Ausgabe 
8.3.1929
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Freitag, den 8. März

Zihrgang 1929

Nummer 19

Das Megatherium.

Bon I.B.v.Scheffel.

Was hangt denn dort, bewegungslos Zum Knaul zufammgeballt. So riefenfaul und riesengroß Im Ururururwald?

Dreifach so wuchtig als ein Stier, Dreifach so schwer und dumm Ein Klettertier, ein Krallentier: Das Megatherium!

Träg glotzt es in die Welt hinein Und gähnt als wie im Traum Und krallt die scharfen Krallen ein Am Embahubabaum.

Die Früchte und das saftige Blatt Verzehrt es und sagt:Ai!" Und wenn's ihn leergefressen hat, Sagt's auch zuweilen:Wai!"

Dann aber steigt es nicht herab, Es kennt den kürzern Weg: Gleich einem Kürbis fällt es ab Und rührt sich nicht vom Fleck. Mit rundem Eulenangesicht Nickt's sanft und lächelt brav: Denn nach gelungener Fütterung kommt Als Hauptarbeit der Schlaf.

... OMensch, dem solch ein Riesentier Nicht glaublich scheinen will, Geh nach Madrid!, dort zeigt man dir Sein ganz Skelett fossil.

Doch bist du staunend ihm genaht. Verliere nicht den Mut, So ungeheure Faulheit tat Nur vor der Sündslut gut.

Du bist kein Megatherium, Dein Geist kennt höhere Pflicht, Drum schwänze kein Kollegium Und überfriß dich nicht.

Nütz deine Zeit, sie gilt statt Gelds, Sei fleißig bis zum Grad, Und steckst du doch im faulen Pelz, So fall mit Vorsicht ab!

Bruchstück eines Lebens.

Von Jakob H a r i n g e r.

Ich bin geboren im März. Meine Eltern find schlichte Leute. Der alte Baier läuft heute noch herum ums tägliche Leid und Brot. Immer, wenn mich die große Sehnsucht ein Stündlein heimtreibt ins kleine Garten- wirtthaus, jagt die Mutter:

Jetzt hast d'noch dein' schäbigen Mantel." Und der Vater schimpft: Was tut denn der Lump schon wieder da." Ja, wie schön meine Eltern geträumt haben! ... Halt wie alle Eltern träumen.

Und sie Haden sich 's vom Mund abgespart und mich aus die Schule geschickt,damit sich der Bub nicht so plag'n braucht wie unsereins, und daß er vielleicht später, wenn er Beamter oder Pfarrer ist, für seine alten Leut' was übrig hat." Aber der Bub ist kein Pfarrer geworden, sondern ein Taugenichts, der dem lieben Herrgott den Tag stiehlt.

Wie oft hat er gelogen:Mutter! Wart', ich will euch schon ein kleines Häusl erarbeiten, da du's und der Vater auch noch schön habt." Aber es sindSprüche" geblieben wie mein ganzes Leben und Irren.

0 Mutter, ich fühl's ja, wie's bitter ist, wenn dich der Herr Stadtrat fragt:Was ist doch Ihr Sohn?", und du mußt das kummervolle Haupt senken und schweigen. Und du armer Vater, wie mild du in den Cafes ber kleinen Städte die Witzblätter liest, enttäuscht über alles lächelnd.

hast mich oft verleugnet. Und doch, wenn ich elend im Krankenhaus lag, kamst du von drüben, aus der fernen Heimat, mit seligem Weih­nachtsleuchten und hast geweint:Armer Bub, wenn du gesund bist, darfst du heim!"

Aber der ewige Bub ging nicht heim. Er mußte matt vor Gasöfen, in Glasschmelzereicn, Verbrecherspelunken an die Frühlingszeit deran­dern" denken, ans blonde Birkenhaar eines lieben, guten Kindes, das langst vorüberging. Oder faß in traurigen Sonntagsanlagen, unsäglich

einsam, wo man fühlt, wie alt man geworden ist, und wo alle Viertel­stündlein fragen: Warum ist bloß dir alles versagt? Es hätte oft so schön sein können, da wollten alle Sterne mir helfen, da sank ich selig in» Knie. Aber immer riß mich die Hölle oder ein Gott? wieder in grauenhafte Not.

Wie rannte ich durch Nooembergassen in meine grüne Totenmansarde und las von Columbus, Sokrates, Galilei. Von ihren Fesseln und den tausend Martern, die ihnen hartherzige, verblendete Menschen angetan. Weinte über den Erfinder der Dampfmaschine, den sie ins Irrenhau» sperrten, über van Gogh, der elendig, zerknirscht, in unsagbaren Him­melsfarben aufschrie und von nichts lebte als feiner Not.

Oder träumte von Napoleon, wie er den greifen Grenadier zum Obersten trommeln ließ und all seine Orden dem Glücklichen geschenkt. Und las in Zeitungen, daß Menschen verhungern und sich erschießen.

Da harfie Hölderlins unsterbliche Liebe an mein mondloses Bett. Oh, wie viele Tränen stürzten, und ich dachte nimmer, wie klein ich sei und arm! Das waren schöne, paradiesische Briefe, die ein sanfter Todesengel mir brachte. Und da flötete Schlaf mir goldene Fontänen. Ich lag im fafirnen Park der Schwermut, spielte mit dem Kinderball und den süßen Ampeln des Abends.

Wenn ich so recht unglücklich bin, denk ich an die guten Freunde, die mir begegnet sind und wie sie alle sich enttäuscht von mir wandten. Ich könnte mich ja selber nicht zum Freund nehmen. Aber was versprachen sie nicht alles? Und vergaßen das eine, daß auch ich bloß ein Mensch und Bettler bin. Sie vergaßen, daß ich aus ihren schönen Landhäusern In den stinkenden Schlafsaal einer Vorstadtkneipe wankte. Freilich mußte ihnen alle meine Trauer, meine Not zuviel werden! Ich vergaß ja auch manch­mal: daß Bettler warten müssen und geduldig sein .. Und so warfen ft« mich, wie ein schmutziges Hemd, in den Kehrichthaufen des Vergessens.

Ja, ich bin ein Phantast, ein Tagedieb. Aber ich glaube, wirklich mein Leben lang nichts Schlechtes getan als zuviel geträumt zu haben.

Was tut die Welt, die große, große Welt mit Träumern noch? Wa» sollen ihr welke Kleeblätter, Mädchenbänder, Freundesleid, Mai­bäume um den Dorsweiher, Heimatalleen zum kleinen Bahnhof? Wa» sollen ihr die Gebetbücher der Erinnerung, die Büsche der Schwermut und die HeiU^Grabkugeln der Kindheit? ...

Daß die Nacht soviel Sterne hat und mir keiner mehr winkt, daß keine Frau bei mir ist und daß ich nun bald auch keinen Gott mehr haben dars! Ach, an kein Grab verseusze ich die letzte Klage. Und wie süß und kühl muß es unter der Erde sein! Da droht kein Morgen mehr, still wird's, gar nichts macht das Herz schwer und tränenvoll.

Aber du dumme, dumme Seele, war klagst du denn? War nicht auch oft Sonne da und die Schlösser und die Berge? Du, mein Salzburg, bin ich nicht immer noch ein tändelndes Kind, wenn ich durch deine Plätze irre? Waren nicht Fenster, wo du schöne Weiber sahst ober Lieder von Hugo Wolf und Schubert dir wie Trauben zu Füßen sanken?"

Was bist du immer traurig? ... Lies in Thomas a Kempls!

Ich will wieder auf einer Waldwiese AndersensNachtigall" an­flehen ...

Ach, es sind noch Schenken, wo herrlich ein Grammophon Strauß, Suppe, Offenbach jauchzt und schluchzt.

Und im verschmierten Notizbuch grüßt dich das sehnsüchtige Bildni» derBettlerin" Burne-Iones', das du aus einer alten Gartenlaube ge­schnitten. Vielleicht schläft noch eine Stunde für mich, die wie ein goldener Knabe schmeichelt: Sei wieder brav ...

Schau, kleine Seele: Alle Menschen können ja nicht Hochzeit feiern ... Da tät die Trauer bitterlich seufzen, wenn sie dich nimmer hält'! Freilich war's schöner, wenn unser Mädel durch den Abend wiegt, wenn ein Freund uns klagt und wir mit lustigen Menschen durch frohe Juli- tauben lachen.

Nun ist's Nacht geworden. Drüben im andern Haus jubelt ein Mäd­chenklavier. Der Herbststurm klirrt ans schwarze Fenster. Mir hat er keine Früchte gebracht.

Es ist ja so vieles vorbei.'ich habe keine Hoffnung mehx. Und der Tod wird vielleicht doch nicht so süß und still sein. Da mutzt du warten: warten auf die Ewigkeit. Und sie werden dich eingraben, lebendig: sie wißen ja nicht, daß du noch auf eine Freude harrrst, harren mußt, daß du eher nicht enden kannst, bevor nicht auch dir wieder Frauenhände geflötet und ein träumerischer SagenmundGut Nacht" gewünscht hat.

Ach, wie wir alle aufs Christkind hoffen, von später träumen und über die Rosen der alten Zeit tränen! Wie wir uns das armselige Leben verärgern in Zorn und Trotz! O du Heiligs-Leid, du stille Einsamkeit, zürnt nicht, daß ich euch ausgeplaudert, verzeiht um des einen w llen, der, versunken aus eurer Heide, heimkehrt in bangere Erde und trostlos schönere Morgenpost wähnt; den aus diesen Festen eine Inbrunst an- schneit vom Todesengel: die letzte Erinnerung geigend, und der den leisen Kuß einer Schwermut spürt.