SietzenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang (929 Freitag, den 8. November Nummer 87
Wanderer.
Von Paul Appel.
Still in die Grotte trat er ein Und ruhte in dem reinen Raum, Hob das Gesicht zur vollen Wand Und sah den steinern süßen Traum.
Die Fackel leuchtete dem Blick, Sie legte weit den Schimmer bloß. Feucht aus dem dämmernden Gestein Sprang ein Geäder klar und groß. Der Wanderer hob halb den Arm. Er dehnte fremd die eigene Hand Und glich sie an dem heiligen Gang Der Adern an der alten Wand.
Und atmete, die Seele wach, Und wandte um und sand hinaus: Da grüßte ihn das weiche Tal Mit Blumen und dem hellen Haus.
Er bückte sich dem nächsten Blatt, Er nahms, er hielts ins reiche Licht: Da keimten Rippen auf im Grün Wie selige Adern, süß und dicht.
Und gleich, wie ers auch nicht bedacht, Spannt auf dem Rücken feiner Hand Der Wanderer das junge Blatt Und sah sich heilig ihm verwandt.
Der zauberstrenge Schöpfergruß Glitt heiß zu seines Blutes Grund, Hob ihm die Seele auf ins Aug, Und Zucken schönte seinen Mund.
Lord und Liebe.
Eine wahre Begebenheit ans Alt-Wien.
Bon Karl Lerbs.
Ein Engländer, jung noch, aber bereits erfolgreich bemüht, die natürliche Heiterkeit seiner Züge mit der nüchternen Sachlichkeit zu überdecken, wie sie in seinem Lande gefordert wird; von steifer Gelassenheit der Haltung und tadellos korrekt vom grauen Zylinder über das schwarzgcrnndete Monokel, den gepflegten Backenbart und die schwarze Halsbinde bis herab zu den grauen Gamaschen; dazu überlieferungsgetreu tariert über seine ganze sonstige bekleidete Leiblichkeit; ein junger Engländer also fuhr an einem löblichen Junitage des Jahres 1803 mit Extrapost in Wien ein. Er war natürlich, wie alle Engländer in romanhaften Begebenheiten, ein Lord, und da er einen zahlungsfähigen Eindruck machte, so tat der Schwager sein Mögliches, um den Einzug in Wien mit irdischem Glanze zu umgeben. Die Pferde indessen, rauher Peitschenführung ungekvohnt, spielten plötzlich ein bißchen „Durchgehen" und rasselten mit der Kutsche durch die Straßen, daß die Mehlspeisen in den Kochtöpfen tanzten und den Scheiikenmufikanten die Fiedelbogen wegsackten. Auf den Engländer machte das selbstverständlich nur geringen Eindruck; sein Kammerdiener und Reisemarschall aber, der bei der bedrohlichen Fahrt mit untergeschlagenen Annen wie eine Statue der Seelenruhe neben dem Schivager auf dem Kutschbock thronte, verlor an einer scharfen Biegung das Gleichgewicht und kippte ganz unzeremoniös vom Wagen. Als die Pferde diesen gewiß unbeabsichtigten Erfolg erzielt hatten, standen sie reumütig still, und der Lord hatte Gelegenheit, auszusteigen und die gestürzte Statue zu besichtigen. Er stellte mit wenigen zielbewußten Griffen fest, daß der Diener einen Arm und ein Sein gebrochen hatte. Zur Enttäuschung des Volkes, das den Vorfall gern, ausgiebiger genossen hätte, ließ der Lord den Verunglückten rasch von einigen hilfsbereiten Männern in die Kutsche packen und in den bereits vorher bestimmten Gasthof fahren, wo er dann sofort den Hausknecht zu dem bekanntesten .Wundarzt Wiens schickte.
Der Medikus war ein berühmter Mann, der sich durch riesige Leibesfülle, Atemnot, Vergnügtheit und eine ans Wunderbare grenzende Geschicklichkeit der Hand auszeichnete. Nachdem er mit einem „Jessns, do schaut man!“ sein Mitleid und einem „A so an Hold!" seine Bewunderung für die steinerne Ruhe des Verunglückten bekundet hatte, tat er seine Arbeit so vortrefflich, daß der unentbehrliche Butler schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit seinen Dienst wieder aufnehmen konnte.
Der prächtige Chirurgns war daher keineswegs erstaunt, als der Lord nach einigen Wochen abermals nach ihm schickte. Er ließ sich zum Gasthof tragen, wuchtete, strahlend im rosigen Glanze satter Jovialität, in das Zimmer des Lords, lobte schnaufend das herrliche Wetter und die dadurch crnfene Schönheit der Praterauen und erbot sich sodann, seinen
verehrten Gönner von jeglicher Krankheit zu heilen, die ihn etwa befallen haben möchte. Der Lord, statt jeder Antwort, ging zur Tür, schloß sie von innen ab, steckte den Schlüssel in die Tasche; kehrte zurück und deutete mit einer Handbewegung auf den Tisch in der Mitte des Raumes: Da lag ein praller Beutel und eine Pistole mit gespanntem Hahn. „Sie haben, Sir," sagte der Engländer mit vollkommen beherrschter Stimme, „vor einigen Wochen bei der Behandlung meines Dieners bewiesen, daß Sie ein Arzt von ungewöhnlichen Gaben sind. Ich habe Sie deshalb dazu ausersehen» mir einen unschätzbaren Dienst zu leisten. Sie werden mir jetzt sofort mein rechtes Bein im Kniegelenk ablösen. Der Beutel mit Dukaten da auf dem Tische wird dafür, nebst meinem Dank und meiner Weiterempfehlung, Ihr unvollkommener Lohn sein.“ Hier drückte er den aufstehenden Doktor mit entschiedener Bewegung wieder auf seinen Sitz herab und fuhr etwas lauter fort: „Wenn Sie sich aber weigern, so bin ich leider genötigt, zur Unterstützung meiner Bitte den Beistand dieser Pistole in Anspruch zu nehmen."
Der Chirurgus verlor vor körperlichen Leiden niemals sein begründetes Selbstvertrauen, aber die Behandlung dieser offenbar auf geistigem Gebiets liegenden Erkrankung hätte er doch lieber einem Kollegen überlassen. Er lachte etwas unsicher, verschluckte sich dabei und nützte die so entstehende Pause zu schneller Ueberlegung; dann, durch ein verdächtiges Knacken des Pistolenhahnes gewarnt, stotterte er mühsam scherzend: sein verehrter Gönner beliebe doch wohl zu spaßen, da an dem fraglichen Bein kein sichtbarer Schaden zu entdecken sei. Die auf seinen Brustkasten zielende Mündung der Pistole war eine wirksame Entkräftung dieses Einwandes. Alsdann gut, sagte der dicke Herr, dessen Gesicht mit Ausnahme der Nase die Röte, s» ziemlich eingebüßt hatte — so wolle er nur eben feine Dienerschaft herbeirufen, die den Patienten während der Operation festzuhalten habe. Aber auch dieser Fluchtversuch schlug fehl. „Ich bin ein Engländer, Sir,“ sagte der Lord verächtlich, „und werde mit keiner Wimper zucken. Fangen Sie endlich an, wenn es gefällig ist!"
Hier glaubte der Doktor einen rettenden Einfall zu haben: „Aber eS fehlt ja an den nötigen Instrumenten!“ rief er triumphierend. „Keineswegs, Sir," war die Antwort. Der Lord klappte mit der Linken einen kleinen Koffer auf, und vor den erstaunten Augen des Doktors lag die schönste Sammlung chirurgischer Werkzeuge, blutstillender Medikamente und sauberer Verbandsstoffe, die er je gesehen hatte.
lieber alledem hatte er in sein heiteres Phlegma zurückgefunden. In den Augen seines sonderbaren Patienten las er eine kalte Entschlossenheit, die jeden Zweifel entkräftete. Da war ein Mann, der ein Bein los sein wollte, und für die Hilfe dazu einen Beutel Gold Bot; seine Gründe dafür waren schließlich seine eigene Sache. „So dich ein Glied ärgert, reiße es aus und wirs es von dir,“ dachte der Doktor, goß Wasser in eine Schale, kramte in dem Jnstrumentenkasten, entkleidete das Bein des Lords, der immer noch mißtrauisch die Pistole festhielt, und begann mit gewohnter überlegener Sachlichkeit sein Werk. Nun trat natürlich bald ein Zustand ein, in dem selbst ein englischer Edelmann nicht mehr Herr seiner Sinne ist, und der Arzt hätte seinem Patienten wohl noch rechtzeitig den Schlüssel wegnehmen und Hilfe holen können; aber man darf wohl vermuten, daß die sozusagen künstlerische Vollendung seiner Arbeit ihn gänzlich beschäftigte und keinen Nebengedanken heranließ. Jedenfalls nahm er das Bein im Kniegelenk ab, verband die Wunde und brachte den Ohnmächtigen, der weder Schmerzensschrei noch Seufzer ausgestvßen hatte, zu Bett. Nachdem er den Kranken bann der Fürsorge des steinernen Butlers überantwortet und die nötigen Verordnungen gegeben hatte, steckte er den wohlverdienten Beutel zu sich und kletterte kopfschüttelnd die Stiege hinab.
Es ist nur in Kürze zu berichten, daß der junge Lord, völlig ausgeheilt und von dem erfinderischen Doktor mit einem Holzbein ausgerüstet, das den Schaden bis auf ein mäßiges Hinken fast unmerklich machte, nach etwa sechs Wochen die Stadt Wien mit Extrapost verließ.
„Ich bin Ihnen, sehr geehrter Herr, für den Vorfall, den Sie mit mit erlebten, immer noch die Erklärung schuldig,“ las der Doktor in einem Schreiben, das er ein Jahr später aus London empfing, und das ihn in gerührte Heiterkeit versetzte. „Wenn ich sie bisher nicht gab, so lag das daran, daß es mir widerstrebt, über unfertige Dinge zu reden. Heute darf ich sagen, daß ich Ihnen mein Lebensglück verdanke. Ich lernte einige Zeit vor meinet Abreise ans England eine junge Dame kennen, zu der ich Neigung faßte. Zu meiner Verwunderung lehnte sie meine Werbung indessen ab, obwohl alles gut zu passen schien, und verweigerte mir die Angabe des Grundes. Nach vielem und dringlichen Fragen erfuhr ich schließlich — was nur ihre Familie wußte —, daß sie in früher Jugend das linke Bein verloren hatte und seitdem ein vortrefflich konstruiertes Holzbein trug. Trotz meiner Versicherung, daß ich sie mit dem Bein aus Holz ebenso lieben würde, als ob es eines aus Fleisch und Blut wäre, beharrte sie auf ihrer opferwilligen Weigerung. Ich beschloß, eine weite Reise zu machen, um den Schmerz der Enttäuschung zu vergessen. Aber es gelang mir nicht. Die Heilung meines Dieners durch Sie brachte mich auf einen Ausweg. Den angewendete» Zwang haben Sie mir, als notwendig, gewiß verziehen.


