Ausgabe 
8.2.1929
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <929 Meitaa, den 8. Februar NummeNl

IägerUed.

Von Eduard Mörike.

Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee, wenn er wandelt aus des Berges Höh': zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand, schreibt ein Brieslein mir in ferne Land'.

In die Lüfte hoch ein Reiher steigt, dahin weder Pseil noch Kugel fleugt: tausendmal so hoch und so geschwind die Gedanken treuer Liebe sind.

Die Treppe von Brienne.

Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Der rieidmarschalt Blücher Hal sich den ganzen Januartag mit den Franzosen h-rumgeschlagen und noch zuletzt die Attacke aus das Korps Dachesnes liatgei tu'ii, als er zur beacht durch die vrennende Start Brienne in das Schloß zurückkehrt, wo er beim Frühstück schon durch Kanonenkugeln gestört worden ist und wo er rasch fernen Abendtrunk halten will. Es sieht übe! aus, wie sie hmeinkommen; das Dach hat ge­brannt und mitten in das Portal ist eine Bombe gefallen, daß die Zwifchendecken «iiigsftürzt und die Fenster zersplittert smd.

Die Herrschasten haben gedacht, ich wiire zu Hause!, spottet der Alte, dem unterwegs ein brennendes Holzstuck den Rock eiiigefengt hat und der krebsrot iiver dem weißen Schnauz bart ist von der nützlichen Wir ter» lust. Bis sie den Wein aus dem Keller gebracht haben, steigt er ins Dach hiuaus, durch die Löcher rundum im schwarzen Lund die Lage der Feuer zu sehen oder was sonst noch vom Feind sichtbar ist: und er findet sich Sichert genug, den Pferden im Hos Ruhe zu (affen bei Wasser und Hoferstroh, ehe sie reiten.

Aber wie er danach im Speisesaa! sitzt, breitbeinig nach seiner Ge- wohnheit und die Stuhllehne zwischen den Knien die Tafel ist schon gedecu und aas ochr euuger kurzen ze.gt die Wände noch unzerstört wie er das erste Glas in einem Schluck nimmt und es schmeckt ihm trotz­dem: fällt dicht unter dem Fenster ein Schuß, und ehe sie noch das Wie und Warum dieser Schießerei wissen, ist das Gefecht fchon im Gange, weil die Tirailleurs sich durch di« Gärten herangeschlichen haben und eben dabei sind, das Schloß zu besetzen.

.Hoho!", sagt der Alte und streckt das leere Glas der Ordonnanz hin, daß sie es wieder fülle: der Bonaparte Hot hier [eine Kriege schule ge- krnt! Er will uns examinieren! Aber wie er noch trinkt, geht schon die Tür auf und einer von den Tirailleurs guckt herein, ein tie.ner Kerl mit einem mejstnggelben Gesicht, der als Spürhuiid zu hitzig vorgerannt rst und, [ich seiber zum größten Schrecken, das Wild findet. Denn well ec allein mit seinem schwarzen Augenpaar steht, hier aber blitzt ihm oerer ein halbes Dutzend entgegen, reißt er sein Gewehr bei Fuß, und steht eher Nützlich als kriegerifch aus.

Auciable!, ruft der Graf Rostiz und wirft ihm fein volles Glas 00» die Füße, daß der rote Wein nut den Scherben aujjpritzt, und der Ticameur tut, wie ihm befohlen, zieht die Tür hinter stcg za und ver­schwindet so rasch, daß der Alte herzhaft lacht und sich noch ein drittes Glas «.nschenken läßt.

Aber darum sitzen sie doch in der Falle; und es ist gut, daß der Unteroffizier Schneider, den sie als Ordonnanz bei sich haben, die unan­genehme Tür sogleich verrammelt und über di« engen Umstände der bin» teren Treppe Bescheid weiß, aus der sie unangefochten hmab in den Hos zu den Pferden ommen. Da ist die schwarze Dunkelheit schwankend vom Flackerlichj der Brände, und überall platzt das Feuer aus den Gewehren: wie Nadelstiche sehen die blitze«,den Schüsse aus gegen den feurigen Schwall in der Lust, aber darum knackt es doch in den Steinen bedenk­lich von Kugeln. Und als sie uorreiten wollen gegen das Tor, ist es besetzt und die Stabswache darin schon überwältigt.

Attackieren!, flucht der hitzige Blücher und reißt seinen Säbel heraus; Ober cer kühlere (äneifenau reitet qu.r vor, legt ihm die Hand an den Arm und jagt: Halt! Das wäre der geradeste Weg nach Paris, nämlich gefangen! Auch hat der Graf Noftiz rasch einen besseren Borschlag mit dem Unteroffizier Schneider beredet: über die große Terrasse nach hinten hinauL, die Trepe hinab und links durch die Gärten zu den Sackenjchen Russen. Das ist zwar ein Kunstreiterstück über die sechzig steinernen Stufen, aber eben darum!

Unb weit die Falle nur dieses Loch hat, durch das die Tirailleurs üelber tarnen, aber die schießen und rennen in ihrer Verbissenheit vorn

hinaus, den Weg abzuschneiden; und oben im Schloß hat der Spürhund Hilfe gcho t, den großen Wiidfang zu tun: geschieht diese seltsame Flucht so, daß sie dem Feind mitten hinein ins Gehege reiten; denn den stemernen Abgang hat er nicht mitbedacht, und daß da Pferde hinunter konnten. U>rd der das Kunstreiterstück mitmacht und bannige Freude aile E zweiundsiebzig Jahren. Einmal bockt sein Schimmel, als es zu lange hinab in das dunkle Loch geht; er läßt bnÄu9». ai.'Lfe»e Besinnung zu warten, und spricht

5 v <Bu, ,a>yt doch nicht Furcht haben, Hans? und nimmt ihn feft in die Schenkel, bis er die Hufeisen wieder über die Kante hinabsetzt.

,untIn finb' schwelt ein Brand in der Nähe so auf, daß er ? »u sechs Pferden da an der steinernen m a[.3 suchten die Leiber der Tiere M'it an-

ble Reiter steil hintenüber, als ob die Vorderfüße der Pferde ihre eigenen Storchbeine wäre.!.

t ^illeurposten sieht sie und schießt; die Kugeln knattern und springen wie Erbsen unter den Beinen durch. Das Brandlicht verblaßt und vergeht in der Dunkelheit, wie es kam; und als es nach einer Minute h?? b,e uufmacht, liegt die Treppe schon leer, und nur b?r Hustckstm, voii Pferden verstirbt nach links, die wieder Erdboden Ä. bCu 2"6en'. ^.rte Hande in ihen Zügeln und Sporen in ihren Weichen haben, wie sie es von ihren Reitern gewohnt sind.

Drs beute Anekdote.

Ein Stück Kulturgeschichte.

Bon Dr. Hans Hajek.

(Nachdruck verboten.)

Was ift eine Anekdote? Das Wort ist heute ungemein in Mode ge- kommen, ohne immer den gleichen Begriff zu decken: die meisten ver­stehen darunter immer noch dieWitze", wie sie unsere Zeitungen bringen oder unsere Stammtische erzählen; ein Buch des Dichters Wilhelm Sc, a f e r tragt diesen Titel und enthält Bilder aus der Geschichte die aber viel zu ausgemalt sind, um ihren Namen mit Recht zu fuhren; und legt nennt sich auch tue kleine Komödie von Molnar Anekdote kaum mit Recht, weil auch das knappste Theaterstück viel zu viel Beiwerk enthalten muß, um im strengen Sinne als Anekdote gelten zu können. Was ist also eine Anekdote?

Ernst Bernheim, der bekannte Methodologe der deutschen ®e- schichtswissenschaft, faßt die An-kdote als Abart der Sage und stellt sie nahe mit der Legende, dem historischen Sprichwort und den sogenannten geflügelten Worten zusammen:Die Anekdote hat den Charakter der Sage im kleinen. Sie begnügt sich mit der Ueberlieferung bezeichnender Zuge, konzentriert in einer charakteristischen Wendung das Wesen von Persönlichkeiten und Vorgängen und weicht bei alledem ebenso leicht von dem Tatsächlichen ab. wie die Sage. Namentlich ist es ja bekannt genug, wie jedermann geneigt ist, eine gute Aneidote mit besserer Wirkung im Kreise der Zuhörer auf diesen bekannte Personen und Verhältnisse zu übertragen, und es gibt so auch in der historischen Sphäre förmliche Wanderanekdoten, die immer wieder bei anderer Gelegenheit auftauchen * Den in ihrer Volkstümlichkeit miteinander konkurrierenden Personen Friedrichs des Großen in Preußen und Jo sefs II. in Oester­reich werden z. B. auch gleiche oder ähnliche Anekdoten zugeschrieben, die zum Teil der literarischen Tradition entstammen und etwa von dem arabischen Kalifen Harun al Rafchid erzählt werden. Gewisse Züge %» hören überhaupt zu Zeiten zum Kostüm einer Person. Jede Anekdote und darin liegt ihr kulturgeschichtlicher Hauptwert zeichnet den Anek­dotenerzähler und sein Publikum.

Die.Anekdote ist demnach das primitivste und wohl auch das älteste Clement geschichtlicher Ueberlieferung im weitesten Sinne. Bedeutlam bleibt auch für ihre spätere Geschichte, daß sie ihrem Wesen nach auf die mündliche Weitergabe gestellt ist. Dem widerspricht nicht, daß sie gelegentlich zu praktischen und viel später zu Unterhaltungszwecken ober gar aus wissenschaftlichen Absichten ausgezeichnet wird: solange sie lebendig bleibt, kehrt die Anekdote immer wieder in dem Umlauf münd- licher Ueberlieferung zurück und lebt da ihr eigenes Dasein nach den Gesetzen, die der mündlichen Weitergabe von Nachrichten und Erzäh­lungen entsprechen. Wir können deshalb nicht erwarten, ihr schon in sehr alter Zeit auf diesem primitiven Boden zu begegnen; denn wer sollte wohl ein Interesse an ihrer Aufzeichnung gehabt haben? Vielleicht dürfen wir einen Spottvers hierher rechnen, den eine St. Gallener Hand­schrift des 9. Jahrhunderts uns zufällig bewahrt hat:Liebwien fetzte an den Grus (er braute {ein Weizenfestbier) und gab feine Tochter aus (er verlobte sie); da kam aber Sterzgefieder, bracht' ihm feine Tochter wieder." Freilich: die Charakterisierung ist zu arg verwischt, als Ml