Ausgabe 
7.10.1929
 
Einzelbild herunterladen

Choristinnen mitzogen, fo war der große Wirtsgarten bald bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Ja, es mußte der grobe Wirt sich noch von derFetten Ente" und demSchimmel" Tische und Stühle entleihen.

Während noch im Garten unter den dickstämmigen, zartgrün schim­mernden Linden ein fröhliches Gedränge herrschte, bis jeder den Platz gesunden, auf den es ihn zog, entwarfen die beiden bemoosten Häupter, die mit dem Heldenvater und Direktor, dem Komiker und der komischen Alten das improvisierte Festpräsidium vorstellten, den Schlachtplan die­ses festlichen Schlemmens. Es dauerte eine Weile, bis die bedienenden Mägde alles begriffen. Denn was man an diesem Abend zu verzehren gedachte, hätte einer Bischofstafel Ehre gemacht.

In der Fröhlichkeit, die in diesem ländlichen Garten herrschte, von Tisch zu Tisch sprang wie ein zündender Funke und bald alle zu einer heiteren Gemeinschaft vereinte, merkte man erst nach etlicher Zeit, daß weder Getränke noch Speisen kamen. Da erst erscholl, zuerst vereinzelt von Ungeduldigen ausgestoßen, dann im Chore scherzend, dringender und schließlich empört, der RufWirtshaus!" Doch erst als einige Studenten mit dem Hieber klirrend auf die Tische schlugen, der Komiker, den dürsten­den Falstaff agierend, furchtbare Flüche ausstieß, erschien der Wirt. Aber er trug nicht, wie man nun wohl hätte erwarten dürfen, Schüsseln »der Flaschen, sondern nur die schwarze Tafel aus der Gaststube. Ohne auch nur die Hand an sein Käppchen zu legen oder für die Grüße zu danken, die ihm von allen Seiten entgegenschollen, stellte er sich unge­schlacht wie er war, vor den Tisch des Präsidiums. Dann klopfte er an sie Schiefertafel, die er mit der Linken hochhielt und sagte mit lauter, nur vom vielen Trinken ein roenig heiserer Stimme, daß Speisen und Ge­tränke bereitstünden. Doch müßten die Herren erst diese seit Monaten ausgelaufene Schuld bezahlen und auch im voraus die bestellte Zeche begleichen. Dann wolle er, so schloß er seine Rede, bei der die einen vor Wut rote Köpfe bekamen, die andern verlegen Boden blickten, ein Mahl auftragen lassen, bei dem einem Kaiser oder König wohl das Maul wässern könnte.

Nun ist nichts so peinlich, wie wenn einer in Gegenwart seiner Dame en seine Schulden gemahnt wird. Besonders dann, wenn er diese Dame eben bewirten will. Da nun die Aktricen hinter ihren Spitzentüchlein kicherten, ja die Heroine sogar indigniert die Nase verzog, und die komische Alte fröhlich herausplatzte, so drängten die beiden bemoosten Häupter und etliche Studenten den Wirt zum Garten hinaus. In die Wirtsstube, wo sie ihm zuerst sämtliche Teufel an den feisten Hals wünschten und dann mit ihm zu verhandeln begannen. Doch dauerte es eine Weile, bis der Wirt sich damit zufrieden gab, daß einer der Studenten, der zu Pferde gekommen, ihm seinen Gaul für die noch zu verzehrende Zeche überließ. Die angekreidete Schuld auf der Tafel aber sollte in Gottes­namen einstweilen noch unbezahlt bleiben.

Denn schließlich war der Wirt ein Wirt und brachte es deshalb nicht zuwege, sich diese Zeche entgehen zu lassen. Auch wußte Adrian Krafft, daß der zum Pfände gebotene Rappe mehr wert wäre als was die Stu­denten samt ihren Schauspielerinnen in einer Woche verzehren könnten. Darum ließ er sich auch herbei, als er nun an der Spitze der Mägde, die die Schüsseln trugen, im Entenschritt angewackelt kam, sauer lächelnd zu erklären, daß das mit der Tafel nur ein Spaß gewesen. Doch weil er einmal der grobe Wirt genannt werde, habe er seinem Namen Ehre machen wollen. Freilich glaubte das niemand. Doch war die Stimmung, die unter der Aussicht, mit hungrigen Mägen wieder abziehen zu müssen, beträchtlich gelitten, einigermaßen wieder hergestellt. Der gute Wein tat ein übriges, und bald lärmte es im Wirtsgarten, in dem auch ver­einzelte Bürger noch ein Plätzchen gefunden, von Gesang und Tanz­musik.

Der Tanz freilich war bald zu Ende. Weil in der milden Nacht ein Pärchen nach dem andern durch die Gartentüre entschwand, und bald nur mehr die Studenten zurückblieben, denen das Glück an diesem Abend nicht lächelte. Doch da das weibliche Personal der Truppe nicht mehr als zwanzig Frauenzimmer zählte, so waren es immer noch an siebzig Studenten, die zechend, rauchend und schwatzend mit den Schau­spielern zusammenblieben. Und weil diesen unbeweibten Teilnehmern des Festes nichts daran gelegen war, in der Nacht über die Wiesen zu schwärmen, Gründlichkeit aber eine deutsche Tugend ist, so hielten sie bis zum Morgen aus. Es wollte der Dampf der langen Pfeifen schon wie ein Gewölb durch das Geäst der Linden, ehe noch wirklich die Frühnebel einfielen.

Während viele schon sanft entschlummert auf den Holzbänken lagen oder die Köpfe weinselig auf die über dem Tisch gekreuzten Arme stützten, ging es beim Präsidium immer noch fröhlich zu. Wie am Abend saßen dort der Heldenvater und Direktor und die beiden bemoosten Häupter mit ihrer komischen Alten, die mit Beziehung auf verwegene Wünsche ihrer Kavaliere und die entschwundenen Kolleginnen meinte, sie wäre feine Freundin von so frühem Schlafengehen, und die Jugend bedürfe eben mehr Schlaf als die Alten. Es lümmelte dort, rittlings auf einem Stuhle, auch noch derGeneralissimus", wie der Liebhaber, im Augenblick freilich ohne Geliebte, den Komiker nannte. Weil er von ihm behauptete, er gleiche mit seinem runden Gesicht und seinem würdigen Bauche aufs Haar dem Schwarzenberg, dem Generalissimus der Alliierten. Es war das Steckenpferd des Liebhabers, solche Aehn- lichkeiten aufzustöbern, weil doch dann unfehlbar darauf die Rede kam, daß er selbst an Gestalt, Gesicht und Haltung dem Zaren Alexander gleiche. Was er für fein Leben gerne hörte.

Von diesem Tische schallte alle Augenblicke eine dröhnende Lach- Slve durch den Garten. So daß die Schläfer sich unruhig auf ihren änten wälzten, und die, bei denen der Wein auf die philosophische Ader wirkte und die eben die letzten Fragen des Daseins lösten, un­willig auf dieses Präsidium sahen, das wie die Philister gröhlte. Doch weil die beiden bemoosten Häupter das große Wort führten und jedem ihrer geflüsterten Sätze schallenden Lachen folgte, so beruhigte man sich über dieses Benehmen des Präsidiums, weil man sich wieder einmal einen Hauptspaß erhoffte.

Als schließlich schon die Sonne durch das Laubwerk der Linden

spielte, konnte Adrian Krafft mit dieser Nacht zufrieden fein. Denn es hatten ihm die Schauspieler und Studenten Küche und Keller fast gänzlich geteert. Darum sand er es sogar der Mühe wert, als endlich die letzten seßhaften Gäste zum Tore hinausschritten was nicht beim ersten Ver­suche gelang den Zeigefinger an sein schwarzes Käppchen zu legen. Wie etwa ein kommandierender General vor seinem letzten Rekruten. Und er grinste sogar geschmeichelt, als derGeneralissimus" und Komiker einen Kratzfuß vor ihm machte und pathetisch sprach:Herr Wirt, Ihr habt uns Hungernde und Dürstende gespeist und gelabt. Möge Euch'» Gott vergeltenl Auf daß Ihr denGoldenen Ochsen" bald nach einem ge­krönten Haupte nennen könnt."

Als Adrian Krafft dann, allein in seinem Sorten, den Gewinn dieser Nacht überschlug, sich auch den zum Pfände gelassenen Rappen näher be­sah, war er, was bei ihm nur selten vorkam, mit der Welt leidlich zu­frieden. Auch freute er sich, daß die Studenten, die nach feiner Meinung nichts wie Unfug und lästerliche Streiche im Kopse hatten, ihm den groben Empfang nicht weiter verübelt. Denn vor ihrer Rache hatte es ihn wegen des Geflüsters und Lachens am Tisch des Präsidiums doch ein wenig gegraut. Nun aber, da alles glücklich oorübergegangen, weit und breit kein Student als Vorbote eines Unheils zu sehen war, sah er fast den ganzen Tag über stillvergnügt in seinem Wirtsgarten. Sah dann am Nachmittage noch die knarrenden Wagen und Karren der Schau- spielertruppe, die nun wohl nach einem anderen Städtchen wanderte, ferne auf der durch die Wiesen ziehende Straße vorüberfahren. Und ging erst in fein Haus zurück, als ein Regen aufzog und die erften Abend- gäfte kamen. Die begrüßte er mit so wenig Grobheit und Brummen, daß davon an allen Tischen die Rede war.

Seine Grobheit fand er erst wieder, als ihm einige Säfte zu lange beim Weine blieben. Denn er wollte doch zeitlich zu Bett, weil er in der vergangenen Nacht nicht einen Augenblick geschlafen. Daß es auch in dieser damit nichts sein sollte, konnte er freilich nicht ahnen.

(Schluß folgt.)

Ich reiste nach Paris...

Erinnerung von Sigismund von R a d e ck i.

Das Dorf war voll von Tonpfeifen, Holzschuhen, Spekulatius und einem unergründlichen Dreck, der sichtlichdem Meere abgewonnen" war, aber sonst keinen sittlichen Wert hatte. Wenn ich um 6 Uhr früh zu meinem Kohlenbergwerk wanderte (das sich unter der Erde bereits nach Holland hinüberschmuggelte), so sah ich rechts den Morgen und links die Nacht liegen, in der noch ein paar weiße Bogenlampen das Fördergerüst beleuchteten.Zwölf Morgenhellen weit verschallt der Geist der Mitternacht ..." fang ich, und arbeitete dann 400 Meter tief an einer Schüttelrutsche, wo ich vomOecher Platt" der Jungens gerade noch das Tabakspucken verstehen konnte.

Dann kam ich schwarz und müde nach Hause, spielte mit dem Gast- wirtssohn Billard und kramte in den zerfetzten Scharteken herum, die oben auf dem Schrank lagen. Eines Tages fand ich dort unterTaynes Landkalender" denNeuesten Führer durch Paris" aus dem Jahre 1876.Na, gewiß doch," sagte der Gastwirtssohn,von Aachen bis Paris sind ja nur sieben Stunden Bahnfahrt."

Ich lief sofort ins Grubenkontor, lieh mir von den Steigern Me- wissen und Maaßen den Lohn auszahlen, packte meine Ledertasche, sprang in die Elektrische nach Aachen und fühlte einen kleinen Hammer in meinem Kopf fortwährend hämmern: Paris, Paris, Paris ...

Auf dem Bahnhof kaufte ich eins Dritter nach Paris, wechselte mir vom Kellner 20 Franken ein und ging noch für ein Stündchen spazieren, zu sehen, was Aachen für eine Stadt ist. Aachen bestand aus lauter dunklen Häusern, und die Laternen, die waren wie überall. Plötzlich merkte ich an meiner Uhr, daß ich eilig zum Zuge mußte. Ich ging, ich trabte, ich lief, doch geriet ich in ein immer winkligeres Mittelalter hin­ein. Alles schlief, verdammt, und ich wollte nach Parisi

Endlich sah ich einen Herrn und eine Dame hinten bei der Laterne stehen. Ich rannte auf sie zu und rief keuchend:Ach bitte, wie komme ich zum Bahnhof?!" Da neigte die Dame den Kopf und sagte so einschmei­chelnd und schuldbewußt, wie ich es nie gehört habe:Do you speak English? ..." Mit einem Fluch auf den Lippen stürzte ich fort, daß es durch die toten Straßen schallte. Aber endlich kam ich mit hängender Zunge auf der Plattform an. Dort schlich ein dicker Mann auf mich zu, stellte sich neben mich hin und sagte leise:Wer mehr als 20 Zigaretten nach Frankreich mitnimmt, wird dort mit Arrest bestraft. Ich könnte Ihnen die überzähligen ab kaufen ..." Ich dankte steif und entfernte mich mit 100 Pappmundstück in der Tasche.

Die dicke Luft des Abteils wurde von einem Schnarchen in Stücke zersägt. Ein bleicher Mann drückte sich gekrümmt in seinen Paletotkragen, mit der unzufriedenen Miene des Schläfers, der schlecht liegt. Das dünne Flachsbärtchen um den offenen Mund wurde vorn Blasen immer wie­der hochgeweht. Eine korpulente Frau mit schiefem Hut biß immer wieder ein Stück Knackwurst ab, beobachtete dann angstvoll ihr Ausstößen, und nahm hierauf jedesmal jammernd einen Kirschlikör. Dann biß sie wieder ab, bann stieß sie auf, bann nahm sie roieber seufzenb einen Schluck. Wo mar ich ba nur hineingeraten?

Plötzlich hielt ber Zug in Namur. Da schrie bie Frau aufgeregt: Mi ushe w Parishie! (Wir finb schon in Paris!)" Es war das elendste Odessaer Russisch. Alles sprang auf, rieb sich die Augen, guckte hinaus, beschimpfte bie korpulente Frau (auf russisch) und krümmte sich unzu­frieden wieder in ben Paletotkragen. Traurig biß sie ein Stück Knack­wurst ab. Da merkte ich, baß alle diese Menschen das Gleiche wie ich im Kopse hatten: Paris, Paris, Paris ... Und so schrie sie olle zwei Stunden, und alle glaubten ihr's, weil sie es selber glaubte.

Im Zollhaus von Maubeuge wurden wir alle, hundert Mann in einer Reihe, vor die lange Tonbank gestellt. Es war eine scheußliche Zeit: 4 Uhr morgens mit Gasflammen. Ein Franzose rief ratternd ein paar Phrasen mit dem Worttabac" in ben Saal, worauf einige ihre Zigaretten ablieferten. Aber ich nicht, benn ich hatte ihn nicht verstanden