Ausgabe 
7.10.1929
 
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Seinen parvenühaften Materialpunkt. Während dieser ein kalt forcierter )pernspartanismus und aus modischer Altertumsanbetung erquälter Artefakt ist, ersteht hier ein wirklicher Stil, der der organische und kon­forme Ausdruck des inneren Lebens, der seelischen Haltung eines ganzen Zeitalters ist.

In Berlin haben damals zwei Künstler von echt preußischem Geist gewirkt, schlicht und herb und doch von einer verhaltenen Gemütswärme und strengen Anmut: Rauch und Schinkel. Rauch hat dem deut­schen Volk das Bild Friedrichs des Großen und der Königin Luise, Jorks und Scharnhorsts, Blüchers und Gneisenaus für immer einge­prägt. Schinkel war ein Geist von michelangelesker Großräumigkeit, in dem der komplette Plan einer ganz neuen Stadt lebte; die Enge der Zeit hat ihn das meiste und beste nicht ausführen lassen: das Schauspielhaus, in einem reinen, vornehm kargen Stil mit geschmackvollstem Takt für Proportionen erbaut, gibt nur eine bescheidene Teilprobe seines viel machtvolleren Könnens. Die übrigen deutschen Architekten waren mehr vom Schlage K l e n z e s, des Schöpfers der Regensburger Walhalla, die ein dorischer Tempel ist, und zahlreicher anderer Prunkbautenhelleni­schen" Stils, den er für den einzig wirklichen hielt, die anderen nur für Bauarten".

Von Cornelius, den er ebenfalls an seinen Hof gezogen hatte, sagte Ludwig I. von Bayern:Er kann nicht malen"; auch Ge­ne l l i konnte es nicht und war stolz darauf. Trotzdem steckt in den groß­zügigen Gedankendichtungen des ersteren, die so tief sind, daß man dabei einschläft, echte Dramatik; es ist nur leider eine Buchdramatik. Josef Anton Kochs Naturstudien haben etwas Rührendes, in dem sie in ihrer geschachtelten Komposition und säubern Kleinarbeit ein wenig an die Modellierbogen" erinnern, aus denen man reizende Lampenschirme macht. An John Flaxamanns trockenen Illustrationen zu Dante und Homer merkt man, daß er ursprünglich Bildhauer war. Ziemlich matt und temperamentlos gerieten auch Prellers Odysseelandschaften und Rottmanns Reminiszenzlandschaften, die einen geschichtlich bedeut­samen Ort, zum Beispiel Marathon, malerisch zu suggerieren suchten, obgleich dies ein rein literarischer Einfall ist. Das Lieblingsgenre war überhaupt diehistorische" oderheroische", das heißt: in ein vergangenes und als monumental gedachtes Empfinden zurückstilisierte Landschaft, die nicht einfach Wiedergabe eines Natureindrucks ist (das hätte man als roh und kunstlos verachtet), sondern eineIdee" enthält.

Die Sitte, Rom als die Kapitale der Kunst anzusehen und sich von dort alle Anregungen zu holen, blieb bestehen; nur spalteten sich die Deutschrömer" in zwei Parteien: die nach wie vor antikisch Orientierten und die Romantischen, die von jenen anfangs spottweiseNazarener" genannt wurden. Sie bildeten eine Art Malerorden, indem sie in San 3idoro bei Rom, einem von Napoleon aufgehobenen Kloster, als lukasbrüderschaft" lebten, in Mönchszellen schliefen und gemeinsam im Reflektorium malten. Führer war Friedrich Overbeck. Das Wesen dieser Schule bestand in einer Art von freiwilligem Verzicht auf alle Fortschritte, die das Sehen in den letzten drei Jahrhunderten gemacht hatte. Ihr Ideal waren diePrimitiven" des deutschen Spätmittelalters und der italienischen Frührenaissance: Perugino, Raffael in seinen Anfängen, Hans M e m l i n g, Stefan L o ch n e r. Aber da diese Rück­kehr künstlich gemacht und programmatisch gewollt war, fehlte ihr die Ueberzeugungskraft und der Zauber der Ursprünglichkeit, der jene echten Primitiven ausgezeichnet hatte. Was zwischen diesen und ihnen lag, ver­achteten sie: damals ist für das Rokoko die BezeichnungZopf" aufge­kommen und hat das Wortbarock" die Bedeutung des Widersinnigen, Abgeschmackten, Schwülstigen, Ueberladenen angenommen. Hierin waren sie mit den Klassizisten, die sie im übrigen erbittert bekämpften, voll­kommen einer Meinung. Im Grunde waren aber beide nur feindliche Brüder, einander zum Verwechseln ähnlich in der Temperamentlosigkeit und Blutarmut ihrer blaß erdachten und abgeleiteten Kunst. Die brei­teste Popularität unter ihnen errang Julius Schnorr von Carols- feld mit seinen ganz albumhaften Holzschnitten zur Bibel, die in keinem Bürgerhaus fehlten, wie sie denn überhaupt vorwiegend eine Welt in Goldschnitt konzipierten. In der Genremalerei dominierten die Düsseldorfer", die angeblich aus dem Lehen schöpften, in Wirklichkeit neben dem Leben hergingen, indem sie philiströse Bilderbogenlügen er­fanden, und schließlich ihren Schulnamen zum Kunstschimpfwort degra­dierten, in der Art, wie sich dies in unserer Zeit mit denMeiningern" wiederholt hat. Für das allein Vornehme galt jedoch dieHistorie", die novellistische und womöglich tendenziöse Darstellung irgendeines akkre­ditierten geschichtlichen Vorgangs.

Oie Stadt der zahmen Hirsche.

Von Anton L ü b k e.

Jedes Land hat seine Eigenarten und seine landschaftlichen Schön­heiten, weshalb sollte es anders sein in Japan, im Lande des fernen Ostens, das in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger in den Mittel­punkt des Interesses gerückt worden ist. Man betrachtete Japan meistens als das Land, das ungestüm wirtschaftlich und industriell aufwärts strebte, das Kriegsschiffe und Fabriken baute und anderen Ländern die Fabrikationsgeheimnisse ablauschte und nachmachte. Wenig kannte man von den landschaftlichen Reizen, wenig von der Seele des Japaners, wenig von feiner Geschichte und noch weniger die Dinge, welche den Japaner außer seinen wirtschaftlichen Sorgen interessieren. Man sagte, daß der Japaner seine Kultur aus China importierte und seine In­dustrie aus Deutschland und Amerika. Das mag alles zutreffen. Aber man muß ihm gerecht werden, wenn man ihn von der kulturellen Seite aus betrachtet. Kultur ist etwas, das in der Landschaft wurzelt, das feine immerwährende Kraft aus dem Wesen des Landes zieht und es zur Eigenart formt. Wer will es bestreiten, daß Japan sehr viel Eigenes besitzt, das seine Wurzelkraft in der Landschaft hat. Nicht in den Mil­lionenstädten Tokio oder Osaka, wo die Fabrikschornsteine rauchen, wo

sich amerikanischer Geist breiimacht, ist diese Kultur zu finden. Um ihre unverfälschten Formen kennen zu lernen, muß man in das Innere des Landes gehen, wo die Landschaft ihre üppigen Formen entfaltet und unter hochragenden Zedernbäumen Tempel und bunte Götterschreine stehen.

Japan ist das Land der Blumen, der blühenden Kirschbäume und der Liebe für die Natur. In dieser Lebensart wirkt sich seine Religion, das japanische Familienleben und auch ein gutes Stück der Erziehung aus Die Gegebenheiten dazu hat Japan in seiner wundervollen Natur selbst' die in allen Formen und Bildern ihre Reize entfaltet, im Norden herbe Vegetation und Winter und im Süden fast tropischen Charakter. Bera- und Seelandschast erfüllen den Wunsch nach stetem Wechsel im Genüsse der Natur. Das innige Fühlen des Japaners mit all diesen Naturschön­heiten gibt auch den Impuls zur liebevollen Pflege.

Ein Ort von ausgesuchtem Reize, von köstlicher Natur, Schönheit und Reichtum an Idyllen ist das Städtchen Nara im mittleren Süden von Japan. Mit dem Namen Nara ist nicht nur der höchste Reiz der japa­nischen Natur verknüpft, sondern auch ein Stück Landesgeschichte. 74 Jahre lang im 8. Jahrhundert war die Stadt unter sieben Herrschern Hauptstadt des Landes, in ihr begann die Entwicklung des japanischen Kunsthandwerkes, der japanischen Kunst und vor allem der Literatur. Buddhistenmönche waren es, welche zuerst den künstlerischen Impuls gaben. Der buddhistische Mönch G y o g i verfertigte zuerst Tonwaren, die später im übrigen Lande Nachahmung fanden. Die Mönche waren es auch, welche die ersten geschichtlichen Aufzeichnungen niederschrieben und sie der Nachwelt überlieferten. Noch heute wirkt sich in dem etwa 35 000 Einwohner zählenden Städtchen jener künstlerische Geist vor 1200 Jah­ren weiter aus. Spezialität des Kunsthandwerkes find wundervolle bunte, aus Holz geschnitzte Püppchen. Handwerkliche Erzeugnisse sind Schreib­pinsel, .Schreibtusche, bunte Fächer und vor allem die berühmten Flachs­leinenkleider. Die japanische Geschichte kennt eine Narakunstperiode, weil sie nicht nur eine bedeutende Kunstblüte im handwerklichen Sinne, sondern auch zugleich eine glänzende Bauperiode war. Den kaiserlichen Palast nannte man den Palast des Friedens, wie stets, wenn eine Zeit besonders groß war, und die Buddhisten bauten in dieser Zeit sieben der schönsten Tempel, unter denen der berühmte Daibutsutempel in Nara mit dem großen 16 Meter hohen Buddhastandbild, das aus 437 Tonnen Bronze und 283 Pfund Gold verfertigt ist, an erster Stelle steht. Oft zerstörte Feuer das Heiligtum, immer wurde es wieder aufgebaut, und heute ist er noch immer der größte hölzerne Tempel der Welt, in dem der Strom der Pilger kein Ende nehmen wird. Sie «kommen in großen Scharen, angetan mit phantastischen Kostümen und spitzen Strohhüten, opfern Reis, Blumen oder Wasser und lassen sich von ihren Priestern mit zauberhaften Gebärden, in denen sie Meister sind, heilen von ihren Gebresten, die sie zu ihren Göttern hinführten. Tempel an Tempel, Göt­terschrein an Götterschrein stehen in bunter Reihe unter dichten Baum­kronen. Die breiten, wohlgepflegten Wege flankieren eine unübersehbare Zahl von steinernen Laternen, die zur Erinnerung an die toten Ahnen aufgestellt werden und zu bestimmten Zeiten brennen.

In allen Tempeln, Schreinen und anderen religiösen Attributen doku­mentiert sich ein ausgesprochener Naturgottesdienst, der sich unter dunklen Baumkronen, inmitten von Blumen und den lebendigen Wesen der Natur auswirkt. Wie in Indien der Hindu seine heiligen Tiere hat, heilige Kühe, Affen, Katzen und Elefanten verehrt, so hat auch der Japaner das Tier unter die Symbole seiner Anbetung eingereiht. Das Affen-, Katzen- und Elefantenmotiv fand ich beispielsweise an den berühmten Tempeln von Nikko, wo man auch einem lebenden Pferde Opfer bringt. In Kioto sah ich einmal in einer phantastischen religiösen Prozession pech­schwarze heilige Stiere und zwei heilige Pferde, die bei religiösen Hand­lungen vorgeführt wurden. Nara hat in dieser Hinsicht seine besondere Eigenart. Hirsche sind es, welche hier verehrt werden und damit dem Städtchen seinen höchsten romantischen Reiz verleihen. Einst soll ein be- rühmter Gott auf einem Hirsche aus dem Walde in die Stadt geritten sein. Seit dieser Zeit blieb der Hirsch dort, vermehrte sich und brachte wilde Tiere mit aus den dunklen Waldesgründen. Sie wurden zahm wie Lämmer, ließen sich von Menschenhand füttern und blieben seit dieser Zeit die besten Freunde der Bewohner von Nara. In allen Straßen, auf den Rasenplätzen des prächtigen Parkes, zwischen den Laternensäulen der Tempel und in diesen selbst sieht man die prächtigen Tiere, die sich von jedermann mit den Kuchen füttern lassen, welche kleine buntgekleidete Japanermädchen verkaufen. In den späten Nachmittagsstunden werden die Tiere mit Hörnern und roten Fahnen in einen umzäunten Pferch zu- sammengetrieben und gefüttert. Zahme Hirsche, welche in die Berge gehen, bringen heute noch oft wilde Hirsche mit in die Stadt. Der 15. Oktober ist für Nara ein bedeutender Festtag. An diesem Tage werden den Hirschen die Geweihe a6genommen, die zu allen möglichen Dingen verarbeitet werden. Die Tiere packt beim Herannahen dieses Zeitpunktes ein Entsetzen, viele flüchten sich dann in die Berge und kommen erst wie­der, wenn sie vermuten, daß die Gefahr vorüber ist. Man fängt für den Zweck geeignete Tiere mit Lassos, was für die Japaner ein Vergnügen und mit allen möglichen Zeremonien und Festlichkeiten verbunden ist. Von' den fast 1000 Hirschen, welche sich in Nara aufhalten, müssen stets mehrere hundert Tiere sich die gewaltsame Wegnahme des Geweihes gefallen lassen.

Für jeden Naturfreund ift Nara ein wirkliches Paradies, das täglich neue Schönheiten offenbart. Uralte dicke Zedernbäume, Teiche mit Schild­kröten und Riesengoldfischen, die vielen hunderte, mit Moos bewach­senen steinernen Laternen, das leuchtende Rot der kleinen Götterschreine inmitten des dunklen Gebüsches und verschlungener Waldespfade, alles ist von einem starken Hauch liebevoller Fürsorge für die Natur umgeben, in welcher die Japaner wahre Meister sind. Wünschen kann man nur, daß dieses Volk, das feine Heimat, die Blumen und den Wald so sehr liebt wie kein anderes Volk, sich nicht verliert in der Sucht nach Umgestaltung feines Lebens auf amerikanischer Grundlage, wie es den Anschein hat.

sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'