von Nadeln durchbohrt. Der Schmerz war furchtbar. Einen Augenblick sank mein Bruder gelähmt zu Boden. Als er dann die Augen öffnete, war tiefe Nacht um ihn, weder Schmetterling noch Wasser noch irgend etwas konnte er wahrnehmen. Er war erblindet ...
So war die Geschichte meines Bruders. Ich konnte nicht mehr mit ihm darüber sprechen; denn sein Geist verwirrte sich immer ärger. Bald danach starb er.
Ich packte seine Habseligkeiten zusammen, um sie nach Haus zu Schicken. Da fand ich unter seinen Büchern auf dem Tisch ein dickleibiges LVerE mit Abbildungen von Schmetterlingen und anderen Insekten. Das Buch war in spanischer Sprache geschrieben, die mein Bruder von Kindheit an beherrschte, und trug auf dem ersten Blatt den Namen des Verfassers: Fronderes de la Contes, und die Aufschrift: Wunderbarer Spiegel seltsamer Reisen. Zwischen den Seiten 215 und 216 steckte ein papierener Merkstreisen. Ich hatte die Seiten aurgeschlagen und entdeckte, daß mein Bruder mit dem Federkiel einige Zeilen unterstrichen hatte. Sie lauteten: Der spanische Feldhauptmann Alvarado im Heerzug Fernando Cortez berichtet in seinem Tagebuch von einem wunderbaren riesigen Falter, der so fabelhafte Farben auf seinen Farben trug, daß sie nicht zu beschreiben waren. Fünfzehn Soldaten, die einen Weg durch den Urwald schlugen, sind bei seinem Anblick erblindet. Sie erzählten, der Schmetterling sei ihnen ganz nah vor die Augen geflogen, die sie sogleich vor entsetzlich stechenden Schmerzen zukneifen muhten. Wahrscheinlich hatte der Falter beim Flug den Pollenstaub einer ungeheuer giftigen Urwaldpflanze verloren, der den Soldaten in die Augen drang und ihnen die Sehkraft raubte. Sie konnten nicht wieder geheilt werden und starben bald an der Auszehrung ...
Heinrich Schütz.
(Ein Vorgänger Vachs.
Bon Dr. Anton Mayer.
In den Märztagen dieses Jahres hat sich die Erstausführung der Matthaeuspassion zum zweihundertsten Male gejährt, nachdem das Werk vor hundert Jahren durch Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Singakademie der Vergessenheit entrissen worden ist, welcher es nach seinem einmaligen Erklingen in der Leipziger Thomaskirche anheimgefallen war. Heute ist es selbstverständlicher und kostbarer Besitz der gesamten musikalischen Welt geworden; es erscheint uns heute ganz unverständlich, datz es ein Jahrhundert lang völlig dem Gedächtnis und der Kenntnis musikfreudiger Menschen entschwunden war. Aber es ist nicht das einzige erhabene Stück großer Musik, das unverdientermaßen ins Dunkel getaucht ist; einer von Bachs Vorgängern, und zwar der größte unter ihnen, der „einzig-faustische Mensch" unter einer Anzahl tüchtiger Meister, wie ihn der Musikhistoriker Albert Einstein sehr treffend bezeichnet hat, war lange Zeit vollkommen unbekannt, bis ihn der Bachbiograph Chrysander theoretisch, und vor wenigen Jahren erst der kürzlich verstorbene Dirigent des Philharmonischen Chores, Siegfried Ochs, praktisch zu neuem Leben erweckt haben: Heinrich Schütz, der am 8. Oktober 1585 in dem durch sein schwarzes Bier berühmten Ort Köstritz im Reußischen als Sohn eines Gasthofbesitzers geboren wurde. Sein Vater siedelte nicht viel später nach Weißenfels über, um dort den Gasthof „Zum Schützen" zu übernehmen, der heute noch steht; während des Dreißigjährigen Krieges beherbergte er die beiden größten Feldherren der Zeit, Wallenstein und König Gustav Adolf.
Heinrichs Musikalität äußerte sich im Knabenalter durch fein Gesangstalent; als der kunstsinnige Landgraf Moritz von Hessen-Kassel ihn zu- B hörte, während er sich aus der Durchreise befand, beschloß er, den iten Knaben zu sich zu nehmen. Im Jahre 1599 kam Heinrich auf das Collegium Mauritianum, um dort adlig erzogen zu werden; außerdem mußte er als Diskantist bei Hofe erscheinen. Rach den Lehrjahren, in denen ihm kein Musiker von Ruf zur Seite stand, bezog er 1607 als Student der Jurisprudenz die Universität Marburg; der Landgraf sah indessen bald ein, daß ihm eine gute Ausbildung in der Tonkunst nottat, »nd bot ihm ein Stipendium an, um für zwei Jahre nach Venedig zu gehen, wo der berühmte Giovanni Gabriel! lehrte, der den Ruhm penetianischer Musik über alle Lande verbreitet hatte. Seltsamerweise gögerte Heinrich, ehe er sich entschloß, das großzügige Anerbieten des klugen Fürsten anzunehmen; das Grüblerische seiner tiefgründigen Natur ließ ihn sich wohl genau prüfen, ob er in der Tat die genügende Kraft In sich fühlte, sein Leben ganz der Kunst zu widmen.
Die Schönheit der mächtigen, auf der Höhe ihres Glanzes stehenden Meerstadt wirkte mit ihrem bunten, zwischen Orient und Okzident spielenden Leben, dem Reichtum an Kunst und sremdartiger Architektur, dem leichter pulsierenden Dasein auf den in sich versponnenen Nordländer auf das stärkste; indessen ließ er sich durch die neue und berauschende Umgebung nicht von seinen Studien abhalten und lernte bei Gabriel! bald die allgemeinen Gesetze des Kontrapunktes und der Harmonielehre, wie jauch die Besonderheiten italienischer, und speziell venetianischer Satz- und ilusdrucksweise zu beherrschen. Nach zweijähriger Arbeit sandte er seinem Mäzen einen Band fünfstimmiger italienischer Madrigale, aus denen seine Berufung zum Tonsetzer klar hervorgeht. Als Giovanni Gabrieli im folgenden Jahr gestorben war, kehrte Schütz nach Deutschland zurück und beschloß, zunächst die für die damaligen Verhältnisse meistversprechende Laufbahn einzuschlagen: die eines Organisten. Die Orgel wurde als Königin aller Instrumente angesehen, ihre Beherrschung galt für jeden ernsthaften Musikus als Selbstverständlichkeit. Er fand sogleich eine Stellung in Bückeburg, ließ sich aber dann noch einmal, und zwar in Leipzig, Immatrikulieren, um seinem Wissensdrange Genüge zu tun; fast gleichzeitig wurde er in den Listen der Kasseler Hofhaltung als Schloßorganist geführt und sogar zum Prinzenerzieher ernannt. Nach wenigen Jahren aber verstand es der Kurfürst von Sachsen, ihn als Kapellmeister für fein Orchester zu gewinnen; so siedelte er nach Dresden über, um den einmal Angenommenen Posten fünsundfünfzig Jahre lang zu bekleiden. Hier schuf Dr eine Reihe von sehr bedeutenden geistlichen Chorwerken, deren Texte Den Psalmen entnommen waren, nebst Motetten und Gesängen, die als
„Cantiones sacrae" einen neuen, kühnen und ganz persönlichen Stil zeigen. Er ist nicht frei von Gewaltsamkeiten, manchmal bricht eine starke dramatische Wucht durch die Gemessenheit kirchlichen Wesens; die überschwengliche Mystik des Barock, wie sie sich am gewaltigsten in den Bauten und Skulpturen der römischen Architekten und Bildhauer und in den Kompositionen der gleichzeitigen italienischen Schule äußert, fehlt in Schützens Werken, die vielmehr eine ergreifende Einfachheit und Echtheit der Empfindung verraten.
Schon im ersten Jahrzehnt des unglückseligen „großen Krieges" verfolgte den Meister auch persönliches Unglück: seine Frau und seine Kinder bis auf eine Tochter starben, kurz daraus verlor er seinen besten Freund, so daß der Fünfundvierzigjährige vereinsamte; er hat nicht wieder geheiratet — eine Seltenheit in jenen Tagen. Die Kompositionen dieser Jahre, unter denen die Vertonung des „lutherischen Reimpsalters" eine bedeutende Stellung einnimmt, zeigen den zunehmenden Ernst seines Wesens; sie sind, wie übrigens auch der größte Teil von Bachs Werken, nicht eigentlich „populär" geworden, wenn sie es auch auf mehrere Auflagen brachten. Zur Ablenkung und Erholung erwirkte sich Schütz einen längeren Urlaub nach Venedig, in dem nach Gabriels Tode der geniale Musikdramatiker Monteverdi triumphierenden Einzug gehalten hatte. Die Anregungen des neuen Musikwesens fanden in den „Sinfoniae sacrae" Ausdruck, in denen sich Stücke von ungeheuerer Kraft der dramatischen Steigerung finden. Rach seiner Rückkehr verschlechterten sich infolge des verheerenden Krieges die künstlerischen Verhältnisse in Deutschland so sehr, daß er bis zum Jahre 1645 dreimal längere Zeit in Kopenhagen als Kapellmeister amtierte; ein zweiter Band der „Heiligen Sinfonien", dem im Jahre 1650 ein dritter folgte, enthält Höhepunkte der ganzen vorbachischen Musik, wie das geniale, heute berühmt gewordene „Saul, Saul, was verfolgst du mich", das, für Solostimmen, Chöre und Orchester komponiert, ein unheimlich-düsteres, in der Tat faustisches oder an die zur gleichen Zeit entstandenen geheimnisvollen Licht- und Schattenprobleme Rembrandts erinnerndes Werk genannt zu werden verdient. Damals erreichte Schütz den Ruf, Deutschlands bester Komponist zu sein.
Um den Alternden, den der Kurfürst trotz aller Bitten nicht seiner Stellung enthob, wurde es immer einsamer; er hätte sich gern in die Ruhe einer kleinen Stadt zurückgezogen, um still sein Lebenswerk vollenden zu können. Aber erst 1671 brachte der Tod des Kurfürsten ihm wenigstens eine Erleichterung feiner Amtstätigkeit; er siedelte nach dem Ort feiner Jugend, nach Weißenfels über, und schuf dort als Achtziger, von Blindheit, Taubheit und körperlicher Schwäche gequält, seine letzten großen Werke, die ihn recht eigentlich als Vorläufer Bachs charakterisieren: die Passionen und die Weihnachtsgeschichte. Wenn sie auch noch nicht die schlagende Wucht und die Unbegrenztheit musikalischen Ausduckes haben, wie die Passionen des einem anderen Zeitalter angehörenden jüngeren Meisters, so sind sie doch in der Art der Deklamation, der Fülle großartiger Melodien und der bunten Bewegtheit der Masienszenen Ton- schöpfungen, welche keineswegs nur historisches Interesse besitzen, sondern von lebendiger musikalischer Schönheit erfüllt sind.
Am 6. November 1672 starb Heinrich Schutz, nachdem er bereits bei Lebzeiten fast zur mystischen Person geworden war; hatte er doch noch die schönen und unwiederbringlich verlorenen Zeiten vor dem großen Kriege im besten Mannesalter erlebt, die wilden Jahre der Zerstörung Deutschlands gesehen und nach dem Friedensschluß in feiner Weise, durch das Schassen und Gestalten bedeutender Kunstwerke in der Oede eines zerschlagenen Landes am Aufbau mitgeholfen, sogar in feinen letzten Schöpfungen den Weg in die Zukunft der Musik geroiefen! Aber trotzdem ist er schon kurze Zeit nach seinem Scheiden völlig vergessen gewesen, feine Werke wurden nicht mehr aufgeführt, eine andere Zeit ging in schneller Entwicklung über fein Gedächtnis hinweg, Hochbarock, Rokoko und die mächtige Ausbreitung des musikalischen Lebens im 19. Jahrhundert haben feine Spur verwischt, bis Heinrich Schütz in unseren Tagen durch feine musikalische Auferstehung den künstlerifchen Wert feines Schaffens aufs neue bewiesen hat.
Falsche Zitate.
Von Dr. Siegfried Mauer m an n.
Man braucht nur in eine Gesellschaft zu kommen, eine Dame im Wintergarten des Hauses unter eine mehr ober minder ansehnliche Palme oder ein ähnliches Blättergewächs treten zu sehen, sofort wird man aus irgendeinem berufenen ober nicht berufenen Munde bie Worte geflötet hören: „Na na, man wandelt nicht ungestraft unter Palmen." Wenn man dann aber den Flöter fragt, ob er denn wisse, wo das von ihm doch offenbar zitierte Wort stehe, so wird er erst stutzen, bann wegwerfend .Lessings Nathan" murmeln und sich umdrehn.
Das ist alles so ziemlich unrichtig. Gewiß will man in unsrer Zeit möglichst originell sein: man macht sich feine Texte allein: man vermeidet den Zitaterich; aber gelegentlich ist ein gewichtiges Wort von großen Leuten, die doch nun einmal auch vor unsrer Zeit gelebt haben, nicht völlig zu entbehren, wenn auch nur im obenhin fließenden gesellschaftlichen Geplauder; und dann geht durch unsre bildungshungrige Zeit andrerseits auch ein Streben nach Genauigkeit. Ja, wo steht das doch? Und wer sagt es da? Und was meint er damit?, das fragen wir noch recht oft; und da ist denn ein solches Danebenhauen, wie es bei dem Wort „unter Palmen wandeln" neunzigmal unter hundert Fällen begegnet, doch recht peinlich. Wenn man also zitiert, bann richtig unb in. richtigem Sinne. Palmen kommen zwar im „Nathan" vor, auch der Wunsch, einem bas Wandeln unter Palmen nicht zu verleiden, aber bas ungestrafte Wanbeln barunter, finben wir in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften". Der genaue Wortlaut heißt bart: „Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen; der Sinn ist, baß, wer träumerisch wolkenfernen Idealen nachhange, sich hüten müße, den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen zu verlieren. So, jetzt haben wir den Wortlaut genau, Zusammenhang und Sinn klar, jetzt können wir bas Wort zu passender Zeit und Gelegenheit getrost zitieren. Da wir einmal bei Goethe sind, wollen wir noch einige ans


