Ausgabe 
6.12.1929
 
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Wunderdinge.

Bei Medizinalrats in der Wohnstube, wenn man zur Tür hineintritt, gleich links an der breiten Wand steht ein hoher Glasschrank, in wel- cheni die Kinder all die schönen Sachen, di« ihnen jedes Jahr einbeschert worden, aufbewahren. Die Luise war noch ganz klein, als der Vater den Schrank von einem sehr geschickten Tischler machen lieh, der so hinimel- helle Scheiben einsetzte und überhaupt das Ganze so geschickt einzurichten wußte, daß alles darin sich beinahe blanker und hübscher ausnahm, als wenn man es in Händen hatte. Im obersten Fache, für, Marien und Fritzen unerreichbar, standen des Paten Drosselmeier Kunstwerke; gleich darunter war das Fach für die Bilderbücher; die beiden untersten Fächer durften Marie und Fritz anfüllen, wie sie wollten; jedoch geschah es immer, daß Marie das unterste Fach ihren Puppen zur Wohnung cin- räumte, Fritz dagegen in dem Fache darüber feine Truppen Kanionie- rungsquartiere beziehen ließ.

So war es auch heute gekommen; denn indem Fritz feine Husaren oben aufgestellt, hatte Marie unten Mamsell Trudchen beiseite gelegt, die neue, schön geputzte Puppe in das sehr gut möblierte Zimmer hinein­gesetzt und sich auf Zuckerwerk bei ihr eingeladen. Sehr gut möbliert war das "Zimmer, habe ich gesagt, und das ist auch wahr; denn ich weih nicht, ob du, meine aufmerksame Zuhörerin Marie, ebenso wie die kleine Stahl­baum es ist dir schon bekannt worden, daß sie auch Marie heißt ja, ich meine, ob du ebenso wie diese ein kleines, schön geblümtes Sofa, mehrere allerliebste Stühlchen, einen niedlichen Teetisch, vor allen Dingen aber ein sehr nettes blankes Bettchen besitzest, worin die schönsten Puppen ausruhen. Alles dies stand in der Ecke des Schranks, dessen Wände hier sogar mit bunten Bilderchen tapeziert waren, und du kannst dir wohl denken, daß in diesem Zimmer die neue Puppe, welche, wie Marie noch denselben Abend erfuhr, Mamsell Klärchen hieß, sich sehr Wohlbefinden mußt«.

Es war später Abend geworden, ja Mitternacht im Anzuge und Pate Drosselmeier längst fortgegangen, als die Kinder noch gar nicht weg­kommen konnten von dem Glasschrank, so sehr auch die Mutter mahnte, daß sie doch endlich nun zu Bette gehen möchten.Es ist wahr", rief endlich Fritz,die armen Kerls (seine Husaren meinend)-wollen auch nun Ruhe haben, und solange ich da bin, wagt's keiner, ein bißchen zu nicken, das weiß ich schon!" Damit ging er ab. Marie aber bat gar sehr: Nur noch ein Weilchen, ein einziges kleines Weilchen laß mich hier, liebe Mutter! Hab' ich ja doch manches zu besorgen, und ist das geschehen, so will ich ja gleich zu Bette gehen." Marie war gar ein frommes, ver­nünftiges Kind, und so konnte die gute Mutter wohl ohne Sorgen sie noch bei den Spielsachen allein lassen. Damit aber Marie nicht etwa gar zu sehr verlockt werde von der neuen Puppe und den schönen Spielsachen überhaupt, so aber die Lichter vergäße, die rings um den Wandschrank brannten, löschte di« Mutter sie sämtlich aus, so daß nur die Lampe, die in der Mitte des Zimmers von der Decke hevabhing, ein sanftes anmu­tiges Licht verbreitete.Komm bald herein, liebe Marie! sonst kannst du ja morgen nicht zu rechter Zeit aufstehen", rief die Mutier, indem sie sich in das Schlafzimmer entfernte.

Sobald sich Marie allein befand, schritt sie schnell dazu, was ihr zu tun recht auf dem Herzen lag, und was sie doch nicht, selbst wußte sie nicht warum, der Mutter zu entdecken vermochte. Noch immer hatte sie den kranken Nußknacker eingewickelt in ihr Tasck>entuch aus dem Arm getragen. Jetzt legte sie ihn behutsam auf den Tisch, wickelte leise das Tuch ab und sah nach den Wunden. Nußknacker war sehr bleich, aber da­bei lächelte er so wehmütig freundlich, daß es Marien recht durch das Herz ging.Ach, Nußknackerchen", sprach sie sehr leise,sei nur nicht böse, daß Bruder Fritz dir so wehe getan hat; er hat es auch nicht so schlimm gemeint, er ist nur ein bißchen hartherzig geworden durch das wilde Soldatenwesen, aber sonst ein recht guter Junge; das kann ich dich ver­sichern! Nun will ich dich aber auch recht sorglich so lang« pflegen, bis du wieder ganz gesund und fröhlich geworden; dir deine Zähnchen recht fest einsetzen, dir die Schultern einrenken, das soll Pate Drosselmeier, der sich auf solck)« Dinge versteht."

Aber nicht ausreden konnte Mari«, denn indem sie den Namen Drossel­meier nannte, machte Freund Nußknacker ein ganz verdammt schiefes Maul, und aus seinen Augen fuhr es heraus wie grünfunkelnde Stacheln. In dem Augenblick aber, daß Marie sich recht entsetzen wollte, war es a wieder des ehrlichen Nußknackers wehmütig lächelndes Gesicht, welches ie anblickte, und sie wußte nun wohl, daß der von der Zugluft berührt«, chnell auflodernde Strahl der Lampe im Zimmer Nußknackers Gesicht o entstellt hatte.Bin ich nicht ein töricht Mädchen, daß ich so leicht er- chreck«, so daß ich sogar glaube, das Holzpüppchen da könne mir Gesichter chneideni Aber lieb ist mir doch Nußknacker gar zu sehr, weil er sd 'omisch ist, und doch so gutmütig, und darum muß er gepflegt werden, wie sich's gehört!" Damit nahm Marie den Freund Nußknacker in den Arm, näherte sich dem Glasschrank, kauerte vor demselben und sprach also zur neuen Puppe:.Ich bitte dich recht sehr, Mamsell Klärchen, tritt dein Bettchen dem kranken wunden Nußknacker ab und behelfe dich, so gut wie es geht, mit dem Sofa! Bedenk«, daß du sehr gesund und recht bei Kräften bist denn sonst würdest du nicht solche dicke, dunkelrote Backen haben und daß sehr wenige der allerschönsten Puppen solche weiche Sofas besitzen!"

Mamsell Klärchen sah in vollem glänzenden Weihnachtsputz sehr vor­nehm und verdrießlich aus und sagte nichtMuck!"Was mache ich aber auch für Umstünde", sprach Marie, nahm das Bett hervor, legte sehr leise und sanft Nußknackerchen hinein, wickelte noch ein gar schönes Bändchen, das sie sonst um den Leib getragen, um die wunden Schul­tern und bedeckte ihn bis unter die Nase.Bei der unartigen Kläre darf er aber nicht bleiben", sprach sie weiter und hob das Bettchen samt dem darin liegenden Nußknacker heraus in das obere Fach, so daß es dicht neben dem schönen Dorf zu stehen kam, wo Fritzens Husaren kantonier­ten. Sie verschloß den Schrank und wollte ins Schlafzimmer, da

horcht auf, Kinder! da fing es an, leis« leise zu wispern und zu flüstern und zu rascheln ringsherum, hinter dem Ofen, hinter den Stüh­len, hinter den Schränken. Die Wanduhr schnurrt« dazwischen lauter und lauter, aber sie konnte nicht schlagen. Marie blickte hin; da hatte die große vergoldete Eule, die darauf saß, ihre Flügel herabgesenkt, so daß sie die ganze Uhr überdeckten, und den häßlichen Katzenkopf mit krummem Schnabel weit vorgestreckt. Und stärker schnurrte es mit vernehmlichen Worten: Uhr, Uhre, Uhre, Uhren, müht alle nur leise schnurren leise schnurren. Mausekönig hat ja wohl ein feines Ohr purr, purr pum, pum! singt nur, singt ihm altes Liedlein vor! Purr, purr pum puin! schlag an, Glöcklein schlag an, bald ist es um ihn getan! Und pum, pum! ging es ganz dumpf und heiser zwölsmal.

Marien fing an, sehr zu grauen, und entsetzt wäre sie beinahe davön- gelaufen, als sie Pate Drosselmeier erblickte, der statt der Eule auf der Wanduhr saß und seine gelben Rockschöße von beiden Seiten wie Flügel herabgehängt hatte; aber sie ermannte sich und rief laut und weinerlich: Pate Drosselmeier, Pal« Drosselmeier, was willst du da oben? Komm herunter zu mir und erschrecke mich nicht so, du böser Pate Drossel­meier!" Aber da ging ein tolles Kichern und Gepfeife los rundumher, und bald frottierte und lief es hinter den Wänden wie mit tausend klei­nen Füßchen, und tausend kleine Lichterchen mären es, nein, kleine fun­kelnde Augen, und Marie wurde gewahr, daß überall Mäuse hervor­guckten und sich hervorarbeiteten. Bald ging es trott trott hopp, hopp! in der Stube umher immer lichtere und dichtere Haufen Mäuse galoppierten hin und her und stellten sich endlich in Reihe und Glied, so wie Fritz seine Soldaten zu stellen pflegte, wenn es zur Schlacht gehen sollte.

Das kam nun Marie sehr possierlich vor, und da sie nicht wie manch« andere Kinder einen natürlichen Abscheu gegen Mäuse hatte, wollte ihr eben alles Grauen vergehen, als es mit einemmal so entsetzlich und so schneidend zu pfeifen begann, daß es ihr eiskalt über den Rücken lief. Ach, was erblickte sie jetzt! Nein, wahrhaftig, geehrter Leser Fritz, ich weih, daß ebensogut wie dem weisen und mutigen Feldherrn Fritz Stahlbaum dir das Herz auf dem rechten Flecke sitzt; aber hättest du das gesehen, was Marien jetzt vor Augen kam, wahrhaftig, du wärst davon- ?' elaufen; ich glaube sogar, du wärst schnell ins Bette gesprungen und ättest die Decke viel weiter über die Ohren gezogen, als gerade nötig. Ach, das konnte die arme Marie ja nicht einmal tun, denn hört nur, Kinder! dicht vor ihren Füßen sprühte es, wie von unterirdischer Gewalt getrieben, Sand und Kalk und zerbröckelte Mauersteine hervor, und sieben Mauseköpfe mit sieben hellfunkelnden Kronen erhoben sich recht gräßlich zischend und pfeifend aus dem Boden. Bald arbeitete sich auch der Mänsekörper, an dessen Hals die sieben Köpfe angewachfen waren, vollends hervor, und der großen mit sieben Diademen geschmück­ten Maus jauchzte in vollem Chorus dreimal laut ausquiekend das ganze Heer entgegen, das sich nun auf einmal in Bewegung setzte und hott, hott trott, trott! ging es ach, geradezu auf den Schrank geradezu auf Marien los, die noch dicht an der Glastür des Schrankes stand.

Bor Angst und Grauen hatte Marien das Herz schon so gepocht, daß sie glaubte, es müsse nun gleich aus der Brust herausspringen, und bann müßte sie sterben; aber nun mar es ihr, als stehe ihr das Blut in den Adern still. Halb ohnmächtig wankte sie zurück; da ging cs klirr, klirr prr! und in Scherben fiel die Glasscheibe des Schranks herab, die sie mit dem Ellbogen eingestoßen. Sie fühlte wohl in dem Augenblick einen recht stechenden Schmerz am linken Arm; aber es mar ihr auch plötzlich viel leichter ums Herz: sie hörte kein Quieken und Pfeifen mehr; es war alles ganz still geworden, und obschon sie nicht Hinblicken mochte, glaubte sie doch, die Mäuse wären von dem Klirren der Scheibe erschreckt wieder abgezogen in ihre Löcher.

Aber was war denn das wieder? Dicht hinter Marien fing es an im Schrank auf seltsame Weis« zu rumoren und ganz feine Stimmchen fingen an:Aufgemacht aufgervacht woll'n zur Schlacht noch diese Nacht ausgemacht auf zur Schlacht!" Und dabei klingelte es mit harmonischen' Glöcklein gar hübsch und anmutig.Ach, das ist ja mein kleines Glockenspiel!" rief Marie freudig und sprang schnell zur Seite. Da sah sie, wie es im Schrank gar sonderbar leuchtete und herum- mirtschastete und hantierte. Es waren mehrere Puppen, die durcheinander liefen und mit den kleinen Armen herumfochten.

Mit einemmal erhob sich jetzt Nußknacker, warf die Decke weit von sich und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette, indem er laut rief:Knack knack knack dummes Mausepack bummer toller Schnack Mausepack knack knack Mausepack krick und krack wahrer Schnack!" Und damit zog er sein kleines Schwert und schwang es in den Lüften und rief:Ihr, meine lieben Baiallen, Freunde und Brüder, wollt ihr mir beistehen im harten Kampf?" Sogleich schrisen heftig drei Skaramuze, ein Pantalon *, vier Schornsteinfeger, zwei Zither- fpielmänncr und ein Tambour:Ja, Herr mir hängen Euch an in standhafter Treue mit Euch ziehen mir in den Tod, Sieg und Kampf!" und stürzten sich nach dem begeisterten Nußknacker, der den gesährlic^n Sprung wagte, vom oberen Fach herab. Ja, jene halten gut sich herab- stürzen; denn nicht allein, daß sie reiche Kleider von Tuch und Seide trugen, so war inwendig im Leibe auch nicht viel anders als Baumwolle und Häcksel; daher plumpten sie auch herab wie Wollsäckchen. Aber der arme Nußknacker, der hätte gewiß Ann und Beine gebrochen; denn, denkt euch, es war beinahe zwei Fuß hoch vom Fache, wo er stand, bis zum untersten, und sein Körper war so spröde, als sei er geradezu aus Lindenholz geschnitzt. (Fortsetzung folgt.)

* Skarainnz wie Panialon waren komisch« Charaktermasken der alte­ren italienischen Komödie. Ersterer, der in schwarzer spanischer HoftraHt erschien und den Aufschneider vorstellte, wurde gewöhnlich am Schüße der Stücke von seinem lustigen Genossen durchgeprügelt, dessen mit bau Strümpfen in eins verlaufende Beinkleider ihm seinen eigentümlichen Na­men verschafften.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.