Ausgabe 
6.9.1929
 
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Da der Magister eine Antwort erwartete, sagte der Seidenhändler scharf und heiser:Ich halte nichts von IhremWerther" und würde es für fei. Unglück halten, wenn er überhaupt nicht geschrieben wäre, er widerspricht der guten Vernunft!"

Noch immer merkte der Magister nichts, er sagte freundlich:Gut, darüber läßt sich streiten. Aber ein Gespräch des Platon für seine kleine Publikumsphisophie einfach als Strandgut zu betrachen, seine eigene Wichtigkeit nach Belieben in diese Tempelreinheit einzuflicken und dann auf den Titel zu schreiben: Phüdon oder über die Unsterblichkeit der Seele von Moses Mendelssohn, das ist stark, das nenne ich Diebstahl!"

Der Wagen rasselte über das Pflaster, der Seidenhändler war aufge­standen, drehte dem Sprecher schon den Rücken zu, wirtschaftete um­ständlich mit seinen Gepäckstücken und, als die Postkalesche hielt, drängte er sich stumm und rücksichtslos hinaus.

Er hat vielleicht Vapeurs", dachte der Magister, stieg aus, fröhlich, eine Laus sich von der Leber geredet zu haben, und trat in das Gast­zimmer.

Der Seidenhändler erschien nicht. Am anderen Morgen erfuhr Ma­gister Musäus, daß der Negotiant in aller Frühe mit einer Extrapost weiter gereist sei. Verwundert fragte er den Schwager, der ihm das mitteilte, ob der Name des Reisenden im Postbuch stehe. Der schlug auf und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, dort stand:Moses Men­delssohn, Negotiant in Seidenartikeln, Berlin."

Da lächelte der Magister, obwohl er bedauerte, dem gelehrten Han­delsmann und Freunde Lessings so scharf die Wahrheit gesagt zu haben, leise vor sich hin und beschloß, bei der -Weiterreise in Königsberg seinen verehrten Lehrer und Freund Immanuel Kant diese hübsche Reisege­schichte frisch vom Feuer weg zu erzählen, denn er wußte, welche Freude der Alleszermalmer an solchen philosophischen Anekdoten hatte.

Das Siebenjahr.

Von Dr. Hans Hajek.

Alle sieben Jahre ändert sich der Mensch, so sagt der alte Volksglaube. Auch sonst spielt ja, in Märchen, Legende und Dichtung die Zahl Sieben eine bedeutende Rolle, die aber von den Erscheinungen, wie ich sie er­örtern will, sorgfältig zu unterscheiden ist. Es gibt eine doppelte Herkunft dieser Zahl, die so gut als heilig wie als unheimlich und Unglück ver­kündend gilt. Die sieben Brüder, die sieben Zwerge des Märchens, die sieben Hauptsünden, die sieben Freuden und die sieben Schmerzen Mariae, die sieben freien Künste usw. stammen nicht aus volkstümlicher, sondern aus gelehrter Ueberlieferung, die letzten Endes auf babylonische Zeitrechnung und Zahlenverehrung zurückgeht. Unter biblisch-orientali­schem Einflüsse gelangt diese Vorliebe für die Zahl Sieben in die theo­logische Literatur und das kirchliche Leben des europäischen Mittelalters und verbreitet sich von hier aus in das Rechtsleben, den Volks­glauben und das Märchen, wobei die ursprünglich den Germanen heilige Nennzahl verdrängt wird. Es gibt z. B. eine Fassung des Schnee­wittchenmärchens mit neun Zwergen. Die Brüder Grimm wußten noch nichts von diesen Zusammenhängen und nahmen daher die Fassungen der Märchen mit der Siebenzahl als urdeutsch und besonders volks­tümlich in ihre berühmte Sammlung auf. So müssen wir also überall, wo uns die Siebenzahl in Märchen und Legende, in Brauch und Glau­ben des Volkes begegnet, erst untersuchen, ob wir es mit alter Erfahrung eines Naturgeschehens ober mit mythischer Ueberlieferung zu tun haben; auch dort, wo von sieben Jahren die Rede ist. Diese Unterscheidung ist notwendig, wenn wir uns vor Trugschlüssen und irreführenden Bei­spielen bewahren wollen.

Im Folgenden will ich mich ausschließlich mit der Erscheinung des Siebenjahres als organische Periode beschäftigen, wie sie von meinem Lehrer Hermann Swoboda wieder entdeckt und erforscht worden ist. Swoboda hat uns dabei immer wieder auf die volkstümliche Erfahrung hingewiesen. Nehmen wir als einen besonders wichtigen Zeitpunkt die Geburt eines bestimmten Menschen, so erfahren wir, daß fein siebentes, sein vierzehntes, sein einundzwanzigstes, sein achtundzwanzigstes usw. Lebensjahr besonders kritisch, entscheidend, innerlich ereignisvoll ver­läuft, während das achte, das fünfzehnte, das zwei undzwanzigste, das neunundzwanzigste usw. Lebensjahr Lebensjahr ein gewisses Abflauen, ja oft sogar eine ausgesprochene Depression zeigt. Störungen und Ver­schiebungen sind möglich. So kommt es vor, daß die Beobachtung bei manchen Menschen gerade das zweiundzwanzigste, neunundzwanzigste, sechsunddreißigste usw. bet vielen aber auch etwa das zwanzigste, sieben- undzwanzigste, vierunddreißigste usw. Jahr kritisch zeigt. Man sieht, daß der siebenjährige Abstand bleibt, nur die Entfernung von Geburtstags­datum sich um ein Jahr vorwärts ober rückwärts verschoben hat. Um nicht vorschnell und fehlerhaft zu urteilen, muß sich der Beobachter aber klar machen, daß die innere Aktivität des Krisenjahres oft erst viel später äußerlich in Erscheinung tritt. Gleich ein Beispiel, obwohl es etwas vorgreift. Ich habe auf Grund vielfacher Beobachtungen Anlaß, die Krisis des Siebenjahres auch für die Anziehung der beiden Ge­schlechter als von größter Bedeutung zu betrachten. Ohne das meine eigenen Forschungen hier schon abgeschlossen wären. Es scheint mir aber, als ob die Frau in ihrem kritischen Jahr (also gemeinhin im 21., 28., 35., 42.) eine erhöhte Anziehung auf den Mann ausübt, gewissermaßeii von einer Dufthülle umgeben ist, die in den Siebenjahren besonders kräftig wird. Selbstverständlich weih sie davon meist nichts, empfindet eher sich selbst als besonders liebeshungrig und unternehmungslustig in diesen Jahren, so weit nicht etwa diese natürliche Sehnsucht schon er­füllt ist. Auch der Mann scheint in diesen Jahren aktiver zu sein, obzwar seine Abhängigkeit vom Siebenjahre weniger klar hervortritt. Wer eigene Erinnerungen zu Rate zieht, wird sich bestätigen können, daß von sieben zu sieben Jahren ein Auf und Ad unseres körperlichen und seelischen Lebens verläuft, das in dem durch sieben teilbaren Lebensjahr feinen ungefähren Höhepunkt findet oder feine kritischen Wenden erleidet, um

von da wieder für einige Jahre zu einem Wellentale des Erlebens Schaffens und der Entwicklung abzusteigen. Störungen, die hier scheinbar alles durcheinander bringen, sind zum Teil so zu erklären, daß wir die Siebenjahreswellen der Eltern und anderer Vorfahren, soweit wir ent­scheidende Eigenschaften von ihnen übernommen haben, ja miterben (wie andere Wellen), so daß oft diese und Nicht die von unserer Geburt aus­gehenden dominieren. Auch bedeutsame Ereignisse unseres eigenen Lebens können den Anstoß zu neuen Siebenjahreswellen geben (wie eben auch zu andern organischen Wellenzügen): ich habe z. B. vielfach beobachten können, daß die Ehe zweier Menschen im vierten und im siebenten Jahre eine Krisis erlebt, die oft genug zu ernsten Konflikten führt, gerade dann, wenn wir es mit einer ausgesprochenen Liebesehe zu tun haben. Ehech die ausschließlich ober hauptsächlich auf der starken Verliebtheit der beiden Partner begründet worden sind, stelle ich für diese kritischen Jahre die schlechteste Prognose, während andere diese Schwierigkeiten natürlich meist überwinden, sonst gäbe es ja keine silbernen und gol­denen Hochzeiten! Die Krise des vierten Jahres erklärt sich übrigens aus der Hälfte der Siebenjahreswelle. Die organischen Wellen sind in einfachen Zahlenverhältnissen teilbar.

Sehr schön zu studieren ist die Wirkung des Siebenjahres in den Biographien schaffender Geister, wobei sich oft überraschende Zusammen­hänge ergeben. Schon der Psychiater Möbius hat Siebenjahreswellen im Leben Goethes nachweisen können. Ich kenne seine Arbeit nicht, möchte aber hier nur auf einiges hindeuten. Der Beginn der Faust­dichtung geht wahrscheinlich in bas 21. Jahr des Dichters zurück. Goethe hat bis zuletzt daran gearbeitet, aber doch nur in einzelnen Schasfens- perioden, zwischen denen, lange Pausen liegen. Die eigentlich produktiven Jahre am Faust sind 1773 bis 1775, also kurz vor dem 28. Jahr, 1788 bis 1790, also kurz vor dem 42. Jahr, 1797 bis 1801, das heißt, wieder einsetzend mit dem 49. Jahr und bann eine halbe Siebenjahr­periode anhaltend, schließlich 1825 bis 1832, mit Goethes letztem Sieben­jahr, dem 77. einsetzend und bis zum Tode anhaltend, der kurz vor Be­ginn des 84. Jahres, d. h. ziemlich genau eine halbe Jahreswelle vor­her, eintrat. Schiller vollendet im 21. JahreDie Räuber", schreibt kurz vor und im 28. Jahre denDon Carlos", der bekanntlich eine entscheidende Wende darstellt, im gleichen Jahre lernt er feine spätere Gattin kennen; das 35. Jahr bringt den Beginn der großen Wallenstein- iragödie und nach vielen mißglückten Versuchen der beiderseitigen Freunde die Lebensfreundschaft mit Goethe; das letzte Siebenjahr ist durchDie Jungfrau von Orleans" nicht besonders charakterisiert, da jakurz vor dem frühen Tode jedes Jahr eine bedeutendes Werk zeitigt. Von anderen klassischen Dichtungen ist K l o p st o ck sMessias" im 21. Jahre des Dichters begonnen und im 49. vollendet worden.

Besonders schön läßt sich das Wiederaufleben eines Themas mit der Siebenjahrswelle zeigen bei Gerhardt Hauptmann; zwischen demBahnwärter Thiel" und demFuhrmann Henschel" liegen 7mal ZjJahre, zwischen demApostel" und dem verwandtenNarren in Christo: Emanuel Quint" fast 21 Jahre, zwischenRose Bernd" und denRatten" 7 Jahre, ebensoviele zwischen den sozialen Dichtungen Hanneies Himmelfahrt" (1893),Der Biberpelz" (1893) und der Wie­deraufnahme der Motive inSchluck und Jau" (1900). VomGriechi­schen Frühling" (1907) geht eine dem Hauptmannkenner sehr merkwür­dige Welle zumBogen des Odysseus" (1914) und zuAnna" (1921), wo freilich nur die Form noch antik ist.

Das Siebenjahr ist aber freilich nicht nur eine Zeit gesteigerter Aktivität, eine Periode schöpferischer Konzeptionen, sondern in seiner Auflockerung des Organismus auch eine Zeit leichterer Krankheitskonzep­tionen, geringerer Widerstandskraft gegen äußere Schäden; ein Nach­lassen, das sich dann in der Depression nach dem Siebenjahr noch deut­licher bemerkbar macht. Wer die Todesnachrichten der Presse verfolgt, wird leicht feststellen können, wie viele Menschen dem Abstieg der Kräfte nach dem Sturm des Siebenjahres erliegen. Statistische Untersuchungen fehlen hier noch; periodologisch wertvolle Arbeiten auf diesem Gebiete werden, da sie auch andere Dinge mitbetrachten müssen, sehr mühsam sein, könnten aber für das Versicherungswesen einmal von Bedeutung werden.

Swoboda hat auch zeigen können, daß Ehen, die nur ein Kind, ober ein spätes Kind ober nach vielen Jahren einen Nachzügler auf« weisen, biefes Kinb aus dem Siebenjahre eines Elternteiles erzeugt haben, oft auch was sehr merkwürdig ist im 7., 14., 21. Jahre ber Ehe. Auch in Familien, ba fast alle Kinber klein starben, einige aber am Leben blieben unb alt würben, kannte Swoboda zeigen, daß diese Lebenskräftigeren aus dem Siebenjahre eines Elternteiles stammen. Besonders deutlich ist das Beispiel Mozarts unb feiner Constanze, wobei allerbings, ba bie beiden um 7 Jahre im Alter verschieden sind, die beiden altgewordenen Söhne aus dem gemeinsamen Siebenjahre beider Eltern stammen. Ich selbst konnte bei einer familiengefchichtlichen Arbeit einen interessanten Fall feststellen, wo die lange Kinderreihe eines Mannes, die sich als äußerst lebensfähig bewies (die meisten bie|er Kinder (eben heute noch als Siebzigjährige unb der Vater ist gieia) seiner. zweiten Frau in den Neunzigern gestorben!) eine scharsabge­grenzte Periode aufwies, aus der sämtliche Kinder im Säuglingsalter .starben was vorher und nachher nicht bei einem einzigen Kinde geschah! Diese Periode aber war von zwei Siebenjahren des Vaters, also einer siebenjährigen Periode seiner körperlichen Minderwertigkeit begrenzt! , ..

Swoboda hat schließlich auch den Einfluß ber Siebenjahre aus tue Erfolge gewisser Eigenschaften, Anlagen unb Fähigkeiten innerhalb der Ahnenreihe nachweisen können; wobei allerdings auch anders Wellen, besonders die Jahreswelle, ähnliche bestimmende Zusammenhänge pW fen. Die Fortführung dieser Untersuchungen durch Aerzte und ^er- erbungsforscher könnte große Bedeutung gewinnen, wenn diese W fassungen sich bestätigten: dann ließe sich die Vererbung unerwunMer Anlagen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ausschließen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Llniversitä ts-Buch-undSteindruckerei. A. Lange, Gießen.