3« dem Wettkampf zwischen der friesische» unb der holländischen Schule, von der die eine mehr aus Geschwindigkeit, die andere aus Schönheit und Anmut der Bewegungen sah, hat durchweg die SchneUigkeit gesiegt. Tie langen, durchlaufenden friesischen „Noren" haben die aus alten Stichen und Gemälden wohl bekannten, nach vorn gebogenen holländischen „Klompjes" verdrängt, und auch die kleidsamen, in allen Farben leuchtenden Schnürbänder mußten dem nüchternen Lederriemen als der zuverlässigeren Bindung weichen.
Pfeilschnell, vornübergebeugt, manchmal fast bis auf die Eisfläche kauernd, schießen die Gestalten dahin. Gute Läufer legen die Strecke von Amsterdam bis Leiden in wenig mehr als einer Stunde zurück. Es ist ein besonders beliebter Spaß der jungen Leute, von Rotterdam nach Gouda zu lausen, sich dort eine jener äußerst zerbrechlichen, ein bis eineinviertel Meter langen Tonpfeifen zu kaufen und sie in der Dämmerstunde heil und ganz über das Cis nach Hause zu bringen. Man fährt einzeln oder mit verschlungenen Armen zu zweit oder an einem untex- gefaßten Stock in langen Reihen hintereinander. Das Springen auf dem Eis gehört zur guten sportlichen Leistung. Gute Läufer „nehmen" mühelos einen Mühlendeich und bringen es zu Sprüngen bis zwanzig Fuß. In vergilbten Chroncken liest man die Namen der großen Schlitt- ichuhläufer aus längst versunkenen Zeiten. Der eine konnte in weitem Bogen über die Lehnen von drei hintereinander gestellten Kücher.stühlen fliegen, ein anderer steuerte auf seinen stählernen Schuhen einen mit "Rennpferden bespannten Wagen, wobei er blitzschnell von einer Seite des Gefährts zur andern sprang. Ein „burgemeester" aus der Mitte des IS. Jahrhunderts, der mit einer wichtigen Meldung betraut worden war, legte den vierzigstündigen Weg von Haag nach Leuwarden in einem knappen Tag zurück und war „bei seiner Ankunft so frisch, daß er die Buchstaben seines Namens auf das Eis schrieb"! Diese Schönschreibkunst ist übrigens heute noch beliebt. Ganze Alphabete, verschlungene Arabesken, der Name der Geliebten, Liebesworte und heiße Herzen werden in die funkelnde Fläche eingeritzt.
Allerorts werden Wettläufe, Preis- und Vergnügungsfahrten veranstaltet. Die altberühmte „Elsstedentocht" (Elfstädtetour) führt in einer Entfernung von 200 Kilometer von Leuwarden aus durch die schönsten und malerischsten Städte Frieslands. Ohne Beschwerden macht man auf den zugefrornen Wassergräben, die einen Kreis um die Polder ziehen, die „Rmgfahrten" von einer dieser Binneninjeln zur andern. Das „Waterland" mit seinen wasserdurchsurchten Gebieten, seinen lustig bemalten Liliputhäusern und blank gebohnerten (!) Ställen öffnet den Winterfreunden weit seine Pforten. Diese Touren werden an bestimmten „Anlegestellen" unterbrochen; man schnallt die Schlittschuhe ab und verzehrt mit großem Appetit die allbeliebte, herkömmliche Erbsensuppe mit Eisbein. Das große .strekpleister" (Senfpflaster- oder große Schla- 6er) bleibt aber immer noch die Zuiderfee mit ihren einzigartigen Fischerdörfern Volandam und Monnikendam und ihren weltverlorenen, durch uralte Sitten und Trachten berühmten Inseln Marken und Urk. Die Strecken sind genau mit Stangen und bunten Wimpeln bezeichnet; denn selbst jetzt, wo der Winter die Wellen in Banden hält, hat dieses Meer seine Tücken. Aus scstgesrorener Fläche lösen sich jäh Schollen los, und manch verwegener Schlittschuhläufer ist auf diesen schwimmenden Cis- särgen abgetrieben und von dem gurgelnden Wasser in die ewige Rächt gezogen worden.
An manchen Stellen sieht man im Eis künstlich ausgehauene, mit mächtigen Strohbündeln ausgestopfte Löcher. Es sind die Fallen, in denen sich zu Taufenden die „Spierlinge", die kleinen Silberfijche verfangen. Das Bündel wird nachts mitsamt seinen Insassen von den Fischern ausgehoben, auf Schütten verladen und heimgebracht. Am andern Morgen werden die Spierlinge, die dutzendweise, wie Pfannkuchen im Fett gebacken werden, in der Stadt verkauft und straßauf, straßab tönt der Ruf: „Spiering, spiering, mou kan je batten! (jetzt tannft du backen!).
Am Abend funkeln bunte Lichter über der spiegelnden Kristallfläche. Lampions glühen Rubinen gleich auf dem weiten, wallenden Mantel der Schneekönigin. Menschen wogen, wirbeln auf unhörbaren Sohlen, weichen einander aus, suchen und finden sich. Leises Lachen erklingt. Paare tauchen auf, gleiten dahin, verschwinden. Männer mit langen Besen fegen das Eis immer wieder blank. „Denk om den baanfcger!" tönt es in singendem Tonfall, und jeder spendet seinen Obolus. In den Duden und Zelten knistern die Oesen, schaukeln die Lampen. „Seg ereis an!" „Legt einmal an!" Hier gibt es Anismilch, Erbsensuppe, „koek-en zoopies" (Kuchen und Schnaps) und vor allem den köstlichen Magen erwärmenden „Boere jongens". (Männerbranntwein). Man sitzt ein Weilchen, trinkt und scherzt und fliegt bann zu zweit im weiten Bogen davon. Die Kapelle spielt, Sterne blinken, sllberne Schellen läuten, die Musik dieser wunderlichen Winternacht.
Wunder der Fernüberiragung.
Von Dr.-Jng. Heinz Krüger.
Dor kurzem fand zwischen Berlin und Breslau ein ungewöhnlich interessanter Versuch statt, der immer eine Merkwürdigkeit in der Ge° schichte der elektrischen Nachrichtentechnik bleiben wird. Es fand nämlich eine gemeinsame Sitzung der elektrotechnischen Vereine beider Städte statt, obwohl die Versammlungslokale 325 Kilometer voneinander entfernt waren, und nur ein ebenso langes Fernsprechkabel als Verbindung diente. Der Versuch ist, das soll hier gleich vorausgeschickt werden, in vollem Umfange gelungen.
.In der Entwicklung der Fernkabeltechnik haben ja die letzten Jahre außerordentliche Fortschritte gebracht, die nicht zum kleinsten Teil durch den Rundfunk veranlaßt waren. Die Uebertragung aus einen entfernten bender ist nur möglich, wenn das Kabel selbst der Musik oder Sprache keine Verzerrungen hinzufügt, also vollkommen rein überträgt. D.e Post W für solche Zwecke in ihrem sehr stark im Ausbau befindlichen Fern- kabeinetz die sog. Kernvierer zur Verfügung gestellt. Das sind zwei Ader- Mare, die in der Achse des Kabels liegen und von der Malle der übrigen
Drähte durch einen Metmantel abgesondert sind. Allerdings bedürfen solche Drähte noch einer besonderen Herrichtung, um Sprache oder Musik verzerrungsfrei zu übertragen. Denn Kabel haben an sich eine große Neigung, hohe Töne zu verschlucken, so daß schließlich eine Sprache herauskommt, die klingt, als wenn man in ein leeres Faß spräche In der Fernsprechkade! selbst mit ihren dünnen Drähten von 0,9 Millimeter ein unüberwindliches Hindernis des Fernsprechverkehrs. Erst allmählich lernte man, damit fertig zu werden. Zunächst war es notwendig, um überhaupt auf große Entfernungen Sprache übertragen zu können, in bestimmten Abständen sog. Belastungskabel in das Kabel einzuschalten. Außerdem finden die aus dem Rundfunk sattsam bekannten Röhren« Verstärker in der Fernsprechtechnik ausgedehnteste Anwendung, und die Fernsprechkabel selbst mit ihren dünnen Drähten von 0,9 Millimeted Durchmesser wären gar nicht denkbar ohne diese Hilssgeräte. Man kann rechnen, daß alle 75 Kilometer ein Kabel in ein Velstärkeramt eingeführt werden muß, soll eine Fernübertragung möglich fein. Für die Zwecke des gewöhnlichen Fernsprechens richtete man natürlich sowohl die Spulen wie die Verstärker so ein, daß eine möglichst große Entfernung überbrückt wird, womit nicht einmal die größte Reinheit der Uebertragung verbunden ist. Aber beim Telephonieren merken wir meist gar nicht, wie verzerrt die Sprache ankommt, und wir würden uns sehr wundern, wenn wir statt unseres gewohnten Telephonhörers einmal die Unterhaltung unserer Freunde durch einen Lautsprecher genießen könnten. Dann würde man erst gewahr werden, wie verzerrt die Sprache ist. Schadet das für das Fernsprechen nichts, so ist es doch für den Rundfunk und ähnliche Uebertragungen ganz unm glich. Hier muh die größte Reinheit gewahrt werden. Das kann man erreichen, indem man die Spule kleiner macht als gewöhnlich, damit die für die Sprache und Musik sehr wichtigen und charakteristischen hohen Töne besser durchkommen und indem man notfalls noch den Verstärker so einrichtet, daß die hohen Töne bevorzugt werden, denn gerade die Zischlaute geben einer Sprache erst richtig das Gepräge und ihr Wegfall hat zur Folge, daß man die Stimme des Sprechenden gar nicht mehr erkennt. Wie außerordentlich entwickelt die Technik dieser Kabelübertragungen ist, konnte man an dcMkMortrags- abend merken. Der Vorsitzende des Berliner Vereins, ProfeKr K. W. Wagner, konnte an feiner Stimme in Breslau einwanÄMf erkannt werden.
Das besonders Interessante an diesem gemeinsamen VeMnsabend war ober, daß er doppelseitig war, d. h. es wurde sowohl in Berlin wie in Breslau gesprochen und in beiden Städten auch gehört. Der Vortrag wurde zwar in Berlin gehalten, aber die Diskussion fand sowohl in Berlin wie in Breslau statt, und es gelang, eine vollkommen einwandfreie Verständigung zwischen den Diskussionsrednern zu erzielen. Dazu war es natürlich notwendig, daß in beiden Städten Mikrophone aufgestellt wurden. Aus diesen gelangte die Energie nach einer kleinen Vorverstärkung in das Kabel, das sie nach Breslau ober Berlin weiter« beförderte. Am Ende des Kabels war ein Verstärker größten Ausmaßes angebracht, der soviel Energie lieferte, daß zwei Riesenlautsprecher damit betrieben werden konnten. Infolgedessen waren sowohl Vortrag wie Diskussion in beiden Städten tadellos zu hören. Bei solchen Uebertragungen in zwei Richtungen tritt eine Schwierigkeit auf, die auch im Rundfunk nicht unbekannt ist, die sog. akustische Rückkoppelung. Die von dem Lautsprecher in Breslau z. B. ausgeftrahllen Schallwellen treffen auf das dort stehende Mikrophon, werden durch dasselbe nach Berlin übertragen, dort strahlt sie der Lautsprecher aus, sie treffen auf das Berliner Mikrophon, werden verstärkt nach Breslau zurückübertragen, kommen dort abermals verstärkt in den Lautsprecher, treffen von neuem - das Mikrophon usw. Es kann auf diese Weise vorkommen, daß sich ein geringfügiger Laut zu einem fürchterlichen Geheul steigert, wie mM es auch erlebt, wenn der Lautsprecher zu nahe am Empfänger stehWvo dann die Audionröhre die Rolle des Mikrophons spielt. Zum Schätz, vor solchen gegenseitigen Beeinflussungen waren zwischen Lautsprechern und Mikrophonen große Schallschirme aufgestellt, und außerdem wurde von der Post die Verstärkung in der gerade nicht benutzten Richtung soweit herabgesetzt, daß die Verständigung zwar nicht aufgehoben, aber die Selbsterregung sicher vermieden wurde. Infolge dieser sorgfältigen Vorbereitung verlief der Vortragsabend nebst der Diskussion vollkommen störungsfrei, und es war tatsächlich fein Unterschied gegenüber einer gemeinsamen Versammlung beider Vereine an derselben Stelle.
Das Gelingen dieses interessanten Versuches eröffnet sehr weite Perspektiven. Konnte man schon dem Rundfunk nachrühmen, daß er das geistige Leben in den kleinen Städten und auf dem Lande gewaltig steigere, indem er dem Landbewohner dasselbe biete, was der Großstadtbewohner hat, so gilt das in gleichem Maße nunmehr auch für das Vereinsleben abseits der Großstadt. Gerade für die dort bestehenden Vereine mit wissenschaftlichen ober ähnlichen Zwecken ist es ja außerordentlich schwer, sich interessante Vortragsstosfe oder Redner zu beschaffen, und die in den Kleinstädten oder aus dem Lande tätigen Aerzte, Juristen, Theologen ufto. werden dadurch nur allzu leicht von der lebendigen Fortentwicklung in ihrem Berufe abgeschnitten. Das kann In Zukunft anders werden; denn es wird immer möglich {ein, daß solche Vereine sich an einen wertvollen Vortrag, der in einer Großstadt stattfindet, anschlietzen. Aber noch ganz andere Dinge sind möglich. Die Kabelübertragung ist ja nicht das Wesentliche dabei. Sie könnte ebensogut durch eine drahtlose Uebertragung ersetzt werden. Nun besteht ja seit einiger Zeit ein transatlantischer Telephonieverkehr auf langen Wellen. Es ist kein Grund einzusehen, warum eine solche Uebertragung nicht ebensogut auf den Telephoniesender übernommen werden könnte, wie wir es fo oft !M Rundfunk erleben. Es wäre dann z. B. möglich, daß deutsche Vereine oder deutsche Wissenschaftler an Kongressen und Verein-sitzungen, die in Amerika stattfinden, teilnehmen, nicht nur durch Zuhören, sondern auch durch Eingreifen in die Diskussion. Die Bereicherung, die unser ganzes wissenschaftliches Leben dadurch erfahren würde, kann gar nicht überschätzt werden, und auch zur gegenseitigen Verständigung der Völker werden solche technischen Möglichkeiten nicht wenig beitragen. ■


