fein. In Neu-Lewin reden sie nicht v!e! Gutes von ihm. Die Rese hat er fitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner wech wie und rouium. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter Woytasch 'rüber fuhr und alles wieder füll machte. Natürlich, er will keinen Lärm haben pnd is 'ne Suse. Hause darf er ohnehin nicht reden Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und ich sage bloß, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so haben wir nächstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich dann nach nein Schwiegersohn Umsehen. Zeit wird es mit der Rike: dreißig is sie ja schon."
So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche später die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das heißt ohne Samchut und Straußenfeder, und noch ebenso grüßte, ja womöglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, daß die Erbschaft sie verändert habe.
„Man sieht doch gleich." sagte die Ouaas, „daß sie jetzt was haben Sollte sollte das immer was jein, und sie logen einen grausam an, und war eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei."
„Wieviel mag es denn wohl sein?" unterbrach hier die Mietzel. ,Hch denke mir so tausend Taler."
„O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wäre, wäre sie nicht so, da zierte sie sich kuhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, „ob es ihr nicht ängstlich gewesen wäre, so ganz allein mit dem vielen Geld," da sagte sie: „nein, es wär' ich nicht ängstlich gewesen, denn sie habe nur wenig mitgebrachl, eigentlich nicht der Rede wert. Das meiste habe sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen." Ich weiß ganz bestimmt, sie sagte: das meiste. So «wenig kann es also nicht sein."
Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem Tschcchiner Hause geführt, ohne daß man mit Hilfe derselben im ge- ringsten weiter gekommen wäre, weshalb man sich schließlich hinter den Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, daß er neuerdings einen rekommandierten Vries bei den Hradschecks abgegeben habe.
„Von woher denn?''
„Aus Krakau."
Man überlegte stch's, ob das in irgendeiner Beziehung zur Erbschaft stehen könne, fand aber nichts.
Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete:
„Krakau, den 9.November 1831. Herrn
AbelHradscheck in Tschechin, Oderbruch.
Enn Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntnis, daß unser Reisender, Herr Szulski, wie alljährlich so auch in diesem Jahre wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre weiteren geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird Zugleich ober gewärtigen wir, daß Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit Veranlassung nehmen wollen, unsere seit drei Jähren anstehende Forderung zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf unser Geschäft, unmöglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit.
Olszewski-Goldschmidt & Sohn."
Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesäumt, auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekanntzumachen. Diese blieb ünscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern.
„Wo willst du's hernehmen, Abel? Und doch muß es geschafft werden. Und ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst du'» borgen?"
Er schwieg.
„Bei Kunicke?"
„Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf e» nach der Erbschaft sgeschichte nicht mehr geben. Und gibt'» auch nicht. Ich glaube, daß ich s schaffe."
„Gut. Aber wie?"
„Bis zum 30. hab ich noch die Feuerkassengelder."
„Die reichen nicht."
„Nem. Aber doch beinah. Und den Rest deck' ich mit einem kleinen Wechsel. Ein großer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich besser als bar.
Sie nickte.
Dann trennte man sich, ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre.
Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle zugeteilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die nächste Minute zeigen sollte.
Hradscheck, voll Beherrschung über sich selbst, ging in den Laden, der gerade voll hübscher Bauernmädchen war, und zupfte hier der einen am Busentuch, während er der andern die Schürzenbänder aufband. Einer alten aber gab er einen Kuß. „Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren — nid)' wahr, Mutter Schickedanz?"
Mutter Schickedanz lachte.
Der Frau Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte sich rühmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und überschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverständliche ! Worte vor sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz abzubeten Aber es hals alles nichts. Ihr Atem blieb schwer, und sie riß endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen
So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede zu Tisch.
V.
Es war Ende November, als an einem naßkalten Abend der von der Krakauer Firma angekündigte Reifende vor Hradschecks Gasthof vorfuhr. Er kam von Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden Beträtet, weil die vom Regen aufgeweichten Vruchwege beinah unpassierbar gewesen waren, am me.sten im Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schutt von der Orthjchen Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit ge- kostet, weil das ermüdete Pserd mitunter stehen blieb und trog alkm Fluchen nicht weiter wollte. Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladentür, durch deren trübe Scheiben ein Lichtschein aus den Damm fiel, und knipste mit der Peitsche.
„Halloh, Wirtschaft!"
Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Laden- junge, lief aber, als er den Tritt heruntergetlappt hatte, gleich wieder weg, weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle."
«Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!"
Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf eine leidlich trockene, grab* vor dem Ladeneingange durch Aufschüttung von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolstschur und Pelzmütze hatten ihm Kopf und Leib geschätzt, aber die Füße waren wie tot, und er stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.
Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her kannte.
„Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so ’ne Weg'! I, doa kämmt joa keen Düwel nich."
„Aber ich", lachte Szulski.
„Joa, blot Se, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de ©turn’. Un bat Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ich roeet joa: de Giebelstuw’, de geele, de noah de Keg.lboahn to "
Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schuller genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu. als er ober sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts in das Hradicheckfche Wohnzimmer eintreten wollte, wandte er sich wieder und sagte: „Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw ... Se roeeten joa."
„Sind denn Gäste da?"
„Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers Oll-Kunicke kämmt, un denn klimmt Orth ook. Un wenn Orth kämmt, denn kämmt ook Ouaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder."
o
Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National- Polen erst mit dem polnischen Samtrock samt Schnüren und Knebelknöpfen angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftlich.' war in Gegenwart von Ouaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufge- laufene Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Barzahlung und kleine Wechsel beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulierung kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner Firma gelieferten Rüster bringen zu lassen.
„Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt’ um die Ehr'."
Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen, aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor kurzem noch zu den Kunden der Krakauer Firma gehört halten, sahen sie das Anerbieten schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.
Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen.
Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück, Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum mindesten als Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im Dunkels beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen Heldentaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Hauserstürmung in der Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die Weichsel berührt, war dabei fein Paradepferd.
„Wie hieß die Straße?" fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten Leute bei Kriegsgeschichten immer hochrot wurde.
„Dlugastraße", wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe „Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga grab’ gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern besetzt, das heißt von den wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indes, was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach Aus dem abgedeckten Dach, aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hinter Balkenlagen verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun die Russen, cs war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst, immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts^Duch« und Stein drucker ei. D. Lange, Gießen.


