Ausgabe 
8.2.1929
 
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®ir heute noch anekdotenhafte Wirkung bavun verspüren foian ahnen wir, daß es bäuerliche Kreise sind, die hier gezeichnet undangepslaumt" werden.

Aber die deutsche Anekdote begegnet uns nicht allein auf dieser volks­tümlichen Ebene. In der griechischen und römischen Antike war sie längst in die Kunstübung der Gebildeten, der Gelehrten «ingedrungen und er­scheint schon in der Rhetorik des Aristoteles unter dem Namen und der Funktion des Paradeigma, des Beispiels oder Exempels, wie es dann im Mittelalter heißt. Freilich verwenden die antiken Redner und Rcde- lehrer aucherfundene" Geschichten, vor allem die äsopischen Fabeln als Exempla, aber die Kunstform ist durchaus die der Anekdote, d. h. der relativ kurzen, auf einen charakteristischen Zug konzentrierten Erzählung, deren Charalteristik nur hier zur moralischen Belehrung ausgemünzt wird. In der Spätantike gibt es schon ganze Sammlungen solcher mora­lischer Anekdoten. Aus der Rhetorik geht ihr Gebrauch in die praktische Theologie der Kirchenväter über, von denen besonders Gregor der Große die Predigt und den Exempelgebrauch des Mittelalters nach- S beeinflußt hat. Die erste große Exempslsammlung auf deutschem

i ist die des Cistercienmönches Caesarius vonHeisterbach (um 1170 bis 1240), eines Rheinländers, der zwischen 1221 und 1224 seinen Eiaiogus miraculorum schrieb: der äußeren Form nach ein Ge- ipräch zwischen dem Novizenmeister eines Klosters und einem Novizen (dem jungen Mönch, der sein, Probejahr ablegt, ehe er die bindenden Gelübde tut). Die lateinisch ausgezeichneten Anekdoten dieser Sammlung, in deutscher Uebersetzung und Auswahl heute leicht zugänglich, sind eine Fundgrube mittelalterlicher Kultur- und Sittengeschichte, nicht immer stubenrein nach heutiger Ansicht, aber immer und überall interessant. Die weitere Geschichte dieser Exempelsammlungen kann und soll hier nicht verfolgt werden; sie zieht sich durch das ganze Mitelalter und setzt sich im 16. und 17. Jahrhundert in die uferlose Literatur derPromptuarien" fort, in denen Anekdoten aller Art nach ihrer Beziehung zu den zehn Geboten oder nach ihrer Einordnung in die Kategorien der Tugenden, der Laster usw. zur Berwendung für Predigt und Seelsorge zusammen­gestellt sind. Lutherische und katholische Buchungeheuer beschließen die

Aus der antiken Rhetorik und Stilistik wanderte die Anekdote aber nicht nur in die Predigt und in die Seelsorge, sie setzt sich auch in ihrem ursprünglichen Bereiche, der Geschichte, durch. In der spätantiken Ge­schichtsschreibung spielt sie eine wesentlich größere Rolle als noch bei Caesar, bei Livius, bei Tacitus, obwohl sie da nicht fehlt. Bei Plinius schon z. B. steht die hübsche Geschichte von dem tei-tonischen Gesandten, der um 109 v. Chr. nach Rom kam und dort zum ersten Male römische Bildwerke sah: als man ihm einen alten Hirten mit einem Stabe auf dem Forum zeigte und ihn fragte, wie hoch er das Kunstwerk schätze (es gab eben damals schon Geld- und Bildungsprotzen!), da gab er zur Ant­wort, er möchte einen solchen Kerl nicht einmal lebendig geschenkt haben. Wie bezeichnend für die Zeit, in der auch wir Deutsche nochWilde" waren, deren Naivität man beglotzte und belachte. Zwei Jahrhunderte später war Germanien in Nom die große Mode, wie es bei uns nach­einander die Neger, die Russen, die Südseeleute gewesen sind in den letzten Jahren.

Aus der spätantiken Geschichtsschreibung übernehmen die mittelalter­lichen Schriftsteller die Verwendung der Anekdote und brauchen sie reichlich zur Charakterisierung ihrer Helden. Auch Anekdotensammlungen gibt es schon früh, wie etwa die Geschichten von Karl dem Großen des St. Gallener Mönches Notker B a ! b u l u s. Ueberhnupt haben besonders die Lebensbeschreibungen einzelner bedeutender Männer fcer, politischen und der Kirchengeschichte die Anekdote gerne benützt, um das Bild anschaulich zu machen. In der Renaissance gerbinnt die Freude an der Aufzeichnung derartiger kurzer, persön'icher Zöge erneutes Leben, um freilich im 17. Jahrhundert ebenso wie die Predigtexempel im Wüste ungeheuerlicher Wälzer zu ersticken. Ich nenne nur einen Titel, der aber wohl eine Vorstellung gibt:Täglicher Schau-Platz der Zeit, auff welchem sich ein iedweder Tag durch das gantze Jahr mit seinen merkwürdigsten Begebenheiten, so sich vom Anfang der Welt biß auff diese jetzige Zeiten an demselben zugetragen, vorstellig machet... Inaleichen die notabelsten Schlachten, Eroberungen, Feuers-Brünste, Wasier-Fl'ckhen, Erdbeben, Mord-Thaten und andere denckwürdige Wunder-Fälle aufsgesühret werden." 1695 zusammengestellt durch den Lausitzer Heinrich Änshelm von Ziegler und Klipphausen*).

Aber mit diesen barocken Anekdotensammlungen, die durchzustudieren eine Dual, die durchzublättern sehr unterhaltend ist, hak die Ausgabe der Anekdote in der Geschichtsschreibung doch keineswegs ihr Ende. Mag man auch später, und gerade von wissenschaftlicher Seite, gegen dieanek- dotische Darstellung" dieses oder jenes Schriftstellers Einspruch erhoben haben, die Anschaulichkeit anekdotischer Einzelzüge zur Verdeutlichung des Gesamtbildes ist doch immer wieder anerkannt worden, weniastens da, wo man auf solche Anschaulichkeit und Verdeutlichung einigen Wert legte und nickt in der einförmigen Abstraktion und Langweiligkeit oder in un­verständlicher Dunkelheit den Inbegriffwissenschaftlicher" Schreibweise erblickte.

In der volkstümlichen, mündlichen Geschichtsüberlieferung lebt die Anekdote weiter. Ms Beispiel solcher anekdotischer Erinnerung aus frü­herer Zeit sei hier die hübsche kleine Geschichte vom Vater Wrangel wiedergegeben, _bie mir erst im vorigen Sommer ein Ur-Berliner schmunzelnd erzählte. Der populäre preußische General, ein gebürtiger Stettiner, stand im November 1848 vor Berlin, um zur Unterdrückung der revolutionären Unruhen dort einzurücken. Da ließ ihm die Bürger­schaft von Stettin, wo er eben auch seine Garnison h<'if«, mitteiken, man mürbe seine Frau aufhängen, wenn er es wage, in Berlin einzumar­schieren. Trotzdem rückte er am 9. November mit den vor der Reichs- Hauptstadt versammelten Truppen dort ein. Und sagte nur unterwegs zu seinem Adjutanten:Nu soll mir bet bloß wundern, ob sie ihr hängen".

*) der auch sonst in der Barockliteratur eine gewiss« Rolle foieit

Einige Tage später bekam er di« Nachricht, daß seine Fran soll uz Wohl­behalten sei, uab da meinte er ganz ruhig: ,.Det hab ick mir schon ge­dacht. Us die Stettiner is (een Verlaß nicht" Besser läßt sich di« unbeirr­bare Konsequenz des alten Soldaten wohl nicht kennzeichnen.

Auf eine kulturhistorisch besonders interessante Art von Anekdote» muß noch hingewiesen werden, weil sie literarisch die reichste Ernte ge­bracht hat: auf das, was man im Mittelalter, im 16. und 17. Jahrhundert, einen Schwank nennt. Kleine, oft sehr derbe und nicht selten hane­büchene Geschichtchen sind diese Schwänke Anekdoten, die sich nur nicht um eine individuelle Gestalt, sondern um einen Typus gruppieren: um den Bauern, um den Mönch, um den Soldaten, um die Frau, oder auch um ein typisches Verhältnis: um die Ehe, um Geburt und Tod, um Wochenbett und Begräbnis, um Geschäft und Amt, um Schule und Kirche. Die Kasernenhofblüten, die Schulwitze, die lächerlichen Geschichten von Künstlern, von Gelehrten und anderen Zeitgenossen, die nicht ganz in den Alltagsstiefel passen, alle die Witze und Anekdoten, die unsere mehr oder minder geistreichen Witzblätter füllen, haben im mittelalterlichen Schwank ihre Ahnen und beanspruchen mit ihnen das Interesse der Kul­turgeschichte. Solange wir nur die neuesten Nummern derJugend", desSimplizissimus", desKladderadatsch", derFliegenden Blätter^ usw. ansehen, kommt uns die kulturgeschichtliche Bedeutung natürlich nicht zum Bewußtsein; wenn wir aber einmal die Jahrgänge durch­setzen, die weiter und weiter zurücklicgen, ober Witzblätter und Schwank- Sammlungen verschollener Zeiten öffnen, da wird uns um vieles klarer, ein wie reicher kulturgeschichtlicher Schatz hier vergraben liegt und noch zu heben ist.

Im winterlichen Holland.

Bon Helene Schede,

(Nachdruck verboten.)

Endlich haben die Holländer den von groß und klein, arm und reich heiß ersehnten weißen Winter. Nie ist das Bild dieses Landes, das feine Bewohner Stück für Stück dem Meer abgerungcn haben, ge­heimnisvoller als im Schnee, wenn Flocke auf Flocke fällt und die weite Ebene mit ihren Ortschaften, Wegen, Deichen, Kanälen lautlos roie unter der Decke eines Riesensargs verschwindet. Unabsehbar fern dehnt sich das schimmernde Weiß, glatt und faltenlos, nur hie und da hebt und senkt sich in unmerklichen Erhöhungen und Vertiefungen unter dem Totenlaten die Brust der warmen mütterlichen Erde.

Wie verzaubert stehen die Bäume in ihren weihen Perücken. Kleine, spielerische Häuser mit lustigen blauen, roten, grünen Röcken unter der Hermelinkapuze blicken regungslos auf das Silberband der Kanäle, die keine sanft dahingleitenden Schiffe mehr beleben. Zahllose Wasserarme legen ihr funfeinbes Geschmeide um freundliche Städte und friedlich !unter schützenden Deichen jchiummerndePolders". Teiche und Sinnen» een sind g.froren. Die Erde blickt aus Millionen seltsam unbeweglicher kristallener Augen zu dem tief herabhängenden, eintönig grauen Himmel. Selbst die Zuidersee mit ihren unruhevollen, landgierigen Wellen ist zu einem gläsernen Meer erstarrt. Unendliches Schweigen liegt über der weiß grün schillernden Fläche. Scharen von Möven steigen aus, hängen als leichte, silberdurchwirkte Schleier im Nichts, gleiten in fchimmernden Wolken dahin.

Vor den F.scherdörferii am Ufer halten Segelschiffe mit hochgestreckte» Lanzen.stille Wacht. Die Männer haben jetzt Zeit. Sie stehen breitbeinig im blau ich Wollwams, die Tuchkappe auf dem Kopf, die Pfeife zwischen den ZUHtzen, am Strand, schlendern durch den Ort mit dem schleppenden, wicgendön Gang der Menschen, die mehr auf dem Wasser als auf dein Lande leben. Auch die Frauen bewegen sich langsam und bedächtig, wie die Königinnen auf dem Schachbrett. Der Fremde, der mitten in der Saison" den lichtüberfiuieten Sälen, dem Faschingswirbel der Groß­stadt entronnen ist, betrachtet voller Staunen biefe Wesen, die Gott bet Herr aus demselben Ton geschaffen hat wie die Tillergirls und Revue« fterne. Zwölf bis fünfzehn Unterröcke, die Tag und Nacht getragen werden, umhüllen den Unterkörper. Auf diesem von zwei Beinen ge­tragenen Rechteck ruht in einem eng anliegenden Mieder und einem schweren, am Hals sich bauschenden Schal der Oberkörper. Den Kops umrahmt eine weiße Haube, unter deren Spitzenwerk in manchen Gegen­den ein Helm mit funkelnden, spiralförmigen Ornamenten leuchtet. Dies« Frauen sind kerngesund. Ihre Arme und Hände sind purpurrot, und diese Naturfarbe, zu der man weder Creme noch Puder braucht, gilt als Zeichen besonderer Kraft und Schönheit. In diesen winzigen Fischer­häusern herrscht Glück und Zufriedenheit, zumal jetzt, wo der Winter die stürmische See im gläsernen Sarg gefangen hält und niemand mehr in langen Rächten um das Schicksal der Männer zu dangen braucht.

Eis und Schnee sind für die Bevölkerung die großen Freudefpender. Het ijs draagt! Das Eis trägt! Jubelnd hallt die Kunde durch das Land und verwandelt Überall den schwerblütigen,heftigen" Hol­länder in ein lebensprühendes, elastisches, dem Glück der Stunde hinge­gebenes Wesen.Holland auf den Schlittschuhen ist Holland im besten Licht", hat ein Ausländer und guter Kenner des Volkes gejagt, und Heine meint, die niederländischen Frauen seien gefrorene Vulkane, die auf dem Eis zu tauen begännen. Das Wasser, dieses erdfeindliche Element, das Zusammengehöriges scheidet, Deiche wie Spielkarten zer­reißt und blühendes Land Überschwemmt, wird zum Vundesgenossen bcs Menschen, rückt bas Ferne in die Nähe und bringt die Stimmen des Lebens in die Kirchhofstille der toten Städte an der Zuidersee.

In Holland wird das Schlittschuhlaufen nicht nur als Sport oder Vergnügen betrieben, es bedeutet das beste, angnehmste und schnellste Fortbewegungsmittel. Auf den spiegelblanken Kanälen taufen die Bauer» mit Lasten zur Stadt, der Kaufmann eilt ins Geschäft, die Jugend i» die Schule und die Universität. Das Volk fühlt sich auch des Nachts auf dem glatten Kis so sicher wie daheim in Hol.rschuben und Pantoffeln