Ausgabe 
6.12.1929
 
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seine Lage nicht. Er hat die Herrschaft über sich selbst; das ganze Wesen bleibt immer von einem Punkt aus zusammengehalten. Er kommandiert seinen Körper, sein Gedächtnis, seine Geduld, seinen Zorn. Denkkrast und Willen marschieren vereint. Jeder könnte so sein, fast niemand ist so.

Das eigentlich Singuläre aber ist dies: neben dem ungeheuren Bon sens geht ein ungeheures Ernstnehmen der eigenen Pläne und der da­hinter stehenden eigenen Personen, das direkt ins Mystische führt. Hier sind wir mit einem Schritt durch den Erdmittelpunkt hindurch in die un­serer normalen Welt entgegengesetzte Region gedrungen. Denn was wir die normale Welt nennen, ist die Welt der Selbstsucht, die aber bei wach­sender Klarheit in Selbstironie umschlägt, weil früher oder später die Umstände übermächtig werden. Er aber kennt keine Uebermacht der Umstände. Grenzenlos'im Aufsichnehmen von Entscheidungen, empsindet er sich selbst als Fatum hebend und kein Fatum empfangend. Goethe, der alles fab und verstand, hat auch dies gesehen und mit der größten Klarheit noch bei jenes Lebzeiten ausgesprochen:Bildet euch nur nicht ein, klüger zu sein als er: er verfolgt jedesmal einen Zweck; was ihm in den Weg tritt, wird niedergemacht, aus dem Wege geräumt, und wenn es fein leiblicher Sohn wäre. Er liebt alles, was ihm zu seinem Zweck dienen kann, so sehr es auch von seiner individuellsten Gemütsstimmung abweicht. Daher kommt es auch auf eins hinaus, ob man von ihm geliebt oder ge­haßt wird. Er lebt jedesmal in einer Idee, einem Zweck, einem Plan, und nur diesem muß man sich in acht nehmen, in den Weg zu treten, weil er in diesem Punkt keine Schonung kennt." Das gleiche in lapidarer Kürze spricht er selbst aus, in dem Erfurter Gespräch mit Goethe, wenn er die Poetisierung des Schicksals durch die neuen Dichter als schwächlich und un­wahr ablehnt.Es gibt kein Schicksal, die Politik ist das Schicksal."

Hier geht er über das Europäisch-individualistische, über das, was die Renaissance aus zwei Zeitaltern, deren Erbe sie eins ins andere geschlagen hatte, ausdestilliert hat, hinaus: in der Kraft, nicht in der Richtung. Etwas davon ist in uns allen. Das Menschliche und das Unmenschliche das über die Menschen Hinausgehende liegt in uns, als Antrieb oder Ber- stichung: welche Gewalt es gewinnen kann und in welchen Grenzen, das ist das moralische Hauptthema unserer Existenz. (Goethe stellte Napoleon aus der Welt der Moralität hinaus unter dis großen physischen Ur­sachen.) Darum sehen die großen Russen Tolstoi und Dostojewski in ihm schlechtweg den Wirbel des Daseins. Seine Figur ist geradezu der Angel­punkt, um den ihr Denken sich dreht, sofern es sich auf das Okzidentalisch- europäische bezieht. Sie nehmen in einer großartigen Weise den Gedanken auf, der sich unter seinen Zeitgenossen festsetzte, als die ganze Wucht eines solchen Wesens auf ihnen lag: er sei dem Antichrist der Offenbarung Johannis gleichzusetzen.

Für uns, die wir zwischen den Zeiten hangen, ist er ein ungeheures Sinnbild und kein Monstrum, wenngleich außerhalb der Sittlichkeit stehend. Wesen solcher Art wecken in uns ein Gefühl, das in keine der Kategorien paßt. Sie reinigen aber und stärken auch, indem sie etwas in uns berühren, das tot liegt und von keinem analytischen Denken be­rührt wird; nur die höchste, seltenste Synthese, vollzogen in der lebenden Gestalt, rührt uns ins Mark. Je nach der Glaubenskraft des Gemütes offenbart sich dann hinter dem Seltensten selber noch ein Höheres, Letztes, Absolutes, und die Seele beugt sich vor diesem Höchsten.

Am Abgrund der Zeit.

Don Prof. Dr. E. Kraus.

Für das Kind ist der Erwachsene uralt. Der Erwachsene schaut ins Bodenlose, wenn er die unendlich erscheinende Zahl der Ereignisse bedenkt, welche die historische Ueberlieserung seit der Zeit des klassischen Altertums zu berichten weiß. Und noch nebelhafter sind die Fernen desgrauesten Altertums", in denen noch nichts von Schriftzeichen bekannt war, wo Steinwerkzeuge die höchste Zivilisation ausmachten. Aber auch diese rie­sigen Zeiträume der Steinzeit, die wir heute zwischen etwa 15 000 und 250 000 Jahren ansetzten, schrumpfen noch zu einem Geringen zusammen, wenn wir den Blick von der Menschheitsgeschichte auf die Erdgeschichte richten, an deren allerjüngstem Zeitabschnitt nur der Mensch mitbeteiligt ist.

Die Geologie ist gewohnt, mit Einheiten in der Größenordnung etwa von einer Jahrmillion zu rechnen. Die uns verhältnismäßig gut bekannten, durch Fossilien gekennzeichneten Zeiträume der verschiedenen Formationen und ihrer Unterabteilungen sind alltägliche, gewohnte Maße. Aber auch der Geologe steht vor einem Abgrund an Zeit, wenn er noch weiter zu­rückschaut. In den ältesten Teilen der Kontinente, wie in Fennoskandia und Kanada, ist das möglich.

Ehrfurchtsvoll sehen wir etwa in Finnland die uralten Marmorlager, die offenbar einst mariner Kalkschlamm waren, vielleicht zum überwiegen­den Teil ebenso aus dem Schalenrückstand irgendwelcher urweltlicher Or­ganismen aufgebaut wie die Kalkschlamme der heutigen Meere. Erz- und Silikatlösungen' haben sie oft völlig in Erz oder Granitgesteine umge­wandelt. Statt ehemaliger Tonschlamme erblicken wir glimmerreiche, kri­stallene Schiefer statt Mergel oder vulkanischer Tuffe und schwerer Laven nun grüne kristalline Gesteine mit Hornblende und Feldspat.

Statt Ouarzsanden sehen wir harten Quarzitsels, statt Geröll-Lagern der Flüsse härteste Konglomerate. Organische Reste, Bitumen, erscheinen nun als Graphit, teilweise als anthrazitartigesSchungit"-Lager. Ueberall die Reste vergangener Ereignisse, die sich von heutigen kaum unterscheiden, van Wasserabsätzen, vulkanischen Eruptionen, von organischem Leben auf uralten Oberflächen der Erde.

All das ist durch die Hitze, die Gase, die Adern eingedrungener Granit­massen, durch Druck und gesteigerte Temperatur in großen Tiefen der Erd­rinde umkristalliert, in den Kristallkellern der Erde konserviert. Die Erhal­tung reicht aus, um auch hier noch eine langdauernde Geschichte wenigstens in Umrissen zu erschließen. Verglichen mit dem Ablagerungstempo späterer Zeiten lassen die überaus mächtigen und höchst mannigfachen Sedimente aus eine sehr, sehr lange Zeit der Ablagerung schließen. Die stark gestörte Schichtlagerung beweist, daß sich aus ihnen kräftige Gebirge geformt haben. Aber von deren Körper erkennen wir in der Hauptsache hier nur noch das tiefste Stockwerk, in welchem festliche Ausweich-Bewegungen nur

untergeordnet möglich waren. In weiten Teilen sieht es aus, als ob dieses Stockwerk zuerst feine normalere Faltung in geringerer Tiefe erhalten hätte, um darauf immer tiefer hinabgezogen zu werden. Dabei wurde der ganze Bau um 90 Grad gekippt, so daß er heute als gewaltige Scholle senkrecht hinabtaucht. Erst hoch über diesem tief versunkenen Stockwerk müssen sich die großen, horizontalen, oberflächen-näheren Faltungs- und Ueberschiebungsbewegungen der späteren Zeit abgespielt haben. Die Reste dieses höchsten Stockwerks sind heute zumeist völlig abgetragen.

Aus diesem tief entblößten Gebirgsrumpf haben sich danach neue, großartige Ablagerungen entwickelt. Und auch sie wurden wieder gefaltet; auch dieses neue Gebirge wurde wieder abgetragen.

Wir haben keine Möglichkeit, anzunehmen, daß diese Abtragung da­mals gegenüber heute viel schneller verlaufen sei. Wir wissen, daß die letzten 12 000 Jahre noch keineswegs hingereicht haben, um die verhält­nismäßig geringfügigen morphologischen Spuren der letzten Eiszeit von der vereist gewesenen Erdoberfläche zu entfernen. Nun stelle man sich erst die Zeitlänge vor, die nötig ist, um aus einem ober aus zwei Hochgebirgen ganz flache Landschaften zu schaffen, wie wir sie heute sehenl und am Ausgang dieser Faltungsperioden drangen mächtige Granite aus der Tiefe stockförmig vor und erstarrten weit unter der Erdoberfläche. Langsame, andauernde Landhebung und gleichzeitig fortschreitende Abtragung hatte sie danach bereits an die Erdobersläche gebracht als sich über sie, viel später erst, rötliche Sande lagerten, in denen auch noch immer keine Spuren des paläozoischen Lebens zu finden sind. Erst noch später griff das älteste Meer des Erdaltertums bis in die alten eingeebneten Kerne der Konti­nente vor; ihre Ablagerungen zeigen die älteste, weiter verbreitete Fauna.

Ihrer Größenordnung nach werden uns diese riesigen Zeiträume auch aus der Beobachtung des Zerfalls-Zustandes radioakiiver Mineralien in den Gesteinen klar. Die Zerfallsgeschwindigkeit solcher radioaktiver Stoffe ist uns bekannt; ihre Bildung im Magma kann erst von dessen Erstar­rungszeit datieren. Daraus kann man absolute Erstarrungsalter dieser magmatischen Gesteine nach verschiedenen Methoden abschätzen. Für die Zeiten, aus deren Schichten allerälteste Fossilien (primitive Tiere) bekannt sind, ist ein Alter von etwa 1500 Millionen Jahren zu rechnen. Die ältesten Gesteine Finnlands müssen ein Alter von 2000 bis 2500 Millionen Jahren haben.

Das ist ein Abgrund von Zeit. Vergleichen wir ein Jahr mit der Dicke eines Zehn-Pfennig-Stückes, von dem sechs auf einen Zentimeter gehen. Könnten mir zwei Milliarden 10-Pfennig-Stücke zu einer Geldrolle zu­sammensetzen, so hätte diese eine Länge von 3333 Kilometer. Wir müßten bei einer Tagesleistung von 50 Kilometer säst 67 Tage marschieren, um an das Ende dieser Rolle zu kommen.

Die Astronomie berichtet von ungeheuren Entfernungen, die Geologie rechnet mit ungeheuren Zahlen. Und in der Erdgeschichte stehen wir mit Bildung der ältesten Gesteine in Finnland noch lange nicht am Anfang, denn das Aussehen dieser Gesteine ist nur verändert, aber grundsätzlich nicht anders als Gesteine, die sich noch heute bilden könnten. Die ganze Zeit der Umwandlung von kosmisch-diffuser Materie bis zu einem festen Erdkern, der anfangs wohl noch viel zu heiß, um flüssiges Wasser in Meeren zu tragen, und die Zeit feiner Abkühlung bis auf Zustände die den heutigen vergleichbar sind, diese gar nicht abzuschützende und gewiß nicht kurze Zeit liegt ja noch voraus in der Erdgeschichte.

Zum Mikrokosmos gehört der Mensch nach Raum und Zeit! Seine Leistungen liegen in engen Grenzen. Dars er doch schon stolz darauf sein, daß nicht viel Generationen nötig waren, um ihm eine Vorstellung dieser Grenzen zu geben.

Nußknacker und Mausekönig.

Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n.

(Fortfetzung.)

Nein," rief Marie weinend,du bekommst ihn nicht, meinen lieben Nußknacker; sieh nur her, wie er mich so wehmütig anschaut und mir sein wundes Mündchen zeigt! Aber du bist ein Hartherziger Mensch du schlägst deine Pferde und läßt wohl gar einen Soldaten totschietzen." Das muß so fein, das verstehst du nicht," rief Fritz;aber der Nußknacker gehört ebensogut mir als dir; gib ihn nur her!" Marie fing an, heftig zu meinen und wickelte den kranken Nußknacker schnell in ihr kleines Taschentuch ein. Die Eltern kamen mit dem Paten Drossekmeier herbei. Dieser nahm zu Mariens Leidwesen Fritzens Partie. Der Vater sagte aber:Sie habe den Nußknacker ausdrücklich unter Mariens Schutz ge­stellt, und da, wie ich sehe, er dessen eben jetzt bedarf, so hat sie volle Macht über ihn, ohne daß jemand drein zu reden hat. Uebrigens wundert es mich sehr von Fritzen, daß er von einem im Dienst Erkrankten noch fernere Dienste verlangt. Als guter Militär sollte er doch wohl wissen, daß man Verwundete niemals in Reihe und Glied stellt!"

Fritz war sehr beschämt und schlich, ohne sich weiter um Nüsse und Nußknacker zu bekümmern, fort an die andre Seite des Tisches, wo feine Husaren, nachdem sie gehörige Vorposten ausgestellt hatten, ins Nacht­quartier gezogen waren. Marie suchte Nußknackers verlorene Zähnchen zusammen; um das kranke Kinn hatte sie ein hübsches weißes Band, das sie von ihrem Kleidchen abgelöst, gebunden und dann den armen Kleinen, der sehr blaß und erschrocken aussah, noch Sorgfältiger als vor­her in ihr Tuch eingewickelt. So hielt sie ihn wie ein kleines Kind wiegend in den Armen und besah die schonen Bilder des neuen Bilder­buchs, das heute unter den andern vielen Gaben lag. Sie wurde, wie es sonst gar nicht ihre Art war, recht böse, als Pate Drosselmeier so sehr lachte und immerfort fragte, wie sie denn mit solch einem grund­häßlichen Kerl so schön tun könne! Jener sonderbare Vergleich mit Drosselmeier, den sie anstellte, als der Kleine ihr zuerst in die Augen fiel, tarn ihr in den Sinn, und sie sprach sehr ernst:Wer weih, lieber Pate, ob du denn, putzest du dich auch so heraus wie mein lieber Nuß­knacker und hättest dii auch solche schöne blanke Siiefelchen an, wer weiß, ob du denn doch so hühsch aussehen würdest als er!* Marie wußte gar nicht, warum denn die Eltern so laut auslachten, und warum der Obergerichtsrat solch eine rote Nase bekam und gar nicht fo hell mitlachte wie zuvor. Es mochte wohl seine besondere Ursache haben.