Sefei; mit jüdischer Aufklärung versöhnen. Wenn die deutsche Bildung des 18. Jahrhunderts nicht dem zersetzenden Cinsluß des französischen Geistes erlag, wenn sie nicht wie die französische dem Niedergang verfiel, sondern zu glänzendem Gipfel emporstieg, so verdankt sie dies zu nicht geringem Teil diesem weitgreifenden Wirken Mendelssohns, der gerade als Jude durch die Verkündigung einer beseligenden Vernunftreligion das größte Aufsehen erregte. Und so als den gelassenen Weltweisen,, den seine Klugheit und Güte über den Streit der Religionen erhebt, hat ihn Lessing int „Nathan" dargestellt, hat diesem Idealbild edelsten Menschentums den Ton abgeklärter Reise, lächelnder Duldung und witziger Dialektik verliehen, der aus Mendelssohns Briesen zu ihm drang.
Wie Saladin Nathan zuruft: „Ihr seid ein Christ!", so wollte Lava ter in plumpen Bekehrungseifer den jüdischen Weisen zum Christen stempeln, und rief dadurch Mendelssohns leidenschaftliches und stolzes Bekenntnis zum Judentum hervor, das für seine Stellung innerhalb seiner Rasse so entscheidend wurde. Denn seine Größe beruht ja darauf, daß er nicht nur der deutsche Aufklärer, der duldsame Gottesverehrer und universell gebildete Popularphilosoph war, sondern auch der „Stockjude", wie seine Gegner ihn nannten, daß neben dem Moses Mendelssohn, der nach christlichem Brauch einen Familiennamen annahm, der „Moses Dessau" steht, der dem Gott seiner Väter und dem Gesetz treu blieb, die alte Rabbinergelehrsamkeit pflegte und die Sache seines Volkes leidenschaftlich verfocht. G r a e tz preist in seiner Geschichte der Juden Mendelssohn geradezu als den Erlöser des jüdischen Volkes. „Diese Verjüngung oder Wiedergeburt des jüdischen Stammes, die man mit Fug und Recht als von Mendelssohn ausgegangen ansehen kann," schreibt er, „hat das Charakteristische, daß der Urheber dieses großen Werkes es nicht beabsichtigte, kaum eine Ahnung davon hatte, ja an der Verjüngungsfähigkeit seiner Stammesgenossen fast verzweifelte. Er hat die ganz unbeabsichtigte Veredlung auch nicht vermöge seines Berufes oder Amtes bewirkt. Er weckte unwillkürlich die schlummernde Begabung des jüdischen Stammes, die nur eines Anstoßes bedurfte, um aus dem gebundenen Zustand herauszutreten und sich zu entfalten." Doch nicht nur sein Vorbild, nicht nur die Erscheinung des „hebräischen Jünglings", den die Welt anstaunte und dem die Besten der. Zeit huldigten, regten zur Nacheiferung an, sondern ebenso seine Schriften, die gleichsam den jüdischen Geist im deutschen Boden einpflanzten und heimisch machten, besonders seine Uebertragung der fünf Bücher Mosis und der Psalmen ins Deutsche, durch die er seine Volksgenossen deutsch sprechen, deutsch denken, deutsch fühlen lehrte. Der Talmudschüler, der erst als Jüngling deutsch gelernt hatte, war ja bald einer der besten und reinsten deutschen Prosaschriftsteller geworden. Sein Stil, dessen durchsichtige Klarheit und zarte 'Anmut noch heute entzückt, wurde das Muster, an dem die nächste Generation deutschen Juden sich die neue Muttersprache aneignete, die sie zu deutschen Bürgern machte. Auch sonst spielt Mendelssohn in der Emanzipation der deutschen Juden eine wichtige Rolle, indem er die überaus einflußreiche Schrift des preußischen Kriegsrat Chr. W. Dohm, „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden", anregte und die Uebersetzung der Verteidigungsschrift .Rettung der Juden" des Manasse Ben-Israel veranlaßte.
So war Mendelssohn für die politische und soziale Befreiung seines Stammes tätig; aber noch bedeutsamer war sein geistiges Wirken, durch das er die jüdische Bildung rasch auf die Kulturhöhe der Deutschen hob. Seiner Persönlichkeit und seinem Werk war es hauptsächlich zu danken, wenn bereits in der Romantik die jüdischen Salons der Rahael Levin, Henriette Herz, Dorothea Leit die Mittelpunkte des geistigen Lebens wurden, wenn seitdem die Juden im deutschen Schrifttum und in deutscher Wissenschaft eine ehrenvolle Stelle behauptet haben.
Die gefährliche Postkutsche.
Eine Mendelssohn-Anekdole.
Von Frank L y s k i r ch c n.
Als der Magister Heinrich Musäus, ein Resse des Märchendichters in Wittenberg vor der Berliner Postkutsche stand und zweifelte, ob er den Weg zur preußischen Hauptstadt zu Fuß nehmen oder doch lieber einsteigen solle, nahm ihn der Schwager, um ihm Lust zu machen, beiseite und sagte flüsternd: „Viel Platz, Euer Gnaden, viel Platz, nur ein Negotiant aus Berlin fährt noch mit, ein Seidenhändler, Sie können sich längelang ausstrecken."
So war er eingestiegen und nun wanderte hinter den niedrigen verstaubten Fensterchen Dörfer, Heidestrecken und Wälder eintönig vorbei, die Räder schleiften ohne Ueberanstrengung im feuchten Sande, die Pferde trotteten bedächtig, wie es amtlichen Pferden zukam, und gemütlich strebte man der guten Stadt Treuenbritzen zu, wo im ehrwürdigen „Posthorn" übernachtet werden sollte.
Der Magister, dem noch die letzten Hallenser Abschiedstage in der lustigen Taverne des Professors Bahrdt auf dem Weinberg in den Knochen lagen und der sich ein wenig langweilte, beschäftigte sich eine gute Weile damit, sein Gegenüber zu betrachten. Der Negotiant saß in einem schweren, edlen Pelz da, aus dem sein scharfgeschnittener Kopf mit der gespannten Stirn hervorlugte; die gebogene fleischige Nase ließ über seine Abstammung keinen Zweifel, und der Betrachter empfing von dem Seidenhändler zunächst einen etwas peinlichen Eindruck, der aber immer wieder gemildert wurde, wenn ihn ein Blick dieser großen dunklen Augen mit den schweren Augenlidern ftreiftc, die zwar lebens» finge Schärfe verrieten, zugleich aber auch eine seltsam beruhigende Menschenliebe und Klugheit.
>)r naßkalte Herbstabend wehte durch die Ritzen und machte den Aufenthalt in dem Postkasten, der schon vor zehn Jahren außer Dienst hatte gestellt werden müssen, nicht angenehm. Der Magister, den sein Flauschrock die Witterung heftiger empfinden lieh, sröstelte und schlug 016 Hände aneinander.
So sprach man vom Weiter und kam ins Gespräch; der junge Gelehrte, dem es unpassend erschien, mit dem Handelsherrn von den Wissenschaften zu reden, erkundigte sich nach den Geschäften, man streifte die Zollpolitik des großen Friedrich mit vorsichtigen Worten, und schließlich erzählte Musäus, wie derblustig sein Abschied von Halle gewesen sei und wie es in der Wirtschaft des Professors Bahrdt bei Trank, Schmaus und Tanz hoch hergegangen sei.
„Aber Sie, mein Herr, werden an diesen studentischen Festen und am Gelehrtenwesen überhaupt kein Interesse nehmen, deshalb verzeihen Sie mir diesen Abweg!"
„An den Festen vielleicht weniger," entgegnete der Händler lebhaft, „am Gelehrtenwesen desto mehr! Sie meinen, ein Berliner Kaufmann befasse sich nur mit Heringen, Zuckersäcken und Leinenstücken? Ihr Professor Bahrdt ist mir wohl bekannt, der Freigeist, der hochbegabte, unruhige Pädagoge, der das Heidenheimex „Philanthropin" gegründet hat und nachher, obwohl ehemals Theologieprofessor, an keiner Universität an kommen konnte, weil er allzu untheologisch in Lehre und Leben war, ein Zeisig, der dem schwedischen Leichtfuß und Lautenkönig Michael Bellmann in allem ähnlich ist, nur nicht im Genie und in der Musik. Der jetzt in Halle unter der freiheitlichen Hand der preußischen Majestät als Professor wieder ankam, gegen das schriftliche Versprechen, keinen Satz Theologie zu lehren, sondern nur Philisophie!"
Der Magister hatte diese mit Behagen und einer gewissen schulmeisterlichen Sorgfalt vorgetragene Rede mit steigender Befriedigung angehört, bann anroortete er: „Wie konnte ich ahnen, daß jemand, der offenbar der Negation obliegt, solche Kenntnis der Gclehrtensachen habe! Aber Glück zu, während draußen die Kiefernwipfel und Heideländer vorbeischleichen, können wir eine Gelehrtenrepublik eröffnen!"
„Wir wollen hoffen, daß mehr dabei herauskommt, als bei der gleichen Gründung des großen Klopstock!" lächelte der Negotiant.
Der Magister Musäus rückte näher Heron und sagte: „Vortrefflich, welchen Stoff wählen wir? Wie wäre es mit der Berliner philosophischen Schule? Da habe ich sowieso etwas auf dem Herzen!" Wenn das Licht Heller gewesen wäre, hätte der junge Gelehrte bemerken können, wie ein merkwürdiges Zucken und Leuchten Über die Züge des Negotianten lief, als das Wort Berliner Philofophie fiel. Dann verbeugte er sich verbindlich und sagte, während der Postwagen aus dem Walde hervor- humpelte und die noch fernen Lichter von Treuenbritzen im Vorder- fensterchen sichtbar wurden: „Recht gern, mein Herr, denn ich nehme doch an, daß Ihnen die Berliner Philosophie nur angenehm am Herzen liegt!"
„Ja und nein, mein Herr, der praktischen Philosophie des großen Philosophen von „Sanssouci" bin ich durchaus zugetan und ich möchte wohl annehmen, daß für diese Zeit und ihre Erfordernisse niemand besser die weltumfassenden Gedanken im Innersten erfaßt hat, die in den Werken meines Heiligen, des großen Platon, ausgezeichnet sind..."
Der Seidenhändler reckte sich sofort in die Höhe, so daß fein Kops, wie er aus dem bufchigen Pelz hervorspähte, an einen Sperber erinnerte und nur die zunehmende herbstliche Finsternis verhinderte, daß der Magister die Veränderung in den Zügen seines Begleiters wahrnahm.
„Ach," sagte der Seidenhändler vorsichtig, „das ist mir noch niemals klar geworden, daß gerade der große Freund Poliaires platonische Philosophie treibe!"
„Es ist so," ereiferte sich der Magister, „aber darüber können wir uns heute abend im „Posthorn" unterhalten, wenn es Ihnen Freude macht, und morgen den ganzen Tag, je mehr wir uns Potsdam und dem großen König nähern! Jetzt möchte ich nur meinem Aerger Luft machen über ein Büchlein, das sich gleichsam^ auch mit Platon beschäftigt. Ich brauche Ihnen, der Eie in Ihren liebenswürdigen Unterhaltungen soviel Kenntnisse des klassischen Altertums verraten, nicht zu sagen, daß Platon ein Gespräch geschrieben hat, betitelt „Phädon". Nicht wahr, Sie kennen es? Es stellt die letzten Stunden des Sokrates dar und enthüllt tiefste Weisheit des Griechentums. Da kaufte ich mir neulich beim Buchhändler ein Merkchen „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele". Seltsam denke ich, eine Uebersetzung des Platon und trotzdem steht ein anderer Verfasser aus dem Titelblatt. Und was glauben Sie nun? Ich schlage auf, es ist der richtige Anfang des Platonischen Phädon. Und weiter seitenlang, ja bogenweise. Dann aber kommt der Verfasser plötzlich mit Eigenem, er wagt es, seine eigene kärgliche Nützlichkeitsphilosophie von heute unmerkbar einzuschieben in das gewaltige Drama vom Tode des Sokrates und von der Hoffnung, die dieser Meister auf ein Jenseits hatte. Und wie rechtfertigt der Verfasser dies Unterfangen? Er jagt nach meiner Erinnerung in der Vorrede etwa: „Ich habe mir die Einkleidung, Anordnung und Beredsamkeit Platons zunutze gemacht und nur die metaphysischen Beweise nach dem Geschmacke unserer Zeiten einzurichten gesucht. Oft sah ich mich genötigt, meinen Führer zu verlassen. Seine Beweise waren so seicht und grillenhaft, daß sie kaum eine ernsthaftere Widerlegung verdienen, so wollte ich im dritten Gespräche vor allem darstellen, was ein Mann wie Sokrates in unseren Tagen, nach den Bemühungen so vieler großer Köpfe, für Gründe finden würde, feine Seele für unsterblich zu halten." So ungefähr sagt er — und fo ist es auch!"
Der Seidenhändler hatte sich unmerklich in die Dunkelheit feiner Wagenecke zurückgezogen und den Kopf wie eine Schildkröte in den Mantel gesteckt, fo daß man, als der Magister nun einen Augenblick schwieg, nur den unförmigen Pelz als düstere Masse sah. Der junge Musäus in seinem Eifer überhörte das Schweigen feines Gegenüber und fuhr fort: „Ist das nicht hahnebüchen? Jemand nimmt zum Beispiel „Romeo und Julia" ober „Hamlet" von bem gewaltigen Briten, schreibt irgendwo an einer Stelle dreihundert eigene populäre, bescheidene Berse hinein an Stelle der Verse Shakespeares und nennt sich dann auf dem Titelblatt als Verfaffer des Stückes. Oder jetzt der „Wer- ther" des Frankfurter Advokaten. Würden Sie, mein Herr, sich getrauen, einige der Briefe in diesem „Werther" anders zu schreiben und dann das Ganze als Ihre Erfindung auszugeben?"


