Ausgabe 
6.12.1929
 
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__Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang {929______________________ Freitag, den 6. Dezember Nummer 95

Oer Nikolaus.

Von Elisabeth Kolbe.

Der Nikolaus, der Nikolaus, Der ist im Nickelland zu Haus, Weit hinter unfern Bergen Mit seinen vielen Zwergen.

So wandert er durch Eis und Schnee, Bon Orenburg bis Ninive, Von Helsingör bis Utrecht, So ähnlich wie Knecht Ruprecht.

Die Nüsse trägt er huckepack In seinem vollen Ruckesack, Das knattert und das rattert. Wohl dem, der was ergattert.

Das Spielzeug hat er obenauf Bei seinem weiten Dauerlaus, Auch eine große Rute Für kleine Tunichtgute.

Die steckt er Hintern Spiegel bloß: Knecht Ruprecht haut erst recht drauf los. Wenn sie nicht hören wollen Und gar so ruppig tollen.

Doch art'ge Kinder, so wie du. Die läßt er ritterlich in Ruh. Die kriegen was zu naschen Aus seinen Reisetaschen.

Kindheit.

Bon Polly T i« ck.

Ec war Portier in unserem Hause, und außerdem hatte er dort seine Schusterwerkstatt. Sie lag in seiner Portierloge, in einem großen, halb- dunklen Raume zu ebener Erde, der mit den jetzt üblichen Portierlogen wenig genieinsain hatte. Dieser Raum war nicht hell, freundlich, bescheiden und wohnlich er war schlechterdings unheimlich und herrlich zugleich, er strömte jenen unvergeßlichen Geruch von Gefahr und Verbotenem aus, der nun auf ewig mit dein Gedanken an Kindheit verknüpft bleiben wird. Bor allen Dingen roch es dort, es roch nach jenem seltsamen Durcheinander, das in schrecklichem Gegensätze zu dem sauberen und präzisen Gerüche unserer großen Arztwohnung stand. Unser Portier, der gleichzeitig unser Schuhmacher war, hieß Herr Buße, ja, ich darf hier einen wahren Namen angeben, denn wenn sein damaliges Alter und sein tändiger, leiser Husten nicht meiner kindlichen Phantasie um vieles grö­ßer erschienen, als sie gewesen sein mochten, so kann er unmöglich mehr leben. Und selbst wenn' er lebt, darf man seinen Namen nennen.

Herr Buß« sehnte sich nicht in die Helligkeit des ersten Stockwerkes, in die Geräumigkeit unserer neun Zimmer herauf: er dachte wohl nicht einmal daran, daß es dort besser sein könnte als bei ihm. Um so tiefer und unwiderstehlicher sehnte ich mich in die Portierloge. Es war nicht im­mer leicht, den Vorwand zu finden, um in der strengen Regelmäßigkeit eines wohlerzogenen Kindertages ein paar unverantwortlich süße Minu­ten in dem großen, unheimlichen Loch dieser Schusterwerkstatt zu ver­bringen. Nicht immer waren die Schuhe entzwei, aber mehr als einmal wurde ein Knopf mit Willen abgerissen, der Beginn eines Loches in der Sohle eifrig vergrößert. Da lief man nun eilig di« geivundene Treppe hinunter, schnell die paar Schritte auf den Fliesen, die nicht mit Teppichen belegt waren, und stand vor der niedrigen Türe, aus der schon am frühen Nachmittag ein mattes und gleichmäßiges Licht anziehend und beglückend grüßte. Dieses Licht kam aus der Schusterglocke, einem runden Ball aus mattem Glase, der, in meiner kindlichen Phantasie mit brennender Luft gefüllt, in der dunstigen Atmosphäre des Raumes schwamm und die Familie, mich, die Schuhe, das viele Leder und die große Katze in ein dämmerndes und schwebendes Licht tauchte.

Die Familie: das war Frau Buße, neben ihrem Mann, Frau Buße, di« die Reinigung des Hauses besorgte und die eine so dicke, abscheuliche und großartig« Warze am Kinn trug, daß ich über dieser Erinnerung ihre gapze andere Erscheinung vergessen habe. Dann war da noch ein Söhn- chen, es hieß Kurt und war nur um weniges älter als ich. Kurt war kein rechter Sohn für Herrn Buße, wenigstens fein Sohn nach meinem Herzen. Ec hielt sich sehr sauber, er hatte es durch einen mir unfaßbaren Ehrgeiz erreicht, in die höhere Schule zu gehen, und war in der Portier­loge seines Vaters ein sparsamer Gast. Er »»leistens in der kleinen Kam­mer, die neben der Loge lag und den Schlasrauin abgab, man erzählt« mir, daß er ganz« Nachmittage in dieser Kammer hockte, die Ohren mit

ten Daumen verstopft, und lateinische Vokabeln lernte. Nein, er inter- cfftcrtc mich wenig, dieser sauber gewaschene Knabe. Ich erinnere mich nic^t, je mehr als ein paar Worte mit ihm gesprochen zu haben, und kein kindliches Spiel hat uns jemals verbunden.

Bei welchen Gelegenheiten es mich so besonders unwiderstehlich und mächtig in die Portierloge des Herrn Buße zog, ist nicht schwer zu sagen. Es waren die Tage, an denen mir die bürgerliche Sauberkeit unserer "funt.-,Yinimer toic ueun kalte Fratzen entgegenstarrte, Tage, an denen lch, h"fll>s m meinen kleinen Konflikten gefangen wie in festen Käfigen, kemen Ausweg mehr sah. Keinen Ausweg, außer Gott und Hem; Buße. Gott, zu dem ich an dem rechten Seitenfenfter meines riesigen Erkers zu beten pflegte, hastig, intensiv, ohne Unterbrechung: er möge doch diese entsetzlich« Welt besser machen, schöner, reiner, gerechter, wahr­haftiger aber das machte müde, und man wußte nicht recht, wie weit man gehört wurde. (Baty anders verliefen die Bestick)« bei Herrn Buße, die sich an solche Unterhaltungen mit Golt am Erkerfenster anzm schließen pflegten. Sie verliefen weniger ekstatisch, aber man erhielt Ant­wort, Zuspruch, Wiederherstellung des schwer gestörten Gleichgewichts- und wenn es Winter war, erhielt man zu dein ollem noch einen Brat* apfel Ich hatte nicht zu erwarten, daß Herr Buße bei diesen Besuchen viel fragte, er hieß mich niedersitzen und sck-aute, während er seine Arbeit Nicht auf einen Augenblick unterbrach, mit einem unvergeßlichen Ausdruck hon Ruhe und Güte auf den kleinen, lehnenlosen Schemel nieder, aus dem -ch hockte. Wer aber sprach, das war ich. Ich sprach in den vielen, über­strömenden Worten, die mir zu Gebote standen, genau so offen, rück­haltlos und frei zu Herrn Buß«, wie zum li«ben'Gott, denn beide, so schien es mir, hatten keine reale Beziehung zu meinem Leben. Es konnte einem nicht passieren, daß man ihnen in der Helligkeit eines Vormittags auf dem Korridor begegnete, wie etwa dem Vater oder dem großen Bruder, und daß man sich dann der Geständnisse des vergangenen Abends sehr zu schämen hatte.

Im Winter mag es auch gewesen sein, daß ich meinen schmerzhaftesten und eindringlichsten Besuch bei Herrn Buße machte. Meine Kindheit stand schon nicht mehr auf Pinz festen Füßen: ich meine, daß ich gerade zwölf Jahre alt geworden fern muß. Es war die Zeit, in der, nach den ersten, kindlichen und auf Geburtstage von Tanten beschränkten Gedichten, jene Unzahl von Versen über mich hereinbrach, die ich nicht sammeln, nicht verstehen, ja kaum mifschreiben konnte. Sie schienen mir von einer un- faßlichen, geheimnisvollen und durch nichts zu überbietenden Schönheit, und ich sehe mich, von meinen Worten berauscht wie von Sinnen, an meinem Arbeitspulte fitzen und immer aufs neue die Verse sprechen, die mir soeben wie eine schwere und nicht erwünschte Last in den Schoß ge­fallen waren. So ein Abend also war es, als ich mich entschloß, endlich die nicht mehr allein zu tragende Bürde zu teilen und irgend jemanden auf dieser Welt zum Mitwisser meines fürchterlichen Geheimnisses zu machen.

Warum ich gerade darauf kam, meinen großen Bruder zum Mitwisser zu machen, kann ich nicht mehr sagen. Wahrscheinlich stand die Türe zu seinem Zimmer, dem meinen benachbart, offen, und der zugängliche und sanfte Schein seiner Arbeitslampe mag mich verführt haben, ebenso zu­gängliche und sauste Gefühle in seiner Brust zu vermuten. Ich sehe mich vor ihm stehen, vor seinem schinalen, mit Wachstuch bezogenen Arbeits­tische, die griechische Uebersetzung war aufgeschlagen, und sein Gesicht blieb abweisend und fremd. Ich fprach, hastig, ängstlich, von dem, was mich so tief bewegte. Und bann las ich. Ich las das Gedicht, das ich für das schönste hielt, weil es den Gedichten des geliebten Rainer Maria Rilke am ähnlichsten war. Nie, so viel ich auch in meinem Leben schreiben werde und so mancherlei Verse mir noch über die Sippen kommen mögen, werde ich aufhören, dieses Gedicht zu lieben, und niemals werd« ich eines feiner Worte vergessen können. Es hieß:Der Garten" und erzählte von einem Mädchen, das vor dem Gitter eines goldenen Gartens auf den wartete, der den rechten Schlüssel zum Tore habe. Viele kamen, so nahm das Ge­dicht seinen Fortgang, viele hatten Schlüssel in den Händen, aber keiner wollte passen. Endlich kam einer, der darüber lachte, daß das Mädchen durchaus durchs Tor gehen wollte. Er nahm es bei der Hand und sprang, einen großen Anlauf nehmend, mit ihm über das (Bitter herüber.

Aufs tiefste hingerissen stand ich da, mühsam verborgene Tränen int Auge und wartete auf das klein« Wort, das wahrscheinlich genügt hätte, um mich glücklich, sicher, frei, ja, vielleicht zur Dichterin zu wachem Unnötig, zu erzählen, daß dieses Wort nicht kam. Was kam, war Lachen, Hohn und Achselzucken. Nicht gerade besonders kalt oder abscheulich nicht anders wahrscheinlich, als jeder große Bruder jeder kleinen Schwester getan hätte, die mit der Zumutung eines so schauderhaften und weibischen Gewäsches in feine griechische Präparafionen hineinfiel. Für mich aber war es genug. Genug, um mich aus dem Zimmer stürzen zu lassen, genug, um den Tod, bitter und unabwendbar, mit jedem Hinunterschlucken der eiligen Tränen, durch die Kehle stürzen zu fühlen. Genug, genug, hieß es in mir. Genug von diesem Leben, von diesem Sattwerden am