Verantwortlich: Dr. HanL Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Llnivers itätS-Buch-. und Steindruckerei. A. Lange, ®ic6en'
war. Denn der Hörerkreis eines Vörlrägs e!wa ist eng begrenzk, wenn er nicht durch Rundfunk übertragen wird, viel enger als der Leserkreis etwa einer Zeitung oder eines Buches. Wie groß die Gewöhnung in Schreiben und Lesen war, das ist auch aus gewissen Ausdrücken unserer deutschen Sprache zu erkennen; so sagt man etwa von einem Professor, der an der Universität lehrt: er hält „Vorlesungen", er „liest" über ein Thema. Wir hatten eine Kultur des Buches und des Schreibens, aber nicht des Sprechens. Und nun ist der Rundfunk gekommen, und hat eine ganz neue Situation geschaffen.
Und wenn nun schon das Reden-Können an sich eine seltene Begabung ist, so kommt im Rundfunk noch als Schwierigkeit hinzu, daß man dort unter besonderen Bedingungen spricht, die studiert werden müssen. Die Entfernung des Sprechenden vom Mikrophon, die Stärke keiner Stimmgebung, Monotonie oder Farbigkeit — dies und viele an- oere Momente spielen dabei eine Rolle.
Und dieses Studium der Rundfunkrede ist nun praktisch in Angriff genommen worden. Seit einiger Zeit befindet sich an der Berliner Hochschule für Musik eine Rundfunkversuchsstelle. Das ist der Ort für Versuche und Uebungen dieser Art, auf allen Gebieten, die dabei in Frage kommen — für Musik so gut wie für gesprochenes Wort. Hier ist der erste Kursus für das Sprechen im Rundfunk eröffnet worden. Und zwar hat man dafür die Form einer Arbeitsgemeinschaft gewählt, an der sich gegen geringes Honorar jeder Interessierte beteiligen kann. In erster Linie ist dabei an die Technik des Rundfunkvortrages gedacht, während die ebenfalls brennend wichtigen Fragen künstlerischer Sprachgestaltung und Rezitation vorläufig noch beiseite gelassen werden, um eine klare Abgrenzung des Arbeitsgebietes zu finden. Geleitet wird der Kursus von zwei Personen; hier braucht man als Lehrer erstens eine Persönlichkeit, die sich speziell mit Sprachtechnik beschäftigt hat — das ist in diesem Fall der Lektor der „Deutschen Welle" Graef; und zweitens einen Psychologen und Stilisten, und diese letztere Funktion hat Dr. Würzburger, Abteilungsleiter der Deutschen Welle, übernommen.
In der Berliner Rundfunkoersuchsstelle ist einmal die ganze Apparatur eines Aufnahmeraumes aufgebaut, mit allen Hilfsmitteln der akustischen Raumveränderung, durch die der Schall mehr oder weniger . stark gedämpft wird, mit verschiedenen Mikrophonen, allen notwendigen Berftärkersätzen ufw. Und dann gibt es noch verschiedene Besonderheiten, die in diesem Falle besonders nützlich und notwendig sind.
Denn dort kann man die einzigartige Gelegenheit haben, sich selbst zu hören, sei es nun sprechend oder musizierend. Sie meinen, man höre sich doch fortwährend, wenn man nicht gerade taub ist?! Das schon — aber nicht richtig. Dazu muh man schon die Technik zu Hilfe rufen. Sie bietet einem hier etwas Aehnliches wie ein vielfach verbessertes Grammophon, freilich mit anderen Mitteln als in der Schallplattenindustrie üblich. Man spricht wie im Aufnahmeraum in ein Mikrophon — und knapp nachdem man geendet, kann man das Gleiche schon wieder reproduziert vernehmen. Aus dem Lautsprecher tönt einem die eigene Stimme und Sprache entgegen — und keiner, keiner kennt sich wieder. Jeder behauptet, es müsse da irgend ein Irrtum vorliegen — bin ich das wirklich?, ist die allgemein übliche Frage. Der Mensch hat im allgemeinen, obwohl er sich doch dauernd hört, keine Ahnung, wie er spricht — das ist die merkwürdige Erfahrung, die man hier macht. Er muß erst in diesen „akustischen Spiegel" blicken, wie man das wohl genannt hat, um es zu erfahren. Der „Stillesche Schreiber" vollbringt dieses Wunder, bei dem die Klangeindrücke auf einem magnetisierbaren Draht festgehalten und leicht wieder ausgelöscht werden können. Die Wiedergabe erfolgt dabei genau wie im Rundfunk durch die gleichen Lautsprecher.
Und damit ist nun einmal die erste Vorbedingung zur Schulung des Rundfunkredners gegeben. Wenn er vorher nur ahnte, wie er im Rundfunk wirkt, und sich, um darüber orientiert zu sein, mehr oder minder ängstlich bei seinen Bekannten erkundigen mußte: hat es Ihnen gefallen? — so kann er sich jetzt selber hören, und damit kontrollieren. Meist fallen ihm dann schon selber die gröbsten Fehler auf. Und der Unterricht spielt sich dort folgendermaßen ab:
Einer der Teilnehmer wird aufgefordert, ein Stück eines Vortrages zu sprechen. In dem Raum, in dem die Teilnehmer des Kursus versammelt sind, hört man seine Stimme aus dem Lautsprecher, denn er befindet sich dabei an anderer Stelle. Dann kommt er zu der Arbeitsgruppe zurück — und alle zusammen hören nun, mit den beiden Leitern, das gleiche Stück noch einmal an aus dem „akustischen Spiegel" des Stilleschen Schreibers. Und nun ist etwas sehr Bemerkenswertes festzustellen: noch ehe die Leiter sich kritisch geäußert haben, sind sich die Teilnehmer meist einig über den Charakter der Fehler, die der Sprechende gemacht hat. Der' eine spricht zu monoton, der andere wieder zu unsachlich, einer legt zu viel Nachdruck auf jedes Wort und zerreißt dadurch den gedanklichen Zusammenhang, ein vierter sächselt bedenklich, ein ■fünfter hat einen Sprachfehler, der spricht das s zu schwach, jener die Bokale zu dumpf — alle diese Einzelheiten werden dann gemeinsam erörtert. Und die gleiche Bedeutung kommt der Gestaltung der stilistischen Darstellung zu. Die Vortragenden kommen aus ihren verschiedenen Berufen, oft sind sie ohne jede Berührung mit den breiten Massen des Volkes — da müssen sie lernen, sich erst einmal zu vergegenwärtigen, mit welchen Voraussetzungen der Hörer im allgemeinen an den Apparat herangeht — daß er vielleicht müde ist, sicher immer sehr kritisch — und wie man es anfängt, seine Aufmerksamkeit zu spannen und wach zu erhalten.
Das alles wird hier gelehrt; und wenn man schon jetzt feststellen kann, wie viel lebendiger die Borträge an den deutschen Sendern in den letzten Jahren dank der dahin zielenden Bemühungen der Sendeleitungen geworden sind — so wird das systematische Studium und die Ausbildung, wie sie an der Berliner Versuchsstelle erfolgt, sicher eine weitere günstige Entwicklung nach diefer Richtung hin vorbereiten.
lieber das Ralfe! unserer Haut.
Von Professor Dr. Max Bergmann, Dresden.
Die Erfinder der Dampfmaschine, des Phonographen und des Lust schiffs sind in aller Mund. Aber niemand nennt uns den oder die Erfinder der ersten Fellkleidung oder würdigt auch nur den geistige Schöpfungsakt jener primitiven Urmenschen, welche den Gedanken ausdachten, ihre eigene Haut durch das Fell eines erlegten Jagdtieres vor Kälte und Beschädigung zu schützen, oder den weiteren Gedanken, Fellkleid durch Präparation, durch „Gerben" geschmeidig zu machen. Unb doch sind solche Erfindungen nicht nur die ältesten, sondern auch die für die Erhaltung und Ausbreitung des Menschengeschlechts nachhaltigste« geblieben. Auch der verwöhnte moderne Kulturmensch braucht nicht z« fürchten, als ein „Esel in der Löwenhaut" verlacht zu werden, wenn« sich in Leder oder Pelz kleidet.
Wir haben es auf vielen Gebieten erlebt, daß unser hochentwickeltes technisches Können Wege gefunden hat, von der Natur zur Verfügung gestellte Materialien nachzuahmen oder sie sogar durch Kunstprodukte zn übertreffen. Bei Haut und Leder ist uns dieser letzte Erfolg bisher versagt geblieben. Zwar wissen wir feit langem — und man kann dies ja bei gewaltsamem Zerreißen von Leder unschwer erkennen — daß die Haut ein inniges Geflecht aus langen dünnen Faserbündeln ist. Wir sind uns aber selten dessen bewußt, daß alle die Gewebe, die wir uns aus Tier- und Pflanzenfasern herstellen, im Grunde nur Nachbildungen des Gewebes von Haut und Leder find, geschickte, aber in vieler Hinsicht doch nur recht unvollkommene Nachbildungen. Die Ueberlegenheit des Hautgewebes hängt zusammen mit seinen vielseitigen biologischen Aufgaben. Denn das Kleid, das uns die Natur auf den Leib geschnitten hat, darf nicht zu eng oder zu weit, und muß geschmeidig und elastisch sein, um jeder unserer Bewegungen Raum zu bieten.
Wir alle kennen das unangenehme, stickige Gefühl, daß Gummihandschuhe oder ganze Kleidungsstücke aus Gummi verursachen und dürfen daraus auf einen lebhaften Gasaustausch schließen, den unser Körper mit der Umgebung durch die Haut hindurch aufrechterhalten möchte. Sie Haut ist sehr porös für Luft, Wasserdampf und andere Gase. Andererseits darf sie bei aller Porösität doch nicht leicht passierbar sür Flüssigkeiten und besonders für Wasser sein; sonst würden ja jeder Regen und jedes Bad für uns ein Verlust wertvoller Körpersäste und damit Lebensgefahr bedeuten. Neben diesen unmittelbar einleuchtenden vorzüglichen Eigenschaften des Hautgewebes gibt es noch zahlreiche andere, die uns nur durch ein wissenschaftliches Instrumentarium erkennbar gemacht werden. Wir werden die Aufgabe jeder Art von Gerberei darin erblicken, alle die erwähnten einzigartigen wertvollen Eigenschaften der Haut auch dem Leder zu erhalten und dabei, je nach dem besonderen Verwendungszweck des Leders, auf die eine oder die andere Eigenschaft gesteigerten Wert legen: beim Treibriemen wie beim Handschuh auf zarte Weichheit und Dehnbarkeit, bei der Schuhsohle auf dauerhafte Widerstandskraft gegen die Unebenheiten des Bodens und gegen Nässe, trotz hinreichender Luftdurchlässigkeit; bei Pelz- und Lederkleidung auf das Spenden eines behaglichen Wärmegefühls. In jahrtausendlangem instinktmäßigem Probieren zahlloser Einzelpersonen hat die Menschheit Methoden erlernt, um Lederarten zur Befriedigung aller der erwähnten Einzelwünsche herzustellen und hat ihre Kenntnis durch Weitergabe vom Meister an den Gesellen erhalten.
Es ist ein weiter Weg von jenen primitiven Völkern, welche im Familienkreis Tierfelle durch langwieriges Kauen mit den Zähnen oder durch Klopfen mit Steinen herrichteten, bis zu den modernen Riesenbetrieben, die täglich viele Tausende von Grohtierhäuten mit Maschinen verarbeiten. Und es ist ein ebenso großer Schritt von jenem allen Tychios in Hyle, der von Homer als Berfertiger des fiebenhäuiigen Kampfschildes des Ajax besungen wird, „hoch berühmt in des Leder- Bereitungen", bis zu jenen farbenprächtigen Gebrauchs- und Luxus- gegenständen, die unser Kunstgewerbe aus allen möglichen Tierhäuten herstellt und die so gar nicht mehr „ledern" aussehen. Aber alle diese empirisch gefundenen Fortschritte, mögen sie noch so bedeutend sein, befriedigen uns heute nicht mehr.
Im gegenwärtigen Umstellungsprozeß von Handwerk zur Groß- industrie kann sich der Gerber nicht mehr zufrieden geben mit roher Empirie und ererbten Rezepten, sondern er verlangt nach wissenschaftlich fundierter, gründlicher Materialkenntnis, um darauf eine rationelle Materialbearbeitung aufzubauen. Darum sehen wir in allen Kulturländern Forschungsstätten zur Pflege der verhältnismäßig jungen Wissenschaft der Gerbereichemie erstehen. Ursprünglich hat diese Wissenschaft ihr Interesse mehr auf die analytische Chemie der Gerbstoffe, jener Stoffe, welche aus Haut Leder machen, konzentriert und auf die anderen chemischen Hilfsstoffe des Gerbers; erst allmählich und besonders im letzten IM- zehnt wagt sie den schwierigen Schritt zur Erforschung des chemischen Feinbaues der Hautfaser, jener Eingelfasern, von denen immer viele zu Bündeln zusammengefaßt in der Haut liegen. Wir wissen, daß der chemische Feinbau der Hautfaser, der weit jenseits der Grenze M mikroskopisch Sichtbaren liegt, bestimmend ist für das ganze physikalische und chemische Verhalten der Haut, also auch für die Eigenschaften des daraus gegerbten Leders, und darum arbeiten wir, besonders auch >" Deutschland an neuen wissenschaftlichen Untersuchungsverfahren, die uns jene Kenntnis, die wir nicht durch unsere Augen erlangen können, «u indirektem Weg ermitteln sollen. In dem Maße, wie wir der Techm eine Erweiterung ihres Wissens nach dieser Richtung ermöglichen, sie ihre Arbeitsmethoden zu jener Harmonie zwischen dennaturgegevem Eigenschaften ihres tierischen Rohstoffes und den erwünschten t-iM schasten ihres Fertigfabrikates entwickeln können, die das Endziel je vernünftigen technischen Arbeit ist. Eine solche wissenschaftliche Gerb« - chemie von höherer Warte aus, die übrigens auch viele andere von Wissenschaft und Wirtschaft befruchtet, sührt über eine Ration«»! - rung und Intensivierung der Erzeugung auch zu ihrer Verbilligung.


