den Kollegen zu.
(Fortsetzung folgt.)
Brrantwvrtltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche LlniversitätS^Auch- und Steindruckerei,R. Lange, Gießen.
Gehen wir ihm nicht weiter noch, sondern bescheiden wir uns mit dem Lehrsatz: wer das Glück hat, führt die Braut heim. Ich stehe auch nicht an zu behaupten, daß das Buch der Bücher unserm verehrten Bräutigam zu Hilfe kommt: denn es heißt: Des Batcrs Segen baut den Kindern Häuser. Bei diesem biblischen Zitat drücke ich meine Genugtuung aus, Herrn Schollas senior und seine Gattin aus Frankenhain in unserer Mitte zu sehen. Frankenhain ist Ihnen vermutlich nur durch seine gute Wurst bekannt. Ich erkläre Ihnen, Frankenhain steht, was Kommunal- Verwaltung anbelangt, turmhoch über unserer Vaterstadt. Frankenhain hat eine treffliche JVasferleitung, für die wir hier seit fünfzehn Jahren vergeblich kämpfen. Verehrte Anwesende, abermals ein Problem. Lassen wir uns die süße Gegenwart nicht dadurch verbittern. Halten wir uns an das rein Menschliche, und geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß im Haufe Schollas-Stadler stets das Band der Harmonie Eltern, Sohn und Schwiegertöchterchen umschlingt! Quod Deus bene vertat — wie der Lateiner sagt. In diesem feierlichen Moment bitte ich Sie, das Glas zu ergreifen und mit mir auszurufen: Herr Schollas senior und seine Gemahlin — sie leben hoch!" —
„Großartig! Herrlich! Ausgezeichnet!" hieß es von allen Seiten.
Palmer, der Vikar, der bereits seinen Schwipps weg hatte, schwankte mit gefülltem Glase auf den Redner zu.
„Pröstchen, Herr Wollenweber, Pröstchen! Hören Sie mal, diese glänzende Latinitüt, ich bin starr'"
„Autodidakt!" sagte der Zahntechniker geschmeichelt. ■ „Sapperment! Und die Gabe der Rede haben Sie auch." „Cs geht, Herr Vikar."
Palmer begann zu schlucksen.
„Haben Sie je eine Predigt von mir gehört?"
„Leider nein, Herr Vikar."
„Schade! Sie müssen wissen, hab' mein Handwerk verstanden. Aber der Neid — frißt Vieh und Leut. Aus purem Neid haben sie mich geschaßt. Na, es geht auch so. Sie müssen wissen, bei mir gibt's kein Otium. Ich arbeite weiter. Kampf gegen den Dogmatismus heißt mein Feldgeschrei. Hab' Stöße von Manuskripten liegen. Weiß der Kuckuck, es druckt sie keiner. Dummer Pöbel! Sie müssen wissen, nach meinem Tod werden sie sich um die Ehre schlagen, meine Schriften herauszugeben. Na Pröstchen!"
„Auf Ihr Wohl, Herr Vikar!"
„Hören Sie mal, Herr Wollenweber."
„Herr Vikar?"
„Nach deut Pudding komm' ich zu Ihnen herüber. Wir beide repräsentieren hier doch eigentlich — na. Sie verstehen mich." —
An der Tagesneige wurde Herr Schafsmayer, der Klaviervirtuose, herbeigeholt. Ein Pianino stand bereit. Keine Hochzeit ohne ein Tänzchen. Rasch war die Tafel beiseite geschoben, und die Paare ordneten sich. Das Brautpaar eröffnete die Polonäse. Einen Rundtanz riskierte Herr Schollas nicht, weil er, wie er behauptete, an Schwindel litt. Statt seiner traten die Verehrer, einer nach dem anderen, vor und engagierten die Hochzeiterin. Diese zeigte keine Spur von Ermüdung und flog mit strahlendem Gesicht herum. Herr Schafsmayer, der Klaviervirtuose, der andantino begonnen hatte, fuhr jetzt prestissimo über die Tasten. Die reine wilde Jagd hob an. In grauen Wolken wirbelte der Staub empor.
Eine bacchantische Lust ergriff die Verehrer: sie preßten die Stadlern stürmisch an sich, und zärtliche Blicke glühten ihr zu. Schließlich hatte man völlig vergessen, daß man auf ihrer Hochzeit war.
Die korpulente Tante aus dem Brandenburgischen zog fick) auf ein Kanapee zurück, wo sie sanft entschlummerte. Im Nebenzimmer versuchte der Zahntechniker den Vikar in ein gelehrtes Gespräch zu ziehen. Der war aber nicht inehr imstande, darauf einzugehen. Gänzlich bezecht trat er in den Türrahmen und schrie:
„Zum Zippel, zum Zappel zum Kellerloch 'nein, Heul' muß alles besoffen sein."
Von den Tanzenden hart an die Wand gedrängt, saß Herr Schollas mit seinen Eltern da und sah dem wüsten Treiben zu. Aus feinen Augen blickten Aerger und Wut. Er hätte am liebsten die wilde Horde zum Teufel gejagt, indessen gebot die Klugheit, sich still zu verhalten. — An den „Freudentag", gestand er sich, würde er [ein Leben lang denken. Zuerst die Blamage in der Kirche. Er hatte vor dem Altar die Frage erwogen, ob man dem Pfaffen eine Jnjurienklage anhängen könne. Proste- Mahlzeit! Der hatte das Recht auf seiner Seite und sprach überdies die lautere Wahrheit. Und nun die Angst, der Pfarrer, der mit allen Hunden gehetzt war, werde ihm selbst wüs am Zeug flicken. Es hätte dem Skandal die Krone aufgesetzt, wenn die Sache mit der Lene öffentlich verklapperl worden wäre. In Gegenwart seiner Eltern, die von alledem keine Ahnung hatten! Glücklicherweise war nichts dergleichen geschehen: der Pfarrer hatte sich auf die ihm vorgeschriebene Ermahnung des Ehegatten beschränkt.
Die Hochzeit hatte sich zuerst gemütlich angelassen. Den Zank der Tante und der Buckelmüllern nahm man mit in den Kauf. Die Stadlern hatte sich untadelhäft benommen. Erst seitdem der Flappch nm Pianino saß, war der Teufel in sie gefahren. Schnippel! hatte die Buckelmüllem sie tituliert. Just so führte sie sich auf. Ruhig Blut! Morgen war auc!) noch ein Tag. Die Verehrer würde er sich vom Halse schaffen. Ducken mußte sich seine Frau. Er wollte ihr schon zeigen, wer jetzt der Herr nn Hause war.
In später Abendstunde erschien als letzter Hochzeitsgast Herr Muggen- thaler, der neben Schollas als Schreiber bei dem Notar beschäftigt war. Das war ein spindeldürres, kleines Männchen mit einer gewaltigen, schwarzen Mähne. Unter buschigen Augenbrauen guckten zwei grün Aeuglein hervor. Das linke war stets halb zugekniffen, so daß das W’ liche Gesicht dadurch einen lauernden Ausdruck bekam. Schollas ging «‘1
sag' die Frau. Das klingt ein bißchen jämmerlich für uns Mannsleut, aber 's ist so. Und hier heißt's auch: Wann der Unterbau gut ist, rollt der Zug von selbst. Nämlich der Zug durchs Leben. Die Frau gibt das Tempo an, der Mann hat aufzupassen, daß er nicht unter die Räder kommt. Ja, und jetzt, ihr lieben Festgenossen, schaut euch die Frau Notarschreiberin einmal an — der Unterbau ist gut. Das ist die Hauptfach'. Ich will, dem Herrn Schollas beileib' nicht zu nah' treten. Das ist ein grundgescheiter Mann. Der legt die Gesetzbücher aus wie ein Notar. Unter Umständen noch besser. Der Titel macht's nicht. Aber ein guter Unterbau ist doch was wert. Obendrein kommt der Herr Schollas in ein gemachtes Bett. Nun denk' ich, das Signal ist gegeben, 's kann losgehen. Wir wünschen alle glückliche Fahrt. Ihr lieben Festgenofsen, hebt das Glas. Unser treues Pärchen lebe hoch!"
„Hach, Hoch!" brauste es durch das Zimmer.
Der Schuster Reining beglückwünschte den Redner:
„Du hast wunderbar'gesprochen, Zapf."
Herr Wollenweber, der Gemeinderatskandidat, raunte seinem Nach- bar zu:
„Blödsinn war's, heller Blödsinn!
Während der Braten aufgetragen wurde, ergriff der alte Schollas die Gelegenheit beim Schopf und fragte seine Schwiegertochter, warum sie den Bierverlaq ihres verstorbenen Mannes aufgegeben habe. Da sei doch ein schönes Stück Geld zu verdienen. Das Geschäft erfordere weder viel Betriebskapital noch großes Personal. Er habe eine gute Idee. An der Gewürzhandlung in Frankenhain sei ihm nichts gelegen. Er sei bereit, in die Stadt zu ziehen und den Bierverlag in die Hand zu nehmen. Er getraue sich >vohl, das Rad in Schwung zu bringen. Den Gewinn teile man. Werde man einig, so müsse er freilich im Geschäftshaus wohnen. Doch fei er keineswegs anspruchsvoll und nehme mit der Mansarde vorlieb. m
Die Hochzeiterin lachte in sich hinein. Das fehlte noch; die Bagage aus Frankenhain im Haus. Es schien, der Alte hatte einen förmlichen Schlachtplan entworfen, sich hier sestzusetzen. Da kam er bei ihr an die Rechte.
„Schwiegervater," sprach sie, Honig im Mund und Galle im Herzen, „ich denk' gar nicht daran, das Geschäft wieder aufzunehmen. Bin froh, daß ich's lös geworden bin. Verdienen ist nicht alles. Ich sorg' jetzt für mein' Mann. Was du da vorhast, ist all' recht gut und schön, ober alte Bäum' verpflanzt man nicht. Ihr habt die gesunde Luft in Frankenhain, da könnt ihr hundert Iah? alt werden. Und sollt's auch. Bei uns ist's rauh. Dessentwegen mein' ich, ihr bleibt, wo ihr seid."
Der Alte babbelte weiter, allein das Schwiegertöchterchen ließ ihn nicht im Zweifel, daß er nichts von ihr zu erwarten habe. Da senkte er betrübt den Kopf und- goß ein Glas nach dem anderen hinter die Binde.
Am entgegengesetzten Ende der Tafel kam es zwischen der korpulenten Tante aus dem Brandenburgischen unb der Buckelmüllern zu einem Disput. Das Kostüm der Kaufmannsfrau hatte die Tante in Harnisch gebracht. Sie behauptete, wer wie die Buckelmüllerin in auskömmlichen Verhältnissen lebe und in vertragenem Wollkleid auf einer Hochzeit erscheine, bekunde damit eine Geringschätzung des jungen Paares. Die Nachbarin möge es ihr übel nehmen oder nicht, als alte Frau gestehe sie sich das Recht der freien Meinungsäußerung zu.
Die Buckelmüllerin, die gern eins trank und schon ihr Quantum binnen hatte, fuhr wie von der Tarantel gestochen auf.
„Wie ist mir dann? Ich als eingesessene Bürgersfrau soll von einer Ausländerin Anstand fernen? Zum Donnerwetter! Woher sind Sie eigentlich, Madame? Gelle, aus dem Brandenburgischen? Da kommt der Sand her, der der Welt in die Augen gestreut wird. Wann Sie sich nur nicht irren. Bei uns läßt sich keins ein X für ein U vormachen. Für die Hochzeit von Ihrer Nichte, der Schnippel, ist mein Wollkleid noch viel zu gut." ..
Wie Trompetenstöße klangen ihre Worte über den Tisch. (Einen Augenblick saß alles sprachlos da. Nun stand der Buckelmüller auf und sagte:
„Entschuldigen Sie, meine Herrschaften! Meine liebe orau hat in der Festfreude ein Gläschen über den Durst getrunken."
„Lügner!" schmetterte die Unholdin. Der Mann ließ sich nicht aus der Fassung bringen und begab sich zu der Wütenden.
„Beruhige dich, mein Täubchen!" Bei diesen Worten packte er ihren Arm mit eisernem Griff und führte sie unter allgemeinem Bravo hinaus.
Herr Wollenweber, als Mann von Takt und Bildung, bedachte, wie man über den bösen Zwischenfall am fchnellsten wegkommen könne. Kurz entschlossen erhob er sich, klopfte an sein Glas und sprach:
„Verehrte Anwesende!
Erschrecken Sie nicht, wenn ick) ex abrupto — wie der Lateiner sagt — die Frage aufwerfe: Was ist Glück? Offenbar das, was sich jeder darunter vorstellt. Damit ist dem Problem ein Spielraum gegeben, den wir heute nicht 'durchmessen können. Im Vertrauen gesprochen: ich bin wie die meisten Mediziner kein Freund der Philosophie. Indessen feinen Gedanken über das Glück geht mehr ober weniger jeder nach. Unser Schiller singt:
Die Welt wird nie das Glück erlauben, Als Beute wird es nur gehascht, Entwenden mußt du's ober rauben, Eh' dich die Mißgunst überrascht.
Das Dichterwort bahnt mir den Weg zu Herrn Schollas, dem glücklichen Bräutigam. Mit der Schlauigkeit des gewiegten Juristen hat er einen Diebstahl begangen, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen. Verehrte Anwesende, erschrecken Sie nicht: um einen Herzens- diebstahl handelt es sich. Ja, beim Zeus! wie hat er es fertig gebracht, ein Herz, das sozusagen der ganzen Menschheit schlägt, für feine liebwerte Person allein zu erobern? Verehrte Anwesende, wiederum ein Problem.


