„Oberon" wird parodiert. „Mein l)iion, mein Gott!", wird zu dem Sastg „Alexander, mein Gatte, im Schlafrock von Watte!" Das stammt aus Berlin. „Hab ick's denn nich jleich jefagt, die Wurscht die schmeckt nach Seefe" singt ebeitfalls der Spreeathener, und zwar nach der Weise des Zigeunerchors aus dem Verdischen „Troubadour". Und werden wir in dieser Hinsicht erst völlig aktuell, dann können wir die Verdrehungen des Schlagers „Valencia" oder des Liedes „Brüderlein, trink" in bunten Reihen anführen. „Valencia, meine Knochen sind zerbrochen, durch die Rippen pfeift der Wind", ist das nicht traurig? Roch trauriger aber der Rat für Brüderlein: „Kauf dir ein Auto, fahr gegen 'nen Baum; dann lvar das Leben ein Traum". Höflich ist die ungesungene Parodie des Hamletwortes „Schwachheit, dein Name ist Weib . — „O, Verstellung," sagen wir da mit Raupa ch, „dein Name ist Kiekebusch!" — Hinter parodierten Zitaten kann man zur Not noch einen Ausweg finden, eine Entschuldigung für falsch Zitiertes; aber sonst ...
Ja, ja; ebenso wie der Gebrauch der Fremdwörter gefährlich ist, mit denen man sich wie mit anderen Federn schmücken möchte, kann vor- gctäuschte Belesenheit oder gar höhere Bildung, durch unaufhörliches Zitieren angedeutet, zum Verhängnis werden. Man zitiere nur das, was man selbst genau gelesen hat. Sich hierbei auf andere verlassen, ist gefährlich. Durch eigenes Nachschlagen und Nachlesen erzieht man sich zur Genauigkeit, die noch nie zum Schaden gewesen ist.
Unterm Birnbaum.
Von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
Und Ede, der hinzukam und heute gerade seinen hock^>eutschen Tag hatte, stimmte bei, freilich mit der Einschränkung, dah er auch von ber voraufgegangenen „ersten Trauer" nicht viel wissen wollt«.
„Wieder anfangen! Ja, was hciht wieder anfangen? Damals war es auch man so so. Drei Tag' und nich länger. Und paß auf, Male, diesmal knappst er noch was ab."
Und wirklich, Ede, der aller Dummheit unerachtet seinen Herrn gut kannte, behielt recht, und ehe noch der dritte Tag um war, ließ Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf. das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte. Dazu gehörte, daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier Wochen auch mal nach Berlin fuhr, wo er sich, nach Erledigung seiner kaufmännischen Geschäfte, kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend gönnte. Deshalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen Gasthofe „Zum Kronprinzen" ab, von dem aus er bis zu dem damals in Blüte stehenden Königsstädtischen Theater nur ein paar hundert Schritte hatte. War er dann wieder in Tschechin zurück, so gab er den Freunden und Stammgästen in der Weinstube, zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte, nicht bloß Szenen aus dem Angelyschen „Fest der Handwerker" und Holteis „Altem Feldherrn" und den „Wienern in Berlin" zum besten, sondern fang ihnen auch allerlei Lieder und Arien vor: „War's vielleicht drei oder vier". Und dann wieder: „In Berlin, sagt er, mußt du sein, sagt er, immer sein, sagt er" usw. Denn er besaß eine gute Tenorstimme. Besonderes Glück aber, weit über die Singspielarien hinaus, machte er mit dem Leierkastenlied von „Herrn Schmidt und seinen sieben heiratslustigen Töchtern", dessen erste Strophe lautete:
• Herr Schmidt, Herr Schmidt, Was kriegt denn Julchen mit? „Ein Schleier und ein Federhut, Das kleidet Julchen gar zu gut."
Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Töchtern war das Entzücken Kunickes, das verstand sich von selbst, aber auch Schulze Woytasch versicherte jedem, der' es hören wollte: „Für Hradscheck ist mir nicht bange; der kann ja jeden Tag aufs Theater. Ich habe Beckmann gesehen; nu ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser; er hat noch so was, ja wie soll ich sagen, er hat noch so was, was Beckmann nicht hat."
Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall, un.d wenn es sich auch gelegentlich traf, daß er bei seinem Berliner Aufenthalte, während dessen er allemal eine goldene Brille trug, keine Novität gesehen hatte, so kam er doch nie mit leeren Händen zurück, weil er sich nicht eher zufrieden gab, als bis er an den Schaufenstern der Buchläden irgend etwas Komisches und unbändig Witziges ausgefunden hatte. Das hielt auch nie schwer, denn es war gerade die „Glaßbrenner- oder Brennglaszeit", und wenn es solche Glaßbrennergeschichten nicht sein konnten, nun, so waren es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen dürftigen Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so beispielsweise als „Brausepulver", feilgeboten wurden. Ja, diese Büchelchen sanden bei den Tschechinern einen ganz besonderen Beifall, weil die darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf die Pointe warten ließen, und wenn das Gespräch mal stockte, so hatte Kunicke den Stammwitz: „Hradscheck, ein Brausepulver".
Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder einmal in Berlin war, diesmal auf mehrere Tage, während er sonst immer den dritten Tag schon wieder nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschäft versah, paßte gut auf den Dienst, und nur in der Stunde von 1 bis 2, wo sich kaum ein Mensch im Laden sehen ließ, gefiel er sich darin, den Herrn zu spielen und, ganz so wie Hradscheck zu tun pflegte, mit auf den Rücken gelegten Händen im Garten auf und ab zu gehen. Das tat er auch heute wieder, zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf, und zwar in ziemlich befehlshabcrischem Tone, daß er einen neuen Reifen um die Wassertonne legen solle. Dann sah er nach den Starkästen am Birnbaum und zog einen Zweig zu sich herab, um noch eine der nachgereiften „Franzosenbirnen" zu pflücken. Es war ein Prachtexemplar, in das er sofort einbiß. Als er aber den Zweig wieder los ließ, sah er, daß die Jeschke drüben am Zaune stand.
„Dag, Ede."
„Dag, Mutter Jeschke."
feinen Werken schief weitergegebenen Worte ansühren. „In der Beherrschung zeigt sich erst der Meister!", ruft Tante Sibylle einem ihrer lebenslustigen Neffen zu; der weiß aber besser als Tante Sibylle im Gosche Bescheid. Im Laustädter Theater hat der große Weimarer über Natur und Kunst etwas sagen lassen und dabei betont, daß sich die Natur zwar weit entfalte, der Künstler sich aber zunächst beschränken lernen müsse, ehe er ein Meister werden könne; denn „in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister". Hier ist die Beschränkung nicht völlig gleichbedeutend mit Selbstbeherrschung; es spielt auch der Gedanke mit, daß der wahre Meister auch durch kleinste, ganz auf einen Kreis konzentrierte Mittel etwas Großes zustandebringt. — Selbst von Goethes Grabschrift spricht man fälschlich.
Macht nicht soviel Federlesen!
Setzt auf meinen Leichenstein: Dieser ist ein Mensch gewesen, Und das heißt ein Kämpfer sein.
In dieser Form stammt das hübsche Wort nicht von Goethe; so hat es vielmehr irgendein späterer zurechtgemacht. Goethe sieht sich als Mohammedaner zum Tor des Paradieses kommen; also nicht von einem Leichenstein ist die Rede, sondern von den Freuden des Himmels. Da soll ihm nun am Eingang der Zutritt verweigert werden; er aber verschafft sich bald sein Recht. „Nicht so vieles Federlesen", wehrt er ab; „Laß mich immer nur herein: denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein."
Fast noch öfter als Goethe wird unser S ch i l l e r'zitiert. Auch seine rhetorisch geprägten Worte sind ab und zu verändert worden. „Das Leben ist doch schön!" bestätigt jeder, der den „Don Carlos" gesehn hat; und doch steht dort genau: „Königin, o Gott, das Leben ist doch schön!" Und der Mohr aus dem „Fiesco", der bekanntlich „gehen kann", hat bei den zitatenfrohen Leuten immer feine „Schuldigkeit" getan, während Schiller von der getanen „Arbeit" des Mohren gesprochen hat. Man versuche nur einmal, eine angenehme Gesellschaft frühzeitig zu verlassen und dabei auf die Abend- ober gar Mitternachtsstunbe hinzuweisen, gleich wird man aus mehr als einem Munde den Trumpf hören: „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde". Man ist sich dabei vielleicht einer kleinen Umbiegung des ursprünglichen Sinnes dieses vermeintlichen Ztates bewußt, aber man ahnt in der Regel nicht, bah im „Wallenstein" zu lesen steht: „Die Uhr schlägt keinem Glücklichen". Buchstäblich genau zitiert man zwar Schillers Wort von ben „Brettern, die bic Welt bedeuten"; aber man betont falsch und entstellt somit ben ursprünglichen Sinn. In dem Gedicht „An die Freunde" weist Schiller nämlich darauf hin, daß am lauten Markt zu London das große Leden rausche, in dem kleinen Weimar aber habe man nicht die große, bie eigentliche Welt; dafür jedoch in vollendeter Kunst, die Bretter, die bie Welt bedeuten. Man darf diese Worte also nicht aus dem Zusammenhänge reißen, man darf nicht „Welt", sondern muß „bedeuten" betonen. — Noch eine Kleinigkeit aus Schiller: sein Gedicht „Thekla" schließt: „Hoher Sinn liegt ost in kindschem Spiel". Gewöhnlich spricht man da von „tiefem" Sinn. —
Ost zitiert wird ber „Nürnberger Trichter". Man muß Lernenden etwas eintrichtern; das ist ein altes, vielfach angewandtes Bild; jedoch der Ausdruck „Nürnberger Trichter" ist als Name eines um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erschienenen Witzblates bekannt. Anlaß zu dieser Bezeichnung gab ein Buch von Harsdörss er (1607—1658), das nur „Poetischer Trichter", also Reimkunstlehrbuch, hieß. Dieses Buch war aber zu Nürnberg erschienen, und bekam deshalb den Namen „Nürnberger Trichter".
Es ist dies eine Art „Treppenwitz ber Weltgeschichte", also nachträgliche, erst auf der Treppe eingefallene Deutung ber Anwendung eines Geistesblitzes. Er gehört auch in das Gebiet des „falsch Zitierten" oder, wenn man will, des fälschlich Zitierten. Unverbürgt als Ausspruch Ludwigs XIV. ist z. B. das bekannte l'Etatc’estmoi! Daß es feiner ganzen unumschränkten Art entsprach, von sich zu behaupten „Der Staat bin ich", kann nicht bestritten werden; aber es kann nicht nachgewiesen werben, baß tr dieses Wort wirklich angewandt hat. Treppenwitz der Weltgeschichte.
Mit diesem Zitate sind wir ins Ausland gekommen. Wenden wir Uns da England und feinem großen Dichter Shakespeare zu: „Die Kürze ist die Würze", pflegen mir zu sagen; im „Hamlet" steht aber zu lesen: „Weil Kürze denn des Witzes Seele ist". — Scherzhaft oerabrebet man sich, in ein Weinlokal zu kommen; „bei Philippi sehen wir uns wieder", damit gibt man den Treffpunkt an, denkt vielleicht sogar an einen Wirt mit Namen Philippi, aber man weiß kaum, daß dieses Wort die Verdrehung eines Shakespearezitates ist. Im „Julius Caesar" sagt nämlich Brutus zu Caesars Geist: „Nun, zu Philippi will ich denn dich sehn." Eine wahre Fundgrube für bedeutungsvolle Worte ist die Bibel. Als heilig und unantastbar gilt sie. Dennoch müssen sich auch Bibelworte ein bisweilen ungenaues Zitieren gefallen lasten. Wer kennt nicht das Volkswort „Unrecht Gut gedeihet nicht"? Wer aber weih, daß es aus der Bibel stammt, und zwar aus den Sprüchen Salomonis, wo es allerdings «Unrecht Gut hilft nicht" heißt? Daß bie verbotenen Früchte am liebsten Auafcht werden, hat manches Couplet besungen; ähnlichen Sinn hat bas Wort, bas ja für den trockenen Orient besonderen Wert bekommt: „Gestohlenes Wasser schmeckt süß." Es handelt sich aber gar nicht um stehlen, sondern um bie Heimlichkeit bes sündigen Genusses. „Die verstohlenen Wasser sind süß", heißt es ebenfalls in ben Sprüchen Salomonis. ..«m könnte bei diesem falsch Zitierten beinahe glauben, daß eine ab« Mliche Verdrehung vorliegt. Dies ist ber Fall bei sogenannten Parodien. WEe man sie alle samt und sonders aufzählen, dürfte man so bald kein Ende finden. Feuchterslebens Lied „Es ist bestimmt in Gottes •Hat bat schon von feinem Komponisten Mendelssohn eine textliche «enberung erfahren, eine gar nicht so seltene Art ber Zurechtmachung eines Urwortlautes. Von einer Parodie aber muß man sprechen, sobald nion die Behauptung eines Witzboldes ansührt, nach der es heißt: „Wenn yrauen auseinandergehn, so bleiben sie noch lange stehn". Feuchtersieben
!'Lbcm angeführten Liede bekanntlich ganz andre rührselige Töne angeschlagen. Mozarts „Zauberflöte" muß sich im Reim auf Isis und ,st?s bie Parodien gefallen lasten: „O, wüßtet ihr, wie's mir is" ober «wie wir s mies is". Uebeknehmen darf man dergleichen nicht. Webers


