Ausgabe 
8.3.1929
 
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Alter Schnee.

Don Theodor Kramer.

Die Wolken fließen still und lang, von Schnee erhöht sind Rain und Hang, die Kreuze braun, die Stamme breit, es hat schon lange nicht geschneit.

Die Hufspur trabt, die Stille hallt, es dorrt und rinnt im schlittern Wald; das Schlingkraut bricht, es rinnt das Laub und deckt den Schnee mit braunem Staub.

Der Farn auch rinnt sich samenarm, die Bäume ruhn, nicht kalt noch warm; nur seltner Hauch, der übern Schnee sich schiebt, läßt raten auf ein Reh.

Kadidja, Notflügel und andere Exoten.

Von Paul E i p p e r.

Wie würde die schöne Jungsrau aus Somaliland lachen, könnte sie ihre Photographie sehen, angereiht an das Bildnis von Miß Minna Lu, der anmutigen Chinesin, die am 8. August 19ü9 in Chilt-Ho-Kien geboren ist! Was wurde woht Red-Wing, der tooi)n eines Sloux-Jndianers sagen, könnte er sich abgebildet sehen neben Negern und Mongolen? Und wo gib sie heute wohl, die exotischen Schönheiten, die für kurze Zeit ihre puren neben der meinen in den Sand gezeichnet haben?

Die Somalis haben schöne Frauen; Kadidjas Mutter, die das achte oder neunte Kind auf dem Arm, das neunte oder zehnte unter dem Herzen trägt, entbehrt auch heute nicht einer herben Schönheit; fic ist noch immer bezaubernd schlank in den Gelenken aber was will das heißen gegen Kadidja selber, die bronzeglänzend, jung, kokett, wie eine lockende Blume durch Stellingen geschritten ist und die Berlinermondänen Damen" er­röten ließ durch die Herrlichkeit ihres federnden Ganges.

Kadidja ist die Tochter Hersy-Eggas, ein Häuptlingskind von siebzehn Jahren, in die von der Religion oorgeschriebenen fünfzehn Meter Tuch gewickelt, lebensfroh und stolz. Sie trägt ihr endloses Gewand wie eine Pariser Toilette, der billige Glasperlenschmuck wird zur raffinierten Kom­bination, und das glänzend schwarze Haar ist in eine höchst mondäne Ballsrisur gestochten.

Ihr Vater Hersy gebietet über einen großen Somalistamm; er ist ein Fürst in seinem Land und schon vor zwanzig Jahren der Freund des alten Carl Hagenbeck gewesen. Während des Herero-Aufstandes lieferte er dem Deutschen Reich Tausende von Reitkamelen für die Schutztruppe. Der alte Somalihäuptling war in seinem Leben mehr als ein Dutzendmal in Deutschland gewesen, er ist noch öfter von den Engländern verhaftet worden, wegen Spionage, verbotenem Tierfang und ähnlichen, nicht stich­haltigen Delikten; ein lebenslustiger, durchaus optimistischer alter Herr!

D Hersy! Verzeih mir denalten Herrn"! Im vorigen Sommer flüsterte er sehr stolz seinem Freunde Lorenz Hagenbeck ins Ohr: ,^Herjy nach Stellingen vier Frauen mitgebracht, acht andere in Somaliland zu­rückgelassen; zuviel Weiber tun nicht gut in Germany." Lorenz Hagen­beck zwinkerte ein wenig mit dem linken Auge:Na, oller Knabe, wird dir das nicht bald zuviel? Zwölf Frauen?"D, nix zuviel, dort Lieb- lingssrau, wo eben zum Wasserbrunnen gehen, haben ein Kind von mir, auf Uebersahrtdampfer entstanden, wird noch in Stellingen hervor­kommen. Hersy bann 25-Kinder-Vater, aber nicht Schluß machen. Hersy jung, erst sechzig Jahre."

Glücklicher Hersy-Egga! $

In diesem Jahr ist der jugendliche Sechziger nicht mit nach Deutsch­land gekommen; er hat seinen Sohn Ali geschickt und seine Tochter Ka­didja und Lorenz Hagenbeck grüßen lassen er sei ein wenig krank, ein Löwe habe ihn angefallen.

Ali, der in diesem Jahr als Häuptling-Stellvertreter die fünfundsechzig Somalis anführt, die im Berliner Zoologischen Garten ihre Zelte gebaut haben, entledigte sich seines Auftrages in fließendem Deutsch. Kein Wunder, er war von 1910 bis 1914 Gast der Familie Hagenbeck, hat In Hamburg die Schule besucht, und kann sogar Schreibmaschine schreiben.

*

Außer dem Häuptling und seiner Familie hat kein Krieger dieser Truppe bislang etwas anderes gesehen als fein Dorf im Innersten Afrikas. Sie sind unbeleckt von jeder Kultur, mit allen Vorzügen ihrer Rasse ausgestattet, die ein Mischvolk darstellt von Negern, Arabern und Juden. Kaum einer ist unter 1,80 Meter groß, und wenn sie gehen, zuckt uns Europäern die Scham im Gebein. Ein königliches Schreiten. un­erreichbar für uns, ebenso wie wir es niemals fertig bringen werden, so anmutig und so bequem auf den Hacken zu sitzen.

Sie sind übrigens sehr keusch, die stolzen Krieger, und wenn die Ledigen unter den Anfechtungen ihrer Begierde allzusehr leiden, fetzen sie sich abseits, nehmen den Dolch aus ihrem Gürtel und ritzen sich einen kleinen Schnitt ins weiche Fleisch unterhalb der Zunge. Dann tropft ihr heißes Blut in den Sand, Aderlaß und Beruhigung!

Sie find auch fromm. Sobald ihre Kriegsfpiele beendet sind, wenn die Trommel schweigt, die edlen Araberhengste abgesattelt unter dem Sonnendach stehen und alle Wurfspeere in der Zielscheibe stecken, knien sie sich vor die hoben Gebetstafeln, auf deren Holzplatten mit Kohle eine Sure aus dem Koran geschrieben steht, und beten, ziehen die schönen arabischen Setfern stundenlang mit dem Zeigefinger nach.

Aber sie sind auch lebensfroh. Ihr Gesang jauchzt vom Morgen bis zum Abend, so oft sie ihre Kampfspiele treibenJohoh, johoh, hIii! Jo bohl, indes die Lanzen an die Schilder klappern.

Ms sie am ersten Abend in Stellingen den Mond am Himmel er­blickten, stießen sie Freudenrufe aus und fühlten sich mit einemmal zu

Hause sie hatten ja den wohlvertrauten Freund ihrer Nächte wieder- gefunden.

Sie lachen gern, und wenn sie etwas komisch finden, gebärden sie sich wie Kinder. Einst wurde ein sibirisches Kamel durch den Tierpark geführt, und wie auf Kommando brachen alle Somalis in frenetisches Gelächter aus. Sie kannten nur das einhöckerige Dromedar und hielten dieses Trampeltier mit feinen zwei Höckern für einen schlechten Witz.

Wenn die Sonne scheint, lehnen sie sich über das BambuLgeländer ihres Kraals, polieren mit dem Holz des Katstrauches ihre elfenbein­glitzernden Zähne und lachen die Europäerinnen an, die neugierig herbei- getommen sind.

Wie ganz anders ist der kleineRotflügel". Ich lernte ihn in Sarra- fanis Zirkus kennen, irgendwo im Rheinland, als er ganz frisch aus den Refervat-Territorien Nordamerikas herübergekommen war'. Sein Vater ist der stolzeste Krieger des HäuptlingsBigSnake", der im Sioux- DialektZuzeea Tankau" heißt.

Rotflügels Eltern kümmerten sich wenig um den dreijährigen Jungen, der den ganzen Tag durch die Pserdeställe bummelte, Neugierig und immer mit verschmierten Backen. Alles, was seine dicken Paschhändchen zu fassen bekamen, sührte er zum Mund, und als er erst einmal begriff, daß in meinen Taschen stets ein paar Zuckerstückchen waren, schlossen wir unzertrennliche Freundschaft.Red Wing" hat mir stundenlang Ge­schichten erzählt, in seltsam melodischen Worten, die mir vollkommen un­verständlich blieben; er bot mir seinen stolzen Federnschmuck an, stahl wie ein Rabe immer neue Tauschobjekte, bis er dann schließlich ohne Umweg meine Taschen selber leerte, ein echter Krieger der Sioux.

Vater und Mutter saßen indes auf einer Strohmatte vor dem Tibby- Zelt, hatten eine Unmenge europäischer Zigarettenschachteln vor sich aus- gebreitet, die farbige Glasperlen enthielten. Die Squaw war besonders geschickt, fädelte lange Schmuckfchnüre auf, wickelte aus Mefsingdraht glitzernde Fingerringe, flocht Matten, stickte Bänder und Decken. Er aber malte mit Pinsel und Erdfarben äußerst farbenprächtige Ornamente auf gegerbtes, weiches Leder.

Wenn alles gut geht, wird diese Familie während ihrer Sarrasani- Tournee genügend Geld machen, um übers Jahr irgendwo in Oklahoma ein Holzhaus zu kaufen, Pferde, Ziegen, Hühner und ein Ford-Auto- mobil. Es sind jagezähmte" Indianer, von Regierungswegen geschützt, schwache Enkel kriegerischer Helden. Aber wenn Rotflügels Mutter zum Tanz antrat, die gelb, rot, weiß, blaugestreifte Decke über ihre Schultern warf, mit einem schön gestickten Band die Adlerfedern im Kopshaar fest- band, und die blauschwarzen Strähnen durch die kreisende Bewegung nach beiden Seiten flatterten, wenn Amuletts und Perlenketten auf ihrer Brust rasselten, dann glomm in ihrem starren Gesicht ein Leuchten auf Blut der Väter, uns Weißen fremd, Geist von jenem Geist, der über die endlosen Prärien zog, hinter Büsselherden und dem Riefenelch.

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Miß Lu, die märchenhaft schöne, neunzehnjährige Chinesin, ist feit frühester Kindheit Artistin, Schülerin von Hai Dung, ein Phänomen der Akrobatik, in jeder Hinsicht vorzüglich ausgebildet. Ich sprach sie öfters in ihrer Garderobe an einem weltstädtischen Varietetheater, staunte über ihren deutschen Wortschatz und sah aus dem Führungsbuch, daß Miß Lu in ihren jungen Jahren bereits Japan, Indien, Arabien, Rußland, Nor­wegen, Belgien, Frankreich, England, Holland, die Schweiz, Kanada und beide Amerika bereist hat.

Wenn die kleine Chinesendame zwei Schritte von mir entfernt auf ihrem Schemel fitzt und kokett das Näschen aus ihrer Coty-Schachtel pudert, ahnt der Besucher nicht die Gelenkigkeit und Kraft, die in den kindlich zarten Gliedern dieses Mädchens wohnen. Hai Yung, der Lehr­meister, lehnt am großen Koffer, lächelt verbindlich und nickt jedesmal, wenn er auf eine Frage Antwort gibt, lieber Stirn und Nase zieht eine breite, blutige Schramme:Gestern abend nix aufgepaßt. Miß Lu aus« geglitten; is (ich) mußten Salto zu Seite massen, damit Mädchen aus die Beine fallen. Untermann müssen so, sonst Miß Lu brechen das Genick.'

Inzwischen hat die Primadonna der Chinesengruppe den phantastischen Kopfputz aufgesetzt, der aus klingelnden Silberplättchen und buntfarbenen Stickereien besteht; vom Nagel holt Miß Lu den goldgestickten Drachen­kimono, ein Knix, sie tänzelt zur Tür hinaus, über Korridor und (teile Treppen hinauf zur Bühne.

Am andern Morgen folge ich Hai Dungs Einladung zur Probe. Die kleinen Kinder der Truppe haben gerade Tanzunterricht; sie hüpfen über schwingende Stricke, stehen auf dem Kopf und laufen über das gespannte Drahtseil. Die Männer wirbeln mit Schwertern und blitzenden Dolchen. Zwei von ihnen ringen, und ihre nackten Körper sind mit Del eingefettet; der Blick des Chefs prüft überall, ein paar zwitschernde Laute, am Ton höre ich, ob's Beifall ist oder Tadel. Und sobald eine Pause entsteh! zwischen den Hebungen, holt Mann, Frau oder Kind eines jener dünnen, langen Bambusstöckchen, legt einen Teller miss obere Ende und wirbelt die Scheibe, spielt damit mit jener Selbstverständlichkeit, die ein beson­derer Vorzug chinesischer Artisten ist. .

Jetzt kommt aus der Kulisse ein junger, schlanker Knabe, nackte Beine, Sandalen, ein kurzes schwarzes Turnhöschen und ein weißes Hemd mit langen Aermeln. Cs ist Miß Lu, der neunzehnjährige Star, nun doppelt schön ohne die Bühnenschmlnke, mit einem Gesicht, bas klassisch zu nennen wäre, spielte da nicht geheimnisvoll und unbestimmbar jener erotw Harub des fernen Ostens mit, zu dem von uns keine Brücke hinübersuyn.

Und bann zeigten mir die beiden, Ches und Meisterschülerin, jenen Trick, den Miß Lu als einzige Dame der Welt ausführt und an dem p° Jahre lang Tag nrn Tag Stunden geprobt hat.Geschmeidigkeit der Glieder gehört dazu, vollständiges (Eingearheitfein beider Partner, Jugend, Gleich­gewichtsgefühl und ungeheure Willenskraft", sagt der ewig fälbeln^ Hai Dung. Zweimal schon hat er den Partner habet verloren. Sie fielen unglücklich und brachen das Rückgrat dabei..Miß Lu ist meine M Kraft und sie ist sehr schön." Dabei verneigte er sich leicht, dieweil v> also Apostrophierte wie ein kleines Schulmädel ein Seil mit beide Händen wirbelte und darüber [prang.