Ausgabe 
8.2.1929
 
Einzelbild herunterladen

Gustav Adolfs Page.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer- (Sortksung.)

Ich werde dich deinem Vater zurücksenden", sagte er.

Nein," antwortete sie,er würbe mich erstechen."

Eine mitieidige Regung milderte die Strenge des Königs. Er suchte St das Mädchen einen geringen Strassall.Du hast dich im Lager in ännerkleiüern umgetrieben, dieses ist verboten", beschuldigte er sie.

Niemals," widersprach die Korinna aufrichtig entrüstet,nie be­ging ich diese Zuchtlosigkeit."

Aber," fuhr der König fort,du brichst die Che und machst eine edle junge Fürstin unglücklich."

Eine rasende Eifersucht loderte in den Augen der Slawonierin. Wenn er nun mich mehr, mich allein liebt, was kann ich dafür? was kümmert mich die andere?" trotzte sie wegwerfend. Der König betrachtete sie mit einem erstaunten Blicke, als frage er sich, ob sie je in eine christ­liche Kirderlehre gegangen sei.

Ich werde für dich sorgen", sagte er dann.Jetzt befehle ich dir: Du lass.st von dem Lauenburger aus immer und ewig. Deine Liebe ist eine Todsünde. Wirst du gehorchen?" Sie hielt erst mit zwei lodernden Fackeln, bann mit einem festen starren Blick den des Königs aus und Shüttells das Haupt. Dieser wendete sich gegen den Generalgewaltigen, er unter der Türe stand.

Was soll der mit mir?" frug das Mädchen schaudernd.Jst's der Henker? Wird er mich r.chten?^

Er wird dir die Haare scheren, dann bringt dich der nächste Trans­port nach Schweden, wo du in einem Besserungshause bleibst, bist du ein evangelisches Weib geworden bist."

Ein heftiger Stoß von wunderlichen Befürchtungen und unbekannten Schrecken warf das kleine Gehirn über den Haufen. Ein geschorenes Schädelch^n, welche entehrendere, beschämendere Entblößung konnte es geben! Schweden, das eisige Land mit seiner Winternacht, von welchem sie hatte fabeln hören, dort sei der Eingang zum Reiche der Larven und Gespenster!. Besserung? Welche ausgesuchte, grausame Folter bedeutete dieses ihr unbekannte Wort? Ein evangelisches Weib? Was war das, wenn nicht eine Ketzerin? Undfo sollte sie zu alledem noch ihres be­scheidenen himmlischen Teiles verlustig gehen? Sie. die keine Fasten brach und keine fromme Hebung versäumte! Sie ergriff das Kreuz, das an dem zerrissenen Kettchen niederhing, und küßte es inbrünstig.

.. Dann ließ sie die irren Augen im Kreise lausen. Diese blieben aus dem Häg.m haften und Rachelust flammte darin auf. Sie öffnete den Mund, um den König, welcher sie des Ehebruchs geziehen, gleicherweise einen Ehebrecher zu schelten. Dieser stand ruhig beiseite. Er hatte den Vries des Pagen in die Hand genommen und durchflog denselben mit nahen Plicken. Seine aufmerksamen Züge, deren aus Gerechtigkeit und Milde gemischter Ausdruck etwas Majestätisches und Göttliches hatte, er­schreckten die Korinna; sie fürchtete sich davor als vor etwas Fremden und Unheimlichem. Das wildwüchsige Mädchen, welches jedes von einer faßlichen Leidenschaft verzogene Männerantlitz richtig beurteilte, ohne davor zu erschrecken, wurde aus dieser veredelten menschlichen Miene nicht klug. Sie mochte den König nicht länger ansehen.Am Ende," dachte sie,ist der Schneekönig ein gefrorener Mensch, der die Nähe des Weibes und die ihn heimlich umschleichende Liebe n cht spürt. Ich könnte das junge Blut verderben! Wozu aber auch? Und dann sie liebt ihn."

Jetzt trat der Profoß einen Schritt vorwärts und streckte die Hand nach der Mawonierin aus. Diese gab sich verloren. Blitzschnell richtete sie sich an dem Pagen auf und wisperte ihm ins Ohr:Laß mir zehn Messen lesen, Schwesterchen! von den teuren! Du bist mir eine dicke Kerze schuldig! Nun, eine hat dos Glück, die andere" sie fuhr in die Tasche, zag einen Dolch heraus, schleuderte die Scheide ab und zerschnitt sich in einem kunstfertigen Zug die Halsader wie einem Täubchen. So mochte sie es in einer Feldküche gelernt und geübt haben.

Der Generalgswaltige spreitete seinen roten Mantel, legte sie der Länge nach darauf, hüllte sie ein und trug sie wie ein schlafendes Kind auf beiden Armen durch eine Seitentüre hinweg.

Jetzt wurde es im Nebenzimmer lebendig von allerhand ungebührlich laut geführten Unterhaltungen und mit dem Schlage Neun trat der König, welchem ßeubeifing die Flügeltüre öffnete, unter die versammelten deutschen Fürsten und Herren.

Sie bildeten in dem engen Raume einen dichtgedrängten Kreis und mochten ihrer fünfzig oder sechzig sein. Die Herrschaften hielten sich nicht allzu ehrerbietig, manche sogar nachlässig, als ob sie ebensowenig die f|arbe der Scham als die Farbe der Furcht tonnten: schlaue neben ver­wegenen, ehrgeizige neben beschränkten, fromme neben frechen Köpfen; die Mehrzahl Leute, die ihren Mann stellten und mit denen gerechnet werden mußte. Links vom Könige hielt sich in bescheidener Haltung der Hauptmann Erlach, der eigentlich hier nichts zu suchen hatte. Dieser Kriegsmann war unter die Fahnen Gustav Adolfs getreten, als des gottesfürchtigsten Helden feiner Zeit, und hatte dem Könige oft bekannt, ihn jammere der Sünden, die er hier außen im Reiche sehen müsse: Un­dank, Maske, Fallstrick, Intrige, Kabale, verdecktes Spiel, verteilte Rollen, verwischte Spuren, Bestechung, Länderverkaus, Verrat, lauter in seinen helvetischen Bergen vollständig unbekannte und unmögliche Dinge. Er hatte sich hier eingefunden, vielleicht um seinem intimen Freunde, dem französischen Gesandten, welcher sich von feiner Sitteneinfalt an gezogen fühlte, etwas Neues erzählen zu können, worauf die Franzosen brennen, wie sie einmal sind; vielleicht auch nur, um zur Erbauung seiner Seele einem Sieg der Tugend über das Laster beizuwohnen. Er kniff seelen­ruhig die Augen und wirbelte die Daumen der gefalteten Hände. Diesem Tugendbilde gegenüber, rechts vom Könige, stand die freche Sünde: der Lauenburger, mit unruhigen Füßen in seiner reichsten Tracht und seinem

kostbarsten Spitzenkragen, dämonisch lächelnd und die Augen rollend. Er war einem Knecht des Gewaltigen begegnet, welchem dieser seine« Mantel übergeben. Unter dessen Falten hakte er eine Menschengestalt er­kannt, war hinzugetreten und hatte das Tuch ausgeschlagen.

Gustav maß die Versammlung mit einem verdammenden Blick. Dann brauste der Sturm. Seltsam der König, gereizt durch den Widerspruch dieser stolzen Gesichter, dieser übermütigen Haltungen, dieser prunkenden Rüstungen mit dem Unadel der darunter schlagenden Herzen, bedient« sich, um den Hochmut zu erniedrigen und das Verbrechen zu brand­marken, absichtlich einer groben, ja bäurischen Rede, wie sie ihm sonst nicht eigen war.

Räuber und Diebe seid ihr vom ersten zum letzten! Schande über euch! Ihr bestehlet eure Landsleute und Glaubensgenossen! Pfui! Mir ekelt vor euch! Das Herz göllt mir im Leibe! Für eure Freiheit hab« ich meinen Schatz erschöpft vierzig Tonnen Goldes und nicht soviel von euch genommen, um mir eine Reithose machen zu lassen! Ja, eher dar wär' ich geritten, als mich aus deutschem Gute zu bekleiden! Euch Senkte ich, was mir in die Hände fiel, nicht einen Schweinestall hab« für mich behalten!"

Mit so derben und harten Worten beschimpfte der König diesen Adel.

Dann einlenkend, lobte er die Bravour der Herren, ihre untadelig« Haltung aus dem Sch'.achtfelde und wiederholte mehrmals:Tapfer seid ihr, ja, das seid ihr! Heber euer Reiten und Fechten ist nicht zu klagen!" ließ dann aber einen zweiten noch heftigeren Zorn aufflammen:Rebel­liert ihr gegen mich," forderte er sie heraus,so will ich mich an der Spitze meiner Finnen und Schweden mit euch herumhauen, daß di« Fetzen fliegen!"

Er schloß dann mit einer christlichen Vermahnung und der Bitte, die empfangene Lehre zu beherzigen. Herr Erlach trocknete sich mit der Hand eine Träne. Die Herren gaben sich die M ene, es fechte sie nicht sonderlich an, aber ihre Haltung war sichtlich eine bescheidenere geworden. Einige schienen ergriffen, ja gerührt. Das deutsche Gemüt erträgt eine grobe, redliche Schelte besser, als eine lahme Predigt oder einen seinen schneidenden Hohn.

Insoweit wäre es nun gut und in der Ordnung gewesen. Da ließ der Lauenburger, halb gegen den König, halb gegen seine Standeegenossen gewendet, in nackter Frechheit ein luchoses Wort fallen:

Wie mag Majestät über einen Dreck zürnen? Was haben wir Herren verbrochen? Unsere Untertanen erleichtert!"

Gustav erbleichte. Er winkte dem Generalgewaltigen, der hinter der Türe lehnte.

Lege diesen, Herrn deine Hand auf die Schulter!" besohl er ihm. Der Prosoß trat heran, wagte aber nicht zu gehorchen; denn der Fürst hatte den Degen aus der Scheide gerissen und ein gefährliches Gemurmel lief durch den Kreis.

Gustav entwaffnete den Sauenburger, stemmte die Klinge gegen den Fuß und ließ sie in Stücke fprngen. Dann ergriff er die breite behaart« Hand des Gewaltigen, legte und drückte selbst sie auf die Schulter de» Sauenburgers, der wie gelähmt war, und hielt sie dort eine gute Weil« fest, sprechend:Du bist ein Reichsfürst, Bube, dir darf ich nicht an den Kragen, aber die Hand des Henkers bleibe über dir!"

Dann wandte er sich und ging. Der Profoß folgte ihm mit gemessen«« Schritten.

Den Pagen ßeubeifing, welchen die enge stehenden Herrschaften in eine Fensternische gedrängt hatten, vor der eine schwere Damastdeck« mit riesigen Quasten niederhing, hatte der Vorgang bis zu einem krampfhaften Lachen ergötzt. Nach dem blutigen Untergange der Korinna, der ihn zugleich erfchüttert und erleichtert hatte, waren ihm die von seinem Helden heruntergemachten Fürsten wie die Personen einer Ko­mödie erschienen, ungefähr wie ein Knabe mit Vergnügen und unter­drücktem Gelächter seinen Vater, In dessen Hut er sich weiß und dessen Ansehen und Macht er bewundert, einen pflichtvergessenen Knecht schel­ten hört. Bei der ersten Silbe aber, welche der Sauenburger aussprach, war er zusammengeschrocken über die unheimliche Aehnlichkeik, welch« die Stimme dieses Menschen mit der {einigen hatte. Derselbe Klang, das­selbe Mark und Metall. Und dieser Schreck wurde zum Grauen, als jetzt, nachdem König Gustav sich entfernt hatte, der Sauenburger eine er­künstelte Loche aufschlug und in die gellenden Worte ausbrach:Er hat wie ein Stallknecht geschimpft, der schwedische Bauer! Donnerwetter, haben wir den heute geärgert! Pereat Gustavus! Es lebe die deutsche Libertäl! Machen wir ein Spielchen, Herr Bruder, in meinem Zelt? Ich lasse ein Fäßchen Würzburger anzapfen!" und er legte seinen rechten Arm in den linken der Fürstlichkeit, die ihm zunächst stand. Dieser Herr aber zog seinen linken Arm höflich zurück und anroortete mit einer ge­messenen Verbeugung:Bedcmre, Euer Lieb den. Bin schon versagt".

Sich an einen andern wendend, den Raugrafen, lud der ßauenbu'ger ihn mit noch luftigeren und dringlicheren Worten:Du darfst es mir nicht abschlagen, Kamerad! Du bist mir noch Revanche schuldig!" Der Rau­gras aber, ein kurz angebundener Herr, wandte ihm ohne weiteres den Rücken. So oft er feine Versuche wiederholte, so oft wurde er, und immer kürzer und derber abgewiesen. Bor seinen Schritten und ®e- bärben bildete sich eine Leere und entfüöte sich der Raum.

Jetzt stand er allein in der Mitte des von allen verlassenen Ge­maches. Ihm wurde deutlich, daß er fortan von seinesgleichen strenß werde gemieden werden. Sein Gesicht verzerrte sich. Wütend ballt« der Gebrandmarkte die Faust und drohte, sie erhebend, dem Schicksale oder dem Könige. Was er murmelte, verstand der Page nicht, aber der Ausdruck des vornehmen Kopfes war ein so teuflischer, daß der Lausche« einer Ohnmacht nahe war.

(Fortsetzung folgt)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Ltniversitäts Dnch- und SteindruÄerei, 2L Lauge, Gieße«.