Ausgabe 
8.3.1929
 
Einzelbild herunterladen

Erdteil Sibirien.

Von Herbert R u l a n d.

In dein Land, nach dem die sibirische Kälte benannt ist, gibt es große Reisplantagen; es gedeihen dort also Pflanzen, die nur in den klimatisch bevorzugten wärmsten legenden Europas wachsen. Die Vorstellung, die der Europäer von dememsigen Sibirien" hat. ist schon deshalb saisch. weil dieses ungeheure Gebiet, das fünsundzwanz gmat jo groß wie Deutzch- land ist, weder klimatisch noch in seinem Pflanzenwuchs keine Einheit dar­stellt sondern in sich je.bst Raum für die größten Gegensätze besitzt. Am Limürstrom, dort, wo jetzt im Rahmen der Sowjetumon eine autonome Mische Republik geschossen werden soll, und weiter östlich, der Grenze der Mandschurei sorgend bis zu den Ufern des Stillen Ozeans, gibt es in fast menschenleeren Gegenden gewaltige Flächen fruchtbaren Bodens, ein Land, das im Winter raum kälter ist, als der Februar dieses Jahres in Mitteleuropa war, dessen Frost aber durch Windstille erträglicher gemacht wird Im Sommer ist dieses sonnige Gebiet von größter Fruchtbarkeit! C5 jst sogar geeignet, aus ihm allerlei subtropische Pflanzen zu ziehen. Aber auch in Westsibirien gibt es weite Flächen, die vorläufig noch vom Urwald bedeckt sind, durch die kein Weg führt: heute noch das Jagdgebiet halbzivilisierter Nomaden, morgen vielleicht schon der Kern eines sich bildendenöstlichen Kanadas". Man dars unter Sibirien nicht allein das Gebiet in unmittelbarer Nähe des nördlichen Eismeeres verstehen. Zu­sammen mit den Republiken des Fernen Ostens bedeckt es 12,5 Millionen Quadratkilometer, ist also fast um ein Drittel größer als Europa: kein Land, andern ein Erdteil!

In den drei Jahrhunderten, die Sibirien zum Zarenreich gehörte, ist ost versucht worden, den Strom der landhungrigen Bauern, die stets eine schwere politische Gcsahr für den Zarismus biloeten, über den Ural weit nach Osten zu lenken aber diese Experimente mißglückten, weil sie mit ungenügenden Mitteln und von ungeschickten Verwaltungsbeamten durch- geführt wurden. Die Sowjetregierung handelt unter einem Zwange, wenn sie nun die Versuche unter Einfatz größerer Kapitalien von neuem aufnimmt. Sie muß das Agrarproblem lösen, nicht nur um die Ver­sorgung ihrer städtischen Bevölkerung ficherzustellen, sondern auch land­wirtschaftliche Güter zum Eintausch der dringend benötigten Maschinen Und Werkzeuge zu erhalten. Vor anderthalb Jahren wies Trotzki, der damals schon seiner wichtigsten Aemter entkleidet, aber noch nicht ver­bannt worden war, in Moscan in einem aussehenerregenden Vortrag aus die wachsende weltwirtschaftliche Bedeutung Sibiriens hin und prophezeite, daß dieses Land dank seinen natürlichen Reichtümern in Zukunft eine bedeutsame Rolle in der Wirtschaft der Welt spielen werde. Die herr­schende Richtung in der Bolschewistischen Partei hat sich daran gewohnt, Trotzki zu bekämpsen, seine Ratschläge aber nach einiger Zeit in nur wenig veränderter Form zu befolgen. In den letzten anderthalb Jahren hat sich die Sowjetregierung nun tatsächlich bemüht, Sibirien beschleunigt zu entwickeln. Jährlich wandern vorläusig ungefähr 100 000 Bauern über den Ural aber bald soll diese Zahl vervielfacht werden. Wissenschaftliche Expeditionen durchqueren das nördliche Asien, um die natürlichen Hilfs­quellen für menschliche Ansiedlungen zu entdecken, und es hat sich dabei herausgestellt, daß wir bisher über die geologische Struktur Sibiriens sehr schlecht unterrichtet waren.

Die größte Schwierigkeit, die sich der Erschließung des Landes ent­gegenstellt, ist in dem Fehlen eines genügenden Verkehrsstraßennetzes zu sehen. Außer der transsibirischen Eisenbahn, die wenig verzweigt ist, gibt es nur die gewaltigen Flußläufe, auf denen sich der Verkehr im «ommer mit Dampfschiffen und im Winter mit Schlittenfuhrwerken abwickelt. Der Schlittenverkehr ist vorzuziehen, da die Flüsse nicht reguliert sind und den Dampfern manche Gefahren bieten. Wie bedeutungsvoll aber em gutes Verkehrsftraßennetz für die Entwicklung der stibirischen Landwirt­schaft wäre, zeigt das Beispiel der sibirischen Butteraussuhr. Einige tüch­tige Dänen hatten in westsibirischen Distrikten den modernen Molkerei­betrieb eingeführt, wie er in ihrer Heimat üblich ist: während im Jahre 1889 aus Sibirien nur zweieinhalb Millionen Kilogramm Butter ausge- führt wurden, konnte man im Jahre 1909 schon 140 Millionen Kilo­gramm auf der sibirischen Eisenbahn nach Rußland befördern. Aus Nowo- Nikolaijewsk führt der Kühlwagen die Butter bis an die Ostsee, wo sie ins Schiff umgeladen und nach England ober Frankreich weiter g^utjrt wird. Eine Verbilligung der Butterausfuhr ist jetzt dadurch möglich ge­worden, daß man als Verpackung nicht mehr teure Faßdauben, sondern gewöhnliche Kisten aus sibirischem Tannenholz benutzt. Bei den letzten Ladungen sibirischer Butter, die in London eingetroffen find, war nicht der geringste Holzgeruch festzustellen. Nach England versendet man seit ganz kurzer Zeit auch Cheddarkäse, der in den Molkereien des Altai­gebirges hergestellt wird. In diesem Jahr soll die Kasein-Fabrikation wesentlich gesteigert werden; bis jetzt arbeiten in Sibirien 43 Fabriken, doch hofft man, daß im Lause dieses Jahres schon 128 Fabriken diesen wichtigen Rohstosf Herstellen werden, lieber 20 Millionen utubel tniu die Sowjetregierung in diesem Jahr zum Ausbau der sibirischen Molkerei­industrie verwenden. .

Aber nur diejenigen Teile Sibiriens, die leicht mit der Bahn zu er­reichen sind, können sich an dem einträglichen Exportgeschäft beteiligen, während in den meisten übrigen Ortschaften nur soviel Lebensmittel die Erzeugung lohnen, wie man selbst verhrauchen kann. In Omsk kost« z. V. ein Huhn 20 Kopeken, in Werchne-Udinsk zahlt man nur nom 10 Kopeken, und fern der Eisenbahn sind 5 Kopeken viel zu viel Geld für eine so wertlose Ware. Ebenso kann man die Waldbestände, an Denen Sibirien ungeheuer reich ist, wegen der mangelnden Verkehrsmittel kaum ausnutzen, da der Transport des Holzes feinen Wert weit uberfteigt. Die Leiter der sibirischen Wirtschaft sind nun darauf verfallen, die grohen Waldbestände auf eine andere Weise nutzbar zu machen. Amerika erzeugt nämlich zu geringe Mengen Terpentinöl und Kolophonium. Wahrend bis­her jährlich ungesähr 530 000 Tonnen Kolophonium und 110 000 Tonnen Terpentin auf den Markt gekommen sind, hätten 660 000 Tonnen Kolo­phonium und 140 000 Tonnen Terpentinöl verkauft werden können Diese Rohstoffe sollen nun in großen Mengen den Tannenbäumen der sibirischen

Wälder abgezapft werden. Schon in diesem Jahr werden un Bezirk Jskutsk gewaltige Wäldereien auf diese Weise nusgebeutet werden. Man hat für den Beginn der Arbeiten vorgesehen, daß 4000 Saisonarbeiter und 300 technische Instrukteure tätig sein sollen. Auch andere wirtschaft­liche Produite werden in steigendem Maße erzeugt: im Gebiet der Diroten wird eine Zucht von Moschustieren angelegt, und im nördlichen Jenesscigebiet züchtet man Weißfüchse.

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt das Land am Aldai.gebirge und zwischen dem Lenastrom und seinen rechten Neben­flüssen als eine der goldreichsten Zonen Asiens. In neuerer Zeit hat man an vielen Stellen Sibiriens und besonders in dem obenerwähnten Bezirk große Goldfunde gemacht, aus denen man schlichen will, daß Ostsibirien, Kamschatka, die Behringstraße und Alaska ein zusammenhängendes Gold­feld von außergewöhnlicher Ergiebigkeit darstellen. Aber das find nicht die einz qen Bodenschätze dieses von der Natur so reich bedachten Lan­des es gibt an vielen Stellen Petroleum, und in den berüchtigten fibiri- scheu Bieibergwerken findet sich auch Silber. Zwischen Ob und Jenesse, liegen reiche Kohlenfelder neben Eisenerzlagern, und im nördlichen Ufer- gebiet des Balchasch-Sees hat man soeben Drei mächtige Vorkommen von Kupfererzen entdeckt. An vielen Stellen ist Asbest gefunden worden, an den Flußläufen der Mama, Koltowka und Kamnita baut man Glimmer ab, in Telbeh wird zur Zeit ein großes Hochofenwerk errichtet, in der Gegend des Balchasch-Sees entsteht eine nicht zu unterschätzende Salz- tndustrie. Das ist nur eine kleine Auslese aus den in der letzten Zeit cm« geleiteten Arbeiten, eine Verheißung, die nicht unbedingt bald erfüllt zu werden braucht. Es ist fraglich, ob die Sowjetregierung Geld genug be­reitstellen kann, um die Erschließung dieses aussichtsreichen Landes so schnell durchzuführen, wie sie es verspricht.

Unterm Birnbaum.

Von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.)

Und von woher denn?"

Von meiner Frau Schwester." _ ,

.Bist doch ein Glückskind. Ewig find ihm die gebratenen Tauben in» Mau! geflogen. Und aus dem Hildesheimfchen, jagst du?"

Ja, da fo 'rum."

Na, da wird Reegke drüben froh jein. Er war schon ungeduldig.

.Weitz; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und Pfennigfuchser und können nicht warten. Aber er wird es nu wohl lernen und sich anders besinnen. Mehr Jag ich nicht und patzt sich auch nicht. Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bißchen ®elb?9

, Gelb ist nie ein bißchen. Wieviel Nullen hat es denn?

Das Beste ist, daß cs nicht viel Wirtschaft macht unb daß meine Frau nicht erst nach Hilbesheim braucht. Solche weite Reift, da geht jq gleich die Hälfte drauf. Oder vielleicht auch das Ganze."

War es denn schon in dem Brief?"

I, bewahre. Bloß die Anzeige von meinem Schwager, und daß das Geld in Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert hier ohnehin."

Versteht sich", sagte Mietzel, der sich Immer ärgerte, wenn von dem Versauern" der Frau Hradscheck die Rede war,Versteht sich, laß sie nur reifen; Berlin, das ist so was für die Frau Baronin. Und vielleicht bringt sie dir gleich wieder ein Atlasfosa mit. Oder 'nen Truineau. So heißt es ja wohl? Bei fo was Feinem mutz unferein immer erst fragen.

Der Bauer ist ja zu dumm."

Frau Hradscheck reifte wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu holen, was schon im voraus das Gerede der ebenso neidi­schen wie reichen Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Ouaas, die sich ihrer gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt und aus dem Umstande, daß sie 20 Jahre junger war als ihr Mann, ihr Recht zu saft eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah, war ihr ein Dorm im Auge, zumeist aber die Hrad- scheck, die nicht nur stattlicher unb klüger war als sie selbst, sondern -um Ueberslutz auch noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ältesten Kantorsfohn einen wegen Demagogie rele­gierten Tunichtgut, der nun bei dem Vater auf der Bärenhaut lag -u Spottverfen auf die Tschechiner unb ganz befonbers auf die gute Frau Ouaas angeftiftet zu haben. Es war eine lange Reimerei, drin jeber was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete:

Woytafch hat den Schulzen-Stock, Kunickenen langen Rock,

Mietzel ist ein Hobelspan, Ouaas hat keinem was getan, Nicht mal seiner eignen Frau,

Kätzchen weih es ganz genau.

Miau, miau.

Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal für die Schuldige galt. Das stand bei Kätzchen fest.

Ich wette," sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an dem die Hradscheck abgereift war, auf der Oelmühle vorsprach,ich wette, daß sie mit einem Samthut und einer Straußenfeder roteöer. kommt. Sie kann sich nie genug tun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Unb alles bloß, weil sie©mein" sagt unb nichtswitzen tonn, auch wenn sie brei Kannen Fliedertee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliedertee, sie sagt Hollunder. Unb das soll denn was fein. Ach. liebe Mietzel, es ist zum Lachen." , ...

Ja, ja!" stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die größere Schuld auf Hradscheck zu schieden, der sich einbilbe, Wunder was Feine« geheiratet zu haben. Unb sei boch bloßne Kattolsche gewesen unb met- leicht auchne Springerin; wenigstens habe sic so was munkeln Horen. Unb überhaupt, der gute Hradscheck," fuhr sie fort,er soll doch nur still