<>([5 tifj so weit gekommen war, stand ich einen Augenblick still auf Morgen, Mittag, Abend, — genug von diesem weißen Kinderbett mit den Daunenkissen, genug von dem Hellen, luftigen und ordentlichen Zim- mer! Genua von dieser Mutter, sremd, und von einer Liebe, die ängstigte, _ genug von diesem Vater, den man verehrte, wie einen Heiligen und der nie, nie, nie, in seinem großen, unverständlichen Leben eine kleine Weile Zeit hatte, um seine Tochter auf den Schoß zu nehmen und nut ihr 3ii sprechen. Genug von diesem Bruder, gehaßt und geliebt zugleich, der, schon halb in der Welt der Erwachsenen versponnen, seine gefährlichen und aufreizenden Geheimnisse hatte, hinter die man niemals kam. Genug von allem — und also vielleicht das Ende? ...
meiner atemlosen Flucht und fand mich, zu meiner eigenen Verwiinde- rung auf den, ersten Absatz lmserer Treppe wieder. Ganz von leibst aha war ich diesen Weg gegangen, diesen einzigen Ausweg, den ich sah, den Weg in die Schusterwerkstatt zu Herrn Butze.
Wieviel Herr Buße von dem Gedicht vom goldenen Garten verstanden haben mag, weih, ich nicht zu sagen. Wenn ich es heute bedenke, meine ich, daß er wohl kein Wort begriffen haben muß. Was er aber sicher verstand, das war die Bedrängnis meines Atems, die Rot niemes Auges, die Schutzbedürftigkeit meiner ganzen kleinen Person. Er nahni den' dicksten und heißesten 'Bratapfel aus der Röhre, und während ich, nut langsam versiegenden Tränen, hineinbiß und, mich kräftig schneuzend, Herrn Buße ansah, entdeckte ich aufs neue, daß er wirklich wie Rübezahl aussah, gefährlich denen, die er verfolgte, allmächtig und gütig für die, die er liebte und an die er glaubte. Und um den Glauben — ja, um den Glauben gerade ging es ja. Und das schien auch Herr Buße verstanden zu haben, denn davon begann er zu reden. „Ich glaube, Kleine, dah du eine richtige Schreiberin bist," sagte Herr Butze. „Nicht, daß ich alles verstanden hätte, was du mir da vorliest. Das ist nichts für mich alten Mann. Aber siehst du, mein Kind, es klingt wunderschön, und dann, überhaupt, will ich dir nur sagen, daß ich ganz einfach glaube, daß aus dir ivas Besonderes werden toll. Ich sage es auch immer zu meiner Alten. Alte, sage ich zu ihr, du wirst sehen, das Doktorskind geht mal zum Theater, die hat so was fürs Theater, meine itf>!" ...
Ich muß wohl sehr lange bei Herrn Buhe gesessen haben, erst leicht getröstet, dann ruhig, zum Schluß selig und heiter. Es müssen viele «tun- den vergangen sein, von denen ich nichts anderes weiß, als daß sie in einer glücklichen Erschlaffung verströmten, wie sie mich nach solchen schweren Ausregungen oft überkam. Denn als plötzlich mein Bruder in die Loge stürmte, atemlos, ängstlich und seltsam liebevoll, da erkannte ich, daß man mich dort oben suchte, dah man sich um mich ängstigte, daß man schon überall herumgeschickt hatte, und daß unser Mädchen auf Herrn Buße, als auf den letzten Ausweg hingewiesen haben mochte. Ich stolperte, matt und sröhlich, mit meinem Bruder die Treppen hinauf. Oben empfing mich kein Borwurf, die Geschichte vom goldenen Garten schien sich herumgesprochen zu haben. Es empfing mich vielmehr ein goldgelbes Rührei, ein Schinkenbrot und eine Taffe süßesten Kakaos. Was mich weiter empfing, war ein Vater, der mich selbst zu Bette brachte, zwar nicht gerade sehr gesprächig gestimmt, aber doch mich immerhin fühlen küssend, daß in seinem Verhalten zu mir ost einige Lücken zu finden seien, die zu schließen leider nicht in seinem Vermögen stände. Denn da fei ein hartes, unermüdlich arbeitendes Leben zu bewältigen. Dann weiß ich nur noch, daß ich gleich schlief, tief, traumlos, lange.
Als ich erwachte, sagte man mir, Herr Butze wünsche von mir Abschied zu nehmen. Er hatte In dieser Nacht einen seiner schweren Husten- cmfälle gehabt, mid man meinte, daß es für ihn das Beste sei, wenn man ihn in ein Krankenhaus brächte. So sah ich ihn zum ersten Male in meinem Leben nicht vor der Schusterglocke sitzen und nicht hämmern. Ich sah ihn liegen, in feinem nicht ganz sauberen Bett, groß, blaß, ernst, und genau wie Rübezahl. Als er mich sah, lächelte er auf eine geheimnisvolle und verschmitzte Weise, und mir schien, als wolle er mir irgendwie Anbeuten, daß er sich darüber freue, mir geholfen zu haben, und daß er sozusagen meine Krankheit gerne auf sich genommen habe. Tatsächlich faßte ich es damals so auf, als sei er dadurch krank geworden, daß er mir mit so viel Kraft beigestanden hatte, meine eigene schwere Not zu überwinden. So gab ich ihm die Hand, auch verschmitzt lächelnd und auf meine Weise traurig und zufrieden zugleich. Sie trugen ihn in einen weißen Wagen. Man sagte mir, er würde bestimmt gesund werden, und weil ich fröhlich bleiben wollte, glaubte ich es auch. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Die Tür zu der kleinen, düsteren, gefährlichen und herrlichen Loge des Herrn Buße fiel hinter mir zu. Und mit ihr die Tür, die sich vor den Tagen meiner ersten Kindheit endgültig schließt...
Napoleon.
Bon Hugo v. Hofmannsthal.
Daß ein solches Wesen an einem bestimmten Tag eines bestimmten Jahres gestorben ist und daß dieser Tag im Ring des Jahrhunderts wiederkehrt, beleuchtet uns grell das Paradoxe unseres Verflochtenseins mit dem hinter uns Liegenden, das wir mit dem Namen „Geschichte" verdecken. Einerseits ist er abgetan wie Sesostris ober Dschingiskhan, anderseits gegenwärtig, sogar leiblich in gewissem Sinne.
Er ist das letzte große europäische Phänomen. Denken wir ihn gelegentlich in geistigen Zusammenhängen, wie Menschenalter, Jahrhundert, so wird nicht er, aber unser auf ihn bezügliches Erlebnis der letzten hundert Jahre — denn die letzten hundert Jahre gehören geistig noch zu unserem Leben — durchsichtig. Vor siebzig ober achzig Jahren war die europäische Phantasie von ihm erfüllt, aber noch ganz in der Region der Sympathie und Antipathie. Der größte Teil der Franzosen unb ein sehr großer der Deutschen, überhaupt die Liberalen aller Rationen, standen zu seinem Bilde in einem sentimentalen Verhältnis; er war das Objekt ihrer Sehnsucht, so äußexft unliberal, ja in gewissem Sinne ein Verächter des Liberalen er auch wieder gewesen war. Das Sentimentale schlug sich nieder in unzähligen Anekdoten, zum Teil in Gedichtform. Die Figur des kleinen Korporals, die Lieder von Büranger gehören hierher. Mit allem, was mit ihm irgendwie zusammenhing, wurde ein Kult getrieben: mit seinem
Sohne, dem Herzog von Reichstadt fo gut als mit seinem kleinen dreieckigem Hut. Das Bild des gefangenen Adlers, der mit Zorn und Verachtung in die Stäbe feines Käfigs beißt, grub sich in Millionen Köpfe. Die Uebersührung der Leiche von St. Helena nach dem Jnvalidendoin war für halb Europa eine Emotion, nicht den historischen Sinn, sondern das Gemüt aufregend; es ging nicht um einen Toten, sondern um eine noch lebende und wirkende Macht. (Das zweite Kaiserreich war die Umsetzung dieses Geistigen in Realität, bis zur Karikatur.) Demgegenüber steht in den gleichen Dezennien die Herabwürdigung und gewollte Kälte der Engländer, wie sie kulminiert in der Napoleon-Biographie von Walter Scott. Aber Goethe mar groß genug, gleich nach dem Sturze zu sagen: Laßt mir meinen Kaiser in Ruh! und Byrons Haltung war von Anfang an so rote allem Großen gegenüber: er hatte das Organ dafür.
Vor fünfzig Jahren rückte die Gestalt für die Gebildeten aus dem politisch emotionellen Bereich in das der analytischen Forschung. Man beleuchtete seine Abstammung, brachte ihn mit Italien und der Renaissance in näheren Zusammenhang. Er fei, von Haus aus ein Kondottiere, durch Verkettung von Umständen erst im achtzehnten Jahrhundert hervortretend, mitten in eine welthistorische Krise, die er mit Kälte unb Ueberlegenheit behandelt, wie eine Stadtkrise des fünfzehnten. Zugleich wird die Be° onderheit feiner Konstitution auseinandergelegt, das stupende Gedächtnis, Die Willenskraft, die Fähigkeit, alle feine Kräfte zu kommandieren; daß er eine Angelegenheit mit völliger Drangabe seiner Kräfte behandeln, bann den ganzen Komplex wie in eine Lade legen, die Lade zustoßen, eine andere ausziehen kamt; dies alles, so oft er will und immer wieder ohne Ermüdung. Aber wozu das? Gerade was der Analyse und Interpretation widersteht, bei ihm wie beim Feuer und beim Wasser, davon geht die Gewalt über die Seelen aus. Was sich von ihm eigentlich erhält ist eine magische Gegenwart. Er ist eines der wenigen Individuen, die von unzähligen Menschen auch heute noch körperlich vorgestellt werden, und zwar eindrucksvoller und genauer, als man meistens die Mitlebenden vorstellt. Von seiner körperlichen Erscheinung sind zwei Bilder fortwirkend. Das eine mager, mit römischem Profil, brennenden Augen, wirrem, kurzen Haar, unzählig oft gemalt und idealisiert zum Typus des jungen Genius der Tatkraft und Herrscherschaft. Das andere noch wirklicher, aus den Späteren Lebensjahren (aber er war noch nicht sechsundvierzig, als er von der Weltbühne abging), gedrungen, feist, die Gesichtsfarbe gelblich ungesund; das Auge verhältnismäßig klein im gefüllten undurchdringlichen Gesicht, aber der Blick von rasender Kraft, wenngleich eiskalt; die Stimme immer gespannt wie in Zorn ober Ungeduld; die Arme gewaltsam ruhig gekreuzt über der von riesenmäßigen Spannungen erfüllten Brust: die ganze Erscheinung beinahe bürgerlich, ganz unromantisch, scheinbar höchst faßlich, in Wirklichkeit aber unzugänglich, der Analyse widerstrebend, ganz unmittelbar, außer eben durch die Vision. Das eigentlich Treibende, das, wovon im Innern dieser Erscheinung die Seelenlampe sich nährt, kaum mehr erratbar. Denn der Ruhmsinn ist spürbar schon aufgezehrt; eine schneidende Weltverachtung, beständige Gereiztheit, surchtbare Anspannung spricht aus jeder Aeuherung; der innere Zustand scheint eine Art von luziserischer Verzweiflung, balanciert durch ungeheure, noch immer unerschöpfte Kraft des Planens und Handelns.
Das Verhältnis der tausend einzelnen, die eine solche Figur in sich tragen, zu diesem auf nicht mehr vorhandener Wirklichkeit beruhenden Phantasiebild ist kaum aufttärbar: die Emotion, die davon ausgeht, zwischen Schauder und, trotz allem, Liebe; magischer Hingezogenheit und Sich-geschlagen-Fiihlen; das ganze Verhältnis das des modernen Menschen zu einer aktiven mythischen Gestalt. Der Kern davon, wenn wir eindringen, ist dieser: wir ahnen eine der größten Verwirklichungen des Individuums im okzidentalen Sinn: als Fusion des Fatalen (nicht des Ideellen) mit dem Praktischen. Insofern ist er, wie wenige, von beiden Hemisphären des europäischen Daseins aus gleichzeitig zu gewahren: von der praktisch-politischen und von der geistig-kontemplativen. So wird er, und gerade auch dem Orient gegenüber — uns insbesondere gegenüber dem europäischen Orient, das ist Rußland — zum Sinnbild des europäischen Titanischen und wirklich „quasi Alexander redivivus". Das von der Renaissance Gewollte, von Wesen wie dem Hohenstaufer Friedrich II., Dante, Lionardo, Michelangelo, teils Gelebte, teils Geahnte wird noch einmal Gestalt, das heißt geschichtliche Wirklichkeit und Sinnbild zugleich. Im Sinnbild ist alles beisammen: Allmacht und Sturz, wunderbar Praktisches und fast wahnsinnige Ueberhebung. Darum, weil er Symbol des handelnden europäischen Individuums ist — ober wie Goethe es ausdrückt: Kompendium der Welt — geht er jeden an, der handelt ober zu handeln glaubt; darum ist auch jedes neue Detail merkwürdig, das von ihm bekannt wird, und wird begierig aufgenommen. Das Detail hat immer den ungeheuren Hintergrund 'des Ganzen: worin wir im wesentlichen das gleiche Ganze aus Ideen und praktischen Widerständen gemischt, erkennen, mit dem wir als Individuen zu ringen haben. Am ergreifendsten wirkt dann ein Ausspruch wie etwa dieser, getan auf dem Krankenbett, einige Wochen vor seinem Tode: „Zu denken, daß es mich jetzt mehr Willenskraft kostet, das eine meiner Augen auszumachen, als früher ein- inal eine offene Feldschlacht zu liefern." Man spürt, daß das wörtlich wahr ist, und es wird einem schwindlig, wenn man sich diesen Abgrund von Kraft und Schwäche im Individuum vereinigt vorstellt.
Verstärkend tritt hinzu, daß er, wenn auch aus einem alten Geschlecht, doch aus ganz bürgerlichen Verhältnissen hervorkommt, dies etwa gegenüber Friedrich dem Großen. Er ist nicht zunächst ein übernatürlicher Mensch. Die riesige Willenskraft, die magischen Zwang um sich verbreite!, offenbart sich erst allmählich an den Aufgaben. Der ungeheure Spielersinn entfaltet sich nach und nach, ganz begreislich aus der mathematischen Anlage. Dazu kommt, als Ausgleich, eine wunderbare Gelassenheit Menschen unb Verhältnissen gegenüber. Goethe vergleicht ihn einem Juben nut einem Probierstein in der Hand, ber ganz kalt unb ruhig auf alles zugeht, es mit einem Striche prüft, ob es Gold, Silber ober Kupfer. Er taxiert bie Objekte, auch bie ideellen, schwer zu durchschauenden Mächte, durchschaut sie, meistert sie: er gebraucht sie, aber er hängt nicht ad von ihnen. Jedes schwächere Individuum braucht Dinge ober Komplexe, die ihm aus- helfen, weil es immer wieder sich von sich selbst verlassen fühlt. Das tp


