Ausgabe 
8.7.1929
 
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r Jetzt nahten die beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo Las Brederholz den Abhang des Gebirges niedersteigt und einen sehr dunklen Grund ausfüllt. Bis jetzt war wenig gesprochen worden. Slwon schien nachdenkend, der Knabe zerstreut, und beide keuchten unter ihren Säcken. Plötzlich fragte Simon:Trinkst du gern Branntwein?" Der Knabe antwortete nicht.Ich frage, trinkst du gern Branntwein? gibt dir die Mutter zuweilen welchen?"Die Mutter hat selbst keinen, sagte Friedrich.So, so, desto besser! Kennst du das Holz da vor uns? Das ist das Brederholz."Weißt du auch, was darin vorgefallen ist? Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der düstern Schlucht immer näher.

Betet die Mutter noch so viel?" hob Simon wieder an.Ja, jeden Abend zwei Rosenkränze."So? und du betest mit?" Der Knabe lachte halb verlegen mit einem durchtriebenen Seitenblick.Die Mutter betet in der Dämmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich meist noch nicht wieder da mit den Kühen, und den andern im Bette, dann schlaf ich gewöhnlich ein."So, so, Geselle!" Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche gesprochen, die den Eingang der Schlucht überwölbte. Es war jetzt ganz finster; das erste Mondviertel stand am Himmel, aber seine schwachen Schimmer dienten nur dazu, den Gegenständen, die sie zuweilen durch eine Lücke der Zweige berührten, ein fremdartiges Ansehen zu geben. Friedrich hielt sich dicht hinter seinem Oheim; sein Odem ging schnell, und wer seine Züge hätte unterscheiden können, würde den Ausdruck einer ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin wahrge­nommen haben. So schritten beide rüstig voran, Simon mit dem festen Schritt des abgehärteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie im Traum. Es kam ihm vor, als ob alles sich bewegte und die Bäume in den einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald voneinander schwankten. Baumwurzeln und schlüpfrige Stellen, wo sich das Regenwasser gesam­melt, machten seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu fallen. Jetzt schien sich in einiger Entfernung das Dunkel zu brechen, und bald traten beide in eine ziemlich große Lichtung. Der Mond schien klar hinein und zeigte, daß hier noch vor kurzem die Axt unbarmherzig gewütet hatte. Ueberall ragten Baumstümpfe hervor, manche mehrere Fuß über der Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu durch- jchneiden gewesen waren; die verpönte Arbeit mußte unversehens unter­brochen worden sein, denn eine Buche lag quer über dem Pfad, in vollem Laube, ihre Zweige hoch über sich streckend und im Nachtwinde mit den noch frischen Blättern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den gefällten Stamm mit Aufmerksamkeit. In der Mitte der Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein blasser Strahl, der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, daß er hohl sei, was ihn wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstörung geschützt hatte. Hier ergriff Simon plötzlich des Knaben Arm.

Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche." Fried­rich fuhr zusammen und klammerte sich mit kalten Händen an seinem Oheim.Sieh," fuhr Simon fort,hier haben Ohm Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Oeluna zum Teufel gefahren war."Ohm, Ohm!" keuchte Friedrich.Was fällt dir ein? Du wirst dich doch nicht fürchten? Satan von einem Jungen, du kneipst mir den Arm! laß los, los!" Er suchte den Knaben abzuschütteln.Dein Vater war übrigens eine gute Seele; Gott wird es nicht so genau mit ihm nehmen. Ich hatte ihn so lieb, wie meinen eigenen Bruder." Friedrich ließ den Arm seines Oheims los; beide legten schweigend den übrigen Teil des Waldes zu­rück und das Dorf Brede lag vor ihnen, mit seinen Lehmhütten und den einzelnen besseren Wohnungen von Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehörte.

Am nächsten Abend saß Margret schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Tür und wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Atem ihres Kindes neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das Vieh kehrte heim; er war noch immmer nicht da, und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen.

Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich vornübergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margret blieb in der Tennentür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor.

Friedrich, wie geht es dem Ohm?" Der Knabe murmelte einige un­verständliche Worte und drängte sich dicht an die Feuermauer.Fried­rich, hast du das Reden verlernt? Junge, tu das Maul auf! du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre." Das Kind er­hob seine Stimme und geriet dermaßen ins Stammeln, daß Margret es um nichts mehr begriff.

Was sagst du? einen Gruß von Meister Semmler? wieder fort? wohin? die Kühe sind schon zu Hause. Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart, ich muß einmal sehen, ob du keine Zunge im Munde hast!" Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben.

Margret stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, stein, das war ihr Kind nicht! und dennochFriedrich, Friedrich!" xief sie.

In der Schlafkammer klappte eine Schranktür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand eine sog. Holschenvioline, das heißt einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschäbten Geigensaiten überspannt, in der anderen einen Bogen, ganz des Instrumentes würdig. So ging er gerade auf fein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Hal­tung bewußter Würde und Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke

beit Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ.

Da, Johannes!" sagte er und reichte ihm mit einer Günnermiene das Kunstwerk;da ist die Violine, die ich dir versprochen habe."

Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen." Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick aus Margret, streckte dann langsam feine Hand aus, bis er das Bargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die Flügel feines armseligen Jäckchens.

Margret stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Ge­danken hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigem Auge von einem auf den andern. Der fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gut­mütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum ersten Male bestimmt den Ausdruck eines ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Grohtun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat.

Der Ruf seiner Mutter störte ihn aus Gedanken, die ihm ebenso neu als angenehm waren.

Sie saß wieder am Spinnrade.

Friedrich," sagte sie zögernd,sag einmal" und schwieg bann. Friedrich sah auf und wandte sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem. Schützling.Nein, höre" und dann leiser:Was ist das für ein Junge? wie heißt er?" Friedrich antwortete ebenso leise:Das ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hüls­meyer hat. Der Ohm hat mir ein Paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben, die hat mir der Junge unterwegs getragen; dafür habe ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Jo­hannes heißt er."Nun?" sagte Margret.Was willst du, Mut- ter?"Wie heißt er weiter?"Ja weiter nicht oder, warte doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. Er hat keinen Vater", fügte er leiser hinzu. _ e

Margret stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile tarn sie heraus mit einem harten, finsteren Ausdruck in den Mienen.So, Friedrich," sagte sie,laß den Jungen gehen, daß er seine Bestellung machen kann. Junge, was liegst du da in der Asche? hast du zu Hause nichts zu tun?"

Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, daß ihm alle Glieder im Wege standen und die Holschenvioline bei einem Haar ins Feuer gefallen wäre. * . ,

Warte, Johannes," sagte Friedrich stolz,ich will dir mein halbes Butterbrot geben, es ist mir doch zu groß, die Mutter schneidet allemal übers ganze Brot."

Laß doch," sagte Margret,er geht ,a nach Hause.

, Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon ißt um sieben Uhr." Margret wandte sich zu dem Knaben:Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für dich?"Niemand", stotterte bas Kinb.Nie- manb?" wieberholte sie;ba nimm, nimm!" fügte sie heftig hinzu; bu heißt Niemanb unb niemand sorgt für dich! Das fei Gott geklagt! Und nun mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, horst du, geht nicht zusammen durchs Dorf."Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen", antwortete Friedrich. Als beide Knaben fort waren, warf sich Margret auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dem Ausdruck des tiefsten Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. Ein falscher Eid, ein falscher Eid!" stöhnte sie.Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!"

So saß sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit. Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal anqeredet.Was ist's? was willst du?" rief sie auffahrend.W bringe euch Geld", sagte er, mehr erstaunt als erschreckt.Gelb? wo?" Sie regte sich und die kleine Münze fiel klingend auf den Boden. Friedrich hob sie auf.Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was verdienen."Geld vom Simon? wirf es fort, fort! nein, gib es den Armen. Doch nein, behalt es" flüsterte sie kaum hörbar;wir find selber arm; wer weiß, ob wir bet dem Betteln vorbeikommen!"Ich soll Montag wieder zum Ohm unb ihm bei ber Einsaat helfen."Du wieder zu ihm? nein, nein, nimmermehr!" Sie umfaßte ihr Kind mit Heftigkeit.Doch," fügte sie hinzu, und ein Tränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen;geh, er ist mein einziger Bruder, unb bie Verleumdung ist groß! Aber halt Gott vor Augen und vergiß das tägliche Gekket nicht!

Margret legte das Gesicht an die Mauer und meinte laut. Sie hattt manche harte Last getragen, ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tob, unb es war eine bittere Stunbe, als bie Witwe bas letzte Stück Ackerland einem Gläubiger zur Nutznießung überlassen mußte unb ber Pflug vor ihrem Hause stillestanb. Aber so war ihr tue zumute gewesen; bennoch, nachbem sie einen Abenb durchweint, eine Nacht burchwacht hatte, war sie bahin gekommen, zu benten, ihr Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiß nicht ihm, Aehnlichkeiten wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein Schwesterchen verloren, das genau dem fremden Hechelkrämer glich. Was glaubt man nicht gern, wenn man fo wenig hat und durch Unglauben dies wenige verlieren soll!

Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmeren Gefühle, deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermißte er ihn sehr unb ließ nicht nach mit Botschaften, wenn ein häusliches Geschäft ihn auf längere Zeit bei ber Mutter hielt. Der Knabe war feitbem wie verwandelt, das träumerische Wesen gänzlich von ihm gewichen, er trat fest auf, fing an, sein Aeußeres zu beachten unb balb in ben Ruf eines hübschen, ge- roanbten Burschen zu kommen.

(Fortsetzung folgt.) ______

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