wünscht, das glaubt man gern. Außerdem wird die Erquickung vielfach auch durch die niedrigere Temperatur der Außenluft, durch ihren geringeren Gehalt an Feuchtigkeit und eine Reihe fonstiger Umstände herbeigeführt, die belebend wirken.

Die durch feste Bestandteile und Gase der verschiedensten Art ver­unreinigte Stadtluft trägt sicherlich nicht zur Förderung der Gesundheit und zur Erhöhung der Arbeitsfähigkeit Bei. Deshalb ist neuderings der Gedanke aufgetaucht, ob man nicht für nufere Wohnräume, in denen wir uns doch den größten Teil unseres Lebens aufhalten, eine besondere Luft schaffen soll, die in bezug auf ihre Zusammensetzung tatsächlich das Ideal darstellt, das der Mensch zum Leben benötigt. Unsere Technik ist so wert vorgeschritten, daß wir die über den Straßen lagernde Luft gewissermaßen