sich
nun in dem Totengesang;
„Höre!" sagte die Kinderstimme.
Feierliche Akkorde gemischter Stimmen erhoben
DerantwvrtUch: 0r. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf iialS^Buch- und Stetndruckerri, A. Lang«, G-ehen.
Turm. , .
Es war eine gedämpfte, wehmütige Melodie — ein . und wie Trotty lauschte, hörte er fein Kind unter den Sängern.
„Sie ist tot!" rief der alte Mann. „Meg ist tot! Ihr Geist ruft mich — icb höre ihn!"
„©er Geist deines Kindes beklagt die Toten — die erstorbenen Hoffnungen und erstorbenen Jugendträume", erwiderte die Glocke. „Aber sie lebt. Seme aus ihrem Leben eine lebendige Wahrheit. Gerne aus dem Wesen, das deinem Herzen am tenerften ist, wie schlecht die schlecht Geborenen sind. Sieh, wie sede Knospe und sedes Blatt nacheinander von dem schönsten Stengel gepflückt wurde, und erkenne daraus, wie kahl und elend er dann sein mag. Folge ihr — in die Verzweiflung!"
Jede von den Schattengestalten streckte ihren rechten Arm aus und
Himmel schwebte.
Kein Wunder, daß das Herz eines alten Mannes einen so ungeheuren, gewaltigen Ton nicht einzuschlietzen vermochte. Er brach aus diesem schwachen Gefängnis in einem Strom von Tränen, und Trotty preßte
deutete nach unten. .,
„Der Geist der Glocken ist dein Begleiter", sagte die Gestalt. „Geh! er steht hinter dir!" ~
Trotty wandte sich um und sah — das Kind? das Kind, das Will Fem in der Straße getragen hatte; das Kind, das jetzt schlief und an dessen Bett Meg wachte! „
„Ich habe es selbst diesen Abend getragen", sagte Trotty. ,Zn diesen meinen Armen!"
„Zeigt ihm, was er sein Selbst nennt", sagten die dunklen Gestalten lm Der'Turm öffnete sich unter seinen Füßen. Er sah hinab und sah seine Gestalt außen aus dem Boden liegen — zerschmettert und rcfliin^stos.
„Nicht mehr ein lebendiger Mensch!" ries Trotty. „Tot!"
„Tot!" sagten die Gestalten alle zugleich.
„Barmherziger Himmel! Und das Neujahr..."
„Berganaen". sagten die Gestalten.
Wie?" rief er schaudernd. „So verfehlte ich wohl meinen Weg, gelangte in der Dunkelheit an die Außenseite dieses Turmes und fiel hinunter — vor einem Jahr?"
„Bor neun Jahren!" versetzten die Schatten.
Wahrend sie diese Antwort gaben, nahmen sie ihre ausgestreckten Hande wieder an sich, und wo ihre Gestalten geschwebt hatten, befanden sich jetzt die Glocken, '
Und sie erklangen — ihre Zeit roar wieder gekommen. Und abermals spranaen zahllose Phantome ins Dasein, die dieselbe Zusammenhangs- losig'eii zeigten wie früher; abermals verblichen sie, sobald die Glocken- zunaen ruhten, und fielen in ein Nichts zusammen.
,',Wer sind diese?" fragte er feinen Führer. „Wenn ich nicht verdickt werden soll, wer sind diese?"
Cs sind Geister der Glocken — ihr Ton in der Luft", entgegnet« das Kind. „Sie nehmen dieselben Gestatten und Beschäftigungen an, die ihnen von den Hoffnungen, Gedanken und Erinnerungen der Sterblichen gegeben werden." „ . . „
„Und du." rief Trotty außer sich — „wer bist du?
„Still, still!" erwiderte das Kind. „Sieh da hinl"
In einem schlechten, ärmlichen Gemach arbeitete an derselben Art von Stickerei, wie er es ost gesehen hatte, feine liebe Tochter Meg. Er versuchte nicht, Küsse auf ihr Gesicht zu drücken oder sie an sein klopfendes Herz zu pressen, denn er w'itzte. daß es für ihn keine solchen Liebkosungen mehr äab. Aber er hielt seinen zitternden Atem an und wischte die blendenden Tränen weg, um sie sehen, nur sehen zu können.
Ach! verändert — und wie verändert! Wie trüb war das Licht des klaren Auges, wie verblichen der Schmelz ihrer Wangen! Zwar war sie noch o schön wie immer, aber die Hoffnung, die Hoffnung, die Hoffnung — ach, wo war die frische Hoffnung, die ihn wie eine Stimme an- gerusen hatte. m
Sie blickte von ihrer Arbeit auf nach einer Gefährtin. Der alte Mann folgte ihren Augen und fuhr betroffen zurück.
In dem erwachsenen Mädchen erkannte er sie auf den ersten Blick. Er
" „Nicht mit Absicht!" sagie Troiiy. „Nur in meiner Unwissenheit — nicht mit Absicht." t „
„Zuletzt und vor allem" — nahm die Glocke wieder auf — „wer ben Gefallenen seines Geschlechts den Rücken kehrt, sie als schlecht aufgibt und nicht mit mitleidigem Auge den offenen Abgrund mißt, durch den sie vom Guten abfielen, obschon sie noch in ihrem Sturz nach einigen Schollen des verlorenen Bodens griffen und sich an dieselben an- klammerten, selbst als sie schon zerquetscht und sterbend in der Kluft unten lagen — wer dies tut, begeht ein Unrecht an dem Himmel, an der Menschheit, an Zeit und Ewigkeit. Du hast dieses Unrecht getan!"
„Schone mich!" rief Troty, auf seine Knie niederfallend; um aller Barmherzigkeit willen!"
„Höre!" sagte der Schatten.
„Höre!" riesen die übrigen Schatten.
„Höre!" sagte eine klare, kindliche Stimme, die Trotty schon früher gehört zu haben vermeinte.
Die Orgel tönte leise in der Kirche unten. Nach und nach anschwellend stieg die Melodie bis zu dem Dach hinan und erfüllte Chor und Schiff. Mehr und mehr sich ausbreitend, schwang sie hinauf, immer hoher und höher hinauf, wobei sie in dem derben Eichengebälk, den hohlen Glocken, den eisenbeschlagenen Türen und den steinernen Treppen erregte Herzen weckte, bis die Turmmauern sie nicht mehr fassen konnten und sie gen
sah in den fangen seidenen Haaren noch dieselben Locken, und um die Lippen noch immer den kindlichen Ausdruck. Ja, in den Augen, die sich jetzt sragend an Meg wandten, leuchtete noch derselbe Blick, wie zur Zeit, als er sie nach Hause brachte.
Was war denn dies neben ihm?
Mit Grausen sah er sich nach dem Kinde um und bemerkte in dessen Gesicht etwas Ueberirdisches, Unbestimmtes, Undeutllches, das kaum mehr an jenes Kind erinnerte als die andere Gestalt; und doch war es dieselbe — dieselbe — und trug auch das nämliche Kleid.
Horcht Sie sprachen.
„Meg", sagte L.lian stockend. „Wie oft du von deiner Arbeit auf- schaust, um auch anzujehen!"
„Sind meine Blicke so verändert, daß sie dich erschrecken?" sagte Meg.
„Nein, meine Liebe! Aber du lächelst selbst darüber! Warum lächelst du nicht, wenn du mich ansiehst?"
„Ich tue es ja. Oder nicht?" antwortete sie, ihr zulächelnd.
„Jetzt wohl," sagte Lilian, „aber gewöhnlich nicht. Wenn du denkst, ich fei beschäftigt und sehe dich nicht, ist deine Miene so ängstlich und be- kümmert, daß ich kaum meine Augen zu erheben wage. Man hat wohl in diesem harten und mühsamen Leben wenig Grund zum Lächeln; aber du warst einst so heiter." ... . , .
, Bin id) s nicht noch?" rief Meg im Ton seltsamer Unruhe und erhob sich,'um ihre Gefährtin zu umarmen. „Mache ich dir das mühsame Geben noch mühsamer, Lilian?"
, Du warst das Einzige, das unser Geben überhaupt zu einem Geben Machte," sagte Gilian, sie glühend küssend, „und auch das Einzige, da, mir bisweilen noch ein solches Geben wert macht, Meg. Ach, diese Arbeit, diese Arbeit! So viele Stunden, so viele Tage, so viele lange, lange Nacht« Hoffnung loser, ertötender und nie endender Arbeit — nicht um Reich- tümer aufzuhäufen, nicht um herrlich und in Freuden zu leben, nicht um auch bloß sorglos leben zu können, so einfach auch unsre Kost sein mag, sondern nur, um das trockene Brot zu verdienen, just um soviel zu- sammenzuscharren, damit wir weiterleben und weiter Not leiden und m uns das Bewußtsein unsres harten Schicksals lebendig erhalten tonnen 1 0 Meg, Meg!" Sie erhob ihre Stimme und schlang ihre Arme um sie. wie in herbem Schmerze. „Wie kann die grausame Welt ihren Kreislauf gehen und den Anblick solcher Geben ertragen!"
Lilly'" sagte Meg beschwichtigend, indem sie ihr das Haar aus dem feuchten Gesicht strich. „Ach Lilly! Du! fo hübsch und so jung!"
,O Meg!" fiel ihr Gilian ins Wort, indem sie ihre Freundin auf Armeslänge vor sich hinhielt und flehend in ihr Gesicht blickte. „Das ist das Schlimmste, das Schlimmste von allem! Mache mich alt, Meg! Gib mir Runzeln und einen welken Geib, um mich von den schrecklichen Gedanken zu befreien, die m ch in meiner Jugend zu verlocken suchen!
Trotty wandte sich, um nach seinem Führer zu sehen. Aber der Geist des Kindes war entflohen — fort.
Aber auch er blieb nicht an demselben Platze. S,r Joseph Bowley, der Freund und Vater der Armen, hielt in Bowley Hall zu Ehren des Geburtstages der Lady Bowley ein großes Feftgelage. und da Lady Bowley am Neujahrstag geboren war — ein Umstand, den die Lokalzeitungen als einen ausdrücklichen Wink der Vorsehung bezeichneten, daß Lady Bowley in der Zahlenreihe der Schöpfung für Nummer Eins bestimmt sei — fand auch dieses Gelage an einem Neujahrstag statt.
Bowley Hall strotzte von Gästen. Der rotgestchtige Gentlemar. war da, Herr filier war da. der große Alderman Cute war do — Alderman Gute empfand ein sehr wohltuendes Gefühl lm Verkehre mit vornehmen Leuten und hatte vermöge feines aufmerksamen Briefes große Fortschritte m Sir Joseph Bowleys Bekanntschaft gemacht, indem er seitdem eigentlich zu einem fiamilienfreunb wurde — und noch viele andere Gaste waren da Auch Trvttys Gest war zugegen und wanderte traurig als ein armes Phantom auf der Suche nach seinem Führer umher.
In der großen Halle sollte ein prachtvolles Festmahl gegeben werden, und Sir Joseph Bowley in seinem gefeierten Charakter als Freund und Vater der Armen sollte eine bedeutsame Rede dabet halten. Seme Freunde und Kinder durften zuerst in einer andern Halle eine gewiße Anzahl von Pflaumenpuddingen verzehren und sollten dann auf em gegebenes Signal zu ihren Freunden und Vätern hincinftromen, um eine Fam'lienversammluna zu bilden, bet der kein Männerauge von Tranen unbefeuchtet bleiben sollte. . . -.
Aber noch mehr als dies sollte geschehen. Sogar noch mehr. Str Joseph Bowley. Baronet und Parlamentsmitglied, .hatte sich varge- nommen, mit feinen Pächtern eine Kegelpartie — eine wirkliche Segel» P „Das erinnert mich ganz an die Tage des alten Königs Heinz, des wackern Königs Heinz, des leutseligen Königs Heinz, jagte Alderman (Sitte „Ah! ein prächtiger Mann!" ,
„Sehr," bemerkte fiiler trocken, „um Weiber zu heiraten und sie umzubringen. Und noch obendrein beträchtlich mehr als die Durchschmrts- ^Jhr werdet' die schönen Damen heiraten und sie nichts umbringen, he?" sagte Alderman Cute zu dem Erben von Bowley. einem zwölfjährigen Jungen. „Ein süßer Knabe! Wir werden die en kleinen Gentleman im Parlament haben," fügte er bei, indem er ihn bei der Sckutter faßte und ihn so aufmerksam als nur möglich ansah, „ehe mir wissen, wo wir sind. Wir werden hören von fernen Erfolgen bei den Wahlen, von seinen Reden im Hause, von den Anträgen die ihm die Regierung macht, von seinen herrbchen Kenntnissen aus allen Gebieten! Ja ich stehe dafür, wir werden im Gemernderat gleichfalls kleine Reden über ihn halten, ehe wir Zeit haben, uns umzusehen!"
„O welch ein Unterschied bei Schuhen und Strümpfen! dachte Trotty. Aber sein Herz sehnte sich nach seinem kleinen Führer um derselben schuh- und strumpflosen Knaben willen, die die Kinder der armen Meg s konnten und der Prophezeiung des Alderman zufolge schlecht ausfallen mußten. (Fortsetzung folgt.)
gewaltigen Von nicht etnzu>cyuetzen vermoane. i$r vru schwachen Gefängnis in einem Strom von Tränen, und seine Hände vor das Gesicht.
„Höre!" sagte der Schatten.
„Höre!" riefen die andern Schatten.


