Ausgabe 
7.10.1929
 
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Wie herzlich befreundet fühlte ich mich den Flaneuren, die sich wie Karten auf dem Trottoir mischten waren wir doch alle Pariser! Ganz nonchalant setzte ich mich an einen Cafe-Tisch, wo noch ein Japaner und zwei Malaien saßen, und sog die Herrlichkeit durch einen Strohhalm in mich ein. Noch in der nämlichen Stunde erfuhr ich, daß man soeben einen neuen Tanz, den Tango, und eine neue Malerei, den Kubismus, ersunden habe. Ich fand beide, und auch die Mädchen, die vorüber­gingen, ganz außerordentlich wunderbar. Da würden die Jungens in der Kohle dort unten Augen machen, dachte ich ... oh diese Stadt!

Und da war ich in Paris angekommen.

Biedermeier.

Von Egon Friedell. "

Zu der Tischrunde, die sich um Schubert versammelte, gehörte Moritz von Schwind, ihm geistig verwandt durch die Zartheit und Wärme seiner Musikalität. Mit Weber ist Schwind gemeinsam, daß sein Held ebenfalls der deutsche Wald ist. Er hat mit Stift und Pinsel, in immer gleicher Tonart und doch unerschöpflich variiert, das ganze deutsche Leben seiner Zeit erzählt, nicht bloß das äußere, sondern auch das innere, wie es sich in den Traum- und Phantasiegestalten des Volksgemüts auswirkt. Dasselbe tat noch schlichter und anspruchsloser Ludwig Richter. Richter imitiert nicht mit raffinierter Artistik Kind­lichkeit wie dieHeidelberger", versucht nicht krampfhaft, sich auf In­fantilität zurückzuschrauben wie dieNazarener", sondern ist ein Kind: achtzig Jahre lang. Er will gar nichts, hat keinenStil", sondern plaudert; von einer problemlosen Welt, die atavistisch und doch ewig ist. Der Bauer mit seiner Familie ist bei ihm nicht sozial gesehen, nicht einmal ethnographisch, sondern kommt direkt aus dem Märchen, zeit­los, idyllisch, unwirklich und doch ein Gewächs der deutschen Erde, lieber feinen Bildchen liegt der Zauber einer dörflichen Jahrmarklsschau ober kleinstädtischen Nachmittagsvorstellung, jener anheimelnde Duft von Kaffeekanne und Tabakspfeife, wachsbetropftem Tannenbaum und kni­sterndem Dfenreifig.

Heinrich Heine charakterisiert diese Kultur mit den Worten:Man übte Entsagung und Bescheidenheit, man beugte sich vor dem Un- fichtbaren, haschte nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, ent­sagte und flennte." Die Resignation hatte nicht bloß politische, sondern auch wirtschaftliche Gründe. Die überlegene Konkurrenz Englands, wäh­rend der Festlandssperre gewaltsam zurückgestaut und nun vernichtend über den Kontinent flutend, drückte zumal die deutsche Industrie zu einer Art ohnmächtiger Heimarbeit herab. Dazu kam, daß die britische Regierung, um die inländische Landwirtschaft zu schützen, einen hohen Zoll gegen fremdes Getreide errichtete und die Ueberfchüfse der nord- und ostdeutschen Agrarproduktion nicht abftrömcn konnten. Die Folge war, daß die bürgerliche Kultur Deutschlands sich in Lebensführung und Gesichtskreis beträchtlich verengte: es kam zu einer Rückbildung in die Daseinsformen der vorklafsifchen Periode; die Seelenhaltung, verwaschen, wehleidig und affektiert und auf den Kultus von Privatgefühlen konzen­triert, erinnert an die Aera der Empfindsamkeit. Das Symbol des Zeit­alters ist der Nachtwächter, die Bildungsquelle der Lefezirtel und das Theater. Die Lieblingslektüre des Mittelstandes sind die Moralitäten Christopf von Schmids, die rührseligen Lügen Lafontaines, die für damalige Ansprüchepikanten" Albernheiten Claurens, die Köchinnenromane Spindlers. Auf der Bühne herrschen Kotzebue und Jffland, bis 1828 die Birch-Pfeiffer mit derPfeffer- rösel".

Im Kostüm macht sich die notgedrungene Einfachheit durch eine wohl­tuende Neigung zur Diskretion bemerkbar. Beim Frack werden ruhige Farben bevorzugt: braun, grau, dunkelblau, flaschengrün (derRock", der im wesentlichen dem heutigen Redingote entspricht, ist auf der Straße und in Gesellschaft noch nicht de rigueur); das einzige, worin die Herren­kleidung individuellen Geschmack entwickeln konnte, war die gemusterte Seidenweste; das Jabot weicht langsam der Krawatte, deren elegante Knotung nicht leicht und Gegenstand eigener Lehrkurse war. Die Fuß­bekleidung bestand in halbhohen Stulpenstieseln (für die Reife) und aus- gefchnittenen Schuhen, die die hellen Strümpfe fehen ließen, da die engen Trikothofen nur bis zum Knöchel reichten;en escarpin": in Knie­hosen, Strümpfen und Schnallenschuhen ging man nur noch, wenn man an Höfen und in konservativen Gesellschaftskreisen in Gala erschien. Unerläßlich für den Stutzer war die Lorgnette am breiten Band. Der Bart war verpönt, höchstens eine dünne Linie an den Wangen gestattet.

Bei den Damen setzte sich nach 1815 wieder der Schnürleib durch, und die Taille, die im Empire unterhalb der Brust angesetzt war, rückte wieder an ihre alte, richtige Stelle; auch die Herren trugen vielfach Korsetts, bei den preußischen Gardeoffizieren gehörten sie angeblich sogar zur tadellosen Adjustierung. Nach 1820 nahmen die Damenärmel ungeheuerliche Formen an: alsHammelkeulen" undElefanten", die nur mit Hilfe von Fischbeingestellen ihre Fasson zu behalten vermochten. Nur in der Musterung entwickelten die Stoffe zahlreiche Nuancen: changeant, moire, ombre, damasziert, geblümt, quadralliert, besonders bei den Bändern, die sich sehr reichlich an Hauben, Hüten, Kleider­röcken befanden. Richtige Mäntel waren infolge der Riesenärmel un­möglich: man trug Damenkragen, die sogenannten Berthen, Schals aus allen möglichen Stoffen, am liebsten aus Kaschmir und Crepe de Chine, und gegen Ende des Zeitraums kommt die Pelzboa auf. Ebenso aben­teuerlich wie die Aermel waren die Schuten, eine Art Pferdehüte, sehr groß und sehr unpraktisch, das Gesicht wie Scheuklappen einhüllend, fo daß man in ihnen am Hören und Sehen verhindert war; trotzdem hat sich diese Kopfbedeckung länger gehalten als irgendeine frühere oder spätere. Daneben trug man auch die große Haube und seit der Orient Mode geworden war, Turbane.

Der Möbelstil des Biedermeier ist sehr geschmackvoll und wurde mit Recht in unserem Jahrhundert erneuert. Er ist noch einfacher als der Empirestil, aber nicht so nüchtern und geschraubt. Er übernahm von ihm die glatten Flächen, geraden Linien und schlichten Motive, vermied aber

und wollte es auch nicht. Und schon ward 'einer nach dem andern körperlich visitiert, wobei manche mit Gezeter abgesührt wurden. Immer näher kam die entsetzliche Gefahr an mich heran, der ich meine 100 Papp- rnundstück dick im Winterpaletot stecken hatte. Ganz melancholisch stopfte ich meine Wollhandschuhe in dieselbe Paletottasche. Der Beamte kam, sah blitzenden Auges auf meine Rundungen, befühlte sie mit der Hand, und bedeutete mir kurz, den Inhalt vorzuzeigen. Ganz betäubt vor Angst wollte ich meine Zigaretten hervorziehen und zog zu diesem Zwecke zuerst meine dicken Wollfäustlinge heraus. Da nickte der Beamte befriedigt und ging zum nächsten weiter. Das find so Situationen, wo man danken lernt.

Von hier ab wurde auf allen Stationen mit dem Hörnchen geblasen. Mi ushe w Parishie" ward ersetzt durch ungeheure Plakate, die auf allen Wiesen standen:76 Kmtrs to Paris. New York Herald75 Kmtrs to Paris. New York Herald74 Kmtrs to Paris. New York Herald bis das ganze Rußland im Kupee bis zur Weißglut erregt war. Ganz, ganz langsam fuhren wir endlich in die große, rauchige Glasscheune ein.

Jetzt fiel mir ein, daß ich kaum Französisch verstand und keine Menschenseele in Paris kannte. Ich fühlte mich verloren und verkauft unter all den hastenden Gepäckseelen und knetete mir noch auf dem Perron den Satz zusammen:Avez-vous un Baedeker allemand de Paris? Als ich ihn fertiggebacken hatte, stürzte ich damit zum Zeitungs­standAvez-vous? Aber alles schüttelte den Kopf und be­wegte den Zeigefinger hin und her, wie man einem TaubstummenNein" sagt.

Bekümmert trottete ich mit meiner schweren Ledertasche auf die Straße, um in der ersten Buchhandlung dasselbe zu fragen. Aber es war ein Feiertag und alle Läden geschlossen. Wie bläuliche Schatten jagten die spritzenden Autos durch den Regenmorgen, und alle Leute hatten ungeheure Schals direkt um den Kopf gewunden, fo daß nur die gelben Nasen und schwarzen Augen herausguckten. Endlich fand ich eine Buchhandlung, die offen hatte.Avez-vous un Baedeker allemand de Paris? Er kletterte die Leiter auf und ab, er schüttelte den Kopf, er bedauerte lebhaft. Todmüde setzte ich mich auf einen Stuhl und wieder­holte auf alle Beteuerungen stumpfsinnig ein und dasselbeAvez-vous un Baedeker allemand de Paris? Da zuckte er die Schulter und verließ den Laden.

Ich blieb wie im Traume sitzen, blickte starr vor mich hin und ließ die Dinge an mich herankommen, z. B. seine Tochter. Sie ging mehrmals an mir vorüber und streifte mich leicht mit dem Kleide. Aha, der be­rühmte schöne Gang der Pariserin, dachte ich, und sah ihn mir an. Er war wirklich sehr schön. Während ich so im Halbschlaf vor mich hindöste, passierten draußen die tollsten Dinge. Das Mädchen wies mit der Hand auf das Fenster und sagte etwas: wirklich, im Hause gegenüber war ein Feuerschaden ausgebrochen, die Flammen loderten, die Feuerwehr kam herangesaust und spritzte. Gleich darauf fing man einen Taschendieb, der im Gedränge hatte flauen wollen. Welch ein Temperament! dachte ich schläfrig. Endlich kam er triumphierend mit dem Buch und nahm mir einen gesunden Preis ab.

Jetzt trottete ich die Straße weitet, ließ mich auf die nächste Bank allen und nahm mein Buch vor. Aber da stellte sich's heraus, daß o ein krebsroter Baedeker allemand de Paris auf die gesamte Apachen- chaft der Umgegend eine magische Anziehungskraft hat. Wie die Geier tatterten sie zusammen: plötzlich war meine Bank voll von Schals mit gelben Nasen, die immer näher rückten, in einem Höllendialekt Gespräche mit mir anknüpfen wollten und sich bereits untereinander um mich zankten.

Zitternd flüchtete ick) in ein kleines Cafe.Cafe au lait sagte ich, denn das wußte ich noch von meiner Großmutter, der alten Dame. Ich bekam herrlichsten Milchkaffee in einem kleinen Waschbecken ohne Henkel vorgefetzt.Grand Hotel du Nord. Quartier latin. Von Skandinaviern besucht. Mäßige Preise. Besitzer spricht deutsch." memorierte ich aus meinem roten Büchel. Der Kellner gab mir mit klirrender Handfertig­keit Münzen aller Länder heraus: belgische, rumänische und auch ein paar aus dem Königreiche beider Sizilien. Die französischen waren wun­derbar plastisck), wie antike Medaillen (und stellten sich nachher als falsch heraus: Baedeker sollte einen grauen Deckel haben).

Unverdrossen tippelte ich mit meiner Ledertasche den Boulevard Sebastopol herunter, überquerte den Fluß und sand endlich in der Rue de Tournon mein Grand Hotel du Nord, einen uralten, schmalen, fünfstöckigen Kasten.Le proprietaire, sagte ich kurz, denn ich wollte endlich deutsch reden. Aber da kam es heraus, daß der Besitzer ein Elsässer war, der vor vierzig Jahren nad) Paris eingewandert war und nun all sein Deutsch vergessen hatte. Mit unsicherem Blick schielte der Grauhart nadi meinem Baedeker und stammelte:Ick abe Dütsch vergesse ..."

Also kletterte ich mit meiner Ledertasche hinauf auf mein Zimmer im vierten Stock: ein Kamin mit loderndem Feuer und Pendeluhr, in einer tiefen Nische das riesige Bett, der krachende, wippende Fußboden, die Tapeten, und besonders die muffige Luft alles schien mindestens dreihundert Jahre alt und von uralter Kultur.11 pluit, sagte der Haus­knecht und zeigte auf den Regen draußen; und als ich nicht gleich den Kopf wandte, erläuterte er fchonungsvoll dem fremden Idioten:II tombe de leau.

Ich riß mir die Kleider vom Leibe, wühlte mich ins Bett, wo ich auch ganz gut quer liegen konnte, und schlief den festen Schlaf des Neunzehnjährigen. Als ich erwachte, war ich im Dunkeln. Ich hatte in dieser Finsternis keine Ahnung, an welchem Punkte des Universums ich mich befand ich hörte nur von ferne ein dumpfes, ungeheures Rau­schen, wie von einem Meer. Doch da hörte ich die Pendüle ticken, und da erst da während meiner ganzen Reise! merkte ich, daß ich tat­sächlich in Paris war. In Paris! in Paris! ich zog die Decke bis ans Kinn und ließ dieses Gefühl in Schauern über mich fließen. Cs war unfaßbar. Es war fo unerhört wunderbar, daß ich wie ein los- gebundener Flitzbogen aus dem Bett schnellte, mich köstlich anzog und sofort in surrendem Taxi auf die Boulevards fuhr, Champagner im Leibe, ohne ihn getrunken zu haben!