Ausgabe 
7.6.1929
 
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die Aalsuppe ist doch die gleiche geblieben, und dem allen Hamburger Jacht das Herz im Leibe, wenn er an sie denkt. Nicht wahr, Adele?"

Mit schelmischem Blick wandte sich der alte Herr zu der Binnen- landerin, und sie wurde verlegen. Dann aber sah sie ihn ausrichtig an.

Onkel, ich will gern eine gute Hamburgerin werden, aber die Aal­suppe" leise schauerte sie zusammen.

Onkel Thomas lachte.

Nun, wir wollen sehen, Kind. Zwingen kann dich niemand zu deinem Glück; mit der Zeit aber pflückt man Rosen und lernt die Aal­suppe schätzen. Ich habe Binnenländer gekannt, die nach der ersten Be­kanntschaft mit der Aalsuppe vom Tisch aufstehen und in die srische Luft flüchten mußten, die aber später, gerade so wie ich, beim dritten Teller den Rock auszogen und am liebsten noch zum viertenmal nahmen. Der echte Hamburger nimmt seine Aalsuppe überall hin. Es gibt Ge­schäfte, die sie in Blechdosen nach allen Ländern der Erde verschicken. In einer Dose ist die Suppe mit den neunerlei Kräutern, in der andern die Aale, in der dritten die Birnen. Du kannst dir kaum denken, Kind, welch ein Gefühl es ist, wenn man in Valparaiso sitzt oder in Buenos Aires, in Rangoon oder in Schanghai, wenn dann die Schisse die Aal­suppe mitbringen, wenn es im fernen Land plötzlich nach den neunerlei Kräutern duftet, nach den nordischen Sommerbirnen, nach den säuern Aalen. Bei der Aalsuppe, die unter fremdem Himmel gegessen wurde, ist schon mancher Gedanke in die Heimat gezogen, und es ist nicht der schlechteste gewesen!"

Onkel Thomas war nachdenklich geworden, schwieg eine Weile, horchte auf die verklingenden Geräusche der Stadt und auf das leise Rauschen der Bäume über ihm.

In Singapore bin ich manches Jahr gewesen", begann er von neuem. Als Zwanzigjähriger ging ich hinaus, hatte erst wütendes Heimweh, verdiente aber viel Geld und kam bald in lockere Gesellschaft. Sehr lockere Gesellschaft."

Onkel Thomas wiederholte das Wort und blies etliche Rauchringe, ehe er weiter sprach.

Heutzutage wird jedermann von mir sagen, der alte Thomas hat gewiß nie ein Wässerchen getrübt: hat drüben einen Sack Geld verdient und ist dann gemütlich heimgekehrt, um hier in Frieden seine Aalsuppe zu essen. So sieht es auch jetzt beinahe aus; aber in Singapore gab es doch einen Tag, da wußte ich weder ein noch aus. Da hatte ich all mein verdientes und noch mehr Geld, was mir nicht gehörte, in einer Nacht im Spiel verloren, und das Mädchen, von dem ich sicher glaubte, sie hätte mich lieb, hörte mein Mißgeschick und warf sich flugs einem andern an den Hals. In den Tagen bin ich mit lachendem Mund um­hergegangen. Du liebe Zeit, wenn das Leben so eklig ist, dann schmeißt man es eben von sich. In Singapore kann man es, ohne daß davon große Geschichten gemacht werden, da verschwindet man im Dschungel oder läßt sich in einem Boot aufs Wasser rudern oder läßt sich von irgendeinem malaiischen Zauberer einen Liebestrank für den besten Feind brauen ach ja man kann es deichseln, und ehe die Kunde nach Europa kommt, ist man schon lange von den guten Freunden vergessen. Mit diesen Gedanken spielte ich ein paar Tage, und dann war es beschlossen: nächstens war ich verschwunden, und wer etwas von mir haben wollte, der mochte sehen, wie er es kriegte.

So um die Weihnachtszeit war es; aber man merkte nichts von Weihnachten. Es war heiß wie immer, und die tropischen Blumen blühten und dufteten. An einem Morgen, bald nach meinem Unglück, lief eine Hamburgische Bark in den Hasen, die direkt aus der Vater­stadt kam. Wenn damals ein Hamburger Schiff anlangte, bann war das ein Ereignis, und alle Hamburger liefen an den Hafen oder ließen sich ans Schiff rudern, um die ersten Nachrichten aus der Heimat oder von dem Kapitän irgend etwas Mitgebrachtes zu erhalten. Auch ich schlenderte ans Wasser, obgleich ich nichts zu erwarten hatte. Meine Eltern waren gestorben, an die Geschwister hatte ich lange nicht ge­schrieben. Auch sie würden nichts von sich hören lassen. So setzte ich mich bann auf einen Brückenpfeiler unb sah zu, wie bie Deutschen sich von den Eingeborenen ans Schiff fahren ließen. Eine Menge von Be­kannten war barunter, bie laut lachten unb scherzten. Um mich be­kümmerte sich niemanb. Sie wußten alle, baß ich mein Vermögen ver­spielt hatte, nun ließen sie mich in Ruhe. Nachher kehrten sie alle zurück: ber eine mit einem Packen Briefe, ber anbere mit Büchern unb Zei­tungen. Alle hatten sie etwas; unb ber kleine beutsche Uhrmacher, ber zu allerletzt aus seinem stachen Boot stolperte, trug mit strahlendem Ge­sicht ein Riesenpaket in beiden Armen.

Ich kannte ihn wohl. Er war ein Hamburger Jung wie ich, und wenn wir auch sonst nicht miteinander verkehrten, so hatte ich doch zuerst manchmal in seinem Laden gesessen unb mit ihm von Hamburg geplau­dert. In ben letzten Jahren hatte ich ihn nur wenig gesehen; wie er jetzt aber mühsam fein Paket an mir vorüberschleppte, währenb sein eingeborener Diener neben ihm einherstolzierte, ohne auch nur eine Feder zu tragen, da mußte ich lachen.Na Hermanns," sagte ich,Ihr brauner Halunke hat gute Tage! Was haben Sie sich denn vom Schiff geholt, daß ber Bengel es nicht einmal schleppen kann?"

Hermanns blieb stehen unb wischte sich ben Schweiß vom Gesicht.

Herr Thomas," sagte er feierlich,Ihre Hamburger Aalsuppe wür­den Sie auch nicht einem eingeborenen Schuft zu tragen geben, der vielleicht damit durchbrennt!"

Hamburger Aalsuppe! Ich glaube, mein Gesicht wurde sehr dumm, denn Hermanns lachte.

Gewiß, Herr Thomas! Hamburger Aalsuppe mit neunerlei Krau­tern, mit Klößen, Birnen und sauren Aalen. Alles in Blechdosen und fein eingelötet. Meine Mutter hat sie mir geschickt; morgen wird sie ge­gessen, unb wenn Sie dabei sein wollen, soll es mich freuen. Für mich allein wär es vielleicht doch noch etwas viel. In diesem verwünscht heißen Land kann man nicht soviel vertragen wie zu Haus am Bäcker­breitengang."

Nun, zuerst lehnte ich die Einladung kühl ab. Ich wollte ja was wollte ich nur noch? Ganz genau konnte ich mich nicht darauf besinnen:

das Wort Hamburger Aalsuppe klang mir in den Ohren. Ich mußte ans Elternhaus denken und an den Garten, den sich Vater mühsam an­gelegt hatte. Nun wohnte eine unverheiratete Schwester darin; aber der Besitz sollte verkauft werden, weil von den andern Geschwistern niemand soviel Geld hatte, um ihn zu übernehmen.

Auf morgen abend um acht also, Herr Thomas. Gut, daß Sie kom­men, allein schmeckt so etwas doch nicht so gut."

Da merkte ich, daß ich zugesagt hatte, obgleich ich eigentlich heute noch aus der Welt verschwinden wollte. Schließlich konnte ich ja noch über­morgen tun: die Hamburger Aalsuppe mußte doch noch genossen werden!"

Die Pfeife des Onkels war beim Sprechen ausgegangen; bedächtig zündete er sie wieder an.

Die Aalsuppe habe ich übrigens doch nicht gegessen. Als ich am an­dern Abend vor ihr saß, als der Duft der neunerlei Kräuter vor mir auf« stieg, da kam alles über mich. Das Heimweh und die Verzweiflung und der Gedanke, wie gut es war, daß meine Mutter nicht mehr lebte. Was würde sie zu meinem Leichtsinn, meinen finsteren Absichten gesagt haben! Als Herinanns zufrieden und gerührt den ersten Löffel zum Munde führte, da legte ich den Kopf auf den Tisch und weinte wie ein kleiner Junge. Nein, Aalsuppe konnte ich damals nicht essen; aber ich konnte mich mit Hermanns aussprechen, wie ich mich noch mit niemand ausgesprochen hatte. Und er war ein guter, mitfühlender Freund, der in seiner einfachen Art viel richtiger urteilte als die vornehmem jungen Leute, die mich nur kannten, solange es mir gut erging. Den andern Tag schon reifte ich nach Rangoon, wohin mir Hermanns Empfehlungen geben konnte. Dort glückte es mir, in eine gute Firma einzutreten, und nach einem Jahr konnte ich nach Hamburg schreiben, daß der väterliche Besitz nicht veräußert werden dürfte. Nach einigen Jahren kehrte ich selbst heim, um ihn zu über­nehmen.

Könnt ihr mirs da verdenken, daß ich an einem stillen Augusttag meine gesamte Familie einlud, um mit mir Äalsuppe zu essen? Hamburger Aalsuppe, bie mir in Singapore ben richtigen Weg gewiesen und mich an die alte Heimat erinnert hatte? Während die andern heiter plau­derten und ein Glas nach dem andern tranken, ah ich schweigend meine Suppe,- freute mich an dem Duft der neun Kräuter und dachte der Zeiten, da mein Vater durch den Garten wanderte und meine Mutter im Hause waltete. Sie waren von mir geschieden: ich aber nahm mir vor, den Besitz nicht herzugeben, solange ich ihn behalten konnte.

So ist es denn auch geworden. Alles, was sich allmählich um uns an­gebaut hatte, die Häuser und Gärten, sie haben Miethäusern unb elek­trischen Bahnen Platz machen müssen, aber mein Haus steht noch wie vor sechzig Jahren, unb Vaters Bäume sind so groß geworben, baß jeder sich darüber freut. Ein paar Jahre dürfen sie nun noch wachsen und Schatten spenden: gerade so lange, wie ich meine Hamburger Aalsuppe noch essen darf. Später, wenn meine Erben zu bestimmen haben, bann" Onkel Thomas zuckte bie Achseln unb horchte auf bas Rauschen der Bäume.

Da ftanb Adele, die Binnenländerin, auf.

Onkel Thomas," sagte sie feierlich,darf ich heute abend noch ein­mal die Suppe probieren? Ich glaube, sie wird mir sehr gut schmecken!"

Wir andern aber riefen:Es lebe die Hamburger Aalsuppe!"

Schmerzliche Jugend.

Von Dr. Hedwig Fischmann.

Eine wehe, müde Weise flattert auf, die Weise von der verlorenen Jugend. Unselig, wem sie Lebensmelodie bedeutet, wem es vom Schicksal beschieden war, ein Leben ohne Jugend leben zu müssen. Mag ihm das Glück später auch noch so verschwenderisch seine Gaben zuwerfen, die Hände, die sich in frühem Leide gekrampft haben, werden, wundmal- gezeichnet, alles mit gleichgültiger Gebärde empfangen.

Verscherzte Jugend ist ein Schmerz Und einer ew'gen Sehnsucht Hort, Nach seinem Lenze sucht das Herz In einem fort, in einem fort."

So klingt Conrad Ferdinand Meyers erschütternde Klage, die dem eigenen bittersten Erlebnis wie dem unzähliger im gleichen Schmerz Verstummter Sprache verleiht. Ist dach das glückliche Geschöpf, daß der Erwachsene, vom trügerischen Schimmer verklärender Erinnerung ver­führt, so gern in jedem Kind erblicken möchte, gar oft nur ein Gebilde seiner eigenen Phantasie, indessen sich die empfindsame Kinderseele wund- reiht an den kleinsten Spitzen und Dornen und in heimlichem Leide blutet. Dies war das Los, das der so überaus sensitiven, aus der Dumpf­heit ihrer Verpuppung schwer zum Lichte sich emporringenden Künstler­seele des jungen Conrad Ferdinand Meyer gefallen war, diesem fpoten Sprößling zweier hochgezüchteter Patriziergeschlechter. Der frühe -von des Vaters, die Erziehungsweise der zur Leitung des schwankenden Sohnes im höchsten Grade ungeeigneten, feinsinnigen Mutter, das ewig drohende Gespenst geistiger Umnachtung waren die düsteren Schatten, die über der Jugend dieses Dichters lagerten, und ihm die Kindheit zu einem Martyrium gestalteten, wie er es Jahrzehnte später in glaiajer Furchtbarkeit in denLeiden eines Knaben" abgespiegelt hat. Seme Schwester Betsy berichtet, daß er nach einer von einem jäf)3orntgen älteren Verwandten empfangenen Züchtigung lange Zeit etwas Gevra- chenes in seinem ganzen Wesen an sich gehabt habe. Immer scheue, immer ungeselliger wurde der Knabe, vor allen fliehend, wählte e schließlich nur die Nacht und ben Mondschein zum Verlassen des Hause1, da dieser ihmmit seinen fünften Lichtern die Grenzen der engen u - geschlossenheit verhüllte." So qualvoll, einem Gefangenen gleich, emp- fand er sein Jugenddasein, und hart am selbstgewählten -rode vor führte sein Weg. mh,r

Aber wie leidvoll selbst für eine kräftigere, weniger ueroofe als die des Züricher Dichters die Kinderjahre sich durch eine ube g Phantasietätigkeit gestalten können, davon geben die Auszeichnung